Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 78. J U E DI SCHE RUNDSCHAL No. 7. Herausgeber des ״Tunin", der bekannte Jungtürkischc Führer Hussein D sch all Id Bej, dall er absolut nicht die Absicht gehübt habe, sich in diese jüdische Kruge cinzumischcn, die er noch nicht studiert habe. Er sei in wiederholten IJcsuchen von dem Refaktie ur des ,/He.tut*0" so sehr gedrängt worden, ihm doch die Oefälligkeit des Abdrucks jener l*ublikationen zu er,weisen׳, dall er sich schlichlieh dazu entschlossen habe, um der Sache ein Ende zu machen. Er habe aber damit seine eigene Meinung durchaus nicht manifestieren wollen und bedaure schon heute, nachgcgcbcu zu haben. So wird gegen Juden von Juden gearbeitet! * Der Chachambasclii Nalium hat in letzter Zeit mehrere Briefe von 011 o nva rai s c h e n Juden in Palästina und Syrien erhalten, die sich darüber be* klagen, daß die Lokalbchörden ihnen mannigfache Schwierigkeiten, namentlich beim BoUcnerwcrb, bereiten. Rabbi Na hum ist daraufhin beim Grollwesir vorstellig geworden und fragte ihn, ob das Vorgehen der Administration auf Grund von An- Weisungen der Zentralrcgicrung oder von neuen gesctzlichcn Verfügungen erfolgt sei. Ifalki Pascha erklärte jedoch, dall keinerlei neue Verordnungen in bezug auf die ottomanischcn Juden in Palästina und Syrien getroffen oder beabsichtigt seien, und betonte, daß die ottomanischcn Juden in jeder Hinsicht mit den übrigen Bürgern der Türkei gleichgestellt seien. Sic hätten das unbeschränkte Recht, sich überall im Reiche niederzulassen und nach Belieben Grund und Boden zu erwerben, und niemand dürfe sic daran irgendwie hindern. Der Grollwesir ersucht den Chachambasclii, ihm von jedem Pall eines eigenmächtigen Vorgehens der lokalen Behörden gegen Juden sofort Kenntnis zu geben, damit er ungesäumt cinschrcitcn könne. An demselben Tage hatte der Chachambasclii auch eine Unterredung mit dem• Pinanzministcr, der die Ausführungen des Großwesirs bekräftigte. Betreffs des Vorfalles in der Kolonie Methula, von wo man die seit fünfzehn Jahren ansässigen jüdischen Kolonisten verjagen wollte, hat die Regierung den Qouverneur von Beyrut beauftragt, eine strenge Untersuchung cinzulcitcn. Rabbi Nalium hat das Resultat dieser Unterreduugen nach Jerusalem mitgcteilt mit dem Ersuchen, ihn von vorkommenden Fällen der Ungesetzlichkeit den Juden gegenüber stets in Kenntnis zu setzen. PALAeSTINA-RUNDSCHAU Die vor kurzem gegründete PalästinalorBcliuugsgesellBClialt, die sich die archäologische, historische, naturwissenschaftliche und Wirtschaftliehe Erforschung des Landes zum Ziele gesetzt hat, plant die Entsendung einer wissenschaftlichen Expedition zur Erforschung des Toten Meeres. Man hofft, einen bekannten jüdischen Gelehrten für die Leitung der Expedition zu gewinnen. Das zionistische Distriktskomitec für Böhmen veranstaltet im Monat August eine für ungefähr vier Wochen berechnele GeselfschnUsrelsc nach Palästina, welche den weitesten Kreisen zugänglich sein wird. Neben den von Touristen im allgemeinen aufgesuelitcn Sehenswürdigkeiten bildet den Glanzpunkt der Reise der Besuch der in den letzten Jahren in Palästina gescluiffcncu jüdischen Institutionen und die Besichtigung der jüdischen und galiläischcn Kolonien. Auf der Rückfahrt ist ein dreitägiger Aufenthalt in Ägypten in Aussicht genommen. Der Tcilnaluueprcis, in \Vcl- Client sämtliche Auslagen für die Fahrt von Triest bis Triest. Unterkunft, Verpflegung, Wagen, Führung, Entrees usw. eingerechnet sind, wird sich I. Klasse atil 1300 Kronen, 11. Klasse auf UW! Kronen und lll. Klasse auf 650 Kronen belaufen. Die administrative Leitung wurde dem Rciscburcau der bekannten Wcltfirmn Schenker & Co. übertragen, deren reiche Erfahrungen und ausgezeichnete Beziehungen eine in jeder Hinsicht tadellose Ausführung der Rede ge• wührlcistcn. überdies werden die zionistischen Or• ganisatloncn in Palästina alles daransetzen, um den Aufenthalt der Gesellschaft im heiligen Lande so an• genehm als nur möglich zu gestillten. Und so ist zu hoffen, daß die Reise einen genußreichen Verlauf nehmen und ulten Teilnehmern in dauernder Erinnc• rung bleiben wird. Ausführliche Programme sind durch das Zionistische Distriktskomitec für Böhmen in Prag, Benediktsgasse 1, kostenfrei erhältlich. ♦ liv der jüngst abgclvaltcncn Generalversammlung der Bewohner des ncucrbüutcn jüdischen Stadt• Viertels ״Tcl-Awfw“ wurde beschlossen, die Straften des neuen Viertels, wie folgt, zu benennen: Jehuda Halcvy-, Lillciiblum-, Achad Haam* und Haschachar- Straße. » Die in New York vor einigen Monaten begründete Gesellschaft ״Kcitauu“, welche Kolonisalionszwcckc in Palästina verfolgt, hat an unsere Bank in Jaffa tausend Dollar geschickt. Die Gesellschaft, die ihre Tätigkeit mit einem Grundkapital von 25000 Dollar beginnen will, hofft in bäldc noch größere Summen aufzubringcn. « per Verlag ״Ko hei et 11״ in Jaffa und der pa* lä.stinisehe Lclircrvcrband haben beschlossen, eine hebräische Monatsschrift für die Jugend gemeinsam herausuzgeben. Das erste Heft der auf fünf Druckbogen berechneten Zeitschrift, die unter der Leitung des Herrn Gutmann stehen wird, soll im Nissan er• scheinen. Der vorbereitenden Kommission gehören die Herren Kolian, Lcwontln, Schcinkln, Berlin und Jaffc an. ' In Haifa hat die Lokaladministration vor kurzem die UutiarhcUcn am Teeluilktnn plötzlich einstellen lassen und den Architekten und die Arbeiter in Haft genommen. Auf den Einspruch der Konsuln wurden jedoch die Verhafteten sofort wieder freigelassen, und die Arbeiten konnten nach einer Unter* ürceiumg von einigen Tagen wieder atifgenomincn werden. « Der J af f a c r Q c 111 e i n d e v 0 r s t a n d hat den Beschluß gefallt, in einem an alle jüdischen Gemeinden in der Türkei zu richtenden Zirkular die Verleimtdüngen des Herrn Fresko gegen den Zionismus aufs schärfste zu verurteilen und den großen Nutzen hervorzuheben, den die Ansicdlung von Juden in- Pa- Institut für das jüdische Volk sowohl wie für das ottomanische Reich bringen muA. ZIONISTI$CHe ßeUcGUMG Nachdem das Aktions-Komitee auf seiner letzten Sitzung beschlossen hatte, anläßlich des Kongrosses, wenn möglich, eine Ausstellung zu veranstalten, welche die kolonisatorische Tätigkeit in Palästina und in der Diaspora veranschaulichen sollte, sind bei mehreren maßgebenden Faktoren, im besonderen bei dem Palästina-Amte, Auskünfte und Gutachten über die Veranstaltung einer solchen Aus- Stellung ciugcliolt worden. Auf Grund der cingclattteilen Antworten, im besonderen des vom Palästina- Amte erteilten Gutachtens, hat das Engere Aktions- Komitee beschlossen, von der Veranstaltung einer Kolonisations-Ausstellung Abstand zu nehmen. Dagegen sollen der Jüdische