Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 8.... Nach 100 Jahren Nur noch kurze Zeit trennt uns von den Tauen in denen die gesamte deutsche Judenheit das hundertjährige JubiHium der Emanzipation beuchen wird Wenn in diesen Festesten die gerechte Genugtuung ,her uns Erreichte mancherorts zum Uebersehwang verleiten sollte, so wird das auch von uns nicht Übel vermerkt werden, die wir uns gewöhnt haben, gerade diese Dinge recht nüchtern zu betrachten. Hs scheint jedoch, als ob man sich auf der unjüdisch-radikalcn Seite ucradc jetzt bemüht, uns immer wieder auf den ehrwürdigen Schutt der Qhettomauern hinzuweisen, der uns umgibt. Obwohl man sich dort programmatisch der konsequentesten StrauitenpoUtik י er.sch rieben hat, so verrat doch bisweilen eine Satz- *Wildling oder ein mühsam hcrbeigeholtes Argument weil mehr über die wahre seelische Verfassung dieser Juden als einige Dutzend von Flugblättern und Versammhingsrcdcn. Herr Geheimrat Dr. Ludwig Geiger, den wir ,lach der kürzlich erfolgten Absehüttclung der Partei der religiös liberalen Juden nicht mehr zuzühlcn dürfen, kolportiert in seinem Organ mit froher Genugluung eine Aeußerung des Regierungsbaumcisters Stephan über die iandwirtschaftichen Ucsiedclungsmö1:!i,i1kciten Mesopotamiens. Dali er diesen Landstrxh mit Palästina verwechselt, ist vom jüdischdeutsch-nationalen Standpunkt verdienstlich, betrifft aber immerhin doch mehr die intellektuelle als die gemütliche Seite seines Wesens. Darüber scheinen die wenigen Zeilen, die der Notiz vorangesetzt sind, einige Auskunft zu geben. Hs hcilk da: ״Dei: Freunden der Bestrebungen, die Juden '11 Palästina anzusicdcln und sie dort zu Ackerbauern zu erzielten, denen wir schon aus dem Grunde keine Begeisterung entgegenbringen, weil durch solche A n s i c d I u n g der Gedanke gestärkt w i r d, als betrachteten wir wirklich Palästina als unser V a t c! r -!and, nach welchem uns die Rückkehr erwünscht schc'nt.“ Das ist doch ein bißchen sehr ängstlich. Weil manch ein Einsichtiger meinen könnte, Palästina gehe uns luden doch ein wenig mehr an, als irgend ein and;fcs Land des Erdballs und weil irgend ein Esel arischer Abkunft daraus schließen könnte, das Verhältnis zu unserem jetzigen Vatcrlandc könnte unter einer derartigen Sympathie leiden, soll Palästina als L.md jüdischer Siedlung auch bei rein pliilanthropisehen Aktionen ein für alle Mal ausgcsclialtet werden. All das, was Juden an der deutschen Kultur gewirkt haben, alle Opfer, die sic für Deutschlands Einheit und Deutschlands Fortschritt gebracht haben, sollen da mit einmal gleich nichts gelten, weil — einige Juden sich erlauben, an der Schädling einer neuen Heimat für ihre Stammesbrüder mitzuwirken, :n einem Lande, das nicht Mesopotamien ist, und das nach einmütigem Urteil aller Sachverständigen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht das für eine Judcnsicdlung geeignetste ist. Allerhand Achtung! Welche Beschwerden eine jüdische Forderung von der Entschiedenheit des Baseler Programms bei Herrn Prof. Geiger verursachen muß, wagen wir uns kaum auszumalcn. Uns interessiert an dieser Notiz nur das Symptomatische. So wie Herr Prof. Geiger denken in Und die beiden Freunde unterbrachen ihre U11terhaltung, wandten die Blicke dem Garten zu und erfrischten sich an der Fülle seiner Pracht — dem strotzenden Leben, das nach dem tiefen und langen Winterschlafe mit dem Frühling über die Welt gekommen war. Kaum hatte das Gras zu sprossen begonnen, kaum waren die ersten Knospen erschienen und kaum bedeckte der Blätter Grün die Bäume —־ doch