Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651711-2651716--07536-2664709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

No. 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU...SeitejH Unsere Organisation mul) durch unser ״Iler Hemuhen im ciiccntliclicn Sinne organisch werden. Und so wenig ein vernunftbegabtes Wesen Jahr für Jahr Gelder auf die ״hohe Kante" legen wird, solange es nichts hat, ״wovon der Schornstein rauchen kann", ebensowenig sollten wir unsere Gelder zu Fonds anhüufcn, solange die Mittel für die kleinen (•־orderungeu des Tages mangeln. Und ein jeder, der :.!,:11 entschlicht, einem unserer grollen Komis sein Sclicrflcin beizusteuern, frage sich vorher ernstlich: ״Hin ich meinen ersten und dringlichsten Vcrpflichhingen gegen die Partei nachgekommen? Habe ich meinen Schekel und Landesbeitrag gezahlt und habe ich zum Organisationsfonds nach meinem Vermögen gegeben?" Uebt ein jeder von uns diese Gehepolitik, so wird nicht nur unsere Bewegung .selbst aktionsfähig bleiben, sondern auch unsere Fonds werden gut dabei fahren. Nicht noch so opferfreudige Schwarmgeister brauchen wir, sondern disziplinierte Zionisten, die als erste Parteipflicht den ’ G e h o r 5 a in anerkennen :: AUS ALLER WCLT :־ Oesterreich Aus Wien wird uns gemeldet: Im Tempel der Seitcnstcttcngassc hielt heute Oberrabbiner Pr. Gilde mann seinem Vorgänger, den vor 17 Jab* teil verstorbenen Kanzclrcdncr Dr. Adolf Jellinek, eine Gedächtnisrede. Vor einigen Tugen ist der t.ltcre Sohn J.’s, Prof. Georg Jellinek als Protestant gestorben. Aus diesem Anlässe besprach Pr. Glidemann die zahlreichen Uebertritte vom Judentum zu anderen Konfessionen und forderte die Anwesenden auf, nach dem Muster der Antiduclliga eine Aulltaufllga zu gründen, um der immer stärker um sich greifenden Sitte des Abfalls vom Judentum entgegenzutreten. Wir glauben, daß die Initiative zu einer derartigen Liga viel eher von den Nichtjuden ausgehen sollte, denen der Uebertritt der Renegaten weit pcinliclicr sein muß als uns, die wir die Fahnenflüchtigen gerne ziehen sehen. Wer bei uns dem Abfall entgegenwirken will, der helfe uns ein Judentum schaffen, an dem ein jeder Aufrechte nicht nur mit pietätvollen Gefühlen hängt, sondern andem er auch seine ständige, sich täglich erneuernde Freude hat. Russland Das 75jührigcjubilüum von S. J. Abramowitz. Aus Odessa wird uns geschrieben: Die verflossene Woche stand hier im Zeichen von Mcndclc n!och er Seforims Jubiläum. Noch nie sind wohl einem jüdischen Schriftsteller sojlche Ehrungen׳ zuteil geworden. Pie mehrere Tage währenden- Feierlichkeiten trugen den Charakter eines wahren Volksfestes. Ueber fünfzehnhundert telegraphische und briefliche Grutulationen sind aus fast allen Ländern cingctroffen. Zahlreiche Abordnungen von jüdischen Gesellschaften und Institutionen überbrachten dem greisen- Jubilar Glückwünsche und kostbare Widmungen. Trotz der Schwierigkeiten, die der ״Selbstherrscher von Odessa", der Stadthauptmann׳ General Toimla:tsc 110w, dem Festkomitee bereitete, gestalteten sich die Jubiläumsfcicrlichkcitcn zu einer grandiosen Kundgebung für den ״lieben Seiden Rabbi Mcndclc", sowie für die nationaljiidischc Literatur. Und mit Recht bemerkte Bialik: ״Bisher pflegte das jüdisehe Volk seiner alten Literatur Ehre zu bczeugen. Nun ehrt und anerkennt es zum ersten Malo auch seine neue Literatur." Besondere Erwähnung verdient noch der ausgcsprochcn zionistische Charakter der Jubiläumsfcicrlichkcitcn. Das zeigte sich bei den meisten Begrüßungen und Ansprachen. Und cs ist auch ganz natürlich: Die nationaljüdische Literatur und die natfonalihd'tschc B cf ז etangsbew egung sind un7.ee• trcnnlichc Gebiete, die von denselben׳ Qcistesqucllcn aus befruchtet werden. . . .