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Jüdische Rundschau · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 54. JÜDISCHE HUNDSCHAU No. 5. Müdigkeit vollends erschlaffen. Der Geduldigere und Sensible wird in dieser Mühsal des Autors die Kraft finden: zu überzeugen, in dem Wechsel des Auf und Nieder, in• der Mast der Erregung und in der Langsamkeit des von Bedingtheiten Allzubcschwcrtc» spiegelt sielt, der Leidensweg des wahrhaften Schüpfertricbes. Wo in solchem Werk das Pathos aufsteigt, wachst cs auf zu einer erschütternden An• klage, zum. Schrei des zermarterten Herzens, zur Scibstcrlösung aus der Fessel des Leidest Aus dem Stil der Einleitung kann die liebe Tröstung kommen: daß cs in unserm Volk von lauter Talenten und flinken Begabungen — gottlobl — auch ein paar Unbegabte gibt, dio sich quülcn müssen! Um den Ruhm des Journalisten mit den blinken• den Demantlichtern scheint der Verfasser sich frei• lieh nicht gcquült zu haben. Seine Aufgabe hat er sich so schwer wie möglich gemacht: er wollte die in den Einzeldarstellungen vergrabenen sozialpsychologischen Tatsachen, die geschichtlichen Bedingungen, die ökonomischen und soziologischen Voraussetzungen heraushoten, Zusammenstößen und die Unterlage einer historischen Erkenntnis schaffen. Die Ein• leitung ist ein gegliederter Auszug des zweiten Bandes; und cs ist ein peinlicher Widerspruch, den zweiten monographischen Band zu loben und dann zu behaupten, das vorliegende Material sei umso weniger reif, als uns heut noch, die nötige Distanz fehlt, um klar zu sehen.“ Der Kritiker phantasiert dabei ins Blaue hinein, weil er sich an Redensarten von schwächender Trivialität berauscht. Die drei wesentliehen Kapitel der Einleitung lauten: Die Dimensionen der Oktoberpogromc, die russische Bureaukratie und dio Pogromorganisation, Gesellschaftliche Ersebei* nungen in• den Oktoberpogromen. Vielleicht, dull die Zukunft über den Anteil der Bureaukratie an der Organisation des Mordes noch weiteres Schreckensmaterial blcctn wird. Es wird die Darstellung nur erweitern, einzelne Momente pointieren, ein oder das andere Urteil berichtigen helfen. Die Tatsachen aber, welche dio Einleitung aus Zeitungen, Dumavcrhaiul• lungen, Zeugenaussagen, aus der ״Technik" der Pogrome fcststcllcn konnte, werden jedem Versuch der Erschütterung standhalten. Die beiden anderen Kapitel aber können nur dann entwertet werden, wenn der ganze Inhalt der Einzeldarstellungen als wertlos erkannt wird. Nun ist nicht zu leugnen, dal! manche Abhandlungen des zweiten Bandes sich als flüchtige, unsaubere Journalistcnarbeit olme Scheu präsentieren, in deren Mache der Herausgeber mit sichtbarer Mühe versucht hat, wenigstens das vorliegende Tatsachenmaterial hincinzurcttcu: aber die Haupt• orte der Massakres haben• doch eine in allen Teilen erschöpfende Bearbeitung gefunden, ihre Bedeutung liegt in der Verwertung der lebendigen Zeugcnscliaft! Es ist Faselei, hier von ״Distanz" zu reden. Das Gebiet der Oktoberpogromc, die Grolle des Unheils, der materielle Schaden, die Auswanderung als Folge der Metzeleien konnten nur jetzt überblickt werden. Hier kann die Zukunft nicht anders wirken, als um die Dinge die verhüllenden Schleier des Vergessens legen. Wer in der Geschichte freilich herumsiübert, um für vorher gefaßte Meinungen und für seine erstarrte Weltanschauung Tatsachen zusammenzuzerren, wird an der Besonnenheit des Einlcilungsb,indes nicht sein Genüge finden. Wer die zumeist von Sozialisten ge• gebenen Darstellungen der russischen Revolution und ihrer Folgeerscheinungen mit dem Pogrombuch vergleicht, wird den Gegensatz empfinden einer doktrinären Gcschichtsklittcrung und einer aus der Vielheit glcichgcachtctcr Materialien sich ergebenden Erkenntnis. Es darf vielleicht gesagt werden, daß der Verfasser des Einlcitungsbandes in der Scheu vor gültigen Abstraktionen fast zu weit gegangen ist. Man fühlt es wohl, wie sein Pflichtgefühl auch dort wie eine Bremse in den Ablauf der Gedanken ein*־ greift, wo die Tatsachen System und Prinzipien er• keimen ließen und die Hcrlcitung sozial-psycliologischen־ Gesetzmäßigkeit ermöglichten. Dieso Ah• sicht, den Sockel des Tatsächlichen nicht zu ver• Heren, zeichnet dio Abhandlungen des Einlcilungs• bandes vor der Studie aus, welche den Pogromen in Polen gewidmet ist. So wertvoll sic