Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 56. IUEDISCHE RUNDSCHAU No. 5. hatten beanspruchen dürfen, so gar nichts übrig hatte. Italien Der Gemeinderat von San Remo hat auf Detreiben des dortigen Ticrschutzvcreins die Schechlta auf dem Gcnichulcgehtctc verboten. Auf Intervention des jüdischen Advokaten Otlolcnglii aus Acqui beim Minister des Innern wurde jedoch das Verbot mit Rücksicht auf seine unhaltbare Begründung aufgehoben. TürkeI Im Aufträge der türkischen Regierung hat der ottomanischc Botschafter in Berlin, Exzellenz Osman Nisami Pascha, dem Präsidenten der?Jionisi/schcn Organisation, Herrn David Wolf’fsoll 11, den besten Dank der Regierung für die Beteiligung der zionistischen Pinanzinslltute au dem Werke der ifedscliasbalm übermittelt. Rumänien ln diesem Lande sind bezüglich der Juden die politischen Begrifie auf den Kopf gestellt. Die ,.Lilieralcn" sind die wütendesten und lautesten Antiscmite״, so datt ihnen gegenüber die Konservativen vom iiidlAchoii Standpunkte aus als das ״kleinere IJebcl" gelten, Und daher werden in manchen jitdiselten Kreisen gewisse Hoffnungen geknüpft an die Uebernahme der Regierung durch den greisen knnservativen Pülircr Carp. Man erinnert namentlich daran, daß der neue Ministerpräsident vor dreißig Jahten der rumünischcn Regierung z.uricf: ״Hutweder gebet den Juden Bürgerrechte, oder ertrünket sie alle auf einmal!" Carji ist in der Tat als hochgebildeter humnncr Mann bekannt. Hs ist aber kaum zu erwarten, daß dieser Fünhiiidslebzlgjnhrlgc, der von seiner Partei mehr geleitet als Leiter ist, wirklieh zugunsten der Juden etwas tun wird. Im besten Halle werden wührend seiner Rcgicrungszeit keine neuen Beschränkungen der ״Prämien“ cintrctcn. Galizien Trotzdem die galizischcn Behörden jeden Juden, der cs wagt, sielt hei der Volkszählung wahrheilsgemäß zur jüdischen Umgangssprache zu bekennen, in der unerhörtesten Weise drangsalieren, Italien viele Tausende Juden aller Berufe die Rubrik Umgangssprache mit dem Vermerk ״Jüdisch“ ausgcfiillt. Dem Rabbiner (iedalja Schmclkcs in Przcmvsl. der ebenfalls ...liidisch" als seine Umgangssprache angali, wurde deswegen eine Geldbuße von 10׳ Kronen auferlegt. Der Rabbiner verweigerte jedoch die Zahlung der Bulle und erklärte, lieber eine P r e i 11 c i t s t r a f c erleiden zu wollen. Diesem Beispiele werden zweifellos viele Hunderte und Tausende folgen. Man wird also das merkwürdige Schauspiel erleben, daß m Galizien Tausende von Juden wegen einer nach bestem Wissen und Gewissen abgegebenen wahrheitsgetreuen Hrklärung — verhaftet werden. Der gallzischc Landcsausschuß und die jüdischen Bildangsanslallcn Aus Lemberg schreibt man der ״N. J. K.״: Trotz der Versicherungen der polnischen Machtliabcr, daß die luden Galiziens Polen seien und daß sic ihnen nahe ständen, hat der Landesausschuß in diesem Jahre die jüdischen Bildungsinstituto mit rund 3200 Kronen bedacht, das heißt: nicht einmal mit 1 Prozent der für Bildtingszwcckc bestimmten Gesamtsummc von 293(100 Kronen. Dabei bilden die Juden in Galizien 12 Prozent der Gcsamtbcvölkcrung. Russland Wie uns unser Pet ersburger Korrespondent mittcilt, ist dieser Tage ein Führer der Warschauer jüdischen Gemeinde in Petersburg cingctroffcn, um an das Ministerium des Innern folgendes Gesuch