Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651711-2651716--07535-2664708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Krumm anerkennt, illoyal gegenüber seinem Heimat• lande (Pairie d'adoption)? 2. Sollen die türkisclicii Juden diese Bewegung kategorisch von sielt altweisen? Da Sic im Orient eine holte Wertschätzung genfclicn, bin iclt sicher, dafl Ihre Antwort einen heil־ sumen Einfluß auf unsere Glaubensgenossen aus• Oben wird, und deswegen gestatte ich mir. sein‘ geehrter Herr, Sie um eine baldige Antwort zu er* suchen. Indem ich Ihnen im voraus bestens danke, zeichne ich, sehr geehrter Herr. (gez.) Der Direktor: David Fresko. Wir würden uns — da cs sielt eben um Herrn Fresko handelt, einen Mann, gegen den ein anständiger Mensch eigentlich nicht polemisieren sollte, getreu dem deutschen Satz: ״Wer Schmutz an• fallt.— aut liebsten mit dem Worte des grollen Friedrich begütigen und den Wisch einfach ״niedriger Illingen", damit die Welt sieht, was für Heute gegen uns kiimpfen und mit welchen Mitteln. Hs ist über zu befürchten, dall harmlose Leute, die Herrn Fresko nicht kennen, auf diesen pluntpen Sch Windel ahnungslos Itcrciufailcn, und deshalb erklären wir ausdrücklich: So wie Herr Fresko lügt, wenn er sagt, der Zionismus erstrebe auf der Grundlage des Haseler Programms ״die Schaffung eines Judcnstuaics", so lügt er auch, wenn er behauptet, die türkische Regierung erwäge infolge der zionistischen Agitation bereits den Erlaß von Heschrünkuugsgesctzcn gegen die Juden. Wenn das je gescheiten sollte ״• was wir nicht glauben —, so könnte es höchstens infolge der V 0 r I o u m d 11 n g e u des Zionismus durch die Fresko und C 0 tt s 0 r t c n geschelten. Einstweilen hoffen wir von der Loyalität auch unserer anständigen Qegner, dafi sie sich erst orientieren und dann den Brief des Herrn Fresko entsprechend behandeln werden. Denn nientand wird sich wohl zum Helfershelfer machen wollen bei dem gemeinsten Schurkenstreich, der seit langem von einem Juden gegen die jüdische Gesamtheit geführt worden ist. fl. J. K. 0. Die Allgemeine Jüdische Kolcnisat'iottsorganisation übersendet uns ein sehr ausführliches Communiiiue, das wir nachstehend im Auszug wiedergeben: ״Eine Reihe von Umständen hat in der letzten Zeit die jüdische Kolonisation im Orient in den Vordergrund treten lassen. Infolge der Uebcrfüllung der nordamerikanischcit und englischen Zentren mit jüdischen Emigranten ist die Schaffung eitles neuen Abfluligcbietes für den jüdischen Auswandererstrum zur dringendsten Aufgäbe der jüdischen Wohlfahrtstätigkcit geworden. Ein solches Abllull- und Ansicdelungsgcbict hat sich nun im Orient eröffnet, wo die Umwandlung der Türkei in einen modernen Rechtsstaat die für die erspricllllchc Entwicklung des jüdischen Ansicdclungs- Werkes erforderlichen Garantien bietet. Neben genossenschaftlicher Dodenknufsbcwoguiig geht eine nicht minder intensive individuelle einher. Hunderte von bemittelten Glaubensgenossen aus den verschiedensten Wcltgcgcnden treffen gegenwärtig in den jüdischen Zentren des Orients ein. um von dort aus nach passenden Terrains Umschau zu halten. Diese nette Kolonisation bedarf eines geeigneten Finanzinstrumentes. Nur ein änderst geringer Teil der jüdischen Nachfrage nach Boden im Orient kamt gegenwärtig befriedigt werden. Es ist eine bekannte Tatsache, dall kleine Parzellen in urbarem Zustand in jenen Gegenden nur selten käuflich sind. In der Regel müssen fiir Ansiedlungszwcckc grolle Terrains erworben werden, die zumeist Meliorierungen erfahren müssen und dann erst parzelliert werden können. Nach einer in Jaffa aufgcstclltcii Statistik mulltcn im letzten Jahre jüdische Landkäufer — Private