Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 66. No. 6. IUEPISCHE RUNDSCHAU zu ertragen, die unverhohlen nur die jedem Unvor• eingenommenen notwendig sich aufdrängenden Müiigel fcststcllcn wollen. Dann wird allerdings der Karren unserer Jungjuden wohl schwerlich aus dem Dreck herauskommen, in dem er nun einmal stecken geblieben ist. Halcnscc. Dr. Josef Mcisl, Das deutschsprachige Judentum im Auslande Von Davis Trictsch*Ücrlin. Es ist eine bisher selten beachtete Tatsache, dall außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches etwa II Millionen Juden leben, mit denen man sich in deutscher Sprache verständigen kann. Von diesen haben die meisten allerdings das wenig bekannte J u d c n d c u t s c h als Muttersprache. Indessen zählen auch die mehr oder weniger reines Deutsch sprechenden Auslandsiudcn nach Millionen. Wenn cs außer Zweifel ist, daß Stützpunkte der Sprache zugleich solche für den Handel sind, dall große geistige Interessen ungeachtet beträchtlicher politischer und religiöser Unterschiede mit' der Sprache unlöslich verbunden sind, und daß gegen• über der Ausbreitung des Englischen der Besitzstand der deutschen Sprache —• soweit wie immer möglieh — nicht nur gehalten, sondern verstärkt wer• den sollte, so wird cs zweckmäßig sein, die Be• dcutung der Dcutschsprachigkeit eines so wesent• liehen Teils der ausländischen Juden einmal unter objektiven Gesichtspunkten zu prüfen und zu erörtern. Vor allem die Kruge, ob und - gegebenenfalls Inwieweit etwa die Tatsache der Sprach ge• m c i n s c h a f t auch einer I n t e r c s s e n g e in e i וו• schalt dienstbar werden könnte. Zunächst einige Worte über die jtidiseh-deutsehc Mundart. Solcher Mundarten gibt es verschiedene. Es gibt sogar Vcrölfciitliclumgen, die sieh nur d a durch von deutschen unterscheiden, daß sie in hebräischen Lettern gedruckt sind. Ander• scits werden jüdisch-deutsche Mundarten gesprochen, die in solchem Maße mit fremdartigen Spraehelemon• ten durchsetzt sind, daß sic dem Hoehclculschredcn• den etwa ebensowenig verständlich sind wie das Pcnnsylvaniadcutsch. Die Entscheidung darüber, ob das Jüdisch* Deutsch in das Gesamtgcbict der deutschen Sprach• bestrebungen cinzubczichcn sei, liegt aber hei der Praxis. Rin Deutscher, der jemals in Rußland, Rumänien oder Galizien durch die Unkenntnis der Landessprache in Verlegenheit kam, wird bestätigen können, wie sehr seine Geschäfte oder seine sonst!• gen Zwecke dadurch erleichtert wurden, daß er nur irgendeinen Juden a n z 11 s p r e e 11 e n brauchte, um verstanden zu werden und Aus• kunft zu bekommen. Diese Tatsache beschränkt sieh nicht nur auf die genannten Länder. Die Hauptmasse der Juden lebt in Rußland. Man zählt dort annähernd S1/; Millionen. Von diesen haben 97% das Jüdisch-Deutsche als Muttersprache, aber an 23 Tausend, meist in den baltischen Pro• vinzen geben Deutsch im Sinne von Hochdeutsch als Ihre Muttersprache an, Von den 115000 anderen Juden, die Russisch, Polnisch, kaukasische Dialekte usw. als ihre Muttersprache bezeichnen, wird gleich• falls eine bedeutende Vcrliiiltnisznlil Deutsch oder Jüdisch-Deutsch entweder verstehen oder als ihre zweite Sprache mischen.