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Jüdische Rundschau · 1911-02-17 · Heft 7 (17.2.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 75. No. 7. der kleine Mann Daneben freilich hat sich dio cl1riMlicl1-so*ialc Partei nicht nur aus Gründen nationnlokononusclter Ucbcrzcugimg mit dem Kapital vorsühnt; die MachtlUlic, die sic mit der Herrschaft Über Wien erlangte, brachte sic in so innigen Kontakt mit der grollen Welt des Kapitals, da» sich auch in den kr.p!ialfcindlichcn Köpfen von selbst ganz gründliche Kmrekturen ergaben. Der Feldzug gegen das Kapital war verloren, umso wütender schlug man auf den Hatisierer ein. So paradox dieser Frontwechsel auch anmutet, so ist er doch in den Widersprüchen und in der bc* sonderen Art der kleinbürgerlichen Demagogie tief begründet. Der kleine Mann, der über das Elend der Zeiten flucht, laßt sielt nicht mit der Eröffnung ökono« mischcr Erkenntnisse beruhigen, sondern sucht stets einen persönlichen Pcind. Der Feind muß sichtbar und uteichbar sein; kein Wunder, daß die Qcwcrbcrctter ht ihrer Not den Hausierer packten. So kam denn die schöne Zeit, da man den Gewcrbslcuten cinrcdctc, ״er Hausierer sei an allem Elend schuld und eine förmliche Jagd inszenierte auf diese kleinsten Händler, t,ie meist schon darum dem seßhaften Vcrküufcr nicht wehetun, weil sie nur Bedürfnisse decken, die sie selber geweckt haben. Unter dem Terrorismus ״er H.tusicrcrfrcsscr aber verbot man ln Wien nicht nur die ״Hoscnbandlcr", die fliegenden. Büchcrvcr- Käufer und Kartcnliändlcr, sondern jagte auch die Würstclmänncr und die ßlumcnwcibcr davon, die im Frühjahr das, Straflenbild Wiens so hübsch belebt hatten. Dieser alte Haß des kleinen Mannes gegen den ״kleinsten Mann" aber ist auch heute noch sehr lc• bendig; er zeigte sich! jetzt wieder, da unser Abgeordnetenhaus die Regierungsvorlage zu dem neuen Hausiergesetz in Verhandlung nahm. Man kann sich denken, daß die Vorlage, die unserem Handclsministc iiiun entsproß, nicht gerade von freiheitlichem Qeistc beschwert Ist; Im Qegenteil, sie enthält so viele Härten, Klauseln und Schikanen, als ob sic das Produkt lines mittclalterlicJicn Konziliums wäre. Nach der Regierungsvorlage wird das Gesetz der persönlichen Freiheit für den Hausierer fast ganz suspendiert; der Hausierer muß, che er sein Qcwcrbcbuch erhält, nach■ weisen, daß er dreiunddreißig Jahre alt ist; er muß nicht etwa ehrlich, sonder ״vertrauenswürdig" sein; die Bewilligung zum Hausieren wird ihm nur auf ein Jahr erteilt; die Polizei oder Bezirkshauptmannschaft darf den Hausierer nach drei 'lagen aus dem Ort fortjagen; aus öffentlichen Lokalen wird er überhaupt hinausgeworfen. Man sicht: kleinlicher, boshafter und rückständiger läßt sich schwerlich noch ein Hausiergesetz ausstatten. Aber selbst dieser von lussischcn Anschauungen inspirierte Entwurf war unseren Volksmänncm noch zu liberal, und so setzten sich die im Gcwcrbcausschuß vereinigten Herren noch gründlich auf die Hosen, um den Entwurf noch kleinlicher, noch boshafter und rückständiger zu machen. Das ״Grauen“ ״Wer am Wege baut, muß hören, was die Wanderer sagen" und wer sich berufen fühlt in der Bcurtcilimg jüdischer Fragen neue