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Jüdische Rundschau · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 52. Judcnhcit hat die Ausfiilirmur jenes Purlameiitsbc- Schlusses gefordert, wenn sic von derselben;weil keine positiven Resultate erwartet. Die erste der• artige Enquete vom lahrc 1890 hatte die schreckliche Judennot in diesem Lande und ihre Ursachen klar und deutlich genug durgelcgt — ohne die mindeste Erleichterung fiir die .Juden zur Police zu haben. ln den seither verflossenen z.wanzig Jahren haben die herrschenden Faktoren dieses Landes alles getan. um die ökonomische Situation der jiidisehen Bevölkerung immer mehr zu verschlechtern und trostloser zu gestalten. Immer mehr wurden die Juden von den staatlichen und städtischen Beamten- Kategorien znrückgedraiigt; der wirtschaftliche Anti• semitismus wird unverhlillt und rücksichtslos he• trieben und erfreut sich der tatkräftigen Förderung seitens der führenden Polenkreisc; das neue Schankgesetz hat weitere dreilligtausend jüdische Seelen brotlos gemacht. Und da sollen nun die Judennot und ihre Ursachen ״erforscht" werden! Die ganze Art, wie die Sache ins Werk gesetzt worden ist. kann nicht den (Hauben an den dabei obwaltenden guten Willen bestärken. Zunächst die jahrelange Hinausschiebung der Enquete. Sodann die Zusammensetzung derselben. Die meisten Experten sind Niclitiudcn. Von den jüdischen Persönlichkeiten, die Dr. Löwcnstcin als Experten Vorschlag. hat der Marschall Graf Hadcni mehrere gestrichen, mit der Bemerkung. dal! er die Enquete nicht zu einem jiidisehen Parlament machen wolle. Die Verhandlungen der Enquete finden unter Ausschluß der Ocffcntlichkeit statt. Eröffnet wurde sie mit einer kurzen Anspräche des Laiulniarsehalls. worauf ihm Dr. Löwen• stein fiir die Veranstaltung der Enquete dankte, ln der ersten Sitzung hielt u. a. Abg. Adolf Stand eine längere Rede, in der er namentlich auf den politischen Druck der Juden als Huuotursaehe ihrer Not hinwies, tmd die mit der Bemerkung schloß: Wir verlangen keine Sonderrechte, denn wir sind die Schwächeren: wir fordern keine Wohltaten und Geschenke, dazu sind wir zu stolz. Was wir verlangen, das ist volle Gleichberechtigung, die nicht allein auf dem Papiere bleibt, sondern auch im Lehen verwirklicht wird. Die Juden als Kolonisationsmaterial Der Leitartikel unserer vorlctz-tcn Nummer befaßte sich mit der Arbeit der ICA in Argentinien und Palästina. Der äußere Anlaß zur Besprechung der dahin gehörigen Fragen war durch ein unlängst im Verlag ״UiliHung" in Stanislau erschienenen Werk von Leon Ch a su n 0 w i t sc h geboten, das den Titel trägt ״Die Krise der jüdischen Kolonisation in Argentinien“ mit der Zuschrift ״Der moralische Bankrott der ICA-Administration" und eine vernichtcndc Kritik des argentinischen Werkes der ICA enthält. Wir vermitteln unseren Lesern im folgenden eines der instruktivsten Kanitcl des Buches und nehmen an, daß seine Lektüre vielfach das Verlangen nach einer näheren Bekanntschaft mit dem ganzen Werke anregen wird. M q 111 u « g e n und Erfahrung« 11. Sind die Juden zur landwirtschaftlichen Arbeit tauglich oder nicht? Begegnet die jüdische Koloni• Der Boxsport bei den Juden. Die ״Jüdische T11 r n z c i t u 11 g“ bringt im ersten Heft ihres zwölften Jahrganges die folgenden interessanten Ausführungen des bekannten Berliner Uoxlchrcrs Joe Edwards: Am 24. Dezember v. Js. fand mi Londoner ״Nationnl Sporting Club“ (Englands vornehmstem Sportklub, welcher hauptsächlich den Boxsport