zu richten: Sollte jemand aus Warschau die Präge wcgen einer Herabsetzung des Wahlzcnsns für die jüdische Gemeinde anregen, so möge das Ministerium seine Zustimmung hierzu versagen, um die demokratischen Klcmcntc nicht zu einem größeren Rinfluß in der Gemeindeverwaltung gelangen zu lassen. Das Vorgehen des assimilatorischen Führers, der sicherlieh nicht bloß auf eigene Veranlassung gehandelt• hat, bedarf keines weiteren Kommentars. . Amerika Präsiden! Taf! gegen die Immigration Hatten manche bisher angenommen, der Hanh- und Arbcftsmlnistcr Mr. Nagel und Mr. iliianv Williams seien die Hauptlrügcr der imerationsfeindiiehen Politik in Amerika, so ist es 2t aller Welt offenbar geworden, daß die Ge- >nntcn lcdigßch di־ VoUsWKkcr Mh־r־» illens, Werkzeuge in der Hand des Präsidenten der Vereinigten Staaten sind. Gleich nach seiner Wahl zum Präsidenten setzte Mr. Taft den von Mr. Rooscvclt seines Amtes auf Kllis Island enthobenen Immigratloncommlssionar Williams wieder in Amt und Würden ein. Alle gegen die rigorose Strenge dieses Beamten erhobenen Besehwerden., alle Versprechungen des Präsidenten! selbst, den Mißständen abziihcUcn, sind ohne jede Folge geblichen Mr. Taft besuchte persönlich Ullis Island und erklärte -־« Mr. Williams' Handlungswci.se für durchaus gerechtfertigt. Dies drückte der Präsident nun mit besonderer Deutlichkeit nochmals aus gegenüber einer Deputation des fremdsprachigen Preßverbandes in Amerika. Kr betonte dabei, daß er mit den von Mr. Williams im Hin- Verständnis mit dem Minister Nagel getroffenen Maßnahmen in jeder Hinsicht zufrieden sei. (Als Präsident müsse er die immigrationsfeindlichen Strömungen im Lande berücksichtigen. Aus seinen Aeiißcrungen ging klar hervor, daß er, der!,räsident Taft, selbst gegen Kinwamlcrungsfrciltcit ist. Seine Acttßeritngen haben in der amerikanischen J uücnficit einen dcpirinticrendcn Hindruck gemacht und die Krkenntnis hervorgerttfen, daß nicht die mindeste Hcscrung In der Behandlung der jlidisehen Hinwauderer zu erwarten ist, solange Mr. Taft Präsident der Vereinigten Stauten bleibt. PALAeSTINA-RUNDSCHAU Fortbildung der hebräischen Sprache in Palästina Dreißig Jahre sind bereits dahingegangen, seit Ben-Jelimla die Parole der Belebung der hebräischen Sprache gegeben hat. Die Lehrer waren die ersten, die ihm Gefolgschaft leisteten und seiner Idee zum Teil mit großen Opfern zum Siege vcrhalfen. Bei diesem Versuche stellte sich ledoch bald heraus, daß der vorhandene Wortschatz, der ja zumeist der litcrarisehen Sprache entnommen wurde, für die Umgangs• spräche hei weitem nicht ausroichte. Mau ging daher bald an die Fortbildung der Sprache, indem man einerseits eine Reihe von Wörtern, über deren eigentlichen Sinn man sich nicht einigen konnte, als Benennungen für gewisse neue Begrilfe und Gegenstände festlegte. Andererseits scheute man sich auch nicht vor Neubildungen, die in zahlreichen Füllen prägnant mul gelungen, vielfach jedoch Mißbildungen sind. Um nun in dieses für die Zukunft unserer Sprache so wichtige Gebiet System hincinzutragcn, hat sich ein Komitee von Philologen und Lehrern gebildet, das ans folgenden Herren zusammengesetzt ist: Ben- Jeluidn. Or. Tortscl1> ncr (Lehrer am Gymnasium in Jerusalem). Jcllin, Dr. Maslc, Dr. Rabin, Lipschilfz, Suta, Mcjiichas