Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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__S0ite74.... ... Mahler־/Aalik. Die Purlnmeidc der österreich-ungarischen Mo־ nurchic haben doch niemals in dem Hufe gestanden in• bezug auf Vornehmheit des Verkehrstons Vorbild־ lieh zu sein. Der neueste Exzcll, den sich im Reichs• rate der dentschradikale Abgeordnete Malik gegen־ Über utfserem Freunde Dr. M a hier leistete und die Art und Weise, in der er den Konsequenzen seines Handelns aus dem Wege ging, ist jedoch selbst mit dem besonderen politischen Milieu jenseits der scliwarzgelben Orcnzpfiihlc kaum zu entschuldigen. In der Debatte über das II a u s i e r g e s e t /. er־ griff von ji1disch־nalionaler Seite Abg. M a h I e r das Wort und brachte die Beschwerden der jüdischen Hausierer, welche durch das Inkrafttreten eines der־ artigen Gesetzes dem grülttcn l’.l׳;ml überliefert \viirden, zur Sprache. Während seiner Rede kam es zu tumultarischen Szenen, die nach übereinstimmender Ansicht aller Parlamentarier beispiellos dastehen. Wir geben im Folgenden den Wortlaut der Malilerschcn Rede, die einen fiir die Juden nicht nur in Oesterreich so überaus wichtigen Gegenstand be* handelt und folgen bei der Wiedergabe der Skandal- Szene dem Texte der ״Neuen Freien!,resse": Abg. Dr. Mahler (jüdischnational) meint, dnlt alle jene, die nicht von Parteileidenschaft geblendet sind, /!!gestehen werden, datl seit langer /.eit keine Vorlage das Haus beschäftigt hat, die derart die Grundsätze der Zivilisation verleugne, wie der Hausier• gesetzentwurf. Dieser Gesetzentwurf sei von rück• sichtslosem Egoismus erzeugt, der durch blinde Parteileidenschaft genährt und durch Liebedienerei ge• geniiber einem Schlagworte gefördert wird. der. wenn er wirklich ins Leben tritt, seinen Weg mit den Lei־ dien von Hunderten von Armen kennzeichnen wird. Das Hnusicrgcwcrhc. das in allen Ländern blühe und prosperiere, soll in Oesterreich künstlich umgebracht werden. Redner erinnert daran, datl Kaiser Franz Josef das Hausieren allgemein gestaltet habe, wenn es nicht miltbränchlich betrieben werde. Die heutigen Verfechter des Hausiergesetzes seien seit vier Jahr־ hunderten nicht um einen Schritt in ihren Argumenten weiter gekommen. Das ganze Rüstzeug, mit dem der Hausierhandel heute erschlagen werden soll, setzt sich noch immer aus all jenen Schlagwortcu zusam־ men, die schon im Jahre 1510 bei einem Verbot des Hausierhandels mallgcbcnd waren. Als Haimtargu־ ment wird immer die Schädigung des sellhaftcn Hau־ dels angeführt. Wie können aber 5000 Hausierer •400000 Kmiflcutc schädigen? In diesem Argumente liege geradezu eine Beleidigung des sellhaftcn Kaufmannsstandes. Schon im Jahre I8W1 sei in dem Derichte des Gewerbeausschusses hcrvorgcltoben worden. dad cs ethisch nicht gerechtfertigt wäre, durch Aufhebung des Hausierhandels die Konkurrenz einz.11־ schränken. Denn die Konkurrenz sei ein Preisrcgulator. olyte den es nalurgcmäll zu Auswüchsen koiti• men miillie. wie es die Kartelle sind, gegen die hier ein so lebhafter Kampf geführt wird. Abg, Alfred Schmitt: ln welchem Zusammen־ hange steht das mit den Kartellen? Abg. Dr. Mahler: Aber Herr, wenn Sie zu dumm sind, das zu verstehen, dann reden Sie nicht! Abg. Malik: Sic sind ein frecher Jude! (Zahlreiche Zwischenrufe und Lärm.) Abg. Dr. Mahler (zum Abg. Malik): Sie sind ein Lausbub! (Rufe: So eine Frechheit!) Abg. Dr. Mvslivcc: Das ist eine jüdische Frechheit I Abg, Dr. Malik (zum Abg. Dr. Mahler): Ich hau’ dir eine Watschen herunter, du Aff! Du blöder ■— ■■ —————— I .