pflegt) einer der schönsten Kämpfe statt, die der englische Amateursport wohl (e gesehen hat. Es ging um den stolzen Titel im Boxen ״Championship of England“, und auffülligcrwcisc — wenigstens für mich — waren beide Bewerber Juden. Mr. Samuel Adler mußte am 24. Dezember seinen Meistcrschaftstitel verteidigen und leider an Mr. Louis Cohn auch verlieren. Sein Trost mag sein, daß nur ein Jude ihm den Titel entreißen konnte. Diese Tatsache vcranlaßtc mich, etwas nachzuforschen, und da fand ich denn, daß ein auffällig großer Prozentsatz der berufsmäßigen und Amateur- Ijoxcr dem jüdischen Qeschlccht augehört. Ich fand, daß die Juden schon in den ersten Tagen des Aufhlühcns des englischen Boxsports solche ruhtncsrcichc Namen wie Lyons (1769). Mcndoga (1792), Bcndigo (1839—1845), Sam Hurst (1860) aufzuwclscn hatten; und heute, wo die edle Kunst der Selbstverteidigung auf einer so hochgradigen Entwicklungsstufe stellt, ist cs nicht anders: die Qcbrüdcr Monte und Abel Attel, ״Jewey" Smitb, Harry Lewis. Willy Lewis und eine lange Liste anderer Namen, die In der Boxsport¬ ,] U E DI SCHERUNDSCHAU No. 5. sation nicht im Menschcnmateriale einem nicht zu beseitigenden Hindernisse? Sind wir Juden nicht etwa vom wichtigsten Gebiete menschlichen Arbcitsfleiitcs, von der Quelle menschlichen Lebens, von der Uruudlage jedes gesunden Volksorganismus für ewig ausgeschlossen? Diese Fragen, die so alt sind wie der Kolonisatümsgedanke seihst in unserer neuesten Geschichte, und die schon längst erledigt sein sollten, muß ich hier von neuem untersuchen. Ich tue cs schweren Herzens, zumal angesichts des JCA-Wcrkes. das bcrufen war, unserem Volke ein stummes, aber unz.weiilciitiges Zeugnis, das Zeugnis der Tatsachen, über seine Koionisationsfäliigkeit nuszustellcn und ihm wenigstens einen Teil jener Achtung wiederzugeben, die es in den Zeiten seines Glückes genoß. Ich hätte diese!•'ragen gar nicht berührt, da ich die Meinung von 11er Untauglichkeit und der Unlust unseres Volkes zur Kolonisation für antisemitisches l.tigcngcrcdc oder für den Ausdruck einer quälcrisclien Sclbstvcraelitimg, die sich leider in uns eingewurzelt hat, halte. Wenn ich doch davon spreche, so nur deshalb, weil die JCA-Lcutc seihst es sind, die den bangen Zweifel aussprechen, oder genauer gesagt, nicht mehr zweifeln, sondern ohne weiteres behaupten, daß in dieser Uniaiiglichkeit die Ursache der argentinischen Mißerfolge liege. Ich glaube nun, daß der Angeklagte immer gehört werden muß, — auch dann, wenn er sich in der Rolle des Anklägers gegen ein Volk gefällt. Doch früher wollen wir noch hören, was die Urheber der argentinischen Kolonisation, Baron Hirsch und Professor Löwenthal, zu diesem Gegenstände sagen. Der letztere, der der erste Oriinder und Direktor der Baron Hirsch'schcn Kolonien war und von dem eigentlich der ganze argentinische Plan herriihrt, hatte die beste Meinung über das Menscl1enmateri.il. Selbst als er seine Stelle verlassen mußte tmd obwohl ihm manche Kolonisten nicht wenig Kränkung verursacht hatten, sprach er sich doch immer im freundlichsten Sinne über die Kolonisten aus. Er er- Klärte, daß sie in Mauricio Arbeitsfähigkeit und Taugiichkeit zur Landwirtschaft in noch höherem Malle bewiesen, als die Christen. Denn, während sich diese oft betrinken und gesehlcchtskrank sind, sodaß 10 bis 14 Prozent der christlichen Einwanderer arbcitsunfähig sind, sind die Juden nüchtern und führen ein reines Familienleben, wodurch bewirkt wird, daß nur ein Prozent nicht zur Arbeit taugt.') Derselbe״ Ansicht war Baron Hirsch. Er meinte, daß die Juden, weit anpassungsfähiger, sich in die fiir sie neuen Verhältnisse der Landwirtschaft leichter einleben und noch bessere Kolonisten als die anderen Nationen liefern können.