■, Finnland 1 Wie uns unser Petersburger Korrespondent mittcllt, herrscht In führenden Kreisen der Dumaopposition die Meinung vor, der Abünderungs- Vorschlag zum Finnland betreffenden Gesetzentwurf bezüglich der Aufhebung der rechtlichen Besclirün* kungen für dlo Juden In Finnland werde in der Duma Annahme finden. Die Regierung selbst sei dazu geneigt und suche auch die Oktobnsten und Nationalisten in diesem Sinne zu beeinflussen. Es muß einstweilen abgewartet werden, ou diese Mutmaßung der oppositionellen Pilhrcr aucn wirklich in Erfüllung geht, Daß die Zarenrcglerung, die der Duma de fernere Entrechtung der ״Juden up# Zigeuner in Finnland vorgeschlagen hat, plötzlich ihr fudenfreundlielics Herz entdeckt hätte — erscheint sehr unglaubhaft. Oder stellt eine neue Russenanlcihe vor der Tür? ZIONISTISCHE DCV/cGUMG Rhcinisch-Weslfülischcr Gruppenverbands'ag. Am Sonntag, den 22. d. Mts. fand in Cöln ein V c r b a n d s t a g der zionistischen V c r - eine und Vertrauensmänner der U r u ין• P e n v e r b ä n d c Rheinland und Westfalen statt. An der Tagung nahmen 36 Vertreter aus folgciulcn Städten teil: Barmen, Bonn, Portmund, Düren, Düsseldorf, Duisburg, Elberfeld, Eschwcilcr, Köln, Mülheim a. Ruhr, Schwelm und Trier. Nicht vertreten waren: Aachen,״ Cobicnz, Essen, Hilden, Krefeld, Mayen und M.,Gladbach. Als Gaste nahmen teil an den Beratungen Vertreter der Ortsgruppen in Frankfurt a. M. und München. Im Namen des Arbeits-Komitees des Qruppcnvcrbnndcs ״Rheinland" cröifnctc der Vorsitzende desselben, Herr Jacob Schnelling, die Tagung. Er begrüßte in besonders herzlichen Worten den anwesenden Präsidenten des A.-K., Herrn David Wotffsaohn, und drückte die Hoffnung aus, daß die Berntungen zur Stärkung der zionistischen Organisation in den beiden Distrikten und zur Intensiven Ausbreitung der zionistischen Idee beitragen werden. Herr Wolf f soll n dankte zunächst den Vorsitzenden, Herrn Dr. Weinberg, für die freundliehe Begrünung und sagte, daß er der Einladung zur heutigen Tagung gerne gefolgt sei. Er müsse sich ganz besonders darüber freuen, auf einem Distriktstage so viele Delegierte zu sehen. Dies sei ein äußeres Zeichen dafür, daß cs im Zionismus viel besser geworden sei. Aus den kleinen Anfängen in Hingen, wo der erste deutsche Zionistentag stattfand, der aus ganz Deutschland nur von einigen wenigen Delegierten beschickt war, sei eine große und starke Organisation geworden. Die Entwicklung gibt denen Rcciit, welche mit Optimismus in der Zukunft schauen. Gewiß, die jüdischen Massen stehen zum Teile noch außerhalb des Zionismus, aber doch ist der Einfluß des Zionismus auf das gesamte Judentum heute schon unverkennbar geworden. Die Feindschaft, die ursprünglich gegen den Zionismus bestand, ist heute nicht entfernt mehr so krass, wie sic war, und unsere Bewegung wächst unaufhaltsam. Mau darf den verschiedenen pessimistischen Aeußcrimgeii. wie sic in der letzten Zeit aus der Türkei verbreitet wurde», keine große Bedeutung beimessen. In Wirklichkeit liegen keine abfälligen Acuücrungcn der türkischen Regierung gegen uns vor, sondern nur verleumderische Ausstreuungen eines oder ciniger Winkcljournalistcn. Alle Völker verstehen unser Streben. Weder die Türken noch die Christen stellen sich gegen uns, der Feind ist immer in unserer Mitte. Die Juden verstehen uns noch nicht. Wir werden aus verschiedenen Gründen denunziert, aus Haß. aus Brotneid, vielleicht auch aus gutem Willen. Aber ich möchte Ihnen sagen: So viele mächtige Feinde, die llantans und die Bileams und deren Epigonen haben uns nicht unterkriegen können, das Judentum ist aufrecht geblieben. Wir werden auch diese Koraclis überwinden. (Lebhafter Beifall.) Wir wachsen, und was das Erfreulichste ist, die Jugend ist mit uns. Wenn wir mutig und einig an die Arbeit gehen, dann werden wir die gesamte Judenheit für uns gewinnen.