——■... Das Haar Erzählung von Mendclc Moclter Sphorhn. (Schalom Jakob Abrahamowitz). (Aus dem Hebräischen übersetzt von Josef Mcisl.) (Fortsetzung.) Einmal, ׳als mein Sohn mit seinen Karneraden spazieren gegangen war, begab ich mich in seine Stube, untersuchte seinen Bücherschrank und fand da alles in Ordnung, ich machte mich an den Tisch heran und siehe, da lagen drei Bücher und ein Heft offen vor mir. Ich sah und staunte . . . Was ich gar nicht erwartet hatte, fand ich da! Es waren zwei Bücher der Bibel und ein Lehrbuch der hebräischen Sprache und in dem Hefte waren hebräische Vokabeln mit russischer Ucbcrsetzung verzeichnet, die mein Sohn eigenhändig nicdergeschricben hatte! Das war ein Beweis, daß Phadja die Torah in der Ursprache lernte! Wie aber war er dazu gekommen? Wer hatte ihn dazu veranlaßt, wer unterrichtete ihn? Ich staunte darüber und wußte nicht, in welcher Weise ich mich zu seinen Liebhabereien verhalten sollte. Wenige Tage darauf kam mein Sohn zu mir mit der Bitte, ich möchte ihm erlauben, morgen abends in seiner Wohnung einige Gäste zu empfangen. Es war gerade Chanuka. Ich erklärte JUED1SC11E RUNDSCHAU Kerl! (Groller Lärm und Zwischenrufe. Abg. M.illk versetzt dem Redner einen Stolt.) Abg. Dr. Mahler (stöllt den Abg. Malik zurück und ruft): Lassen• Sic mich zur Ordnung rufen, aber vergreifen werden Sie sieli an mir nicht. (Andauernder Lärm und Zwischenrufe.) Fräs ident: leb bitte um Ruhe, meine Herren! Ich lütte im Interesse der Würde und des Anstandes des Hauses, sieh ruhig zu verhalten und keine Zwi־ sehemiift.• zu macken. Abg. Dr. Mahler: Darf Ich weiter sprechen? Wer,11 Sie in einem fort dreiiuedeii. muH einem die Geduld refften. (Anhaltender greller Lärm und Zwiselienrutc...) Präsident: Mitte, meine Herren, Ruhe zu Imllcit. Ich habe bereits erklärt, Galt in diesem Lärm die einzelnen Rufe nicht zu vernehmen sind und dal! ich mir Vorbehalte, die nötige Remcdur zu schaffen: ich ersuche den Redner fortz.ufalireii und auch seinerseits nicht zu provozieren. Abg. Dr. Mahler sagt in Fortsetzung seiner Rede: Mit dem Kampf gegen den Hausierhandel folge mau nur einem Schlagworte. nicht aber <:i»e111 volkswirtschaftlichen Bedürfnisse. Hei Bekämpfung des lluusiorlmmlels lasse man vielmehr alle jene Arginnente auIRr acht, welche imstande wären, die Vorteile des Hausierhandels ins rechte Lieht zu setzen. F.r weist insbesondere auf den Zusammenhang zwischeu Hausindustrie und Hausierhandel hin. Insbc* somRre in Galizien, wo eine so grenzenlose Not herrscht, müsse man darauf bedacht sein, eine Hausinduslric zu schaffen. Das sei aber nur dann möglieh, wenn der Absatz der erzeugten Ware a1!f dem Wtge des Hausierhandels gestattet wird. Hei dem vorliegenden Gesetzentwurf handle es sich nicht um einen Kampf um Prinzipien, sondern darum, das Stück harten Brotes eleu ärmsten der Armen zu nehmen. Die Zwangssiiggtfstion. die das llausicrgesetz auf einen grolle:!. Teil des Hauses auslibc, könne mau sich nur do'iüLeh erklären, dall man Hausierer sagt und den .liiden ./.ti treffen meint. Als die Resolution Sclimid ms Hans gebracht wurde, sei der Zwischenruf gefallen: Was‘ brauchen die Juden studieren, sie sollen mit alten Hosen hausieren. {Zwischenrufe.) Heute mache man dem armen Juden auch das unmöglich. Präsident: Aus der Durchsicht des mir eben vofgelcgien stenographischen Protokolls habe ich mich überzeugt, dall der Herr Abg. Dr. Mahler als Redner zuerst den