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Jüdische Rundschau · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 3. ״ Juden iml s:tr mein das Bedürfnis, im Dculsclilum restlos auf- *mjehen. seine Eigenart aufzugeben." Warum die Juden Deutsche werden sollen? Weil sic nur so eine Heimat bekommen und aus ihrer sozialen Isolierung und von ihrer Deklassierung he-!reit werden können. Gerade jetzt, unter der All• herrscliaft des kapitalistischen Oedankens, den die indische Uccnart verkörpert, erhofft er eine wirk• liehe Assimilation, wenn - die Juden den rechten Willen dazu und die Deutschen das rechte Entgegenk,mimen zeigen sollten. Die Zionisten nennen die Assimilation Selbstmord. ..Nun gut, das Ist sic. freier, freudiger Selbstmord. Denn ich will nicht mehr das Selbst sein, das ich war, ich will dem herrlichen Volke angeboren, in dessen Mitte Ich geboren. Stirb zur rechten Zeit:;t|so lehrt cs Zarathustra. Allzu lange schon haben wir gezaudert." Wie die Juden Deutsche werden können? Durch 'Stärkung der zentrifugalen Kräfte im Judentum, durch eine planmäOig geleitete allgemeine Dezentra• lisatinn. Dem fast ausschließlichen Verkehr der Ju• den untereinander, der ihre Eigenart erhält, muß entgegengewirkt werden. Der Ring, den sic selbst um sieh •egen, muß gesprengt, das geistige Qlictto, in das mc sich selbst cinscltließcn, nicdcrgcrisscn werih n. Das beste Mittel hierzu ist die Mischehe. Un• vre Sölme und Töchter sollen außerhalb der jüdlsehen Gemeinschaft ihre Oatten suchen, und sic werden sic linden, wenn die Geldfrage bei Ihnen keine Rolle spielen wird. Andere Miltcl sind: Verteilung der luden filier die einzelnen Berufe und Klassen, wozu der Verfasser gar bedenkliche und phantasti* sehe Vorschläge macht. ״Auskunftsstellcn müssen gegründet werden, die den einzelnen Berufen zu• fuhren, in denen es wenig oder gar keine Juden gibt. Die zahlreichen Stipendien müssen dazu verwandt werden, den Zugang zu weniger lohnendem Erwerb zu iH'fördcrn." Dje Taufe aus äußerlichen Gründen verwirft der Verfasser entschieden Dagegen kann er cs vor• sichen, wenn Juden im Konflikt zwischen Judentum und Deutschtum zur Taufe schreiten, insofern sic glauben, nur so Ins Deutschtum hincinkommcn zu können. Er hält jedoch den Weg der Taufe vom Standpunkt einer nicht bloß individuellen, sondern sozialen Lösung der Jtidcnfrngc für unzweckmäßig 11ml falsch. Denn was soll aus dem Rest werden? wer wird ihn dem Deutschtum anzunähern suchen, wenn gerade die innerlich deutsch gewordenen Ju* den nusscheiden? Die Deutschen sollten daher die Taufe nicht verlangen, sondern jeden Juden auf sein deutsches Herz hin prüfen. Bestehe er diese Prüfung, dann sollten sic ilm als gleichberechtigt in ihrer Milte atifiiehmcn. Ganz neu Ist es nicht, was uns der Verfasser da erzählt. So ungefähr liat's Walter Rathenau in seinein ״Höit• Israel" auch gemeint. Nur müssen wir anerkennen, daß der Verfasser mit weniger Seihst• vcfülligkcit und fast frei von widerlichem jüdischen Antisemitismus seine Ansichten vorträgt. Anerkennen müssen wir im Zusammenhang damit den sittlichen Ernst, mit dem er, von seinem frcilicli höchst engen und einseitigen Standpunkt aus. die Judenfrage hehandelt. Seine Selbstmordmnnic müssen wir wohl richtiger pathologisch als moralisch beurteilen. in das Gymnasium war für mich ein Freudentajj. ich vergaß all meine Mühe für meinen Sohn, wie viele Umwege ich hatte machen müssen, wie oft mein Antlitz tim seinetwillen erröten mußte, bis ich ihn in ihre Schule brachte — und ich verzieh mir um der Ehre und Freude willen; meine selige Frau dagegen, die nach Weiberart in der Stunde der Freude zu weinen pflegte, vergoß immer Tränen, so oft sie daran dachte, wie viel Schmerz und Leiden jene Freude gekostet hatte. Die Zeit verstrich, und ich merkte, daß das Gesicht meines Sohnes verdrossen wurde, und sein Aussehen sich veränderte. Darüber krankte ich mich — aber einen Grund dafür fand ich weder in seinem körperlichen Zustande noch im Studium. Er war vollkommen gesund und brachte wie früher gute Noten nach Hause. Ich brachte die Sache mit seiner erwachsenden Mannesreife in Zusammenhang, der Zeit, da in dem Menschen eine Veränderung vor sich geht und beruhigte mich. Eines Tages begann nun mein Sohn ver• schiedene Kreuz• und Querfragen an mich zu rrchten: ״Vater, von welchem Volke stammst du?