das Lied des erwachenden Lebens erfüllte bereits die Welt 1 Dies Lied sangen heute die Vögel in den Slräuchcm. die Frösche in den Sümpfen und Tümpeln, die Fliegen und die Bienen, die in ihren Stöcken zu schwirren begannen. Die Sonne glänzte heute in voller Majestät, ihr Antlitz leuchtete über die Erde und sie küßte die Erde mit dem innigen Freundschaftskusse, wie der Jüngling seine Braut, und weckte sie zu neuem Leben; und dann ließ sic die alten Blumen emporschießen und umkleidete das Land mit neuen Fcstgewändcm an seinem Hochzeitstage. Und um die Abendstunde hüllte sic sich in einen dunklen, von dem Silberlicht des Mondes durchwirkten Schleier und verfiel freudiger Erwartung für den kommenden Tag voll, in süßen Schlummer. Der Frühling Ist gekommen, der Frühling Ist dal ........ JUE D 1 SCH E RUNDSCHAU Deutschland heule noch tausende von Juden. Und jeder von ihnen glaubt auf Jenen Teil seiner Volksgenossen herabschcn zu dürfen, deren Familie nicht auf die Ocscliichtc einer hundertjährigen Emanzipation zurilckschcn kann. Wir aber glauben, daß diese Angst weder deutscher noch jüdischer Eigenart entspricht. Wir sehen in ihr vielmehr eine Mahnung, dall wir Juden keinen Grund habe», uns selbstgefällig zu freuen, wie wir es doch so herrlich weit ge• bracht, sondern daß noch viel Arbeit zu leisten ist, bevor die letzten Reste des Ohettos in uns beseitigt sind und bevor jüdische Existenzen wie Herr Geheimrat Qciger unmöglich geworden sind. Die Emanzipation, deren Bedeutung von uns niemuls unterschätzt worden ist, und die wir zu den notwendigsten Voraussetzungen des Zionismus, wie wir ihn verfechten, zählen, muß ihre notwendige Ergänzung finden in der jüdischen A u 10 e in a n z i־ pation, wie sic Pinskcr's noch heute aktuelle Schrift gefordert hat, um uns wirklich freiem Menschentum zuzufilhrcn. Das (st ein Ziel, an dem gemessen jüdischer Nationalismus und Zionismus nur als Mittel zum Zweck erscheinen. Die Lage der Schänker in Galizien Vom Rcichsratsabgcordncten Adolf Stand. 111 den Anfangszeilen des Memorandums, welches die Deputation der Schenker aus Qalizicn heute dem llandclsminlstcr überreicht hat, wird deren schwierige Lage treffend geschildert. Not und Elend, ein vollkommener wirtschaftlicher Ruin, der tausenden Famallen durch den Ablauf des Propinationsgesetzes erwächst, hat diese Armen nach Wien getrieben. Hier wollen sic gewissermaßen als ultimo ratio ver¬ Sarchi erhebt sich von seinem Platze und will sich verabschieden. ״Ich lade dich für morgen zum Abendbrot ein,“ sagte Karpas zu seinem Freunde, indem er sich ebenfalls erhob und ihm die Hand reichte. ״Zum Abendbrot, sagst du und nicht zum Seder?!“ ״Gewiß, mein Lieber. Und darüber kränke ich mich sehr,“ entgegnete Karpas, nachdem er eine Weile in stummer Verwirrung dage* standen hatte. ״Von ganzem Herzen wünsche ich einen Seder zu veranstalten mit allen Gebräuchen, für mich und meine Kinder, denn nichts verschönert das Familienleben und be* festigt das Judentum so sehr im Herzen der Kinder wie Feste und Feiertage. Aber was kann ich tun, wenn das Haus des Menschen sein Weib ist, und meine Frau, du kennst sie ja, gehört nicht zu den Weibern, die Tchinoth lesen, und hält es mit der Religion nicht sehr genau.“ ״Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, mein Lieber.