Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 50. No. 5. 1 uaj > ische Rundschau — wir dürfen von diesen Leuten verlangen, daß sie sich erst ein Urteil bilden, bevor sie sich von einem hergelaufenen Menschen, den sie nicht kennen, ausfragen lassen. Deshalb be* friedigen uns die mehr oder weniger imverbind* liehen Phrasen, die jene Herren an diejhnen auf* gegebene Adresse nach Konstantinopel sandten, durchaus nicht. Wer nicht Zionist ist, der soll das, und seine Gründe dafür, ruhig sagen — das kann uns nicht schaden. Wir haben aber das Recht, von jedem wohlinformicrten Juden zu verlangen, daß er Herrn Fresco auf seine Fragen kurz und bündig erklärte: Zionismus und Patriotismus stören einander überhaupt nicht; man kann ebenso gut beide wie jeden allein oder keinen von beiden bekennen. Die o 11 o m a n i sehen Juden aber müßten eigentlich im Zionismus den wahren Patriotismus sehen, da er doch alle seine Kräfte zum Besten ihres Landes verwendet, für das er eine Gefahr niemals bilden kann. Herr Fresco müßte das wissen, weiß es wohl auch gut. Zu welchen letzten Zwecken er seine Vcrleumdungskampagne ins Werk setzt, kann hier gleichgültig seih. Daß er mit seiner unbegründeten Denunziation ganz unbcrcchen* baren Schaden stiften konnte, wenn sic noch etwas klüger gemacht worden wäre, bedarf keiner weiteren Ausführung. Einer so verruchten Handlungsweise ist aus jüdischem Stamm nur jene eine Spezies fähig, die Herzt in seinem Essai ״Mauschcl“ so wunderbar gezeichnet hat. Wer erkennt nicht Herrn David Fresco in diesem Typ?- ״Mauschel, nimm Dich in Acht!" Vom Nationalfonds I. Das Ja 11 r 1910. E, C. Der Jahresabschluß des Jüdischen National• fonds für 1910, wie er in No. 3 und 4 der ״Welt" vor* liest, gibt uns Gelegenheit zu einigen Betrachtungen über die Entwicklung und den weiteren Ausbau unseres Voiksschalzcs. Das Gesamtergebnis in 116110 von an* niihernd 456 000 Mark übersteigt, wie wir mit Be* triedigung konstatieren können, das des Vorjahres um rund 50000 Mark —״ ein Resultat, das nm so erfrculichcr ist, als im vorigen Jahre durch zwei nulterordentliche Spenden allein über 50 (MH) Mark dein Nationaltonds zuflossen, während diesmal als aultcrordentlich mir die Spende des Herrn K a )1 a 11 e in Wien mit etwa 20000 Mark zu buchen ist. lnbegriffen sind in der genannten Gesamtsumme die 8500 Mark des dem Nationalfouds letzthin äuge* gliederten Wolffso Im •Fonds und fast 23 (HK) Mark des Gcno's sc ח sch u f t s Fond s, die aus kleineren Beitrügen herrührend, statutengemäß dem Nationalfonds zufließen. — Ehe wir uns Einzelheiten zuwenden, dürfen wir von diesem Gesamtertrag ruhig sagen, daß er der O p f c r f r c u 11 i g k e 11 der Z i o 11 i s t c 11 ein ebenso schönes Zeugnis ausstellt wie der U in s i e 111 und G e w a n d 111 c i t des Kölner II a 11 p t b u r e a u s. Es genügt eigentlich, auf diese noch nie erreichte Summe hinzu• weisen, die von Zionisten in freiwilliger, entsngungsvoller Tätigkeit für eine n der zahlreichen zionistischen Fonds aufgebracht wurde, um alles Gerede über den ״fortschreitenden Verfall der zionistisciiciv Organisation", das Schwinden der zionistischen Begeisterung etc. mit einem Schlage zu widerlegen. Wir dürfen mit Stolz und Selbstbewußt• sein fragen: Wo ist eine zweite jüdische Organisation, die von ihren Mitgliedern Jahr für Jahr aus den reinsten Motiven derartige Summen erhält? Steckt nicht schon in dieser Zalil ein gutes Stück nnvergleicliliclien zionistischen Geistes, jenes Geistes selbstloser Hingabe des Eiuzclucp für sein Volk? Es ist gewiss schade, dass die Gunst der Millionäre uns Bisher kaum gclächelt hat; aber ״Liebe des freien׳ Manns" hat sich mit Erfolg bemüht, sic uns zu ei.setzen. Diesen Gcsamtciivdruck des Jahresabsehlusscs wollen wir nicht vergessen, wenn wir uns jetzt ein- /.einen Posten zuweiulen und da gar vieles ,Besserungsbedürftige entdecken werden. Unter den einzelnen Saimuelstdlen steht natllrlieh obenan die russische mit einem Sammclergehnis von über 110 000 Mark. So gewiss Jede Landsmannschaft ihren Ehrgeiz haben soll, so dürfen wir doch wohl sagen: wir hoffen, dass die russische diesen