“ — ״Vater, bin ich ein Jude?“ — ״Vater, was ist ein Jude?“ — ״Vater, die Juden essen doch Gänsefett und Zwiebel?“ — und ähnliche Fragen. Ich sah, daß Bruder Esau hier die Hand Daß der Weg, den er zeigt, sehr schwierig Ist, darüber ist sieh der Verfasser nicht Im Unklaren. Er fürchtet sogar, ein Utopist gescholten zu wer* den, und das tnit Recht. Denn die Konsequenzen seines Standpunktes führen zu Unmöglichkeiten, Ver• kehrtheiten und Inneren Widersprüchen aller Art. Er rechnet überall mit irrealen Größen, er postuliert, was nicht verwirklicht und daher kauin ernsthaft diskutiert werden kann. Einige Beispiele haben wir schon bclläulig angeführt. Hier noch einige andere; Die Juden müssen sich durchaus nur als Deutsche fühlen, fordert der Verfasser. Eine lüdischc Politik dürfe cs nicht geben. Die Juden müßten sich, wie über alle Berufen und Klassen, auch über alle poll• tischen Parteien zerstreuen. Auch politisch konscrvative Juden müsse cs gehen, trotz des Tivolipro• gramms. Für die Stellungnahme der Juden dürfen nur seine allgemeine politische Ucbcrzcugpng und sein wirtschaftliches Interesse, nicht die Rücksicht auf den Antisemitismus maßgebend sein .... Sic müssen sich also auch gelegentlich selbst ins Plcisch schneiden. Ein Interesse an ihren ausländischen Blutsbrüdem dürfen die deutschen Juden nicht nehmen, nur insofern die Sorge für Notleidende allgemeine Men• schcnpflicht sei. Daß andere sich aus ״Menschen• Pflicht" wenig um notleidende Juden kümmern und wir Juden also gezwungen sind, uns zu Hilfsaktionen ztisammenzusclilicßcn, stellt der Verfasser nicht in Rechnung. Daß eine fast viertausendjährige Ver• gangenheit uns mit jenen Unglücklichen draußen ver• himlct, daß unsere Menschlichkeit nicht nur, sondern auch unser Blut bei ihrem Elend aufwallcn muß, das sind psychische und moralische Größen, ' die mit einem Mal in Wegfall kommen sollen, seitdem wir in den preußischen Staat und in den deutschen Reichs׳ verband aufgenommen sind. Auch wir deutsche Juden sollen aus deutschem Standpunkt gegen die weitere Einwanderung ost׳ europäischer Juden sein. Sollen wir denn aber eine unterschiedliche Behandlung von Juden und Christen dulden? Daß die Regierung, wie der Verfasser meint, durch das Verbot der Einwanderung unsere Amalgamierung mit der übrigen Bevölkerung mit mehr Erfolg betreiben will, wiegt jenen Schaden doch ganz, gewiß nicht auf. Jede von uns selbst ge duldete Zurücksetzung und Degradierung von Juden bringt uns mir einen großen Schritt weiter zurück von der wirklichen Gleichberechtigung. Der Verfasser weiß, daß die Juden aus leicht er kennbaren Gründen sich mehr und mehr in den Großstädten zusammen drängen, dort fast ausschticß lieh unter sich verkehren, daß sic ferner, wenigstens unter den Verhältnissen der Diaspora, ganz natur gemäß vorwiegend dem Handel sich zunclgcn: und doch will er die zentrifugalen Kräfte mit Erfolg Ins Spiel bringen und so die jüdische Eigenart auf lösen! Die aus Mischehen hervorgehenden Sprößlingc sollen Juden bleiben, damit so um so leichter die Erziehung zum Deutschtum in die Wege geleitet werden könne. Leben wir da noch In der Welt der realen Tatsachen? Oder meint der Verfasser wirk■ lieh, solche Dinge lassen sich durch eine ausgegebeno Parole von irgend einem grünen Tisch nus kontnum• stieren? im Spiele hatte. Und er hatte dem Samen Jakobs das enthüllt, was ihm der Vater vorenthaltcn hatte, und er begann ihm die Bitterkeit des Golus, das Abstoßende seines Geistes und seines Lebens kosten zu lassen. Ich gebrauchte einige Redensarten und begann leeres Stroh zu dreschen; namentlich gab ich meinem Snhn den Rat, daß er sich um diese dummen Reden einfach nicht kümmern möge, und bekräftigte meinen Rat durch Erläuterung der Krylow’schen Fabel vom ״Elefanten und dem bellenden Hunde“. Und daraus zog ich die Lehre, daß ein vemünf• tiger Mensch abseits stehen müsse, gleich jenem Elefanten, der das Gekläffe des bellenden Hundes hörte und darauf nicht reagierte. Wie es schien, hatte diese Predigt des Vaters die Seele des Sohnes nicht beruhigt, denn von Tag zu Tag wuchs sein Kummer, und er mied alle Hausange• hörigen, besonders aber mich, als ob er mir grolle, und saß einsam und allein in seiner Stube. Einmal kam er ganz aufgeregt aus der Schule nach Hause und stürzte in rasender Hast in seine Stube. Meine