• In diesem Sinne begrüße ich Sie herzliehst und wünsche Ihren Beratungen den besten Erfolg. (Lebhafter Beifall.) Der Vorsitzende dankte dem Präsidenten für seine Rede und erteilte dein Parteisekretär, Herrn Kurt B1 u m e n f c I d, das Wort, welcher namens des Gcschäftsführcndcn Ausschusses der Zionistiselten Vereinigung für Deutschland die Versammlung begrüßte. Hierauf erstattete der Schriftführer des Arbeits- Komitees, Herr Adolf Pollak, Cöln, den Rechenschaftsbericht Uber die bisherigen Arbeiten des Komitees und den gegenwärtigen Stand des Grünpenverbandes. Der Referent konstatierte, daß seit der Tagung des Qruppcnvcrbnndcs im Monat Mai drei neue QG&gruppcn im Distrikte entstanden seien und zwar in Düsseldorf, Elberfeld und Bonn. Er bedauert, daß die dem Qruppenverband angehürenden Vereine und Vcrrtaucnsmänncr von der Wichtigkeit des Zusammenschlusses noch nicht so durchdrungen seien, wie dies für eine ersprießliche Arbeit Im ganzen Distrikte notwendig wäre. Es bcrichtet ferner, über die getroffenen Vorbereitungen flir die jetzige Vortrags-Tournee des Herrn Partei- Sekretärs Blnnienfcld. Es sei gelungen, zwölf Versammlungen zustande zu bringen, die überall unserer Sache bedeutenden Erfolg gebracht haben. Eine vom Referenten aufgcstellte Liste zeigte, daß ein großer Teil der im, Distrikte Rheinland-Westfnlen gelegenen bedeutenderen Gemeinden bisher noch gar nicht von uns bearbeitet wurde und gibt der Erwartung Ausdruck, daß cs dem Arbeits-Komitcc gelingen wird, mit Unterstützung der Ortsgruppen und Vertrauensmänner nach und nach auch in diesen Orten Fuß ׳zu fnssen. Herr Blu mente Id erstattet sodann ein längercs sehr'instruktives Referat über die gegenw ä r t i g c 1. a g 0 d c s Z i ח ס i s m u s 1 n D e u t sc 11- I a n d. Insbesondere interessiert die Darstellung seine[ Agitationsmethoden, da die Delegierten gcrado bei der letzten Tournee Gelegenheit hatten, die hedeutenden Erfolge dieser Methode seihst zu konstaticrcn. In der auf das Referat folgenden, sehr interessauten Diskussion waren fast alle Redner darüber einig, daß diese Agitation in Deutschland mit aller Energie weiter betrieben werden muß und daß cs die Pflicht aller organisierten Z 1 o n i - s t c n sei, dem deutschen Z e n t r a l k 0 in i - tcc die zur E r h ,11111 n g d e r Organisation erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Folgende Resolutionen wurden einstimmig angenommen: 1. der am 22. Januar 1911 in Cöln stattgefunücnc OrupDcnverbandstag beschließt, den Zusainnieiischinß der bis jetzt bestehenden zwei Grtippcnvcrbände .,Rheinland" und ״Westfalen" zu einem ..r 11 c i ili sch -westfälischen Qruppenverbande", dem sämtliche Ortsgruppen und Vertrauensmänner im Distrikte angehören. 2. Die Vereine und Vertrauensmänner werden dringend aufgefordert, die im btatut fcstgclegten Beiträge an das Arbeits-Komitee des Ortippcnvcrhandes so rasch als möglich abzuführen. Nach einigen Dankesworten des Herrn 0 0 I d - reich-Cölr. an das Präsidium, flir die umsichtige Leitung, schloß Herr Schnelling die Vcrhamllungen des Gruppciivcrbandstngcs, AUS D6N GEMEINDEN Berlin. Auch in diesem Jahre wird das Jüdische Genesungsheim zu Lehnitz für Frauen und MäJclicn wiederum am I. März eröffnet. Es sind für die Friihjahrsinonatc noch einige Plätze zu vergeben und cs ist fiir Erholungsbedürftige angebracht, Meldungen um Aufnahme sofort an das Bureau, Berlin C., Rosenstr. 