Herrn Abgeordneten A. Sclimid durch eine Beschimpfung provoziert, dann dieser und der Herr Abg. Mali k einer• mul der Herr Abg. Dr. Mahler anderseits sich gegenseitig mit Schimpf־ Worten belegt haben, der Herr Abg, Malik auch gegen den Herrn Abg. Dr. Mahler tätlich wurde. Ich rufe deshalb die eben genannten Herren Abgeordneten zur Ordnung und drücke die Erwartung aus. dafi solche Szenen sieh im Hause nicht wiederholen. Die Verhandlung wird abgebrochen. * Mit Rücksicht auf die Vorkonmissc hat am folgemlen Tage nachmittags Prof. Mahler die Abg. IGttaeo und Prof. Vclicli damit betraut, vom Abg. Malik Genugtuung zu verlangen. Abg. Pittaco begab sich b Minuten vor A Uhr. also noch vor Ablau( der durch den Ehrenkodex festgesetzten 24stiindigen Frist zu Malik und teilte ihm mit, dafl er im Auftrag des Prof. Mahler komme und ihn bitte, mit Rücksicht auf die gestrigen Zwischenfälle schic Vcrtreter namhaft zu machen. Abg. Malik antwortete dem Abg. Pittaco, er möge eine Erklärung vorberei* (cn, worauf er dasselbe tun werde. Nachher erklärte jedoch Abg. Malik, dall eint! formelle Herausforderung nicht erfolgte und um •1 Uhr 8 Min. die 24stiindigc mich bereit, seine Bitte zu erfüllen, ja noch mehr, ich versprach ihm, für die Gäste ein Mahl zu veranstalten. Ich dachte, daß die Knaben nach der jüdischen Sitte jener Zeiten, die übrigens attca heute noch existiert, Karten spielen würden. Und daun wünschte ich, mir einmal das Treiben diesei־ Jungen mit anzusehen und sie näher kennen zu lernen. Meine Frau war mit meinem Vorschlag einverstanden, und es wurde ein opuleides Mahl hcrgcrichtct. Was soll ich dir sagen, mein Freund, niemals herrschte in meinem I lause soviel Freude wie an jenem Abend. Die Gäste waren Jünglinge und Jungfrauen, Taltuudschü* ler, Betlt-ha’ Midrasch-Hocker, Reiche und Arme zugleich. Alle waren vergnügt und lustig, und ihre Gesichter leuchteten und strahlten. Als Hausherr, der für seine Gäste sorgen mußte, war ich peinlich fiir meinen Ruf bedacht, und nahm nicht an der Spitze der Tafel Platz, son* dem kam nur ab und zu ins Zimmer, uin zu sehen, ob alles in Ordnung sei, und verschwand wieder. So hielt ich mich denn verborgen im Hintergründe und verstand nicht, warum auf einmal die Gäste so erregt waren, und einmütig Beifall klatschten. Ich begab mich in die Stube und sah eine Weile zu — und mein Erstaunen wuchs ins Grenzenlose, als ich satt, wie Phadja dastand und unter allgemeinem Beifallsstürme eine Rede hielt und alle riefen? Hedad! Der Frist;iJ'gchMifcn sei, weshalb er die Angelegenheit als für sieh erledigt erachte. Abg. Dr. Mt liier, der 8 schlagende» Verbin. düngen angchbrt, vier Sähe Id u eile und ein p i s t 0 I e 11 d u e 11 a 11 s g e f » c 111 e 11 hat, üulleric mc 11 über .,:eine Angelegenheit folgeitUermalle»; ״Wenn ich nicht Jude wäre, so wäre es mir nicht im gering. Men eingefallen, »ul die gestrige Angelegenheit zu reagieren, Als Jude i ü 111 e ich mich jedoch verpflichtet, dem M ü r c h c 11 von d e r j n. d i s c h c n F e i g 111 i t e 11 1 g e g e 1» z » t r c t c 11 und darum durfte ich als Jude, der um einer prononzierten Stelle stellt, nie und nimmer den Vorwurf auf mich ziehen, dall ich feig gewesen wäre. Ich habe es als meine Plliclit angesehen, zu beweisen, dall es keine spezifisch jüdische Feigheit gibt." Die Hausierer in Oesterreich Aus Wien wird geschrieben: Der Hausierer ist ein altes Schmerzenskind un• seres selimerzer.reiehon Vaterlands, der Prügel- und Waisenknabe unter den Ständen und