“) ln Österreich-Ungarn gibt cs 2 Millionen Juden, die — trotz aller Madjarisicrung in Ungarn und Tscliccbisicrung in Böhmen — doch im allgemeinen dem Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache, (wenn schon nicht durchweg der deutschen Mutterspräche) zuzurcclincn sind. Wie anders würden übrigens die kulturelle Lage und der politische Rinfluß des Deutschtums in Ungarn heute sein, wenn es dem NV.wlIaTcntum niclu gelungen wäre, das ungarische Judentum auf seine Seite zu ziehen, im Gegensatz zu den Verhältnissen in der Bukowina, wo der Bund der christlichen Deutschen und die national-jüdische l\1־rtci eine erfolgreiche Gemeinschaft für die Schulpolitik auf dem Boden der deutschen Sprache geschlossen haben. In den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika leben heute schon 2 Millionen Juden, nach den neuesten Feststellungen etwa 1 200 000 allein in Groß- New York. Bis auf wenige Ausnahmen sprechen und verstehen diese, zu über 90% in den letzten 30 Jahren aus Rußland, Österreich und Rumänien cingcwandcr* ten Juden das Jüdisch-Deutsche, während in den früheren jüdischen Einwanderung nach den Vereinig• ten Stauten deutsche Juden mit reIndcut• scher Sprache die große Mehrzahl bildeten. •) Die hier genannten Zahlen entstammen der offiziellen russischen Statistik. Die nächslgrößtc Gruppe von Juden deutscher Sprache sind die Rimiüiiieus. Sic zählen dort 275 000, In England, wo es sich der llauptzahl nach ebenfalls um Einwanderer aus Osteuropa bandelt, gibt cs deren liber 300 000 deutschsprachige, in Frankreich• hauptsächlich Paris, an 100 000. Zu diesen wesentlichsten Ziffern treten noch die der europäischen und nsiutisclien Türkei, in der sich -• neben etwa 400 000 Spanlolisch, Arabisch oder Türkisch Redenden — jetzt schon eine durch weitere Einwanderung stark zunehmende deutschsprachige Jiulenbevölkerutig von über 100 000 bclimlet. Die meisten von diesen leben in Palästina. •-־ Jerusalem mit seinen fast 100 000 Einwohnern hat heute nicht nur eine jüdische Mehrheit von annähernd zwei Dritteln, sondern ist durch eben diese Juden, neben denen die wenigen Hunderte von Deutschen und Deutsch redenden Arabern Zöglinge deutscher Lehranstalten — der Zahl nach nicht bedeutend sind, eine vorwiegend deutschsprachige Stadt. Ein Statistik der gesamten Judenheit unter Berücksichtiguug der Sprachvcrliältnlssc — deutsch und jüdisch-deutsch ~ ergibt für 1910 folgendes Bild:!־, Land Gesamtzahl Deutsch redende der Juden Juden Rußland , , . , . 5 50(» 00(1 5 380 000 Österreich-Ungarn . 2 150 000 2 150 000 Vereinigte Staaten . 2000 000 1900 000 Deutschland . . . . 620 000 620 000 Türkisches Reich . 500 000 100000 Großbritannien 325 000 300 000 Rumänien . , . . 275 0(50 275 000 Frankreich . , . , I20OIM1 100 000 Niederlande . , . HO 01«! 20 000 Marokko . . , , . 100 000 — Argentinien . . . 90 000 90 000 Kanada . . , . 80 OOO 80000 Algerien ’ . . . . . 65 01V) Tunesien . . . . . 60 000 . Italien . . . . 50 000 .... Abessinien . . . , 50 000 Ägypten . . , . . 42 000 10000 Bulgarien . , . . 40 000 10 000 Persien . . . . 40 000 Südafrika . . , 40 000 30 000 Indien. — Australien . . . , . 25 000 20 000 Belgien . . . , , . 20 000 15 000 Afghanistan . . . , . 