Wege zu gelten, der muß gewärtig sein, von sachlichen Gegnern und von dcrnissc und Widerstände auf der Bahn des geistigen Fortschrittes zu überwinden trachtet, mit Energie dem Vorgesetzten Ziele entgegen* schreitet, dann wird es groll werden und der Messias — sein Erlöser -*״ ist gekommen. Da* für gibt es gar viele Beweise in der Geschichte der Menschheit. Jedes Volk, das sich zu seinen Idealen erhebt, befreit seine Seele. Auch wir Juden und auch das Judentum weaien nur durch Befreiung unserer Kräfte und unserer na* tionalcn geistigen Fälligkeiten unsere Seele 7.u dem erhabenen Ziele führen. Und ein Beweis rafür ist auch dieses unser heutiges Fest, das die Erinnerung an die Taten der Makkabäer wach* ruft.“ —- Kaum hatte Phadja seine Rede beendet, als das Zimmer von Beifallsrufen und Hände* klatschen widerhallte. Voll freudiger Bewegung sah meine Frau die Ovation an, die man ihrem Sohne bereitete. Alle lobten ihn und riefen: ״Es lebe die Mutter dieses Kindes!“ — Sie hörte es und war stolz auf ihn. Auch ich fühlte mich geehrt. Einige Gäste gingen auf mich zu, schüttelten mir die Hand und sagten: ״Wir gra* tulieren dir zu solch einem Kinde, mögen noch viele seinesgleichen uns Juden erstellen!“ Verwirrt und pochenden Herzens stand ich da und dachte bei mir: Wie gewaltig sind deine Werke. Herr der Welt, wie groß deine Wunder* denen, deren Kreise zu stören er gezwungen ist, an* gefeindet zu werden. WI r freuen uns dieser Anfcln* , düngen und wissen, wie nötig sic einem Jeden von uns und unserer ganzen Bewegung sind; satte Frle* dcnszciten sind häufig schon Parteien zum Verhängnis geworden, deren zukunftsstarkc Idee ein für alle• mal ihre zuverlässigen Verfechter gefunden zu haben schien. Man wird sich auch damit abllndcn müssen, daß nicht eine Jede Idee von den Zeitge* nossen nach ihrem wahren Gehalt gewertet wird. Eifrige, opfcrvollc Arbeit im Rahmen einer festgefügten Organisation hat das Ihre zu tun, um sic zur Oeftung zu bringen. Dann aber kommt die Zeit, wo man das Recht hat, von ledern, der sich — freiwillig oder notgedrungen — über die Bewegung äußert, zu verlangen, daß er sich sachlich und auf einem Boden, wo ein Kampf mit gleichen Waffen möglich Ist, mit ihren Anhängern auscinandersctzt. Wenn die Herren in der Redaktion des ״Berliner Tageblatts" Ihr persönliches ״Qrauen" vor dem Zionismus, das uns durchaus psychologisch verständlich ist, heute noch zur Richtschnur nehmen bei der redak* tloncllen Behandlung aller Vorfälle, die mit dieser bc* deutsamsten Bewegung Innerhalb des Judentums im Zusammenhang stehen, wenn die Zionlstcnkongressc unter ״Vereine" und ein Buch von der anerkannten literarischen Bedeutung des Bar-Kochba-Almanaclis in 23 Zeilen unlitcrarisch behandelt wird, so bedeutet das den Versuch, einem Publikum, das in seiner Mehr* heit bereit einmal gezwungen wurde, sich mit dem Zionismus anscinanderzusetzcn, falsche Vorstellungen über den Umfang der Bewegung und ihrer Leistungen bclzubringcn. Die erwähnte Notiz, die sich in Pctit-Schrlft in einer Literarischen Chronik befindet, lautet: AlmanachBar*Kochba (Wien). Ein merkwürdiges Buch, dieser Almanach, den die Vereinigung indischer HochschUlcr aus Qallzicn