und Vertreter kleiner Gesellschaften —, welche insgesamt l *100 000 Rubel investieren wollten, unverrichteter Dinge heimkehren, weil ihnen keine passenden Grundstücke nachgewiesen werden konnten. Eine der wichtigsten Aufgaben der in Frage stehenden Erwcrbsgescllschafi wäre die Befriedigung des dringenden Bedürfnisses nach langfristigem, billigem Kredit auf dem jüdischen Kolonisationsgc• biete. Die bewährtesten alten Kolonisten, deren Grundbesitz und persönliche Tüchtigkeit volle Garantic bictcm können ihren Betrieb׳ gegenwärtig nicht vorwärts bringen und müssen ihre Söhne nach Australien zielten lassen, weil kein Institut ihnen langfristigen Kredit zu mäßigen Zinsen gewährt. Andererseits bringen manche tüchtige neue Ansiedler nur die Hälfte des zur Installierung erforderlichen Kapitals mit. Diesen müßte eine Gesellschaft Boden und Haus gegen Sicherstellung und auf Amortisicrung überlassen. Die bis jetzt gemachten Erfahrungen be- Weisen, daß die jüdischen Ansiedler ihren Verpflichtungen pünktlich nacitkommcn und volles Vertrauen verdaten. Um nun• den Aufgaben, die die jüdische Orientkolonisation mit sich bringt, gerecht zu werden, hat die ״A. ,1. K. 0." nach eingehenden Vorstudien sich entschlossen, ein jüdisches Finanzinstitut für B 0 d e 11 c r w c r h, ■ Parzellierung und Agrarkredit Ins Leiten zu rufen. Die Satzungen dieser Hrwcrbsgesellschaft sind so gefallt, dall sie ihr die Möglichkeit eröffnen, sich auch auf allen anderen, mit einer großzügigen Kolonisation Zusammenhängen• den Gebieten •י Häuser- und Straßenbau. Industrie. Anlage von Verkehrswegen usw. — zu betätigen. Die A. J. K. O. wird sieh an der Hrwerbsgeseli• schuft mit ihrem Koloitisationsfonds beteiligen und ihren Mitgliedern die Zeichnung von Aktien eimifchlen. Das neue Institut wird jedoch nur daun wirkliehe Bedeutung fiir die Kolonisation gewinnen körnten, wenn cs über ein namhaftes Kapital verfügt. Die Leitung der A. J. K. O. hat daher einen Platt ausgearbeitet, auf Grund dessen sämtliche die jüdisehe Kolonisation im Orient auf rein wirtschaftlicher Grundlage «!!strebenden Organisationen und Gruppen dir Kapital in der neuen Gesellschaft vereinigen körnten, ohne ihren Sonderbcstand aufzugcbctt. Die außerordentlichen Vorteile, welche durch den Zusammenschluß kleinerer Körperschaften zu einer einzigen kapitalkräftigen Institution erwachsen, sind augenfällig. Nur eine solche vermag die Instnllicrung neuer Kolonien unter fachmännischer Leitung planmäßig und ökonomisch zu organisieren. Nur sie ist in der Lage, die Erwirkung günstiger Bedingungeu für die Ansiedler bei den Behörden mit dem gellöligen Nachdruck zu betreiben. Die Notwendigkeit eines derartigen Finanz- Institutes und die Bedeutung der Idee des Zusammen- Wirkens aller verwandten Organisationen ist von unseren Glaubensgenossen voll gewürdigt worden. Schon heute haben sich zwei andere Körperschaften mit der A. J. K. 0. zwecks Gründung der Erwerbsgesellselmft vereinigt. Die über erhebliche MiUcI verfügende Landc r w e r 1> s g r u p p c von B i a I y s 10 k hat nachstehende Resolution gefaßt: 1. Die Landerwerbsgruppe zu Bialvstok spricht ihre volle Zustimmung zu dem Grundgedanken des Exposes der A. J. K. O. aus, daß eine Vereinigung aller den Bodenerwerb im Grient anstrebenden Körperschaften und Gruppen im Interesse einer gedcihlichc» und beschleunigten Fortführung der jüdisehen Kolonisation im Orient liegen würde, und 2. erklärt sich demgemäß bereit, mit ihrem gesamten, ihr von ihren Mitgliedern zur Verfügung gestellten Kapital von zwei Millionen Mark, evtl, auch mehr, sich an dem Erwerb und der Besiedelung passender Ländereien seitens der A. J. K. 0. resp. der von ihr gegründeten Erwcrbsgescllschafi zu be- (eiligen. Ebenso hat der Bodencnverbs-Vcrcln ״Agudath J Israel" in Jaffa der Leitung der A. J. K. 0. nachstehende Erklärung zukommen lassen: Der Verein Agmlath .!Israel hält es fiir dringend geboten, den von der A, J. K. 0. vertretenen Gedanken, daß sämtliche die Jüdische Kolonisation Im Orient auf wirtschaftlicher Grundlage anstehende» Körperschaften sich zu einer einzigen, kapitalkräftigen Institution auf'kommerzieller Basis zusammenschließen sollen, raschestcns zu verwirklichen.