“ entgegnete Sarchi, “noch heute gehe ich zu deiner Frau und werde ihr ein Privatissimum über das Judentum erteilen. Sei versichert, daß ich sde dem Judentum zu* Seite 87. suchen, dem Handcbir.imsur und den anderen für diese Fragen 111u£gcbcndct1 Faktoren ihre Situation zu schildern und Hilfe zu erbitten. Die prekäre Lage der galizisclicn Schenker ist eine sozialwirtschafiliche Tatsache, die auf Tradition und historischer Eiiwtickluug beruht. Leuten, die seit Jahrzehnten ein Gewerbe betreiben, die in Jiesem Qewerbe alt geworden find, werden eines Tages die Geschäfte gesperrt: wovon sollen sic nun leben? Bei der ohnehin so großen wirtschaftlichen Notlage in Galizien eine andere Tätigkeit suchen? Das ist unmöglich! Darum ist cs unser Bestreben, daß hier Abhilfe geschaffen wird, und wir appelicren an die öffentliche Meinung, uns in dieser schweren und ernsten Aufgabe zu unterstützen, die gewiß keine politische Frage ist, sondern in erster Linie eine hunumitüic und ethische und schließlich auch eine Angelegenheit, die mit der wirtschaltlichcn Erhaltung des Landes in innigem Zusammenhänge steht. Mit Beginn des Jahres 1911 ist das Propinationsgesetz allgelaufen. Das Schankgewerbe ist konzessionspflichtig geworden, und die Stntthultcrci hat einen Schlüssel festgesetzt, nach welchem die Kon- Zessionen zur Verteilung gelangen. Bis Ende 1910 gab cs in Galizien 17 800 Schänken. Etwa 10000 neue Konzessionen wurden mit Beginn dieses Jahres verliehen, darunter aber nur 7000 an Leute, die bisher ein Sclutnkgcwcrbc betrieben hatten, während 3000 Konzessionen Petenten zugesproclicn erhielten, dia bisher dieses Gewerbe nicht ausübten. Ohne Ursache und ohne ihrer Schuld also werden plötzlich beinahe 11000 Familien, fast 50 000 Menschen, brotlos. Wirtschaftlich geht die Bedeutung dieses Vorganges noch viel tiefer. Diese 50000 Menschen müssen so- Weit dies überhaupt möglich ist, sich nun doch andere Erwerbsquellen schaden. Sic, die meist auf dem flachen Lande wohnen, ziehen in die Stadt, sfc werrückführen werde und wir Mazzoth, Maror und Charoseth, Fische und alle sonstigen jüdischen Gerichte essen werden. Ich lade dich, mein lieber Karpas, zum morgigen Seder bei dir, in deinem Hause ein- * Und der Seder wurde in Karpas Hause, so wie Sarchi! gesagt hatte, gefeiert. Der Tisch war vorschriftsmäßig gedeckt. Karpas, ״der König“, saß auf weichen Kissen angelehnt bei der Tafel, seine Frau, ״die Königin“, zu seiner Rechten und Sarchi, als Minister des Königs, zu dessen Unken. — Im Hause herrschten eitel Licht und Freude. Und die Kinder fragten erstaunt einander: Wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten? — Sie wünschten, daß alle Nächte dieser Nacht gleichen mögen. Und die Erwachsenen erzählten vom Pcssach in Aegypten und erörterten den Pcssach der Zukunft . . . und sie schlossen mit den Worten: Leschanah häbaah bi-Jeruscholajimtll — Ende. — Halbmonatsschrift für die jüdische Jugend Abonnement• aut die nalbmnnatllcli erscheinende i Jugendzeitschrift Jung hracl kosten bei der Expedition und allen Post• •intern Deutschlands und Oesterreich• Ungarn! eine Mark pro Quartal. / Anzeigen kosten die xwelgespaltene Petitzelle SO PIß., In der Rubrik Unterricht 2S l’fß. PUr grössere Aufträge verlango man besondere Offene vom Verlag Jung Israel, Ucrlln SW, 68, In Halt des 4• Heft es t Abraham bewirtet die Engel, Nach R c in b r a n d t. Die Freude an der Natur. König Salomon»und der Sperling. Von Rudolf B n u in b a c h. Warum Hund und Katze Eine jüdische Fabel, Hnntke, Tierschutz in Bibel und Munk. In Feindschaft leben, nnchcrzäldt von E. Talmud. Von Dr. L. Zwei Fabeln von Goethe. Zwei Fabeln aus der rabbinischcn Literatur. Ubersetzt von Max Weinberg. Was am Neujahr der Bäume geschah. Ein Märchen von I d a Böe k. Was Vögel sich erzählen. Der Kuckucksruf. Von Martin B r a e (1. t