Nnti׳malfonds, der Hcznlcl, sowie alle interessierten Kreise nufgefordert werden, anläßlich des Kongresses in Basel auszustcllen; das Aktions-Komitee wird hierfür einen ntt das Stadt- Kasino in Basel vor kurzem ungelinuter! größeren Saal zur Verfügung stellen und die Aussteller auch sonst in jeder Weise fördern. Die Veranstaltung einer Ausstellung, welche die iialionnl-kulturellc Arbeit in Palästina und in der Diaspora veranschaulichen soll, hat sielt aus mehreren Gründen, im besonderen wegen der Kürze der hierfür zur Verfügung stehenden Zeit, als immöglich liernusgcstellt. *Acjitalionsreiscn des Parteisekretärs Aachen. Am 23. Januar sprach im Qartensanlc des Aachener Kurhauses der Parteisekretär Herr Kurt Blumcnfcld vor einem Publikum von ungefällt150 ־ Personen über ״Die Zukunft der .1 u d e t". Die Versammlung folgte den fast zwei- Mündigen geistvollen Ausführungen des Herrn Binmcnfcld mit der größten Spannung, und belohnte ihn durch reichlichen Beifall, ln der darauf folgenden Diskussion sprachen zwei Gegner des Zionismus; Herr GuumlasctU Hirsch, der, ohne irgendwie auf den sachlichen Inhalt des Vortrages cinzugchen, sich in maßlosen Angriffen gegen den Zionismus erging, währcntl Herr Referendar Kurl Löwenstein nnchzuweisen suchte, dall die Juden kein Volk seien, und dall Palästina sich zur Besiedelung durchaus nicht eigne. Herr Blmncnfeld zeigte sieh in der Debatte seinen Gegnern vollständig gewachsen, und nur seiner übetlegenen Ruhe war cs zu verdanken, daß die Dis• kussion nicht schärfere, persönliche Formen annahm. Die Eolgc der Versammlung war, daß hier In Aachen, dem abgelegensten Punkte Westdeutschlands, das Interesse für den Zionismus höchst lebhaft geworden ist, Nordlimiscn. Der Zionismus, der bisher hier noclt wenig Sympathien besaß, wurde dem allgemeinen Verständnis durch einen Vortrag näher gebracht, den Herr Kurt Blumenfeld im Aufträge der Zionist. Vereinigung für Deulecltlntid hier hielt. Der Mange! an Interesse, der zumeist auf Unkenntnis der Bewegang oder auf die Anschauung zurückgcht, daß Zio• iiismus mit Phantasterei gleichbedeutend sei, ko״״te nicht wirksamer bekämpft werden, als durch die sachlichen Ausführungen des Redners, der in mehr, ständigem Vortrag die wirtschaftliche Seite der Judenfrage behandelte und im Zionismus die einzig noch mögliche Lösung erkennen ließ, ln ebenso sachlichen, von akademischer Würde getragener Weise ging der Redner alsdann auf mehrere in der Diskussion aus dem Publikum gestellte Fragen ein und suchte die Bedenken — hauptsächlich die hr.^e nach der stuatcnhildcwlcn Fähigkeit der Juden und die Vereinigung von Zionismus und vaterländischer Gesinnung - zu zerstreuen. Das Resultat des Vorträges, an dessen Erfolg noch ergiebige private Aus. sprachen zwischen dem Redner und den Ortsangchörigen partizipieren, dürfte woiil das seift, daß eine Stellungnahme zumZionismus, sei cs nun pro oder contra, kaum mehr zu umgehet! und so dem!