‘' Indem sich der Verein Agudath JIsrael mit seinem ganzen Kapital an der A.' J. K. O. resp. der von ihr gegründeten Hrwcrbsgesellschaft beteiligt, fordert er alle verwandten Körperschaften auf, sich cbcnballs der A. J. K. O. anztischlicßen. um das gemeinsame Werk auf gesicherter Grundlage und in gröllerem Malistab fomufUhren." Die Bedingungen der Beteiligung an der Hrwcrbsgesellschaft werden demnächst veröffentlicht werden. Anfragen sind zu richten an das Bu• rcau der A. J. K. 0״ BerLin W., Nöllend 0 r f p 1 a t z 6. * Wir können uns nicht versagen, darauf hinzuweisen, daß der hier propagierte Gedanke vollständig aus der zionistischen Rüstkammer stammt. Nur selten wir nicht recht ein, weshalb wieder eine N c u g r ii 11 d u n g nötig erscheint- Die 0 c u I a h nicht minder wjc die Pa lest Ine Land Dev. Co. vertreten vollständig das gleiche Programm. Und die Mittel der A. J. K. 0. sind vorläufig ebenso beschränkt, wie die Beteiligung der 2 Millionen Mark aus Bialvstok problematisch erscheint. Wäre cs da nicht gescheiter, die bestehenden Organisationeu zu stärken, statt wieder' ein neues kapitalistiscltcs Unternehmen ins Leben zu rufen? Gehorsam und Opfer Von geschätzter gesimuingsgcnüssischcr Seite geht uns der nachfolgende Malmruf zu, der uns der ernstesten Beachtung aller organisierten Zionisten wert zu sein scheint: Als der V. Zionistenkongreß den lange erwogenen Vorschlag Dr. Schapiras in die Tat umsetzte und damit den Juden, die als Volk zwei Jahrtausende laug den Fluch der Besitzlosigkeit getragen hatten, von neuem einen Volksschatz schuf, da gab es wohl niemanden in unseren Reihen, der die ungeheure Tragweite dieses Entschlusses für das jüdische Befreiungswerk unterschätzte. , Dennoch war damals die grundstürzende Wirkung, die die Schaffung des ״Jüdischen Na11 onaIfonids" auf die ganze finanzielle Qebahrung unserer Organisation haben mußte, kaum zu Übersehen, Gerade jetzt, wo wir wieder einmal mit freudigen! Stolze aus der Jahres- Statistik des Kölner Bureaus das ständige Wachsen unseres Fonds ersehen haben, ist cs vielleicht nicht unangebracht, auch einmal dieser Seite der Frage einige Aufmerksamkeit zu schenken. Zionistische Gelder werden in allen Fällen vom Uebcrllul! gespendet. Das ist bei citmr Bewegung, die weder unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen dient, noch irgendwelche ekstatische Empfindungen ihrer Anhänger sielt zunutze machen will, selbstvcrstündlich. Daher läßt sich bei der verschiedenartigen sozialen Stellung unserer Gesinnungsgenossen eine genaue Grenze unserer tatsächlichen Leistuugsfühigkeit nicht angeben. Und so erfreulich die ständigo Zunahme der eingehenden Gelder auch ist: cs bleibt uns immer noch die Gewißheit, daß es hei großen und dringlichen Aufgaben, die wir unseren Freunden zeigen und sobald die rechten Wege der Propaganda gefunden sind, gelingen wird, die freiwillige Steuerschraube immer noch fester anzu* ziehen. Wir Zionisten haben mit Recht cs niemals verschmäht, hierbei die kleinen menschlichen Schwächen in den Dienst unserer grollen Sache zu stellen: das Kölner Bureau hat cs verstanden, auf diesen psycho• logischen Gesichtspunkten