20 01)0 —- Andere Lünder ca. 70 000 30 (HM) Gesamtzahl 12 3121100 11 000 000 (Fortsetzung folgt.) ü AUS ALLCR W<aT :: Deutschland Am Sonntag folgte ein Zug, wie ihn die Straßen Berlins wohl noch niemals gesehen, einem, der als Jude gestorben war. Wenngleich Paul Singer, wie es in der Grabrede seines Parteigenossen Richard Fischer hieß, ״den Glauben seiner Väter innerlich überwunden hatte“, so hätte er cs doch für einen Akt der Feigheit gehalten, sich von der Seite derer, die mit ihm verfolgt wurden, zu trennen, bloß um den Gegnern eine Waffe zu entwinden. So blieb er seiner Gemeinde treu und trat stolz den nledcrtrüch* tigen Verleumdungen entgegen. ״Singers Eintritt In die Partei.“ heißt cs In der Gedenkrede weiter, ״erfolgte ja gerade zu der Zeit der Hochflut der antisemitischen Hetze jenes Hofdemagogen, dem das Kainszeichen des Falsclieides für immer auf die Stirne gebrannt ist, der damals die Arbeiterbewegung zu korriun- Pieren und an den Wagen der Regierung zu ketten bestimmt war, Damals hat Singer mit uns diesem Zeloten und Pharisäer die Maske abgerissen, und da begann der Kampf gegen ihn als Juden, mit dem man ihn zu vernichten glaubte.'‘ England England wurde stets als Beweis dafür angeführt, daß der Antisemitismus nur eine ״vorübergehende Erscheinung" sei, die mit dem Fortschrcitcn der wahren Humanität und Zivilisation immer mehr verschwinden müsse. Unsere Hoffnung auf den ״allgemeinen Fortschritt" sollte nun aber wiederum, wie so oft schon, eine herbe Enttäuschung erfahren. Was jetzt im Insclrcich vor sich geht, ist nichts anderes als krasser, blindwütender Antisemitismus. Die ״Anarehlsteiischtncht von llomidstlch'‘ gab Voranlassung ,zu einer allgemeinen ״Rassenhetze", dio sich sehr bald als Judenhetze entpuppte. Und das, obgleich festgcstcllt wurde, daß die Verbrecher!־ sehen Rädelsführer keine Juden, sondern Letten sind. Aber — cs hat sich ja Im East-End zugetragen, Zur Zeit der Wahlen war dieses Londoner Viertel ein vielumworbencr Kampfplatz für die großen politi• sehen Parteien. Nun ist cs eine ״gefährliche Verbrcehcrhühlc". Und der ״Daily Chroniclc" läßt dieseihe durch einen Spezialvcrtrctcr besonders ״durchforschen‘‘ — — Das alles kann aber schließlich nicht weiter wundernehmen. Es bestätigt lediglich mehrfach gemachte Erfahrungen in anderen Ländern und zu verschiedensten Zeiten. Etwas erstaunlicher ist c9 aber, daß selbst manche englische Juden der ״Fremdenhetze" Vorschub leisten. 30 Sir Marcus Samuel, der frühere Lord-Mayor der City. Noch weniger begreiflich erscheint es, dall selbst der Obcrrabbiiier Dr. Adler gelegentlich einer Begutaclitung Über die Ehcsclicidungsfragc sich gegen die ״fremden Rabbiiien", sowie gegen die ״Fremden" überhaupt auszusprcclien für richtig hielt. Der auftauchende Antisemitismus scheint manehern Westjuden in England einen derartigen Schrecken cingejugt zu haben, daß sic sich zu unverantwortlichen Handlungen hinreißen lassen. Oesterreich Der gewesene jungtscliecliische Abgeordnete und Stadtrat Wenzel Brzcznovs ky, einer der ärgsten antisemitischen Hetzer, der sich besonders in der traurigen llilsncrufläru hervorgetan hat, ist von zwei Personen beschuldigt worden, seinen Einfluß als Stadtrat finanziell verwertet zu haben. Brzcznovsky