Frau, die leidend war, lag zu jener Zeit zu Bette in ihrem Zimmer und merkte nichts. Als jedoch die Mittagsstunde gekommen war, und mein Sohn nicht bei Tische erschien, begab ich mich zu ihm und fand ihn auf dem Bette liegend, das Oesicht in den Pol• Aut dem Wege der Eingliederung der Juden ins Deutschtum, den der Verfasser gehen will, bleibt noch immer die Religion als hemmende Schranke zurück. Wie hoch und stark diese Schranke sei, merkt der Verfasser nicht, weil er die jüdische Religion und die mit Ihr innig verschmolzene nationale Tradition nur ganz aus der Perne kennt. Darum weiß und fühlt er auch nicht, wie unerträglich, wie unmöglich seine Einglicdcrungsidcc für den ahnen• und vergangenheitsstolzcn Juden sein muß. Darum weiß und fühlt er persönlich, als traditionsloscr Jude, auch nichts von dem starken Lebenswillen des jüdischen Volkes und von all den Instanzen, die einer Auflösung des Judentums energisch cntgcgcnwirkcn. Und darum fühlt er auch nicht das Bedürfnis, die Judenfrage für alle, nicht nur für die deutschen Juden zu lösen. Es fragt sich nur, was aus den übrigen deutschen Juden würde, wenn er und seinesgleichen sich tauien ließen: er fragt aber nicht, was aus den Juden an• derer Länder werden solle, wenn die deutschen Ju• den sich im Deutschtum auflösten. Hätte er eine irgend ausreichende Kenntnis der jüdischen Volks• sccle und einen lebendigen Zusammenhang mit ihr, was man von ihm als einem geborenen Juden von Rechtswegen erwarten müßte, dann würde er so* fort begreifen, daß seine Lösung der Jtidcnfrage prak• tisch und moralisch unannehmbar ist. Die Deutschen sollen jeden einzelnen Juden auf Herz und Nieten prüfen, ob er würdig sei, als ebenbürtig in ihre Mitte aufgenommen zu werden. Eine utopische Forderung! Der einzelne Jude wird, wenn er nicht ganz Hervorragendes leistet, von der nicht• iiidischcn Welt für die Beurteilung und Behandlung stets ohne weiteres der Gruppe der Juden cingcfügt werden. Kein Appellieren, Lamentieren und Protestieren wird gegen solche Gesetze der Sozial- Psychologie etwas helfen. Damit, daß der Verfasser den Deutschen die Prüfung zur Pflicht macht, wird eine völlig vergebliche Forderung aufgcstcllt, die am Tatbestand selbst nicht das Geringste ändert. Die Juden der Kleinstadt suchen sich den sie beengenden gesellschaftlichen Verhältnissen durch die Flucht in die Großstadt zu entziehen. Der Ver• fasscr nennt das eine Schuld und appelliert an das Gewissen der Fliehenden. Sic sollen in der Klein• Stadt bleiben und sich der Einwirkung ihrer nicht• Iiidischcn Umgehung pflichtgemäß aussetzen! .... Wie wenig Wirkliciikcitssinn verrät doch dieso wunderliche, wahrhaft einzigartige Forderung! Sollen die Armen außer der Unbehaglichkeit und Öde, die sic empfinden, auch noch am Ende Beschämung und Zurückweisung mit in den Kauf nehmen? Fehlt cs denn dafür so ganz und gar an Beispielen? (Fortsetzung folgt.) Die Enquöteüber die Judennot in Galizien Unser Lemberger Korrespondent schreibt uns: Nun ist liier also endlich am 2,1. Januar die noch im Jahre 19ü7 vom galizischca Landtag beselilosscnc Enquete über die Judennot in Galizien zusammengetreten, zu der fast sämtliche 42 cingcla• dene Experten erschienen sind. Die Galizische sicm vergraben. Sofort war mir klar, daß heute ihm etwas Schlimmes zugestoßen war, und tiefes Mitgefühl erfaßte mich. Ich rief seinen Namen — er antwortete nicht. Meine Seele durchwog• ten schmerzvolle Gefühle, als ich ihn so sah. Ich rief seinen Namen zum zweitenmale mit gedämpfter Stimme — und nun wandte er sein Gesicht mir zu. Wie entsetzlich sah er in diesem Augenblicke aus l Sein Gesicht glühte, die Augen waren ein Tränenquell. — Was fehlt dir, mein Sohn? — fragte ich ihn ganz erschüttert. Er seufzte schwer auf und sagte: — Was fragst du mich? Weißt du denn nicht, daß ich unter Feinden lebe? Viel haben sie bis jetzt mich gequält, aber heute schmähten sie mich wegen des Blutgebrauches am Osterfeste. Denn heut haben die Juden, wie sie sagen, Ostern . . . Bei diesen Worten wurde ich ganz irre, die Sprache versagte mir. Sonderbare Empfindungen, Gefühle des Mitleids, der Scham, der Buße und Reue durchwogten gleich Meereswellen meine Brust, und meine Seele wurde von Woge zu Woge in stürmischer Bewegung geschleudert. (Fortsetzung folgt.)

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