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Jüdische Rundschau · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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No. 4 IUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 39 richten verboten — das sind für sic keine Gcsetze, das ist für sie ein Unglück! Dem Unglück aber soll man sich nicht fü• gen. Man muß neue Lebenswege su* * dien — diese Regel haben die Juden immer befolgt! Die Verstoßenen und die Toten ״kennen keine Scham“; sie dürfen erhobenen Hauptes sagen: Ihr wolltet, daß wir im Ansicdelungs• rayon ersticken, und wir bemühten uns, um jeden Preis davonzukommen, um zu leben. Ihr habt uns den Weg zu sämtlichen Berufen versperrt, wir umgingen dies Gesetz, um zu leben. Um uns noch mehr zu verhöhnen, nahmt Ihr unsere Brüder und Söhne zum vierjährigen Militärdienst und machtet sie zum Gegenstand des Spottes, der Erniedrigungen und Verfolgungen - und Ihr habt noch den Mut, uns einen Vorwurf daraus zu machen, daß wir uns diesem Dienst entzogen. Fürwahr, wir hätten keine Menschenwürde, wenn wir dies nicht täten! Nur dann ,verlange man von uns die Erfüllung des Gesetzes nach unserem Gewissen, wenn man uns als glcichbcrechtigte Menschen und Bürger anerkennt, und wenn Gesetz und Regierung aufhören werden, uns zu verfolgen. Die richtige Beurteilung der Lage ist den führenden Faktoren des russischen Lebens nicht unzugänglich; doch scheint es ihnen gefülirlieh, die Wahrheit einzugestehen. Wenn die Regierung ihre fünf Millionen Juden aus Rußlnnd nicht vertreiben wollte, so müßte die Regierungspolitik in der Judenfragc einen anderen Sinn haben. Welcher andere Sinn kann denn aber in der Preisgcbung von fünf Millionen Untertanen, in der Verwandlung eines ganzen Volkes in Staatsbettler, Parias und Verbrecher stecken? Die Sache ist ja aber nur allzu klar! Wie bereits erwähnt, hat der Staat heute kein Recht, seine Untertanen einfach durch Dekret zu ver: treiben. So lautet das für alle zivilisierten Stau* ten obligatorische internationale Recht. Allerdings, ein ganz eigentümliches Recht; es gilt nämlich nur für einen ganz beschränkten Kreis der Rechtssubjekte — Staaten, die sich bekannt■׳ lieh in Starke und Schwache teilen. Die Rechts- Verletzung wird nur dann bestraft, wenn sie entweder von einem Schwachen begangen wird oder einem Starken Schaden bringt, anderenfalls bleibt das internationale Recht stumm, niemand sicht eine Rechtsverletzung oder es wird dem ״Gottesgericht" überlassen, zwischen dem Starken und Schwachen zu richten. Wenn ein Staat nun aber durch besondere Maßregeln, durch Schikanen aller Art aihnählieh Millionen seiner Untertanen vertreibt — kann man darin eine Verletzung des internatio* nalen Rechts erblicken? Aus dem Vorhergesagten ist es klar, daß darauf eine verneinende Antwort folgen muß — und zwar weil der Urlieber zu den Großmächten gehört. Aber die Vertreibung der Juden aus Rußland beginnt allmählich die Interessensphäre an* derer Mächtezu berühren, und früher oder später muß dies zu Protesten gegen die russische Politik ״im Namen der Gerechtigkeit" führen. Doch wir wollen uns hier nicht mit den Details der internationalen Politik befassen. Die Anerkennung der von uns aufgestelltcn Hauptthese muß die Richtung unserer inneren Politik bestimmen. Wenn uns der Grundgedanke der Regierung klar geworden ist, müssen wir nicht dementsprechend auch unser Programm einer Prüfung unterziehen? Müssen nicht vor allem unsere sämtlichen Co* mites, Gruppen und Parteien, angesichts des Volkselcnds, einander die Hände zur gemeinsamen Arbeit für die Errettung des Volkes reichen? Müssen nicht dieJudenallerLänder, nicht nur die russischen Juden allein, sich vereinigen, um bei der natiio• nalen Katastrophe Hilfezuleisten? Während des zwcitausendjälirigen Goluth wurde unserem Volke nicht zum ersten Male so schwere