Platz immer behalten wird. Denn solange d׳'e׳ zionistische Organisation gesund ist, wird• ihr Schwerpunkt in Russland liegen. Unter diesem Gcsiclitspunkt erscheint die genannte Summe nicht so bedeutend; erst recht nicht, wenn man berlicksichtigt, dass danach auf den einzelnen russischen Juden nur ein Betrag von etwa 2 Pfennig jährlich, auf jeden russischen Sehekelzahler’) ein Monatsbeitrag von rund 30 Pfennigen entfällt, Nun muss berücksichtigt werden, unter welchen• Schwierigkeiten unsere Geslnnungsgcnosscn in Russland arbeiten: verdienstvolle Zionisten wurden verurteilt, zum Teil zu empfindlichen Gefängnisstrafen — weil sic sich zionistisch betätigt hatten, N a t io 11a 1 f 011 d s b II c hsen, die ermittelt werden konnten, wurden an manchen Orten konfisziertl Von derartigen« Hindernissen können wir uns kaum eine Vorstellung machen. Nichtsdestoweniger darf wohl die Hoffnung ausgesprochen werden, dass der Abschluss de»• neuen Jahres eine Steigerung des Ertrages aufweisen wird. Wenn auch die Arbeit im Volke in Russland, wie gesagt, ungemein schwierig ist, so ist cs andererseits dort vielleicht leichter als in anderen Ländern, wohlhabende und reiche Juden zu grösseren׳ Stifiimgcn für den Nationalfonds zu bewegen. Einzelne Beispiele haben das bereits praktisch dargetan. An zweiter Stelle steht Ocsterrc ich mit einer Summe von fast 90 (MM) Mark, d, 11. 7'ü Pfennig jährlich pro Kopf der jüdischen Bevölkerung, ca. 55 Pfennige monatlich pro Scliekeizahicr. Das bedeutet eine Steigerung von etwa 33H Prozent gegen das Vorjahr. Von der musterhaften, eifrigen und exakten Arbeit der österreichischen Sannnclstelle zeugt jeder Woclicnauswcis der Jüdischen Zeitung. *) Nach dem Ergebnis des letzten Kongressjahrs. Das Haar Erzählung von Mendele Moclicr Splioritn. (Schalom Jakob Abrahamowitz). (Aus dem Hebräischen übersetzt von Josef Meisl.) (Fortsetzung.‘) Aus diesem Liede tönt mir ״Der Mutter Lied" entgegen, das sie, um mich einzuwiegen, mit wehmütiger Trauer sang: Neben meines Biibleins Wiege Steht ein Böcklcin weiß und zart. Bübkivt wird die Thorah lernen Und ein treuer Jude sein. Mein liedertrunkenes Herz stürmt wie ein Meer und meine Sehnsucht gleicht einem weiten Abgrund. Und während ich um die Gemeinde Israels bange, mich begeistere und voller Schnsucht bin, beginnt dieser häßliche, verlassene Schrank vor mir zu beben, grobe Hände erfassen ihn, zerren und schleppen ihn und werfen ihn in einen verlassenen Winkel. Er wird zersägt und zerstückelt und sein Gestöhne berührt meinen Körper wie Nadelstiche. Die bestaubten Bücher klagen mich an und rufen: Wehe über *) Irrtümlicherweise wurde die Erzählung in voriger Nummer nn dieser Stelle abgebrochen. Wir setzen den Abdruck nun unter Wiederholung des letzten Absatzes fort. die Lämmer, die zu Böcken wurden! . . . Und mein Vater ringt die Hände, rauft den Bart, zaust sich das Haar, schüttelt dann mit dem Kopfe — und verschwindet aus meinen Augen. — Ich danke dir — schloß Karpas seine Geschichte — daß •ich jetzt meine Handlungsweise bereuen kann. Ich glaube nicht, daß du mich auslachen und sagen wirst, daß ich von Sinnen sei, weil eilt Haar mich beben machte. Beruhige dich, mein Freund — engegnete Sarchi —־. Noch bevor du deinen Bericht sclilossest, hatte ich meine Antwort in Gedanken bereit. Uns beiden ist das gleiche Schicksal widerfahren, nur daß das, was bei dir das tote Ding bewirkte, bei mir durch ein Gefühl der Enttäuschung her-, vorgerufen wurde, und das, was dir mit deinem Vater passierte — mir durch meinen Sohn widerfuhr. Und die merkwürdige Geschichte verhielt sicli folgendermaßen. Karpas sah seinen Freund gespannt an und winkte ihm mit den Augen, damit er seine Worte deuten möge. Und Sarchi begann also: — Phadja, meinen ältesten Sohn, wollte ich von der Stunde seiner Geburt an nur als Menschen erziehen, auf daß er nicht auf das enge Leben im Rahmen seines Volkes und Glaubens angewiesen sei, sondern sich ganz dem abstrakten Leben hingebe, das keinen Unterschied zwischen Hoiligcn Man kamt ab tlen besten Beweis für die Güte dieser Sammelstelle die Tatsache atisehen, dass Oesterreich mit seinen Büelisensaminlungen