Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Seite 64._J U ED ISCHE .RUNDSCHAU____ ___________N0J>. beeinflusst. Ein gut ausgcführlcs Diplom über die Landspende wird demnächst herausgegeben und nach Art der Goldcn־Buch־Diplo1nc vctsandt werden. Wir hoffen, dass diese Bemerkungen und Hinweise dazu beitragen werden, die Popularität des Nationalfonds unter den deutschen Zionisten zu stärken. Möge der nächste Jahresabschluss ihren Erfolg zeigenI Wir wotlcn immer daran denken, dass auch der kleinste Betrag, der dem Nationalfonds zufliesst, die Macht und den Einfluss der zionistischen Organisation stärkt. So betreiben wir nicht eine seelenlose Sammeltätigkeit, sondern arbeiten für eine glückliche Zukunft des jüdischen Volkes. E. C. r ־ . Ein neuer Vorschlag zur ftullösung des Judentums (Schlull.) Die Juden sind nach der einseitigen Beurteilung des Verfassers vor allem Vertreter des Erwerbes, des Kapitalismus: und doch sollen sic bei der Eingehung der Mischehe zwecks Eingliederung in das Deutschtum ihr vorwiegend wirtschaftliches Interesse verleugr.cn! Wenn das crstcrc wahr ist, dann dürfte vermutlich letzteres kaum je cintrctcn. Oder sollen die Juden so gelegentlich einmal aus ihrer Baut fahren, damit der Verfasser seinen schönen Traum vom Aufgaben der Juden im Deutschtum verwirklichen könne? Schwerlich dürfte es, auch hei Vernachlässigung des wirtschaftlichen Gesichtspunktes, dem jüdischen Teil gelingen, ‘gleichartige, gleichgestellte und gleichwertige Christen als Lebensgefährten zu finden, wie der Verfasser urteilt. East immer müssen die Juden bei Mischehen himintersteigcn. Sie müssen da attller auf Mitgift auch noch auf manches andere verziehten. Dafür fehlt dem Verfasser offenbar der Blick, Er merkt auch nicht die hüfiliciicn, widerwärtigen, für die Juden und für die Deutschen moralisch so bedenklichen Folgen der Assimilation, die mit dem Selbstgefühl und der Treue gegen die angeborene Art auch den Boden für eine gesunde moralische Ent- Wicklung untergräbt. Der Verfasser merkt iiberhaunt vieles nicht. Der Verfasser mull, noch sehr jung sein. Das soll kein Vorwurf sein, aber wir verstehen ihn dann.besser, wenn diese Vermutung zutrifft. Darüber freilich täuscht siel! der Verfasser nicht* daß sein Weg der planmäßigen Dezentralisation des Judentums schwierig sei. ,.Sturmläuten müssen wir, überspringen lallt ihn uns, den Wall (zwischen den Deutschen und uns) im Schwünge unseres vaterländischen Ocfühls." Er wcill auch, daß, wenn schon die Juden sich entleiben wollen, noch nicht ohne weiteres zu erwarten steht, daß die Deutschen dafür das rechte Verständnis zeigen werden. ״Ein eiserner Wille gehört dazu, um gegenüber der Bequemlichkeit, mit der sich die Mehrheit (der Deutschen) über ihre Erziclumgspflicht hinweggesetzt, das Streben nach Eingliederung weiter zu verfolgen." Darum ruft er aucli nach Hilfe. ,.Wir jüdischen Deutschen sind allein zu schwach, der Welle uns cntgcgcnzustcmmcn. Wir bedürfen Alldcutschlands Hilfe." Der Verfasser ist ein traditionsloscr, cntwurzcl־ tcr Jude, darum bäumt sich In ihm nichts auf gegen die Aullösung des Judentums, nichts gegen die entwürdigende Assimilation, gegen das ninabsteigen bei der Mischehe, gegen die Leidenschaftlichkeit, mit der sicli die