und Pincs. ln Jaffa hat sich bereits ein Subkomitee aus folgenden Herren gebildet: Safir, Rabbiuowit/., Dr. Metmann, Kritscltewsky, Guttmann und llarari. Vor einiger Zeit ging durch die lokale Presse eine Mitteilung, daß die Regierung ein palästinisches Museum in Jerusalem zu schaffen gedenkt und zu diesem Behufc die in Konstantinopcl aufbewahrten antiken l'mule hcrschieken wird. Indessen dürfte bis zur Verwirklichung dieses Planes noch eine längere Zeit verstreichen. Inzwischen schreiten jetlocli die Vorbereitungen zur Ausgestaltung des am Ikzalel bestehenden Jüdischen Museums vorwärts. Insbesondere Imt sich in dieser Richtung der junge Zoologe Almrony, der über .seine Hxpeditionen in der Wüste in der Palästina-Nummer der ״Welt" sich verbreitet hat. sehr verdient gemacht. Als erste Frucht dieser Kxpedition hat er dieser Tage dem Bezalel 350 Exemplare verschiedener palästincnsischer Vögel und 15 Arten von Säugetieren übergeben. * Die Bibliothek des verstorbenen Barons Günzburg Im Jerusalemer ״Hnor“ richtet Rlicscr Ben- Je hu da in einem längeren Aulsatz an alle Zionsfreunde und Verehrer der jüdischen Literatur und Wissenschaft die Aufforderung, die kostbare Bücher- Sammlung des kürzlich in Petersburg verstorbenen Barons David Günzburg für die jüdische Nationalbibliothck in Jerusalem zu erwerben. Die erforderlichen Geldmittel könnten nach Ansicht Ben-Jeliudas durch Beihilfen der vorscliiedcnen Palästinnorgnnisatloncn sowie durch eine im grollen Stile einzulcitcndc Sammlung aufgebracht werden. Kino ähnliche wertvolle Biichcrsammlung, die Tausende der seltensten jüdischen Drucke und Handschriften enthielt, die sogenannte Pried- I a n d i a n a in Petersburg, ist vor Jahren dem jfldi* sehen Volke dadurch verloren gegangen, daß der Besitzer sie testamentarisch der Kaiserlichen Bibliothek in St. Petersburg hinterlicß. Es müsse nun unter allen Umständen vermieden werden, daß auch die Gilnzburgsche Bücherei in nlchtjildischcn Besitz gerate, anstatt in der Jerusalemer Nationalbibliothck, der einzigen Stätte, wo sie hiugcliüre, aufbewahrt zu werden. Inzwischen wird aus Berlin gemeldet, daß Herr Jakob Schiff aus New York mit der Witwe Baron Gilnzburgs wegen des Ankaufs der Bibliothek für ein amerikanisches wissenschaftliches Institut in Unterhandhmg getreten sei. Angeblich soll Herr Schilf eine Million Rubel für die Sammlung geboten haben. Kegen ln Palästina Nachdem die Not infolge des Rcgemitangcls aufs höchste gestiegen war, ging endlich Freitag, den 13. und Samstag, den M. v. Mts. ein ausgiebiger Regen nieder, der die Zisternen wieder füllte und der unerträglichen Trinkwasscruot ein Hude machte. Der Preis für Wasser hatte bereits eine für die ärmeren Bevölkerungskreise unerschwingliche Höhe erreicht, und auch sonstige Lebensmittel waren infolge des Rcgcnmangcls immer teurer geworden. Für die Lanwirtschaft bedeutet der jüngste Regen ebenfalls eine Erlösung, da der Ackerboden im ganzen Lande vollständig verdorrt war und man für die nächste Ernte die schlimmsten Folgen befürchtet hatte. * Die Redaktion der in Warschau in jüdischer Sprache erscheinenden Tageseztiung ״Ha int" veranstaltct eine Gesellschaftsreise nach Palästina, an der auch zehn Abonnenten dieser Zeitung, die zu diesem Zwecke n'isgclost worden sind, u