Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No.’ 5. Seite 53. IUEDISCHE RUNDSCHAU Schwindler und werdet cs ewig bleiben. Das liegt ״, euerer Natur. Dazu seid ihr geboren. Ihr habt auch nicht ein׳ bischen Lust zur Arbeit, am aller• xveniKStcn zur Landarbeit. Vom ehrlichen Broterwerbe wißt ihr nichts und wollt ihr nichts wissen Wenn wir euch unser Wohlwollen nicht entziehen 50 nicht ctwtt deshalb, weil ihr es so verdient, sondem weil unsere Güte keine Grenzen hat. Ihr bckl;.Kt euch, da» cs euch so schlecht geht. Dankt Gott dafür. Wollten wir euch nach euerem Werte behandeln, so stünde cs sehr schlecht um euch. Wir lassen aber Gnade vor Recht ergehen, weil ihr unsere Glaubensgenossen seid, wiewohl wir ja so weit von euch entfernt sind, wie der Himmel von der Erde." Diese antisemitischen Anwürfe, die die Kolonisten fortwährend über sich ergehen lassen müssen, vilrdcn keine Erwiderung verdienen, wenn sic nicht von unseren pliilantropischcn Beglückern stammten. Ich will nun die Antwort nicht auf Grund geschiehtlieber Untersuchungen geben. Ich will auch nicht auf Palästina verweisen, wo sich die Juden als gute Landwirte bewährten. Ich übergehe ebenso Nordninerika, wo die Jüdische Farmerbewegung, ohne alle fremde Hilfe, stetig wächst. Einzig und allein auf dem Hmlen der argentinischen Erfahrungen sollen die JCA-Antiscmitcn zum Schweigen gebracht werden. a) Vor allem ist cs eine unbestreitbare Tatsache, dal! die JCA-Kolonicn in den ersten Jahren nach der Gründung einen besseren Eindruck machten als spater, da» erst in den späteren Jahren der Kolonisationsgeist ermattet und die oben beschriebene Apathie und Indolenz cintritt. Lägen die Ursachen der Krisis dort, wo die JCA-Tschinowniks sie zeigen, nämlich im Mcnschcnmatcrial, dann dürften logischer* weise die Zustände nicht schlimmer, sondern besser werden, weil sich ja die Menschen den Verhältnissen immer mehr anpassen. Da aber die Entwicklung in umgekehrter Richtung geht, so müssen die Ursachen unbedingt anderswo zu suchen sein. b) Wie wir sahen, stammt ein beträchtlicher Teil der JCA’schcn Kolonisten aus den jüdischen Kolonien in Siidrußlatid, Und wer hätte den traurigen Mut, diesen Leuten vorzuwerfen, da» sic zur Landwirtschuft nicht taugen, oder da» sic nicht arbeiten wollen. Sic sind ja aus RuKland nur deshalb atu* gewandert, weil sie dort unter unerträglichen Bedingtmgcn leben, und an einem schrecklichen Hodenmangei leiden, der noch viel gröber ist, als derjenige der christlichen Hauern. Sic haben gesunde Muskeln, sic sind von Kindheit auf an die landwirtschaftliche Arbeit gewöhnt, sic arbeiten so emsig wie die Ameisen, Unterscheidet sich nun ihre Lage irgendwie von der der anderen Kolonisten? Gedeihen sic wenigstens? Finden sich nicht bei ihnen alle die charakteristischen Anzeichen der Fäulnis, als da sind: Verarmung, Verschuldung und Flucht in die Städte? O nein, ihre Lage ist genau dieselbe wie bei den anderen Kolonisten. Dieselben Fragen beschäftigen sic wie die anderen. Sic werden von denselben Sorgen gequält wie ihre Genossen, die in der Land- Wirtschaft erst Anfänger sind. Wenn nun schon auch diese Leute der JCA nicht genügen, wird sie wohl mit keiner Menschensorte der Welt etwas erreichen. c) Das Argument, das ich nunmehr anzuführen habe, ist vor allem geeignet, den JCA-I’hilanlropen die Schamröte ins Gesicht zu treiben: F.s gibt näm* lieh in Argentinien jüdische Kolonien auch außer den* jenigen der JCA, und zwar unter nichtjüdischen Privatkapitalistcn. Dies sind: Villa Alba in Zentral- Pampa, nicht weit von Bahia Bianca, Medanos im Süden