Juden den Deutschen an den Hals werfen sollen. Gerade letzteres wirkt in dem Buche, das sonst mit einem gewissen Ernst geschrieben ist, höchst peinlich mal abstoßend. ״Wir sind zersplittert (anders als z. B. die Polen), wir wollen deutsch werden. Uns lehnt man aber mit verletzender Kälte ab." Und trotz dieser verletzenden Kälte sollen wir unaufhaltsam an uns arbeiten, um 1ms völlig zu ent• juden, zu entjuaden, obwohl wir genau so gut seien, wie die andern, und wir sollen mit aller Macht erstreben, daß die andern uns in Gnaden aufnehmen. Demütig tritt der Verfasser vor die hin, die ihn und seinesgleichen mit Füßen treten, und bittet: Nehmt uns doch schon in eure Mitte auf! seid doch verständfgl tut’s doch um des euch und uns so teuren Deutschtums willen! wir wollen ja als Juden schon s׳> gerne sterben! wir wollen uns redlich Mühe geben, Deutsche zu werden! .... Der Verfasser ist so ent• sctzllcli bescheiden, und das soll doch wirklich nicht gut sein. Der Verfasser hat keinerlei Empfindung dafür, wie unwürdig das Verhalten ist, das er uns anrät. Im Gegenteil! Bei ihm entspringt dieses Verhalten, soweit wenigstens seine Schrift dies erkennen läßt, aus einer subjektiv moralischen Triebfeder. Er glaubt vor die Wahl zwischen Judentum und Deutschtum gestellt, zu sein. Da er traditionsloscr Jude ist, erscheint es ihm als selbstverständlich, daß er sich für das Deutschtum entscheiden müsse, und daraus ergehen sicli ihm all die uns so widerlich nnimitenden Konsequenzen. Der Verfasser verkennt doch gar zu sehr die vV’.hwierigkcitcu und Hindernisse, die in dem Unter• schied der Rassen liegen; und insbesondere würdigt er die Zähigkeit und Lebenskraft der historisch obendrein so bedeutsamen jüdischen Rasse viel zu wenig. Und doch hätte er darauf aufmerksam wer• den und vor dem utnpistischen Charakter seiner Be- Strebungen zurückschrccken können. Denn er selbst spricht davon, wie sehr der Antisemitismus unterseliicdslos alle Schichten der nichtjüdischcn Bcvöl* l.eruiig durchdringe, und wie wenig die Juden anderscils ernstlich daran denken, ihre Eigenart zu opfern. .Merkt cr's denn nicht, daß das, was er will, nicht nur gegen den gesunden fiesclnnnck, sondern auch wirk• lieh ..über unsere Kraft" geht? Der Verfasser sagt einmal: ״Die nationale Be• sclirünkthcit ist das Unglück des Judentums und seine Grüße. Sie hat die Juden in diesem unseligen Zusammenhänge fcstgchaltcn, sic hat aber anderseits eine beispiellose Selbstbehauptung ermöglicht, zweifellos m der Weltgeschichte eine großartige Episode." Iler Verfasser hat oficnbar in gar zu schwächlicher Weise zu sehr an das Unglück, und zu wenig an die ..beispiellose Selbstbehauptung" des Judentums ge• dacht. Auch so hätte er freilich, wenn er eine I.ösung der Judenfrngc für alle Juden, nicht nur für die deutschen angestrebt hätte, zum Zionismus gelangen können. Wäre cs aber gar umgekehrt gewesen, würde er voll Ahnenstolz vor allem die Kuliiirkrast und die gewaltige überwindende Kraft des jüdischen Volkes ganz erfaßt haben und so in die Geschichte und Seele des jüdischen Volkes tiefer eingedrungen sein, dann würde er einen andern Weg zur Lösung der Judenfrage gefunden haben, als den seinen, der weder gangbar noch ehrenvoll ist. Denn das wäre wahrlich