(Hüffercniismus cm Ende gemacht ist. Erfurt. Am Donnerstag, dem S\ d. Mts., sprach unser bewährter Parteisekretär, Herr Kurt 11 lumcnfcld, im Saale des ״Europäischen Hofs" vor etwa 200 Personen über ״Wirtschaftliche Grundlagen d c s Z i 0 n i s m u s". An den Vortrag schloß sich eine rege Aussprache an, in der Herr Rabbiner Dr. Salzbcrger sielt als unbedingter Gegner des Zionismus bczciclmctc; er nannte das Ziel der Bewegung Utopie und schloß mit der Erklärung, dall er kein Zionist, sondern ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sei. Herr lllu• mcnfcld widerlegte diesen Ausführungen unter den! Beifall der Versammlung, Dies rief Herrn Dr. Salzberger nochmals auf den!Man. Gegen den Zionismus sprachen ferner die Herren Dr. mcd. Ehrlich, O p p c 1! I! e i in und W 01 f. Herr Dr. mcd. Jacobsohn wandte siel! gegen die Angriffe der Herren Dr. Salzberger und Dr. Ehrlich und trat in geschickter Weise für den Zionismus ein. Herr Dr. med. Wolf fite im erklärte, daß er bisher kein Freund des Zionismus gewesen sei. daß ihn aber der Vortrag des Herrn Blumcnfcld aus einem Saulus zum Paulus gemacht habe. In einem ausführlichen Schlußwort trat dann Herr IMumcnfeld den Gegnern des Zionismus entgegen. Die Sachlichkeit seiner Ausführungen und die leidenschaftliehc, hinreißende Vortragsweise des Redners hatten zur Folge, dall die Versammlung dem Redner .stürmischen Beifall zollte. Obwohl Beitrittscrklärun• gen nicht erfolgten, muß die Versammlung als ein voller Erfolg bezeichnet werden. Wir hoffen, durch eifrige Kleinarbeit die Gründung einer Ortsgruppe zu erreichen. AUS־D€H ö€M6IMD6N Berlin. Aus Kreisen in der Berliner Jüdischen üemeinde wird uns geschrieben; Wer sieh der Hoff• iiung liingab, daß die ungeheure Minorität der Stirn• men, die für die positive Richtung bei den Wahlen abgegeben wurden, die radikale Majorität zur Rück• sichtnahmc veranlassen würde, sieht sieh bereits jetzt schwer in seinem Optimismus getäuscht. Die radikalen Herren sind unter sielt und׳ vergewaltigen die Minorität in unglaublichster Weise. Daß sie dabei jede Achtung vor den geistigen Lehrern und Fühlern der Gemeinde außer Acht lassen, sei ergänzend er• wälmt. So ist in der vorigen Repräsentanten •er- Sammlung beschlossen worden, die Rabbiner zu ersuchen, nicht länger als 20 Minuten zu predigen. Wir sind begierig, ob in der Ta־ die Herren des Rabbinats diese schallende Ohrfeige ohne Protest hinnehnien werden. Wo hätte man je in einem anderen Bekenntnis erlebt, daß den geistigen Führern ein Zeitmaß für ilire religiösen Belehrungen vorgeschrieben wird. Freilich hat sich auch sonst die letzte Repräsentanten Versammlung über die Gutachten der Rabbiner glatt hiuwcggesctzt. Sie ha: bekanntlich beschlossen, in Zukunft in den Synagogen mit Orgel den Morgen-Gottesdienst in einen Separat- Frühgottesdienst zu verweisen und den Hauptgottesdienst mit der Tlioravcrlcsung zu beginnen, auf deutsch: der AWgen-Oottesdicnst wird in alccli* barer Zeit ein Gottesdienst für Minjanmäiiner und die wenigen Leidtragenden werden, die Fülle von durchaus mlttciparteilich gerichteten Elementen, die heute die Orgclsynagogc besuchen, werden keinen Morgen-Gottesdienst mehr haben. Das alles, weil angeblich der Gottesdienst, der schon jetzt recht kurz war, den radikalen Herren immer noch viel zu lange dauert. Die Gutachten der Rabbiner, und zwar der liberalen Rabbiner, so unter anderen der Herren Professor Maybaum und Dr. Hochfcld, waren gegen diese neue ״Reform". Herr Dr. Hochfcld soll, wie uns mitgcteilt wird, sogar in recht scharfer Weise dieses stämligc Experimentieren und Hcrunikuricrcn an der Gottesdienstordnung als un* zeitgemäß zurückgewiesen haben. Die radikale Ma• Jorität der Rcprscntnntcnvcrsammlung kümmert sielt (Fortsetzung auf Seite 80.)