der Provinz Hucnos-Aircs und Roca am Rio Negro. Die ersten zwei, die ich gut kenne, befinden sich in geradezu glänzender Lage und machen immer mehr Fortschritte. Sic sind nicht aus philantropischcn Gründen, sondern zu kapitalistischen Zwecken ge* gründet w'orden. Die Gründer nützten einfach die Juden ebenso aus, wie sic Leute anderer Nationali* täten cxploitleren. Sic wissen auch nichts davon, da» die Juden eine entartete Menschensorte darstellen, sondern haben, ganz int Gegenteil, das grölltc Vertrauen zu ihnen. Aber auch die Kolonisten seihst sind höchst zufrieden und voll Hoffnung auf die Zukunft. Ist das nun nicht sonderbar, da» die JCA, die zu gemeinnützigen Zwecken arbeitet und von Ihrem Kapital nur 4prozentige Zinsen berechnet, den Kolonisten nicht soviel Wohlstand verschaffen kann, wie sic bei Privatkapitalisten, die 8 Prozent nehmen und nur in eigenem Interesse arbeiten, genießen? Und unser Staunen muß sich geradezu in flammenden Zorn wandeln, wenn wir auch noch erfahren, da» diese glücklichen Menschen früher Kolonisten der JCA waren, die cs bei den sogenannten Wohltaten der jüdischen Phiiantropic nicht aushieltcn und bei christlichen Ausbeutern Schutz suchten und fanden. Sie gehören zu jener großen Zahl von Leuten, die während der ganzen Zeit der JCA-Arbcit Afgc'itinien ,die Farmen im Stiche ließen, nur daß die anderen aus dem Land oder in die Städte zogen, Während sie selbst Ihr Qlück weiter bei der Land- Wirtschaft suchten, ln fünf bis sechs Jahren haben viele von ihnen die Schulden an Ihre Kolonisatoren ausgczahlt, was sic bei der JCA nicht in zwanzig Jahren zusammengebracht hätten. Diese gewesenen JCA-Kolonistcn erklären auch, da» sic um keinen Preis der Welt zur JCA zurückkclircn würden. Sic sind also nicht dank einer augenblicklichen Aufregung von ihr weg, sondern weil sic unter ihr durchaus nicht gedeihen konnten. Und das gilt doch sicherlich auch von den Kolonisten, die bei der JCA verblieben. d) Endlich braucht mau nur das Lehen und Trclbeit in den Kolonien einerseits und in den städtischen Ghetti andererseits zu beobachten, um sich zu überzeugen, da» das Gerede von einer Abneigung der’ Juden gegen die Landwirtschaft die Wahrheit geradezu vergewaltigt. Es kann vielmehr allgemein eine starke Sehnsucht nach der Natur und ein starkes Streben fcstgcstcllt werden, auf dem freien Felde zu arbeiten und sich mit den eigenen Muskeln schwer, aber ehrlich das Stückchen Brot zu verdienen. Wie kann man nur die Stirn haben, Im Tone der Vernehtung von Menschen zu sprechen, die von ungestillten! Bodenhunger aufgezehrt werden und die größten Opfer zu bringen bereit sind, um nur die Möglichkeit zu erhalten, alle Ihre physischen und moralischen Kräfte auf dem Gebiet der Kolonisation zu betätigen und zu entfalten. Wenn wir oben vom häufigen Verlassen der Kolonien sprachen, so war das nicht genau ausgedrückt. Die Unglücklichen ver^ lassen nicht die Kolonien, sondern werden aus ihnen verstoßen, gegen ihren Willen und zu ihrem größten Leidwesen. Wir sahen ja auch, wie groß die Zahl der Familien der Kolonisationskandidatcn, d. h. jener Menschen ist, die jahrelang mit der größten Ungeduld darauf warten, kolonisiert zu werden. Zur Judenfrage in Rumänien. Wie schlecht cs mit den Juden in Rumänien bcstellt ist, ist wohl heute unsern Brüdern in aller Welt bekannt. Wie Vieles wurde nicht schon in Zeitungen und Broschüren »her die traurige, ja verzweifelte Lage unserer Brüder geschrieben, die cs im ״Belgien des Orients" (wie die stolzen Rumänen ihr Land neunen) viel schlimmer haben als im bcnachbarten Rußland. Der