ein ebenso lächerliches, wie jummcrlichcs Ende nach einer zweitausendjührigen ״bei• spiclloscn Selbstbehauptung", ein schmachvolles Ende fiir das Volk der Bibel und der Propheten, das einen denkenden und bildenden Juden zur Verzweiflung bringen könnte. Dem Verfasser wäre dringend zu raten, daß er auch mit den gegenwärtigen Verhältnissen und Striimungen im Judentum sich besser vertraut mache. In den letzten drei Jahrzehnten sieht er nur den Ant1• semitismus. aber nichts von dem immer breitere Kreise ziehenden Organisntionsstr.cbcn. in!unserer Mitte, nichts von der positiven Arbeit im Dienste des sieh immer fester und enger zusammenfassenden Judentums. Es scheint fast, als hätte er von der inneren Entwicklung des Judentums in den letzten Jahrzehnten kaum eine Ahnung. Sonst würde er an den allerorten keimenden und in tausend Formell hervortretenden und immer stärker werdenden Be• wegungen und Strömungen im Judentum bald ge• merkt haben, daß der Strom der Entwicklung, van der Wucht der inneren und äußeren Tatsachen getriebcn. gerade in der umgekehrten Richtung verläuft, und nicht in der, die wir nach seinem Rat cinschlagen sollen. ־ - Nicht Wenige werden glauben, daß wir dem Ver• fasser mit dieser ausführlichen Widerlegung allzu viel Ehre angetan haben. Wir sind aber anderer Meinung. Denn einmal sind derer, die wie Black denken, nicht wenige, dann aber haben wir hier /;um ersten Mal eine speziellen Plan, wie die Auflösung des Judentums zu bewerkstelligen wäre. Bcnedictus Seviia iiattc als eine plötzlich über ihn gekommene Erleuchtung die Kindertaufe vorgcsehlagcn, Rathenau mir allgemeine Andeutungen gemacht, und Fromer hatte sicii auf die Kleinigkeit, wie der Plan ausge• iiihrt \'׳crden könnte, gar nicht erst eingelassen. Es ist mm ohne Frage für 1ms von nicht zu unterschützendem Interesse, zu prüfen, wie sich* der genattcre Plan unseres Verfassers ausriimmt, und es ist gewiß nicht gleichgültig, wenn wir erkennen, wie widerspruchsvoll und widernatürlich, wie wild pliantnstisch und aussichtslos dieser Plan, bei Lichte hesehen, uns erscheint. Es wäre nur dringend zu wiin• sehen, daß alle, die ähnliche Anschauungen, wie Blacli haben. und cs sind ihrer, wie gesagt, nicht wenige -- ihre Gedanken über die Auflösung des fu* dentums der öffentlichen Kritik unterbreiten möchten. Die h a I b c n Assimilantcn aber können von Biach etwas lernen, worauf freilich schon Rathenau hingewiesen hatte. Nicht nur in den Augen der Geg• ncr sind wir keine Deutsche, auch wir selbst müssen bei ruhiger Ucberlegung zugehen, daß wir von den Deutschen sehr verschieden sind. Daß wir deutsche Sitten angenommen haben und mit deutscher Kultur durchtriinkt sind, das allein mncht’s nicht. Zur wirk• liehen Amalgamierung mit den Deutschen müßte unscrc rassenhafte Eigenart völlig abgestreift, müßten unsere psychischen Prädispositionen in’s Deutsche umgezaubert und überhaupt alles, was als Nieder• selilag ans unserer langen nationalen Geschichte zu einem festen Bestand unseres Empfindens und Woldu deine Feste und dein Sohn tiutß erst von den Fremden erfahren, daß die Juden heute Pcssach feiern. — Ach, diese Schande! Ach, welche Schmach! Dein Sohn ist unglücklich, weil er den Fremden als Jude gilt, noch unglücklieber aber — v/cil die Juden ihn als Fremden {tuschen! Was soll ich dir saßen, mein Freund, gar übel war mir in jener Stunde zumute! Mein Sohn lag auf dem Bette vor mir, durch meine Schuld entweiht, mit stummem Seufzen, und ich mußte mit schamrotem Antlitz und wundem Herzen mein Vergehen gegen dieses Opfer ein־ gestehen. Jetzt, wenn ich an diese Episode zurückdenke, so wundere ich mich, daß ich nicht meine und meines Sohnes Ehre alsbald zu retten sucltte und mich beeilte, das wieder gut zu machen, was ich an seiner Erziehung gesündigt hatte. Nur weil das Gespenst des einstigen Berufes mir durchs Gehirn fuhr, blieben meine Gedanken in meinem Herzen stumm vergraben, und alles nahm seinen alten Lauf. Doch was ich nicht tat, bewirkte die Zeit. Eines Tages saß einer der Lehrer auf dem Katheder und trug den Schülern Geschichte vor. Auf einmal rief er ganz unversehens aus: ״Hier stinkt es nach Gänsefett“, — Alle richteten die los. Vorsichtigerweise hüllte sich der Regisseur denn auch in das Dunkel der Anonymität. Der Schatz, der also etwa zu heben gewesen wäre, blieb im ״Deutschen Theater" jedenfalls ungchoben, obwohl man doch offenbar annahm, daß mehr dahinter stecke als ein Kadaver. |b. Das Haar Erzählung von Mendele Mocher Sphotiitu (Schalom Jakob Abrahamowitz). (Aus dem Hebräischen übersetzt von Josef Mcisl.) (Fortsetzung.) Ich. sali die Seelenpein meines geliebten Kindes tuid stumm vor Schmerz redete ich also zu mir. Diesen Kummer doincs Sohnes hast du selbst auf dem Gewissen. Diese Seele hast du ihrem Volke entrissen, um sie der Menschheit im abstrakten Sinne zuzuführen, die doch in Wahrheit gar nicht für sich allein besteht, son־ dem lediglich ein Begriff ist, der die Summen aller auf der Welt existierenden Völker repräsentiert. Das ist genau so, als wenn jemand sagte: ״Wozu brauche ich die Bäume? — Ich will nur den Wald“. Und wenn du sodann der Ueber- Zeugung bist, daß die Erhebung zum Menschen gerade nur auf dem Wege durch dieses andere Volk, das du für deinen Sohn erwählt hast, und nicht auf dem Wege durch dein eigenes Volk zu erreichen ist, so mußt du erkennen, daß dies ein falscher und dunkler Weg ist. Merke mir, was aus deinem Sohne, dessen Wohl und Glück du außerhalb seines Volkes suchtest, geworden ist! Wo ist sein Glück? Wo seine Freude? Er wurzelt in seinem Volke, das andere Volk kann ihn nicht fesseln, und er hängt an einem schwachen Faden, und seine Welt ist verdunkelt, seit dem Tage, an dem er sein eigenes Volk ver• bergen mußte. Knaben seines Alters, die in ihrem Volke wurzelnd aufwachsen,, aus dem Borne Israels trinken, wird eine Fülle von Herrlichkeiten zuteil, und die schönen Erinnerungen an die vielen Gebräuche und Ereignisse im Leben der Familie und Gemeinde, welche aus den Tagen ihrer Kindheit stammen, begleiten sie in den Fährlichkciten des Lebens bis in das Greisen, alter. Erinnere dich deiner Jugend, erinnere dich des Pcssachfestes im Eltcmhause. Ein Hauch von Schönheit und Anmut umschwebte da jegliches Ding — den Tisch, die Geräte, den Vater, die Mutter, die Kinder bei ihrem Tische, und du saßest da von überqucllcnder Freude erfüllt. Erinnere dich, wie du dich an den anderen Festen freutest und wie viel Wonne jedes zu seiner Zeit dir brachte. Jetzt . . . jetzt entweihst