aus Anlaß ihres 25semestrlgcn Jubiläums hcrausgcgcbcn hat. Merk würdig nicht sowohl seiner literarischen Bedeutung wegen als vielmehr um seines volkspsvchologischcn Momentes willen. Ucberliest man einzelne Stücke des übrigens typographisch prächtig und mit künst׳ Icrischcm Qcschmack ausgestatteten Ouartbandes, so namentlich das von Martin Buber ״Der Jude und sein Werk", oder von Mathias Acher ״Die Tragik des JU dischcn Volkes", ferner Pasmanlks ״Die Judenassi* milation seit Mendelssohn", Corainlks ״Jüdische Probleme", endlich Maxiin Anins ״Der iüdisclic So ziaiismus und seine Strömungen", dann überkommt einen eia gewisses Grauen über die Denkverwirrung in diesen Köpfen, die Sich uns als das Erzeugnis aus einer übertrieben dialektischen Spitzfindigkeit und einem gärenden Radikalismus darstcllt. Gegen diesen in einem literarisch einwandfreien Gewände auftreten* den Irrwahn, genannt ״Zionismus" kann nicht scharf genug protestiert werden. Das galizisclie Judcnclcnd mag ihn rechtfertigen; in Westeuropa fcdoch, in Deutschland ganz besonders ist für eine derartige ge fährfichc Spielerei absolut kein Platz. Die überwie gende Mehrheit der deutschen Juden hat für diese literarisch-zionistische Bewegung ebensowenig Ver stündnis wie für den nationalistischen Zionismus. J. K. Das ״Grauen", welches aus diesen wenigen Zeilen spricht, regt zum Nachdenken darüber an, wie wenig doch eigentlich die Innere Juden-Emanzlpation bei der älteren Generation, der Herr J. K. angchürt, vor* geschritten ist. Wir Jungen, wir sind wirklich schon soweit emanzipiert, daß wir uns erlauben können, nicht nur den Stammcs-Dcutschcn und ihren Schöp* fungen gegenüber ein ruhiges, sachliches Urteil zu bc* wahren, sondern maß wir sogar ohne ״Oraucn" ur,d ohne schreckende Ghetto-Visionen jüdische Eigen* Schöpfungen auf literarischem und sozialpolitischem Gebiet Vertragen können. Mit Herrn J. K. ist nicht zu rechten. Ei• ist einem Mißgriff der Redaktion zum Opfer gefallen, die dieses Werk der Jungjuden einem jüngeren Semester hätte anvertrauen sollen. Der ״Jüdische Almanach" konnte gewiß nicht im dcutsehen Ghetto geschallen werden. Er wird auch bei den Juden, in denen der Geist jener Zeit noch leben* dig ist, kein Verständnis finden. Das ״Berliner Tageblatt“ ist mit einigem Recht als das Judcnblatt verschrieen. Ob cs dadurch ge* schäftllch geschädigt wird, wissen wir nicht. Wohl wissen wir aber, daß viele jener Argumente, mit denen uns die Judenfeinde am empfindlichsten treffen, weil sie nicht ganz unbegründet sind, auf die! journalistischen Gepflogenheiten der sogenannten Juden- . presse,zurückzuführen sind. Wir wissen aber auch: Die Interessen der deutschen Juden sind nirgends schlechter gewahrt, als dort, wo matt sich einer unjüdischen Clique im Judentum verschrieben hat. taten, die du in deiner Welt vollbringst! Wer hätte cs je gedacht, daß Phadja, mein Sohn, der ״Assimilant“ von Kindesbeinen, der sein Volk /lieht kannte, von seiner Religion nichts wußte, niemals einen hebräischen Buchstaben gesehen Jiattc — ein fanatischer Jude würde! Er ist ein herrlichen Redner, er wird ein Vorkämpfer des Judentums werden, ein Befreier seiner Voiksge• nossen durch