Prüfung aufcrlcgt. Doch immer raffte sich das Volk gleich zusammen, organisierte sich, nahm den Sack auf den Rücken und den Wanderstab in die Hand, ermutigt und unterstützt von seinen glücklicheren Brüdern aus an* deren Ländern. Sollten unsere Kräfte diesmal nicht ausreichen, um auch dem letzten Unglück — der Vertreibung der Juden aus Rußland — mutig entgegenzutreten? Sollte es uns nicht gelingen, der Wucht des äußeren Schlages die Macht des nationalen Geistes, der Brüderlichkeit und der nationalen Zusammengehörigkeit entgegenzustellen? Ben Jakob. Ausweis Sthckcl 1910/11: Hombruch 1 Mk., Elberfeld 26 Mk., Allcnstcin 9 Mk. LaudeshcitrüßO 1911: Elberfeld 26 Mk., Zwickau i. Sa. 9 Mk. OrganlsatloiisfonUs 1911: Dr. Georg Gcrson* Berlin 5 Mk.. Rechtsanwalt Hcilbrunn-Berlin f. 1910 u. 1911 20 Mk., A. 1. Grcblcr-Bcrlin 2 Mk., Rcfcrcndar Hugo Aschcr-Stettin f. 1910 5 Mk., Dr. fl. Pick- Berlin 5 Mk.. 1. Halm-Stettin S Mk.. Dr. Wolfskchl- München 20 Mk.. Gustav Eisenstein-Hombruch 5 Mk., Dr. de Jongc-Küln 15 Mk. für 1910, Wilhelm Üälir- Karlsruhe 5 Mk. f. 1910, Fritz Abraham-Berlin 20 Mk., Max Wollsteiner-Charlottcnburg 30 Mk. 1, Rate, Heinrieh Freyhan-Breslau 10 Mk., S. Hurwltz-Drcsdcn 1t) Mk., 11. Hurwitz-Dresdcn 12 Mk., Hugo Schachtel- Breslau 12 Mk., Nathan Mclil-Elbcrfcld 5 Mk., Waltcr Ries-Berlin 5 Mk., Hugo Scheycr-Myslowitz 1 Mk.. Heinrich Lurya-Diisscldorf 3 Mk., Lehrer Hlirlich-Sehwclm 5 Mk., Salomon Engel* Schönlankc 5 Mk״ Referendar M. Netheim-Höxtcr 5 Mk״ I. Dauhc-Prciburg i. Br. 3 Mk״ Dr. A. Jakobsohn• Hannover 5 Mk״ C. Thalhcimcr-Köin 5 Mk״ D. L. Wolffsolm-Mcmcl 10 Mk. f. 1910, I. Boschwitz-Berlin 30 Mk. I. Rate, Jakob Ullmann-Schwcinfurt 5 Mk״ Adolf Graupe-Berlin 10 Mk״ Eugen Frieüinann-Ücrlin 6 Mk״ Dr. Hofstein-Breslau 1(1 Mk״ Dr. Arnold Hildesheimer 10 Mk. für 1910, Julius Rattncr-Stcttin 5 Mk., Justizrat Dzialoszynski-Bcrlin 100 Mk. Aus Hamburg: Sammlung beim Kostümfest 3 Mk.. Hermann Reichcnbach (durch Frau Bertha Wcill) 1 Mk., Rechtsanwalt Besser 5 Mk״ Frau Sanitätsrat Dr. Kamnitzcr 5 Mk., Dr. Olitzki 5 Mk., Martin Barczinskl 5 Mk״ Julius Lcwin 5 Mk., Hermann Ascher 5 Mk., Frau Dr. Olitzki 5 Mk., Dr. mcd. Wintritz-Dt.-Eylau 5 Mk. Gcsanitclngaug bis zum 25. Januar 1911: Schekel 1910/1911: 528 Mk. Landcsbeitrüge 1911: 1077,05 Mk. Organisationsfonds: 37(16,50 Mk. Berichtigung aus Nr. 2 der ״J. R.M: Beim Ausweis aus Halle muütc cs heißen 30 Mk. Landesbei träge statt 30 Mk. An der Addition änderte sich nichts. Aus Nr. 3: Die als Schekel ausgewiesenen 15 Mk. waren für Landesbeiträge bestimmt. Adresse iiir Geldsendungen: Zionistisches Zeiitrolburcau, Clmrlottenburg, Blcibtrcustrafle 49. Postscheckkonto 8091. Niedriger hängen 1 Der sattsam bekannte Herr David Fresko in Konstantinopcl, der Herausgeber eines antizionistlsehen Blättchens, versendet an eine Reihe bekannter Juden Westeuropas das folgende Schreiben (Ueber• setzung aus dem Französischen): Konslunliiiopel, den 18. 1, 1911. El TJoiupo ßlrectcur Duvld Fresko. Sehr geehrter Herr! Da wir wissen, daß Sie sich sehr für alles intcrcssicrcn, was den Fortschritt Ihrer Glaubcnsgcnossen anbetrifft, nehmen wir die Freiheit, Sic um eine Gefälligkeit zu Gunsten der ottomanischcn Juden zu bitten. Es handelt sich um folgendes: Seit der Ausrufung der türkischen Konstitution, die uns alle gleich stellt, hat der Zionismus in der Türkei dureli einige unserer Glaubensgenossen, die eigens dazu aus dem Ausland hergekommen sind, eine Propaganda eröffnet. Seitdem herrschen nur noch Zwietracht und Uneinigkeit überall, und unsere Hoifnung zu Beginn der neuen Aera auf eine Kegeneration des türkischen Judentums verschwindet. Was aber die Lage noch ernster gestaltet, ist. daß die türkische Regierung, die bis dahin ein absolutes Vertrauen zu unseren Glaubensgenossen im Lande hatte, beginnt, ihnen allmählich zu mißtrauen, und cs scheint sogar, als