Berliner Traktat vom Jahre 1879 sicherte den luden Rumäniens die gleichen Rechte in diesem Ländchen, das damals unter dieser Bedingung dicSelhständigkcit erlangte. Doch anstatt der Rechte, wurden die Juden immer mehr bedrängt und jedwedem menschlichem Recht entraubt. ״Fremde" werden sie in allen Landesgesetzen betitelt, und als solche vom Landaufenthalt ausgeschlossen, vom politischen Leiten gänzlich gestrichen, im Handel mir auf gewisse Zweige beschränkt, von den Schulen du reit Prozcntnorincn und cvschwcrliche Taxen cutfernt, und Verfolgung auf Verfolgung drohen den Juden, die nicht auswandern können, mit der er« barmungsloscsten Vernichtung. Die Juden ertragen ihr schweres und bitteres Schicksal, wie zu jeder Zeit, mit der größten Rosignation und im Innern des Herzens glüht doch noch ein Funke von Hofimmg, ״auf bessere künftige Tage . . ." Wie es nun mit dieser schwachen Hofimmg aussieht, können uns die Worte des bc* rühmten rumänischen Staatsmannes, Herrn Take jonesko, Führer der rumänischen konservativ-demokratisclien Partei, die er dieser Tage gegenüber einer ausländischen Persönlichkeit, die ihn über seine An* ■ächten und Meinung über der Jugendfrage in Rumänien befragte, geäußert hat. Er sagte: ״Die Judenfrage in Rumänien ist eine Unglückliehe, die keine Lösung finden kann. Ich sympathl*;.icrc mit den Juden, aber ich werde, wenn ich die Regierung übernehmen werde, nichts für sic tun. so gut wie kein anderer für sic etwas tun wird. Man kamt!lieht einmal etwas sprechen In dieser Fache. So manche, die es voraussetzen, du» ich ein Judenfrciind wäre, begegnen mir mit folgenden Worten ungefähr: ״ Ich wäre mit Ihnen, denn Ich halte au( sic und auf ihre politischen Ansichten, aber ich kann es nicht, da sic die Juden begünstigen. Diese Ansicht allein verursachte mir schon viel schlechtes. Ich war auch angegriffen und beschuldigt, daß ich die Parlamcntswahlcn mit der Unter- Stützung von jüdischem Oelde betrieben habe, ob•׳ zwar ich Sie auf mein Ehrenwort versichere, daß ich von den Juden keinen Pfennig bekommen habe. Andererseits Ist die Lage der Juden btfi uns eine schreckliche, wenn Sic bedenken, daß ein Mensch, der von Almen und Urahnen hier geboren ist, kann binnen 24 Stunden als Fremder ausgewiesen werden." Also sprach Take Jonesko, der zukünftige Ministerpräsident Rumäniens, der den Juden nicht übelgesinnt Ist; nun können wir einselten, was den Juden In diesem mittelalterlichem Lande bleibt, was Hoffnungen für die Besseimig ihrer himmelschreiend unglücklichen Lage vorhanden sind. Diese Äußerung des großen rumänischen Staatsmanncs« von dem doch etwas erwartet wurde, hat sehr deprimieren׳! im Lager der Juden gewirkt. — Wie cs mit den gewerbetreibenden Juden In Rumänien stellt, ist aus einer offiziellen Mitteilung zu ersehen, in der es beißt. da» infolge der Verordming des Gewcrbegcsctzcs, wonach bei sämtliehen Lieferungen für Staat, Bezirke und Gemeinden, die rumänischen Gewerbetreibenden, selbst bei einer Prelsühersteigung von 5״/׳ des Wertes des Lieferimgen den ״Fremden" vorzuziehen seien, wurden in diesem Jahre, seit der Promulpation dieses Oesetzes schon Lieferungen im Werte von 4 800 0(«) Lei, den ״Fremden" entzogen mul den Rumänen zur Ausfiihruiig Übertragen. Wörtlich heißt es in dieser Mitteilung: ״Dank diesem Gesetze, war cs möglich, aus dem Hause des ״Fremden“ Gewerbetreibenden Brot Im Werte von 4 800 («Hl Lei zu entreißen, und ins Haus der Rumänen liincinzutragcn." So geht man in diesem Lande systematisch zu Werke, den Juden aller Existenz-Möglichkeiten zu bcrauben und 250000 Menschen sind der