seine Reden! Noch einige Redner sprachen an jenem Abend. Die Renaissance des jüdischen Volkes war das Thema, zu dem alle Redner auf ver* schicdcncn Wegen gelangten. Jeder verfocht seinen Standpunkt und suchte die anderen zu übertreffen. Und wie Feucrsglutcii zündeten diese Reden und riefen Begeisterung hervor. Einer der Gäste, ein enthusiastischer Feuerkopf, dem noch die Art der Jeschiwohjünger zu eigen war, ein bedeutender und scharfsinniger Gelehr. ter, redete in der Tonart der Talmudisten und begleitete seine Worte mit Bewegungen des Daumens und also sprach er in seiner Rede von meine Sohn: Sarchi lehrt also: ״Unsere Erlösung und die Erlösung des Judentums wird nur durch Be* freiung unserer nationalen geistigen Kräfte erfolgen.“ — Aus diesen Worten.geht hervor, daß er der Ansicht ist, daß das Endziel der Renais* sance unseres Volkes die Entwicklung der Volks* Das deutschsprachige Judentum im Auslande * Von Davis Trietsch -Berlin. (Schluß.) Die Vcröffcntlichtungcn des ״Vereins (ür das Deutschtum im Ausland" haben schon wiederholt ein Bild gegeben, wie erheblich das jüdische Bevölkerungsclcment — und zwar meist nicht das von Hause aus deutschsprachliche — an zahlreichen deut* sehen Auslandsschulcn beteilig ist. Für' Rumänien, Bulgarien, die Türkei und Ägypten ergeben sich folgende VcrhUltnisziffcrn jüdischer Schüler in deut* sehen Schulen: Rumänien* Jassy.36 %• Campinu.33 % Rimnic-Valca.25 % Bukarest.15. 173 u. 25 % Braila ........... 22 %• Craiova.19 % Bulgarien: Sofia ..18 % Rustseliuk.33 % Philippopcl.38 % Türkei: Konstantinopel(״.40,5% Jedikulc.23 % Saloniki (nach den neuesten Ziffern) 41 % Smyrna.18 %־ Beirut .33,5% *) Von 587 Schulkindern sind hier: 238 mosaisch, 135 evangelisch, 109 römisch-katholisch. 51 griechisch-katholisch, 23 mohammedanisch. 22 »rmcnisch-grcgorinnisch. Seele ist, die an jedem Orte sich vollziehen kann, nicht gerade nur in Zio n. Das heißt, daß er ein N a t i o n al j u de, aber kein Zionist ist! Und ein anderer Redner führte folgendes aus: — Um das Judentum, d. h. seine schriftliche und mündliche Trjtdilion zu erhalten, welche in Wirklichkeit die Basis unserer Nationalität bil* den — brauchen die Juden nicht einen eigenen Staat zu bilden, sondern sollen gerade außerhalb Palästinas sich nicdcrlassen. Die Ansiedlung •in Palästina als Kulturvolk könnte sich jetzt nicht auf die Vorschriften und Traditionen gründen, welche nur auf das Leben in alter Zeit zuge* schnitten wäret!, das nunmehr eine vollkommene Aenderung erfahren hat. Und darum würde dort ein großer Teil der Thorah nicht erhalten bleiben und in Vergessenheit geraten, viele Gebrauche des Gottesdienstes, des Gebetes, des Familien* und Gcmeindclcbens — diese Säulen des nationalen Geistes -־ würden verschwinden und zugrunde gehen und mit ihnen der Geist. Daraus lolgt, daß die Renaissance des Landes Israels Tod wäre. Und wenn wir glauben wür* den, daß Israel in seinem Lande zu neuem Leben erwacht, so würde da ein neues Israel auferstehen müssen, ohne Schrifttum und Tradition, ohne die Sitten und Gebräuche, die Empfindungen und das innere Leben, das ihm anhaftet.“ (Fortsetzung folgt.)

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