gewiß ist und mit so gutem Rechte sic auch Anerkennung findet, die feste Fundierung der Aufsätze A. Lindens läßt sic vermissen. J. 0 r ii n b a u m hat iiv erster Reihe Zeitungsnotizen verarbeitet und die Sentiments der zeitgenössischen Leitartikler zitiert. Linden steigt zu den primären Quellen herab. Nur bei der Dar• Stellung des Progromprototyps in den achtziger Jahren mußte sich A, Linden 1111 wesentlichen auf literarisch zumeist schon Verarbeitetes stützen. Aber man wird sich der logischen Gliederung der Materie freuen und dankbar sein für die Darstellung der seelischen Wirkung, die jene Tragödien ausgeübt haben. Seit den achtziger Jahren ist dio Gesamtjudenheil zuerst und wuchtig auf das Problem der Auswanderung gedrängt worden. Die Debatten jener Zeit über die Auswanderungsländer, das Erwachen palästinensischer Heimatsehnsucht, die ersten Koloni• sntionsvcrsuchc gehören bedingungslos in eine Ab* liandlimg, welche den Pogrom nicht als äußeres Geschehnis, sondern als nationales Erlebnis begreift. 1111 Gegensatz zu J. M. bodaurc ich, daß A. Linden die psychologische Hcrlcitung der Bilcjtcndcnzciv nur so kursorisch gegeben hat. Das Pogromhuch ist vielleicht die bedeutendste Leistung, die das moderne jüdische Schrifttum hervorgebracht hat. Erschütternd durch den Gegen* stand. Verwurzelnd durch die Erkenntnisse, die sie uns vermittelt. Es ist bedauerlich, daß cs in d'cn beiden Deutsch geschriebenen zionistischen Zeitungen eine sich auffallend ähnelnde, so wenig wohlwollende Kritik gefunden* hat. Bedauerlicher wäre cs, wenn sich ein Zionist — durch solche zionistischen Büchern gegenüber sonst nicht so gestrenge Kritik — um die Belehrung und Vertiefung seiner Anschauungen brächte, die ihm das Pogromwerk willig bietet. Auf den buchhändlcrischcn Erfolg kann das Buch verzichten. Aber cs kann nicht verzichten auf die erziehliche Einwirkung bei denen, die aus der Geschichte lernen müssen. Wer ohne Voreingenommenheit das Werk auf sieh einwirkeu läßt, wird■ die Sorgfalt, den Fleiß, den keine Mühe bleichte, wird die Gewissenhaftigkeit, die auf alle schmöekischen Brillanten verzichtete, dankend anerkennen. Die Dankbarkeit aber ist eine Tugend, an die auch Zionisten zu erinnern gelegentlich gut ist. Theodor Zloctstl. Königsberger Brief Vor kurzem hielt die hiesige ״Llbernlo Vereinigung" eine öffentliche Versammlung ab, in der an Stelle des verhinderten Rabbiner Dr. Samuel- Essen Herr R.-A. Dr. A b ruh n m-Berlin einen Vor• trag hielt. Die wenig in die Tiefe gehenden Ausfiihruugcn des Referenten gipfelten darin, daß die L. V. nur veraltete äußere Formen im jüdischen Gottesdienst ändern, am Wesen des Judentums aber, das in dem Glauben an einen einzigen Gott und im Bekenntnis zum mosaischen Sittengesetz bcstände, nicht rütteln wolle. In der Aufzählung geringfügiger Reformen, wie Verlegung des Sabbathgottesdienstes u. älml., suchte der Vortragende sein Thema zu erschöpfen. Besonders betonte er auch die Toleranz der Liberalen gegenüber Orthodoxen und Positiven, deren Minoritätsrechtc von liberalen Gemeinden in weitherzigster Weise gewahrt würden (I). in der darauf folgenden, überaus angcrcgtea Diskussion wurde von fast allen Rednern den Ausfiihruugcn des Herrn Referenten scharf widersprochcn. Besonders gelang cs I lerrn F e i n s t c i u, der sich zur jüdischen Mittclpartci (Werner-München) rechnet, an der Hand des offiziellen Organs der Liberalen Vereinigung nachzuweisen, daß die Absichten der Liberalen viel weiter gingen, als der Redner in seinem Vorträge hatte zugeben wollen. Nicht nur um Abschaffung veralteter Formen handele cs sich bei den Liberalen, sondern all das, was in Kultus und Ritual ein traditionell geheiligtes Hand um alle Juden schlinge, solle den Reforinbcstrchungen des liberalen Judentums zum Opfer gebracht werden. Dann trat unser Gg. Dr. W. Stein in tempcranientvoller Weise den Ausführungen des Herrn Vortragenden entgegen, indem er zunächst auf die wundcrllcbo Tatsache hinwics, daß wohl ganz unbedeutender Reformen im Vortrage Erwähnung getan worden sei, daß aber Herr R.