grausamsten physischen und mul moralischen Vernichtung öffentlieb preisgegeben. A noc hi Ha rote. Noch einmal dasProgrombuch. Die Kritik des Pogromwerkes, welche die ״Jüdische Rundschau" in ihrer Nummer 44 brachte, kann nicht widerspruchslos hingenommen werden. Selbst nicht, wenn sic sich in ihrer grundsätzlichen Auffassung und in ihren wesentlichsten Ergebnissen mit den Ausführungen von A.Coralnik begegnet. Beide Beurteilungen lassen den zweiten Band gelten, der in einer großen Reibe monographischer Darstellungen die Pogromcreignissc der einzelnen Ortschaften zu* sammenfaßt. Von dem einführenden ersten Bande erhalt nur der Aufsatz über die Pogrome in Polen eine besonders aiiszciclmctulc Note. Er trägt nicht den Namen des Herausgebers des Gesamtwerkes, des Verfassers der Einführung, des Leiters dieser uncrhört mühseligen Recherche. Die anderen Aufsätze der Einführung aber, die diesen Namen führen, finden den Beifall nicht. Coralnik vermißt eine auf breite Grundlage gestellte pragmatische Geschichte des Anteils der Juden an der Revolution und die cindringliehe Darstellung der politischen und sozialökonomischcn Situation, die sich aus und nach den Pogromen für die Juden ergab. Die fünf wichtigen und ereignisreichen Jahre seit den Oktobertagen von 1905 hätten wohl einen Ucberblick ermöglicht. Aber trotzdem weiß Coralnik ein Wort der Verzeihung: zeitgenössische Geschichtsschreibung leidet immer an der Begrenztheit des Horizontes, an der Verengtheit und Verzerrtheit des Gesichtsfeldes, weil der Standpunkt in der Tiefe liegt und in seiner Zufälligkeit nicht gerade den umfassenden und die Dinge in der rechten Distanz gebenden Rundblick gewahren mag. Strenger verfährt Dr. J. M. in der ״J. R." Er hätte gern auf den ganzen ersten Hand verzichtet und sein Genüge an einer Einleitung gefunden, die kurz und zusammeufassend Pogrome und Ursachen schildert. Ist aber jede einzelne Abhandlung auch ״nicht schlecht'*, so seien doch fast auf jeder Seite (I) stilistische und logische Mißgriffe zu verzeichnen. Ein geschlossenes Bild hat der Rezensent nicht gefunden. Kein Wunder hei jemand, der glaubt, daß eine, daß seine ״flüchtige Skizzierung des In-!!altes den Mangel an Flüssigkeit der Darstellung leicht erkennen lasse." Heide Urteile, die ich hier wiedergegeben habe, können nicht von Kritikern stammen, die das ganze Werk sorgsam und eindringlich durchgearbcitc׳. Iialicu. Es wäre sonst unmöglich, die Abhängigkeiten der beiden Hände und ihre Inneren Beziehungen so undeutlich zu erkennen. F.s kann zugegeben werden, I daß Journalistische Gewandtheit und Allesköunerci in I diesem Werke keine Triumphe feiern. Gewiß, der Stil ist oft schwer, die Sätze sind iucinaudcrgckcilt; die Folge der Gedanken hüpft weder im Ballctschritt, noch schreitet sic einher im Parademarsch prculfi- | scher Infantcricregimcnter. Man fühlt in jenem Stil, daß ihn nicht die Sclhstsiclicrhcit und die Selbst- ן Zufriedenheit meistert. Sondern das Wenn und Aber eines Ringenden, eines kritisch Gestimmten, dem das Wissen um׳ die Relativität alles Erkannten immer Hedenken und Verschüchterung gibt. Auch dieser Stil hat seine Reize für den stillen Genießer, der in der Struktur von Sätzen Struktur der Seele sucht. Seine Mühsal hat die Kraft zu überzeugen. In der drängenden Fülle d׳tr Nebensätze, die der Hauptsätze Gedankenkern׳ schärfer umgrenzen, dem Wesentlichen feinere Nuanzen geben, die Schwungkraft des Leitmotivs bald hemmen, bald aus seiner Richtung lenken und ein paar Sturzwellen׳ ln eine׳ abseitige ruhende I Ader erregend schleudern: in dieser Stilart mag die