au erster Stelle stellt: 14 500 Mark sind dort allein iit Büchsen gesammelt worden. Allein auch liier meinen wir, dass gerade die relativen Zahlen, die wir anführten, zeigen, dass das denkbare Maximum bei weitem noch nicht er. reicht ist. An dritter Stelle folgt Deutschland mit etwas 'über 561)00 Mark gegen 48 500 Mark im Vor. jalirc. Wir begnügen uns, liier zunächst diese beiden Zahlen anzuführen, und werden weiterhin ausführ, lieh auf das deutsche Sammclergebnis und die Lehren cingelien, die wir aus ihm zu ziehen haben. — ||l1n seliliesst sich an Nordamerika mit 51 (MM) Mark (36 000 Mark i. V.), Südafrika mit 30 5tX) Mark (gegen 22 700 Mark i. V), d. 11. ca. 76 Pfennig pro Kopf der jüdischen Bevölkerung — der höchsten Zahl, die iibcrliaupi in einem Laude erreicht worden ist. Von den übrigen Landern seien genannt Ca 11a da, dessen Eingänge mit über. 12(MM) Mark fast das Dreifache der Vorjahressummc betragen, und Ungarn, dessen Sammlungen von 4700 auf 8 5(H) Mark gestiegen sind. Aus der Türkei sind 3 700 Mark gekommen, davon etwa I 700 Mark aus Palästina, d. 11. etwa 2 Pfennig 1111 Ja 11 re durclisclinitt• lieh von jedem türkischen Juden, 15 Pfennig momitlieh von jedem türkischen Scliekeizahicr. Auf die Hälfte (9500 Mark) zurückgegangen sind die Säumthingen leider in England, augenscheinlich, weil die englische Landsmannschaft ihre inneren Zwistig. keilen nicht überwinden kann. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass dies Ergebnis weder der Zahl noch der Bedeutung der englischen Juden entspricht. Was den Ertrag der einzelnen Saiumehnitte! bc• trifft, so stehen die A 11 g c in c i n c n Spenden (rund 26%) obenan, ihnen folgen das Goldene Bucli (rund 22%), daun erst die Büchsen- und Ü c 11> a u m s p e n ü c 11 (je 17,5%), Es ist dringend zu wünschen, dass im׳ folgenden Jahre die Büchsen mindestens an die zweite Stelle gerückt sind; der Platz, der ihnen gebührt, und den sic ntögliclist bald erreichen müssen, ist der erste. Es kann nicht oft genug gesagt werden, dass sie das bequemste und aussichtsreichste Sammclmittcl sind, fast das einzige, durch das auch nicht-zionistische Quellen unserem Fonds eröffnet werden können. Die Selbstbc Steuerung — eigentlich die schönste Sammclurt — hat nur 13 000 Mark erbracht (3,6׳%). Noch wenig eingebürgert ist die zum 50. Geburtstage Theodor llcrzls begründete Landspcndc; durch sie sind knapp 5000 Mark cingcgangcn, obwohl doch gerade sic dem unmittelbaren Bodenerwerbe dienen soll. Ein neuer Vorschlag zur Auflösung des Judentums Wieder ein Büchlein zur Lösung der Jmlcnfrago, aber nur zur Lösung der Judenfrage in Deutschland. Der Verfasser nennt sich Friedrich Blach, das Büchlein seihst ist betitelt: ״Die Juden in. Deutschland". (Verlag von Carl Curtius, Berlin 1910.) Der Standpunkt des Verfassers ist sehr einfach: Die Juden sollen Deutsche werden. Die meisten sind und Profanen, von Israel und den anderen Vülkern kennt. Für die anderen Völker bildet das Judentum eine Last, und besser denn, cs später von sich zu werfen — ist wohl, es von vorn* herein gar nicht zu kennen. Kein Aufladen fmnder Sitten, keine Abwälzung der eigenen hilft da. — cs ist eine vergebliche Arbeit, und wie viel habe ich, der Vater, mich bemüht, um das Judentum abzuschütteln. Was nützt cs, zum Beispiel, dem Juden Feibisch, der sich Phabnutia nannte, während er doch in den Matrikeln eilige* tragen ist! Dieser Wechsel der Namen bewirkte eine Verwirrung in verschiedenen Angelegen• heiten, so auch in seinen Paiperen und bringt ihm manchmal großen Schaden, ja sogar Schande und Acrger. Wäre es nicht besser für ihn und für die Welt, wenn sein jüdischer Name ilun von Geburt erhalten geblieben wäre? Und so wuchs denn mein Phadja heran, ohne Thorah, ohne die jüdische Religion zu lernen. Er redete und gebärdete sich wie ein Abkömmling der an* deren Völker. Phadja war ein gutherziger, fröhlicher Knabe. Kummer kannte er sein Lebtag nicht. Er lernte fleißig bei seinen Lehrern und Lehrerinnen und den Erziehern, welche ihn in meinem Hause vor* bereiteten, bis er mit gutem Erfolge ins Gym־ nasium eintrat. Und der Tag seines Eintritts