״) Von diesen guten Meinungen ging der großartige Kolonisationsplan aus. Die Erfahrung widerspricht ihnen nicht, dagegen die JCA. Natürlich nicht die offizielle JCA, denn diese wird nicht milde, den F'leiß und die Tüchtigkeit der Kolonisten zu loben. Es gibt aber außer dieser offiziellen Meinung, die für die Außenwelt in elegantem Französisch gedruckt wird, noch eine inoffizielle oder richtiger eine zweite offizielle, die im groben Deutsch oder Spanisch den Kolonisten selbst gesagt wird. Und diese zweite ') ..llaineliz“ 1892. Nr. 105. •') Ebenda, Nr. 12. Baron Hirsch in einem Interview mit einem Mitarbeiter des ״Eclair". weit einen besonders hervorragenden Ruhm gc- Hießen. Auch in Deutschland war die jüdische Beteiliguitg an diesem Sport, der als gefährlich und roh verschrieen war, und der in der Tat wohl mehr Forileriingen des Mutes, der Zähigkeit und all der Eigenschäften stellt, die den festen Mann kennzeichnen, eine außerordentlich große. Es fiel mir damals, als ich vor fünf Jahren den Boxsport zuerst in Berlin eiuftihric. sofort auf, daß eine Rasse, der man so oft Zimperlichkeit, ja Feigheit (und weiß Gott, was noch alles!) nachsagte, die erste war, den neu cingcfdhrtcn Sport Ucrv.UcU zw begrüßen. Ob die Judea Uber den Boxsport besser informiert waren, oder ob sie mehr von den Eigenschaften besitzen, die wir Christen uns oft bemühen ihnen abzustreiten, mag dahingestellt sein. Jedenfalls zähle ich die Juden zu den gelehrigsten und besten Boxern meines ausgedehnten Schülerkreises. Die Judcnhcit Ist lange Generationen hindurch Verfolgungen ausgesetzt gewesen (und zum Teil vielleicht auch noch heute ausgesctzl), daß hierin eine Ursache für das Interesse zu finden ist, das die Rasse dem Boxsport von jeher cntgcgciibrachtc. Denn das Boxen ist gleichzeitig ein äußerst wohltuender Sport, eine Art der gymnastischen Körperkultur In fesselnder Form, und das wirksamste Mittel der Sclbstvcrteidigung mit den natürlichen Waffen des Menschen — den Fausten. Oft kommen gerade die friediicbendsten Leute in die Lage, sich oder Angehörige übel beleidigen oder gar mißhandeln zu lassen, oder sich mit der wirksamsten, dabei aber stets humanen Naturvvaffc, der Faust, zu verteidigen oder Respekt Meinung ist das gerade Gegenteil der ersten. Wir wollen uns aber einmal beide anliören, - - den Dialog der zwei Seelen, die in der Brust der JCA wohnen. Also: ״Sic (die argentinischen Kolonisten) arbeiten mit Hilfe ihrer erwachsenen Kinder und meistens von jüdischen Arbeitern, die von der Sicherheit des Erwerbs und der Freude, im Milieu der Glaubensgenossen leben, zu können, immer mehr ungezogen werden. Wenn wir bedenken, daß die Mehrheit der Kolonisten mit der Landwirtschaft früher nicht bckumit war. können wir nicht umhin, die Leichtigkeit anzuerkeimcn, mit der sic sieh den Lebensbedinguugen und der Arbeit in Argentinien unpassen, und zu den guten Ergebnissen, die wir in so wenigen Jahren erreichten, zu beglückwünschen”.3) ״Die Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft ist ein neues Problem. Es hatte den Anschein, als ab man sie, wenn sie schon die Freiheit haben wurden, Landwirte zu werden, erst zu diesem Berufe werde fähig machen müssen. Die Probe ist in Palästina tmd in Argentinien gemacht worden. Sie hatten dahin