Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 5. Eine Ahasver-Novelle Vor Wen Juden Irin die ZwIcsDältiiekcil seines Wesens und zwingt ihn zur inneren AuseinandersetzuiiK mit dem Jüdischen Problem. Hs beschall!«! den Hinzeinen, Je nach seiner geistigen Veranlagung dauernder oder vorübergehender, tiefer oder oberjliichiichcr. Unter den Werken der Dichter jüdischer Abstammung lindet sich daher 01t zumindest eines, das sich mit der jüdischen Präge — gleichviel in' weicher Pom! — befallt. Die einen haben den Wunsch, die Lösung, welche sie •lern Jüdischen Problem erdacht haben, dichterisch zu gestalten. Andere reizt eher das Stoffliche zum Schaden. Wieder andere kiimpfen — bewulit oder unbewußt — mit ihrem Judentum, das ihnen zu Zeilen auf der Seele lastet wie ein drückender Alp; und sie vermögen sich nur zu befreien durch den Vorsuch, ihrem seelischen Kmpfinden dichterischen Aus• druck zu geben. So entstehen Jene Werke, deren Verfasser — ohne irgendwie Stellung zu nehmen heiii'iht sind, das A 11 a 8 v c r g c f II h I der ei ge* ״ en Seele in ihre Dichtung ciiizufangcn und zu bannen. Zu den Werken dieser Art gebürt Max iIochd0rf's Novelle ״Die Heiden der Si• in oni" in dem gieiclibctitelteii, drei Novellen enthnl• lenden Hamlc (erschienen bei Axel Juncker Verlag, Hcrlin-Cbnrlottenburg 191(1), Der alte Vater der Oesehwister Simoni verkür* nert den gejagten Ahasver. Hphralni Simoni mul! Zeuge sein, wie der eigene Sohn und die ׳jignr.c Toelilcr ilnn und dem allen (Hauben entfremdet werden, Seine Jtidcnseelc hfiiimt sich in Grimm mul Hali gegen die Verfolger, und dieser Hali nimmt gräßliche Gestalt an in den Werken, die der alte Glashiiiser formt. ״Da waren Kreuze mifgereilii. an die ekelhafte mul tnigesiuile Tiere geheftet waren Da stand eine Htlste auf einem Sockel, deren Kopf ein zartes, fcingcsclmittenes Miinnerantlitz dar* Mellte. Heilige Augen hatte dieser Milimcrkopf, ein Kranz schwebte über den Haaren wie eine Sonnen• kröne. Aber In den Sockel waren unflätig versebluu• gelte Heiber gezeichnet." Solcher Art sind die Figuren, welche die breiten Regale der Werkstatt füllen. In tiefster Ueher׳eugnng aber trügt es Hphraim Simoni in der Driist: .sic glauben, daß Gott ihm in seine Arme genoiii• men hat. als er unterstanden Ist Hs ist nicht wahr, Rahcl, als er hinaufkain zum liehen Gott, dieser Heiland. als er an die Tt'lr des Paradieses geklopft hat, dieser Gekreuzigte, den sic den Weltcrlüser neunen, da hat ihn Oott bei den Haaren herbeigezogen, da hat er ihn verhöhnt, weil er ein Betrüger gewesen ist.־‘ Hs ist Ostern, Lichte Frfihliiigssoimc allerorten. Nur in die dumpfe dunkle Werkstatt Hphraim •Simoni's dringt kein silller Ton, kein Glilckslaut. Da er* füllt plötzlich brausendes Geräusch die' Luft und kommt näher und näher. Steinwürfe zerschmettern die Fenster, eine Mensehenmasse dringt gewaltsam herein: Drohend verlangt man von dem ahnungs־ losen Simoni die Herausgabe des kleinen Johannes Vargas, der morgens mit des Juden Sohn fortging und bis zur Stunde nicht zurück ist. Hinein alten Priester gelingt es schließlich, die aufgeregten Mensehen zu beruhigen, Hhe der Abend zur Neige geht, sind die Knaben heiingckehrt und die Volkswut schwindet so rasch als sic hervorgebrochen