2-4, unter Beifügung eines ärztlichen Ältestes zu richten. Halle. Als ein Novum in der Geschichte der ״Alliance fsraöllte Universelle" darf wohl die. gut besuchte öffentliche Versammlung bezeichnet werden. die am Sonntag, dem 22. d. Mts., in Halle a. S. getagt und in welcher der Geschäftsführer der Deutsehen Confcrcnz-Gcmeinschnft der ״A LU". Herr Rechtsanwalt Dr. Apfel-Berlin über ..die He- Strebungen der Alliance I s r a 15 I i t c Universeile gesprochen hat.!•'.׳ist alle unsere jüdisehen Organisationen haben seit langem die Genflogcnhcit. von Zeit zu Zeit Veranstaltungen zu treffen, die dem Zwecke dienen, eine Aussprache der Mitglieder über die Tätigkeit ilircr Organisation herheizuführen. ilircr Leitung neue Direktiven zu geben und nicht zuletzt durch großzügige Propaganda die Mitglicdcrzabl zu vermehren. Solche Arbeitsmethode war jedoch bei der ״A.I.U." bisher streng verpönt. Einige wenige ״Notabcln" in Paris und Berlin leituten die Geschicke dieser bedeutenden Organisation ganz selbständig und ohne Fühlungnahme mit der Mitgliedschaft, und seit Jahr mul Tag hat auch nicht eine einzige öffentliche Versammlung der ״A.I.U." mehr stattgcfimden. Die neue Leitung der Deutschen Confcrcnz-Gcmcinsclmft will in dieser Beziehung Wandel schaffen. Die erwähnte Veranstaltung in Halle, der in Bälde eine großangvlcgtc Versammlung in Berlin sich anreihen wird, kann deshalb, wenn man optimistisch urteilen will, nach dem langen Wintcrschlafe, ans dem die Alliance nun erwacht zu sein scheint, als Vorbote des herannahenden Frühlings gedeutet werden. In der Diskussion wurde der zionistische Standnunkt zunächst durch Herrn HaHenstein vertreten, der für die Alliancesclmlcn der Türkei, spe* ziel! Palästinas, die Bevorzugung der hebräischen Unterrichtssprache vor der französischen als wiinsehenswert hinstclltc und in dieser H<׳־iHmng den rlilfsvcrcin deutschen Juden als vorbildlich bczeichnctc. Herr Adolf S c r n a 11 beklagte den geringen Einfluß, d.m die D. C.-G. bisher auf die Pariser Verwaltung auszulibcn imstande war. Herr Rabbiner Dr. Kahlberg glaubte, nach seinen persönlichen Erfahrungen die Bevorzung der französischen Sprache als der verbreitetsten Umgangssprache des Orients rechtfertigen zu können. Herr Ingenieur Piczenik begründete die Stellung der Zionisten zur Alliance als einer ursprünglich nationalen Organisation. Er hob hervor, daß sic als eine universelle und nicht als eine internationale Organisation ins Leben gerufen sei, daß sic ihre Mission aber keineswegs erfüllt habe. Die Alliance von heute lasse den jüdisehen Geist vermissen. Er habe zur D. C.-G. wohl das Vertrauen, daß sic die Alliance in die ursprüngliehen Bahnen zurücklcitcn werde, weshalb er den Anschluß der Zionisten befürwortet, warnt aber vor verfrühter Begeisterung und erwartet zunächst positive Leistungen. Der unmittelbare Erfolg der Veranstaltung für die ״A.I.U." war neben der von allen Seiten klar ausgesprochenen Stellungnahme zu Gunsten der Deutsehen Confcrcnz-Gcmcinschaft der Anschluß zahlreicher neuer Mitglieder. In das Lokalkomitec wurden der Leiter der Versammlung, Herr A. Flörsheim, sowie die Herren Rabbiner Dr. Kahlbcrg, Max Rosenbäum, Leo Hofmann und Rechtsanwalt Dr. Packenheim gewählt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.