aufbauend, eine fein durchdachte Tcclmik unserer zionistischen Sammelarbeit zu begründen. War cs nun beim Nationalfonds gleichzeitig das bodcnrcformcrischc Grundprinzip, das die Festlegung der Gelder in einem besonderen Fonds gebieterisch forderte, so waren es bei all den weiteren Fonds, die wir in schneller Folge gründeten, propagandistische Rücksichten der oben gezeichneten Art, die uns leiteten: und cs ist keine Schande, wenn w׳ir uns gestehen, dall vielfach (wie besonders bei der so popu*. lärcn üclbaumspcndc) der Klang schöner und inlialtsreicher Schiugworte uns für bestimmte Sonderzwecke das Geld im Beutel lockerte. Theoretisch möglich wäre cs ja gewesen, unsere Gelder in jedem Falle der zentralen Leitung zur freien Verfügung (in zionistischen Sinne anzuvertrauen, wie cs etwa bei den großen philanthropisehen Organisationen geschieht. Das hätte den Vorteil gehallt, daß unsere gesamte Aktion von einheitliehen Gesichtspunkten der Zweckmäßigkeit hätte geleitet werden können und von der recht Wandelbaren Sympathie unserer Anhänger für diesen oder jenen Sonderzweck unabhängig geworden wäre. Es wäre ferner unserer Arbeit die gcschäftliehe Grundlage gegeben, daß jene Gelder, die von der Zentrale und den Landesorganisationen für die Propaganda unseres gesamten zionistischen Werkes verausgabt würden, dieser selben Arbeit wieder zugute gekommen wären, während heute unsere verhältnismäilig armen Organisationen ohne Entgelt sich in der Werbearbeit für unsere grollen Fonds verbrauchen. Selbst die Besteuerung unserer Institutionen, die über kurz oder lang doen kommen wird, kann hier keinen vollkommenen Ausgleich schaffen. Und wenn diese Ausführungen auch durchaus keine abfällige Kritik unserer heutigen Organisations f o rin c n enthalten sollen, die sich so gut bewährt haben, wie cs in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung nur denkbar ist, so sollte uns doch die rein akademische Erörterung dieser Verhältnisse mahnen, unter Beibehaltung der bewährten Formen unsere Gcbcfrcudigkcit in Bahnen zu lenken, die wir mit dem biblischen Worte kennzeichnen möchten: ״Gehorsam ist besser denn O p f c r.“ Gehorsam leisten wir unserer Parteileitung, wenn wir ihr die Mittel nicht vorcnthaltcn, die sic zur Durchführung jener Aufgaben benötigt, die wir ihr auf unseren Kongressen und Delcgicrtcntagcn auftragen. Als bescheidene Opfer aber können wir mit einigem Recht jene Spenden bezeichnen, die wir unseren Fonds zuführen, nachdem wir unserer Verpflichtung gegen die zentrale Leitung und die Landesorganisation nachgekommen sind. Wenn wir uns selbst soweit erzogen haben werden, daß wir zionistische Gelder mit gieieWüßiger Freudigkeit spenden, ob wir nun wissen, daß cs für ein ״ewiges Denkmal im Lande unserer Zukunft" bestimmt ist oder ob es für Schreibpapier und Federhalter in unseren Bureaus verwandt wird, dann wird das ein Zeichen sein für das Reifen unserer zionistischen Anschauung. Ein Fiasko aber, wie cs der vom VIII. Kongreß geforderte Parteifonds erlebt hat, war ein Zeichen parteipolitischer Unreife. Eine zahlenmäßige Feststellung, inwieweit unsere Bureaus In der Lage sind, neben der Erledigung Ihrer propagandistischen Aufgaben durch Agitation mit den ihnen zuflicßendcn Gelder» auch zu Qunsten unserer Fonds zu arbeiten, läßt sich nicht geben. Sicher aber ist, daß eine starke Landesorganisation für die Arbeit unserer Fonds den besten Boden gibt. Von Kongreß zu Kongreß mehren sich unsere Fonds um weit mehr denn eine Million Mark, und von Kongreß zu Kongreß hören wir, daß unserer arme» reichen Bewegung die Hände gebunden sind durch den Mangel an flüssigen Geldmitteln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.