jene Eigenschaften mitgebracht, die mau ihnen nicht hatte wegnehmen können, Intelligenz, Arbcitsflciß, unerschütterliche Ausdauer. Heute sind sie gute Landwirte. Es genügte, ihnen Hoden und Geräte zu geben, damit sie Erfolge haben. Das ist nun nach einer Lehrzeit von kaum einem Viertoljalirhundcit siciicre Tatsache. Das ist ermutigend und erlaubt uns, vorwärts zu gelten. Wir suchen neue Länder iür die Kolonisation . . . Die einzigen Länder, in weichen die Kolonisation unmöglich ist, sind diejenigen, aus welchen unsere Kolonisten kommen. Wissen denn diese Länder nicht, wieviel sie gcwännen, wenn sie ihnen außer der Freiheit auch noeil das Eigentumsrecht, das man ihnen vorenthält, gehen würden? Das ist keine bloß theoretische Behau;)• tung. Sie sollen uns lesen und sielt informieren. Sie würden dann sehen, wieviel sie damit verlieren, daß sie unsere Glaubensgenossen so unmenschlich bchandeln".4) ״Der Erfolg der Einwanderer (in Kanada) verdient erwähnt zu werden, tmd dies umsomehr, als sie ihn ihrer eigene*) Initiative und Ausdauer zu verdanken haben . . . Die Mehrheit von ihnen (der ersten Kolonisten) hatten keine F.xistenzmitlel. Sie brauchten eine außergewöhnliche Energie, um bei der Sache zu bleiben. Um ihre Häuser zu bauen, mußten sic im Winter hei 40 Grad Kälte Holz suchen gehen, das sic 32 Kilometer weit auf dem Rücken trugen. Dann machten sic den Boden urbar. Um inzwischen leben zu können, arbeiteten sic untertags bei anderen“/) Gegen diesen Hymnus, den die eine Seele der JCA durch den Mund ihres Präsidenten. Herrn Nurcissc Leven, oder anderer ihrer Grüßen dem Judentum zu singen nicht aufliört, streitet die zweite Seele. Sie läßt sich von den Lippen der argentinischcn Direktoren, Administratoren und allerlei Mandataren der JCA ungefähr folgendermaßen hören: ״Ihr russischen und rumänischen, iiir unzivilisierten Juden überhaupt seid nicht eines Tausendtels jener Wohltaten würdig, die man so reichlich über euch •') Rapport etc. 1908, Seite (>. 4) Ebenda, Seite 14. ־"*) Derselbe Rapport etc. 1909, Seite IV. ausschüttet. Banküriickcr seid ihr, Krämer. Schnorrer, zu verschaffen. Das Boxen ist also etwa so praktisch für terra firma. wie das Schwimmen cs für das Wasser ist. Wo man im letzteren Pall mit einigen kräftigen Stößen sich über Wasser hält oder ans l.and schwimmt, da müssen uns oft einige sicher plazierte Hiebe von einer gefahrvollen Lage am Lande befreien. Max Reinhardt, der vor einiger Zeit Schalom Asclt’s ״Gott der Rache“ zur Aufführung gebracht hat, hat das Berliner Theatcrpubiikum nunmehr mit einem anderen, uns xvoUl vertrauten Jacyou- Dichter bekannt gemacht. Wir werden auf die Aufführung noch ausführlich zu sprechen kommen und geben im folgenden die Vornotiz der Berliner Zeitungen: Das Deutsche Theater bringt Donnerstag, den 2. Februar, die Uraufführung der vicraktigcn Komödic ״Der Schatz" von David Pinski. Mit diesem Werke gelangt der Dichter, dessen Werke in Amerika vielfach und mit großem Erfolge gespielt werden, zum ersten Male auf einer europäischen Bühne zum Wort. Ein Erstlingswerk des Dichters ״Die Familie Zwi" war von Stanislawski für das künst- Icrischc Theater in Moskau zur Aufiührung angenommen worden, wurde aber von der russischen Zensur verboten. Der Dichter, der in Berlin kein Unbckaimtcr ist, und übrigens auch einen Teil seiner Studicnzcit an der Berliner Universität zubrachtc, bringt in diesem seinem neuesten Werke die Komödie de* Geldes auf die Bühne.

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