Berufen. Wall־ rend heute fast alle Klassen mul Schichten ihre beson« deren Fürsprecher haben, die im Rate der Erkürten sieh ihrer »nnelmie», stellt der Hausierer vor der Tür des Volksparlaments. vergebens um einen Anwalt bettelnd. V״r Jahren, zu /eiten der liberalen llan• delsgesct/.gebung, Imt man diesem Paria jene Frei• heit gelassen, deren er zu seinem kümmerlichen Da• sein hedarf, mit dem Aufkommen der spezifisch öster• rcichischen Gewerberetterci aller haben sich die Wolken über dem Haupt des Hausierers ztisummcnge• zogen: auch er wurde dieser Retterei zum Opfer gc• bracht. Kaum notwendig zu sagen, dali der Hausierer nur den Wiener Christlich-Sozialen zum Problem werden konnte. Diese i'artei, die von den grollen so• zialcn Zusammenhängen niemals eine Ahnung hatte und nicht begriff, wo den Gcwerbsmann der Schuh drückt, anderseits aber auch nicht eingestellt•!! wollte, dali die neue Zeit eine erhöhte Leistung Kraftanspan• innig und Tüchtigkeit erfordert, begann den kleinen Mann zu retten, indem sic das Handwerk mit Schutzwällen und Privilegien umgab. Der grolle Rcttu11gs• versuch hat sich in der Praxis zwar, wie cs nicht anders sein kann, als ein Hieb ins Wasser erwiesen, trotzdem aber blieben die Schlagworte dieser klein• bürgerlichen Sozialpolitik ein brauchbares Handwerks• zeug, mit dem der Demagoge den schlechtgelaunten Gcwerbsmann auf eine bessere Zukunft vertröstete. Fines dieser geläufigsten Schlagworte ist denn das Liedehen vom Hausierer. Fliedern sang niatis anders. Flieden! cizählte man die Räiibersgcschiclitcn vom Grolikapital, von den allesfrcsscndcn Aktionären. Grol’.kaulleutcn und Zwischenhändlern. Das Groll• kapital sollte schuld gewesen sein, wenn der Oe• wcrbsmami nicht mehr so leben konnte, wie einst: das Kapital wars, das dein Mittelstand das Lebens• licht ausblics. Mit der Zeit freilich erwies sich dieses Argument nicht mehr als ganz, zugkräftig, weil die unsichtbaren Gesetze der kapitalistischen Produktion auch dem rückständigen Ko״f ihre eigene Dialektik eiiipauktcn urnl mit sichtbarer Deutlichkeit aufzeigten, dall kein Schwindel dahinter stecke, wenn die grolle Produktion rationell und darum billiger arbeite als Schluß seiner Rale, den ich mit anhören konnte, lautete also: ״Der Messias,“ sprach Phadja begeistert mit starker und sicherer Stimme, ״der Messias ist das erhabenste Ideal in der Weltanschauung eines Volkes, die herrlichste Frucht seiner j/oitähnlichen Seele; er ist die Quelle des Lebens und des Lichts, der ewigen Gerechtigkeit, des Glückes und Friedens. Mit einem Worte, was die Sonne für die Erde bedeutet, bedeutet der Messias für ein Volk. Bekanntlich stellt die Erde nicht still, sondern bewegt sielt, und während sie stell bc• wogt und ihre Fläche der Sonne, die still steht, zu wendet, empfängt sie von ihr eine Fülle von Licht — und so entstehen der Morgen mul der lag. Wenn cs heißt: ״die Sonne kommt“, ״die Sonne geht unter“ -- so ist dies nur scheinbar der Fall. Denn in der Tat kommt die Erde und verschwindet wieder. So ist es auch mit dem Messias und einem Volke. Ein Volk, das ruhig wcitcrlebt und auf den Messias wartet, ohne etwas zu tun — mag wohl einen Lebensfunken in sich tragen und imstande sein, ein neues Leben zu beginnen, aber in Wahrheit lebt es erst dann, wenn es sich aufrafft und handelt und tatenfroh dem Messias entgegengellt. Wenn aber ein Volk nach einer Reform seines inneren Le* bens strebt, die besonderen ihm von Natur aus eigenen Fähigkeiten zu betätigen suchtrdie Hin*