-A. Abraham unterlassen hatte, wichtige Rcformpläuc der Vereinigung, wie die Gcbclhuchreform, die Abschaffung der Be־ schncidung u. a. zur Diskussion zu stellen. Sehr erfrculicli war cs, daß Dr. Stein die zur Erörterung stehende Frage in ihrer grundsätzlichen Bedcutung behandelte, wobei er den sonderbaren Optimismus der Liberalen ״bewunderte", welche da glauben machen wollen, daß die starke, innerlich ge־ festigte germanische Kulturgcmcinsehaft gerade die Ethik der sonst so verachteten Juden anerkennen werde. Im• übrigen sei die jüdische Ethik heute bereits auch Gemeingut weiterer Kreise geworden und die Bestrebungen der christlichen und moliam־ mcdanischcn Rcligionslibcralcn unterscheiden sich in nichts von denen der ultralihcralcn Juden. Herr Prof. Ellingcr vom Vorstände der L. V. suchte diese zu verteidigen, indem er insbesondere verlangte, daß der jüdische Religionsunterricht der Kinder den 1111• jüdischen Lchcnsvcrhältnisscn der Eltern angepaßt werden müßte, damit keine Kluft zwischen Eltern und Kindern geschaffen würde. -• In vorgerückter Stunde bereits spracli noch unser Dr. Pelz. Er bclontc eingangs seiner Ausführungen gegenüber den Zwischenrufen des unparteiischen ״liberalen" Vor־ sitzenden, der Dr. Pelz' Worte als ״zionistische Mälzeben" zu bezeichnen beliebte, daß er nicht als Zionist, sondern als schlichter Jude und in seiner Eigenschaft als Gcmcindcmitglied das Wort genommen hätte. Schlagend wies er dann nach, daß cs sich bei der L. V. nicht etwa um eine Reform, sondern nur um kleine Konzessionen an das Zeitgemäße handele. Und dieses Zeitgemäße trage heute mehr denn je den Stempel christlicher Kultur. Darum sei eben die L. V. so gefährlich, und deshalb müsse jeder Jude, der die Erhaltung des Judentums gesichert selten möchte, ihr schärfster Gegner sein. Wio wenig Berechtigung diese Reformbewegung habe, beweise auch die Tatsache, daß die Jugend in den Reihen der L. V. nicht zu finden sei, während sic die unserigett fülle. Sonderbar sei auch, daß die geistigen Führer der L. V., die Rabbiner, in der Durchführung der Reformen für ihre Person gar nicht Ernst zu machen suchen, während hingegen die repräsentativen Vertreter der Gemeinden und die liberale Masse sieh bereits den ״zeitgemäßen" Christliehen Lcbcnsgcwolmhciten völlig angepaßt haben. Bei diesem Unterschied zwischen Leben und Lehre könne doch von einer notwendigen Reformbewegung keine Rede sein. Herr Rabb. Dr. Vogelstein glaubte in diesen Worten eine Spitze gegen seine Person erblicken zu müssen und bekannte sich ״grundsätzlich" zu den- Ritual- und Ccrcmonlalgesetzen. Interessant war noch das Schlußwort des Referenten, dessen sachliche Ausführungen so zerpflückt waren, daß er seine ganze Rede zu einer Philippika gegen die bösen Zionisten benutzte, denen er jede Berechtigung zu einer Diskussion in religiösen Dingen absprach. Die Antwort werden wir der L. V. nicht schuldig bleiben. Sic wird uns vielleicht dadurch erschwert werden, daß nach der allgemeinen Ansicht der Versammlung der hiesigen Gruppe der L. V. die Lust zu weiteren PropagandavcranstaJtungcn genommen sein dürfte. ״ AUS ALLER WELT ״ Deutschland Am 31. Januar ist in Berlin im Alter von 67 Jahren der so/.ialdcmokraitschc Rcichstagsabgcordnetc Paul Singer gestorben. Ober die Persönlichkeit dieses hervorragend organisatorisch befähigten Mannes hier etwas zu sagen erübrigt sich. Die Presse seiner Partei und auch die der anderen Parteien Ist dem unermüdlichen Arbeiter für sein Ideal gerecht geworden. Uns bleibt an diesem offenen Grabe nur das Bedauern, daß Singer alle seine Kräfte durchaus in den Dienst der Allgemeinheit stellte und für spezielle Aufgaben, dio wohl einen Teil seines Interesses 3 (Fortsetzung auf Seite 56.) Es Ist in diesen für die Fortentwicklung des Judentums so bedeutsamen Tagen dringend notwendig, dass sich ein jeder, der mit den in diesem Blatte vertretenen Anschauungen übereinstimmt, dem zionistischen Parteivetbände anschlicsst. Dio Anmeldung kann in jedem Falle bei unserer Zentrale oefolgen und wird von dort in den Füllen, wo zionistische Ortsgruppen am Platze sind,. wcltergegcben. AU Mindestbeitrag wird Mk. 6,— (einschliesslich Schekel) im Jahr angesehen. Man schneide diese Aufforderung aus, schreibe Name, Ort und Wohnung sehr deutlich und sende die Anmeldung an das Zionistische Zenfralhureau, Charlolf2niM’g, IcMrsasir. $9 PoBtcheckkonto 8091, Bankkonto: A, H. Heymann & Co., Boriln NW, 7, Unter den Linden 89• Name: . Beruf: ....... Ort:. Strasse:.... Jahresbeitrag (einschliesslich Schekel): t

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