n c 111 g e 11lieh tciluchincn werden. Die Gesellschaft wird die Reise am 22 .Februar d. Js. nntreton. Auch drei Redaktionsmitgliedcr des ״ilaint" werden die Reise mitmachen und sic in ihrer Zeitung in einer Reihe von Feuilletons und Reisebriefen sowie täglichen telegraphischen Nachrichten beschreiben. Für Anfang des nächsten Jahres plant der ״Haint" eine zweite P a I ii s t i n a g e s c 11 s c 11 a f t s r c I s e, an der ebenfalls eine Anzahl auszulosender Abonnenten untcngeltlich bezw. zu außerordentlich ermäßigten Preisen tcilnelimcn wird. Die vom inforniationsbureau für Wien arrangierte Palästlna-Relsc wird am 23. März d. Js. gemeinsam in Triest nngetreten. Am' dem Schüfe wird koschere Kost verabreicht werden. Die Sehiffsprcisc von Triest nach Jaffa und retour mit dem Hildampfcr hetragen für 1. Klasse Frs. 59(1,10, II. Klasse Frs. *101,10, HI. Klasse Frs. loö, ■, IV. Klasse Verdeck ohne Verpflcgung Frs. HO,—. Die definitive Reservierung der Stiiiffsplätzc erfolgt erst nach Kinsendung eines Fünftels des einfachen Passagierpreises. Der letzte Zeitpunkt für die Anmeldung ist der 15 Februar 11. J. Ausführliche Prospekte versendet das Inioriiiallous• hureaii für Palästina und die Türkei Wien, IX, Türkenstraßc 9. _ ZIONISTISCHE BEWEGUNG Agllallonsrciscn des Parteisekretärs Elberfeld. Fs ist wohl nicht übertrieben, wenn inan sagt, daß das jüdische Leben Klhcrfckls in diesein Winter unter dem Zeichen des Zionismus stellt. Nicht sowohl darin drückt sich diese Tatsache aas. daß 3 imposante öffentliche Versammlungen von der Zionistischen Ortsgruppe Ivrln abgclialtcn wurden als darin, daß die zionistische Bewegung im Mittel- Punkt jüdischer Debatten steht, daß unsere Stammesgenossen gezwungen sind, über die Jmlenfragc nachzudenken und daß auf diese Weise notgedrungen mancher zu der allein möglichen Lösung des Prohlcnts durch den Zionismus gelangt. Unsere Gesinnungsgenossen im Westen Deutschlands haben von jeher einen schweren Stand gehabt. Die körperliche Judennot macht sich den in Westdcutsehland wohnenden Juden höchstens in Gestalt unserer russischen Auswanderer die die große Heer- Straße nach Ungland ziehen mul bei uns mehr oder weniger nur vorübergehend Zuflucht suchen, bemerkbar. Noch weniger verspürt man die völlige Isolicrting in geistiger und gesellschaftlicher Beziehung; man bleibt enter sieh und hält den Asemitismus für erloschenen Antisemitismus. So war es vor zehn Jahren und so ist cs heute. Und doch, gar manches hat sich in dieser Zeit geändert. Wagte man es damals, Männer wie unsere Führer, Wolffsohn und B0dc n 11 c I in c r, mit dem Liede ״Deutschland, Deutschland über alles" nicdcruzschrcicn. so sprach nunmehr unser Partei- Sekretär Herr Kurt B luincn f cid vor viclhundcrtköpfigen Auditorien, die seine zwingende Logik und sein reiches universelles Wissen stundenlang in atemloser Spannung hielt. Interessant war die Zusammensetzung der Vor- Sammlungen. Die erste mit dem Thema: ״Zeit• und Streitfragen im Judentumc“, war relativ gering besucht. Etwa 120 Personen •varen anwesend. Auf Grund stillschweigender Vereinbarung ging ״man" nicht zu der zionistischen Ver- Sammlung. Dann aber propagierte der glänzend vorlaufcnc erste Abend eine ungeheure Stimmung für den zweiten Abend Uber ״Pa^lä s 11 n a als Ein-