mußte klagen. Das Bezirksgericht hat nun nach der am I. Februar durcligcführtcn Verhandlung die beiden Angeklagten wegen des erbrachten Wahrlicitshcwciscs freigesproehen, somit die moralische Verurteilung des Antisemitenführers ausgesprochen. Rumänien Zwei Vorgänge, die auf die Stellung der Juden in Rumänien ein grelles Lieht werfen, haben in der Judenheil dieses Landes tiefe Erregung hervorge* rufen. Ein jüdischer Kaufmann in Jassy, dessen seit dreißig Jahren bestehendes, sich eines allgemein guten Rufes erfreuendes Geschäft in Konkurs geraten ist, und der infolgedessen in Untersuchungshaft genominell wurde, beantragte heim Gericht seine Haftcntlassung gegen Kaution. Das Gericht lehnte jedoch dieses Gesuch ab mit folgender Begründung: Laut § 118 des rumänischen Gesetzbuches werden die Be- Stimmungen der Haftentlassung gegen Kaution bei Vagabunden nicht in Anwendung gebracht. Zu dieser Kategorie gehören auch die Juden . . . Der zweite Vorfall trug sich ebenfalls in Jassy zu, wo die Juden etwa die Hälfte der Bevölkerung bilden und zu städtischen und gesellschaftlichen lnstitutionen in hervorragendem Maße beitragen. Das dortige Stadttheater kündigte die Aufführung eines Stückes an, in dem auch die jüdische Schau- Spielerin Franziska Rosau auf treten sollte. Daraufhin forderte die rumänische Studentenschaft den Polizeipräsidenten auf, das Auftreten der jüdischen Schauspielerin zu verhindern -• da sonst Blut fließen würde. Da aber diese Bemühungen nicht den gewünschten Erfolg hatten, kamen zahlreiche rumänisehe Studenten ins Theater zu Beginn der Vor- Stellung und verhinderten gewaltsam die Vor- Stellung. In jüdischen Kreisen ist daraufhin eine Bewegung cingclcltct worden, dem Stadttlicatcr so lange fcruzuhlcibcti, bis das betreffende Stück mit Teilnahme der jüdischen Schauspielerin aufgefülirt wird. Türket Rabbi Hain» Nalium beabsichtigt, dem Vernehmen nach, an den Sultan die Bitte zu richten, cs möchte ihm nach seiner Ernennung zum Senator noch gestattet werden, provisorisch als Grolirabbiner zu fungieren, bis die türkischen Gemeinden sich über die Wahl seines Nachfolgers schlüssig geworden sind. Rabbi Nalium möchte jetzt die Wahlen in den Mischlisch Umumi mügUcUst rasch durchgcißhn sehen, damit sein Nachfolger geordnete Gcincindcvcrhältnisse in Konstantinopcl vorfindc. Vorläufig kann man über dio Person des zukünftigen Groftrabbiners ״och nichts Bestimmtes sagen, doch werden in maßgebenden Kreisen folgende Kandidaten genannt: Rabbi Jakob Mcir, Cliachambasclü von Saloniki, Rabbi Hain» B6j<5rano, Chacluimbaschi von Adrianopcl, und Rabbi Abraham Danon, Rektor des Konstantinoplcr Rabbinerseminars. Inzwischen verlautet in gutuntcrrichtctcn Kreisen, daß zahlreiche Notabcln der jilidschcn Gemeinden des Reiches sich telegraphisch an den Großwesir, an den Kultusminister und an den Minister des Innern mit dem dringenden Ersuchen gewandt haben, mit Rücksicht auf dio zerrütteten Gcmciiidcvcrhültnisse und die vielfachen Parteikümpfe innerhalb der ottomaiiisclicn Judenheit von der Ernennung Rabbi Naliums zum Senator abzuschcn, um nicht neue heftige Kämpfe und Leidenschaften licraufzubcschwörcn, die bei der Wahl eines Großrabbiners unvermeidlich waren. 1 \ ו