war. Hphraim Simoni aber bricht unter dein Haß, der ilm umgibt, zusammen. Seine Kräfte sind zerfulhn« seine Knochen morsch, er unterliegt im Kampfe. Dem Schicksal cntgcgcnzustcucrn ist sein letzter F.nt- Schluß. ״Das ist ia verboten, da» ein Mensch selber Hand an steh legt, daß er etwa dem Atem die Wege abschneidet oder den Kopf unter die Gewässer steckt. Aber dem Geschick so lange entgegenzupilgern, bis cs die Erlösung gib; das ist nicht Sünde." So rudert er auf das weite Meer hinaus .... Wührend der Nachen noch in der Brandung schaukelt, legen feindliche Hände Feuer an das Haus der Simoni. Bruder und Schwester stehen ratlos vor den Trümmern; Ahasver setzt seine Wanderung fort. Die IcidgcquäUc indische Seele hat in Max Hoch* dorfs Erzählung durch die reife Kunst des Dichters eine tiefe, ergreifende Splegelung erfahren. Es liegt eigene Art In der Gestaltung der Novelle, die von einer bald ln helle Ferne deutenden, bald mystische Grenzen streifenden Phantasie getragen und durch die wundervoll getönte Sprache In Ihrer Schönheit noch gehoben wird, , .. . ... Freilich: Ahasver wohnt längst nicht mehr n allen Jüdischen Seelen. Wann aber wird die letzte Ahasverdichtung geschallen werden? JUJDJ..SC H E R UND S C H A U. Seite 55. ין <י־£׳ Hermann Blumenthals ״Jünglingsjahre“ ״J ü n g 11 n g s j a h r c" von Her m u 11 n D1 u - mcnthal (erschienen im ״Jüdischen Verlag" Köln und Leipzig 1910) ist der Schluüband von des Verfassers Romantrllogie ״Der Weg der Jugend". Volle flitil Jahre hat Winnenthal, wie er In einer Notiz angibt, an diesem Romaneyklus gearbeite*, eine bedeutende Spanne Zelt für die an Uiulang recht schnullen Hände. Aber die ganze Anlage des Werkes, welches keinen Roman Im üblichen Sinne darstellt, lällt ein langsames Entstehen begreiflich erscheinen. Mit einer jener (cincmpfundeiicn Szenen, an welchen die drei Romane sehr reich sind, hatte der zweite Band geschlossen, der des Jungen Dawid Segenreichs Schuljahre schilderte. Dawid kommt von dem Begräbnis Jakob Segenreichs zurück. Ein guter Freund war ihm der Onkel gewesen und er mag seinen Tod nicht begreifen. ״Aus der nahen Annaschule strömten die Kinder auf die Gasse. Vom Bahnhof kamen die Droschken schnell liintcrciii• ander . . . Juden in langen Kaftanen, Bauern und Weiner mit ihren Körben, stielten und drängten einander . . . Die Pferdebahnen klingelten, die Kirclicnglockeii läuteten — und die Sonne schien . . . Hs wur ullcs wie sonst - ullcs wie sonst — nur Onkel Jakol» war tot," Eine Lebensstiltzc Ist dem unglücklichen Jüngling genommen und sein mit Dorngvstrüpp beladener Lebensweg nähert sielt mehr und mehr dem Hude. Schic geistige Entwicklung nimmt einen kleinen Anflug. Hr lernt zwei junge Menschen kennen, denen er sich in Freundschaft uuselilielit, Sie führen ilm in die Lehren des Sozia- IImiius ein, dessen eifriger Bekenner er ulsluild wird. In einem jüdischen Diskiitlerklub begegnet Segenreich zum ersten Male den Problemen des Zionismus. Anfangs mag er, beeinflußt von den assimilatorischen Ideen seines Freundes Schatz nichts von einem nalioiialen Zusammenschluß der Juden wissen; nur allmählich reift in ihm das Verstehen, aber zur wahren Erkenntnis gelangt er nicht. Schwere Hrotsorgeit schieben sieb in den Vordergrund