ob Bcschränkungsgcsctzc gegen uns nächstens der Kammer vorgcsclilagcn werden. Die Zeitung El Tiempo und andere Organe des Judentums hier haben sich zur Pflicht gemacht, die zionistische Bewegung zu bekämpfen, die den wohlverstandenen Interessen des allgemeinen Judentums und besonders denen in der Türkei widerspricht. Da der Zionismus aui Grundlage des Baseler Programms als Zweck die Schaffung eines Juden- Staates in Palästina hat, bitte ich Sic, auf folgende Fragen zu antworten: 1. Ist der Zionismus vereinbar mit der Vaterlandsliebc, d. h. ist ein Jude, der das Baseler Pro* eine liebevolle Mutter. Die Hirten — das sind deine Weisen und wir die Jungen — deine Böcke, deine heilige, liebliche Schar . . . Aus diesem Liede tönt mir der Mutter Lied entgegen, das sic, um mich einzuwiegen, mit wehmütiger Trauer sang: Neben meines Büblcins Wiege. ״Haolam“ Die vom Zionistischen Zentralkomitee in Rußland hcrausgcgcbcnc hebräische Wochenschrift ״H u 01 a m" zählt zu den besten Erscheinungen der gesamten hebräischen Presse, ln literarischer Hm* sich ist eine jede Ausgabe des ״Maolam" von dauerndem Werte. Er enthält literarisch-künstlerische und dichterische Beiträge von den besten Kräften: Oc* dichte, Novellen, Erzählungen, Dramen, Kritik, litcrarische Essays und wissenschaftliche Abhandlungen. Ebenso gediegen und reichhaltig ist aucli der publizistische Teil, ln der Rc״uc ״AI Hamizpah" wird zu dun wichtigeren ZcitvorgUngen In prägnanter, poin* lierlcr Form Stellung genommen. Sodann bringt jede Nummer ein paar umfassendere Artikel Uber ocdcutsamc Fragen aus dem jüdischen Leben in Palästina und der Diaspora. Zusammcnfasscnde Dar- Stellungen von den indischen Verhältnissen und Ereignfssen in den verschiedenen Ländern bieten׳die!.Briefe“ der Spezlalkorrcspondonten, die das Blatt ln den größeren Zentren hat. Dazu kommt die ständige Chronik, die in übersichtlicher Weise geordnet und »dt kurzen beleuchtenden Bemerkungen versehen ist. Im ganzen trägt der ״Haolam“ einen ernsten, würdigen Charakter und kann allen Freunden des Hcbrä-!selten aufs Wärmste empfohlen werden. Gedankensplitter aus Moses Hess״ ״Rom und Jerusalem.“ Die jüdische Volksmasse wird sich an der großen geschichtlichen Bewegung der modernen Menschheit erst dann beteiligen, wann sie ein jtldisclics Vaterland haben wird. * Die Erwerbung eines gemeinschaftlichen vatcrländischen Bodens, das Hlnnrbcltcn auf gesetzliche Zustände unter deren- Schutz die Arbeit gedeihen kann, die Gründung von jüdischen Gesellschaften für Ackerbau, Industrie und Handel nach mosaischen d. 11. sozialistischen Grundsätzen, das sind die Grundlagen auf welchen das Judentum im Orient sich wieder erheben, aus welchen das unter der Asche eines toten Formalismus glimmende Feuer des altjüdlschcn Patriotismus wieder hervorbrechen, durch wclcho das ganze Judentum neu belebt werden wird. Die europäischen Völker haben die Existenz der Juden in ihrer Mitte niemals anders als eine Anomalle betrachtet. Nicht der alte fromme, Jude, der sich eher die Zunge ausreißen ließe, als sic zur Verleugnung seiner Nationalität zu mißbrauchen; der moderne Jude ist der verächtliche, der seine Nationalität verleugnet, weil die schwere Hand des Schicksals auf seiner Nation tastet. Die Kinder sind der Schwerpunkt, um den sich das ganze Jüdische Leben und die jüdische Liebe dreht. Ein Jude gehört seiner Abstammung nach stets dem Judentum an, gleichviel, ob er oder seine Vorfahren Apostaten geworden sind. Die Junge jüdische Generation, die für alles Erhabene und Heilige empfänglich ist, wird sich den nationalen Jüdischen Bestrebungen mit Begeisterung anschlicßen; und hat einmal der frische Nachwuchs seine Triebkraft nach dieser Richtung hin genommen, 80 wird auch das dürre Holz sich mit den Blättern und Blumen Israels schmücken.

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