und lassen alle anderen Interessen znrücktretcii. . Das Geschäfts־ haus,,In welchem Dawid als Gehilfe tätig war, liiiuiliiert. I'.r versucht sich in der Schriftstcllerei, aber seine Bemühungen bringen ihm keine Früchte; seine Unfähigkeit tritt bald zu Tag«. Inzwischen hat Segenreich das militärpflichtige Alter erreicht. Kr wird nngeworben und jetzt zieht das Leben seinem Schicksal eine Grenze: er stirbt den Tod eines Märtyrers. P.ln kurzes Aufleuchten noch. Dawid, der zeit seines Lebens ein in sicli gekehrter Mensch gewesen war und die warmen Wellen der Liebe stets heiß ersehnt, aber nie um sich gefühlt hatte, lernt, als er das letzte Mal vor Antritt des Heeresdienstes im Kltcrnhnnsc wellt, ein Mädchen kennen, das ihm Ihre Zuneigung schenkt; zu sonnigen Träumen werden ihm die kurzen Stunden, die er in des Mädchens Gesellschaft verbringen darf. Dann kommt er in die Kaserne und den Anforderungen, die hier an ihn gestellt werden, ist der geistig riickgratlosc und körperlich schwache Mcnscli nicht gewachsen: in einem Anfall dumpfer Verzweiflung stürzt er sich vom Dache der Kaserne auf den Hof ... Hin Wort Lermantoff’s hat Blumcnthul als Motto vor seine Romantrilogie gesetzt: .Die Geschichte einer Seele, und sei es auch die der unbedeutendsten Seele Ist vielleicht interssanter und nützlicher als die Geschichte eines ganzen Volkes..." Man geht daher fehl In der Annahme, daß cs in des Dichters Absicht gelegen habe, einen fiir unsere Zeit typischen jüdischen Entwicklungsgang zu schildern. Das Lcbcnsschicksal des jungen Segens reich ist in seiner Einfachheit allzu individuell, äußerlich zu begrenzt, zu gering kompliziert, um als typisch gewertet zu werden. Freilich in psychologischer Hinsicht ist ״Der Weg der Jugend" dennoch ein moderner jüdischer Roman, weil er das Seelenleben eines Teiles unserer Jungen Juden In klarer Schärfe widcrspicgelt. Der Autor steht nicht über seinem Werk. Das gereicht künstlerisch dem Roman zum Nachteil, erhöht aber den Reiz des Buches, das sich liest wie die schlichte Niederschrift eigener Erlebnisse, durchwirkt mit einer Anzahl Oedichten in Prosa. Was um den jungen Träumer aus Palcchov vorgeht, Ist mit schnellen Strichen sklzziert und wirkt meist schemenhaft; nur hier und da finden sich Ansätze zu knapper sicherer Charak• tcrislcrung der Umwelt, Die stillen Inneren Er• I c b n 18 8 0 des jungen Juden! seine Qualen und Martern wie seine zagen Träume und Glückscmp• flndungen sind Indos meisterlich wiedergegeben, In den drei Büchern, die von dem Leben Dawid Scgcnrcichs berichten, hat' keine reichproduktive Natur aus gelulltem Horn geschöpft und keine behaglichc Erzülilcrkunst lockt zu beschaulichem Verwellen. Den ״Weg der Jugend" hat ein Dichter geschrieben, der sich seine Aufzeichnungen Stück für Stück von der Seele gerungen hat. So kam ein Werk zustande, das der Masse nicht Unter- Imltung bietet, den Wenigen aber in seiner herben Zartheit innigen Genuß bereiten wird. L. L. Bücherbesprechungen Agnes Ilnrder, Ruhe! Buldbcrclt. Verlag C. A. Stfhwctzkc & Sohn. Eine starke Wcibcsseclc in ihrer Entwicklung und in ihrem Ring?!! wird von der Verfasserin scharf und umrissen gezeichnet. Wir sehen in die leidende Psyche des Kindes, hören aus des jungen Mädchens Munde selbst seine durch die wüste Umgobung gewonnene Lcbcnsanschauung: ״Was sollte ich den Tod fürchten, ich fürchte ja nicht das Leben!" Wir leiden nach dem Tode des Vaters, des herabgekommenen Trinkers, in einer anderen Umgebung alle ilire Kämpfe um ihr edles Selbst, um ihr Lebensglück mit, nachdem ihr heißes, wildes Blut sic auf Wege geführt hat, die ihr tiefes Licbcsvcrlungcn, ihre Leidenschaft für recht hielten. Und wie die Konsequenz ihrer zur Klarheit gereiften Persönlich• heit klingt der Schluß aus, der sie den Tod mit Lächeln suchen lällt, um in ihrer und damit ln des geliebten Mannes Zukunft nicht die Schatten der Vergangenheit als furchtharcn Druck zu fühlen, ln klarer, knapper Form schildert die Verfasserin dieses eigenartige Fraucnlelieii, wahres Interesse und Ehrfurcht erweckend, B. Martin Herudt, Eheleute. Roman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 5 Mk., geh. fi Mk. Die in diesem Buch geschilderte Frau, eine junge Frau des Berliner Westens, ist begabt, verschwcndcrisch, rci/.haii, sinnlich und, eine temperanicntvolle Jüdin, ruft sic, von ihrem plumpen Manne verwöhnt, aber nicht befriedigt, die Gefühle eines jungen Mannes an. dem sie, als sic Mädchen war, nahesland. Wie sich allmählich der Vorsatz, sielt ihm hinzugebon, v״n der sehen umgangenen Erinnerung zum kühnen Augehören steigert, wie dann die Be- Ziehungen zcrflallcrn, die zcrilattcrndcn entdeckt werden, und sic zu ihrem Mann zuriiekkehrt — das macht den starken Reiz des Buches in seinen An- Hingen aus. Denn diese Rückkehr ist keine endliche. Ihre Oeiiihle, zurückgedämmt, treiben sic stürmischer dem Geliebten zu, und wie sic allmählich diesen schwachen, ängstlich bedachten jungen Menschen zur Ehe bringt, wie diese Ehe der verwöhnten reichen Erau mit dem weltuiigcwaitdtcn jungen Mann in bedrängten Verhältnissen in Trümmer gellt, und sie mit ihrem ersten Mann, der inzwischen Kommerziellrat geworden, nun eine neue, dritte Elte clngcht — diese fiir ein Fraucnlchcn außerordentlichen Ereignisse werden mit einer erstaunlichen seelischen Kraft und intimen Kenntnis des ehelichen Lebens, wie aus den Tiefen lebendig gemacht, vor uns ausgebreitet. Wir sehen das typische Schicksal der meisten Frauen der reichen Kaufmanuswclt vor uns, die sich aus, zugegeben bei vielen nur seelischen, Abenteuern in den Wohlstand, wenn nicht die Ueppigkeit ihrer Ehe zurückrettcn. Erau Susanne S־.crn tut das gleiche, aber ihr Temperament, das dem Buche den Atem und die Spannung gibt, läßt sic erleben, was bei vielen nur ein verhinderter Vorsatz, ein erstickter Wunsch und zugleich ein sinnliches und unsinnliches Abenteuer der Seele bleibt. S. Eingegangene Bücher: ♦Märchen. Von Dr. Max Nordau. Verlag Otto Hendel & Sohn-Halle. 4,50 Mk. ♦Flavlus Josephus Klclncro Schriften• geheftet. Verlag Otto Hendel-Halle. 1,25 Mk., gcb. 1,70 Mk. ♦Ahasvera. Von Hans von Kahlenberg. Vila, Deutsches Vcrlagshaus-Bcrlin. Micha Joseph Uerdyezewsky: Baschirah ubalaschau (Über Poesie und Sprache). Eine Sammlung Essays Hebräisch. ״BibMotliekah Gcdolab'־'. Bd. 37. Verlag ״T u s c h I a h", Warschau. Samuel Roscnloldi R. Israel Salonter. Sein Leben, seine Werke und scino Schüler. (Hebräisch.) ״Blbllothe kah Qcdolah". Bd. 38. Verlag ״T u s c h 1 r h", Warschau.