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Jüdische Rundschau · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 38 gen, welcher nützlichen Kräfte sic das Land in* folge ihrer Unwissenheit beraube. Doch die Volksmasse hatte den Sinn der neuen Politik besser erfaßt: sie begriff, daßdasSignalzurVertreibungder Juden aus Rußland gegeben war! ־ Hin flotter Staatsanwalt aus der Provinz, von den Regierungsplänen durchdrungen, li'iftete das Geheimnis bereits im Jahre 1882 und es hieß: die westliche Grenze sei für die Juden offen. Als Mitglied der internationalen Gemein* Schaft gezwungen zur Anerkennung des inter* nationalen Rechts, konnte die russische Regie* rung das, was sic den Juden zu sagen hatte, nicht klar und deutlich aussprechen. Das ge* . genwärtige internationale Recht läßt keine Mas* senvertreibung der Bürger aus dem Bereiche eines Staates zu. Die Zeiten Torquetnadas sind vorbei, als cs noch so einfach war, sich von tausenden und hunderttausenden unbequemer Andersgläubigen zu befreien. Man ist jetzt ge* zwungen, die einfachen Mittel und Wege der guten alten Zeit zu verlassen und sie den Bor* derungen der internationalen Convention anzu* passen. In unserem Falle bedeutete dies: den Juden die Absicht der Regierung klar zu machen, ohne jedoch die Unzufriedenheit Westeuropas hervor* zurufen. Und dies ist in der Tat auf eine grandiose Art erreicht worden. Weder durch ein besonderes Dekret noch durch Worte, sondern durch Taten machte man den Juden begreiflich, daß sie aus Rußland ausgewiesen werden sollen. Der Leiter der inneren Politik in Rußland bis zum Jahre 1005, Pob* j c d 0 n o s z e w, entwickelte und deutete die alte Formel. Nach seiner Meinung würde dank den ergriffenen Maßnahmen ein Drittel der Juden aus wandern, ein Drit* t e 1 den Hungertod sterben und ein Drittel würde sich taufen lassen. Diese ״Profession de foi“ eines russischen Staatsmannes, der während 25 Jahren im Zen* trum der Regierungspolitik stand, kann als getreue Widerspiegelung der Ansichten und Ab* sichten der regierenden Kreise gelten. Von diesem Standpunkte ausgehend, halte die Regierung dem Baron Hirsch, der im Jahre 1891 mit seiner großartigen Idee der Or* ganisation der Auswanderung aufgetreten war, das größte Verständnis entgegengebracht. Die Befreiung von den Juden, die der Bcvollmäch* tigte des Baron Hirsch, Arnold White, der russischen Regierung in Aussicht stellte, war zu verführerisch. F.r versprach, daß im ersten Jahre der Tätigkeit der Gesellschaft 25 000 Ju* Das Haar Erzählung von Mendcle Moclier Sphorim. (Schaloin Jakob Abrahamowitz). (Aus dem Hcbrüischen übersetzt von Josef Mcisl.) (Schluß.) ״Nun schön,“ begann Karpas und fuhr fort, ״es war so entsetzlich, daß meinen Körper ein Schauer durchfuhr und ich last von Sinnen ward. Mitunter kommen auch über einen Men* sehen, der sonst nur auf das Urteil seines Ver- Standes und seiner Sinne hört, Stimmungen, die ihn der kalten Vernunft entreißen, und er sicht und hört nicht mit seinen eigenen Augen und Ohren und fühlt Dinge, die jenseits der menschliehen Realität liegen. Von dem Augenblicke, als ich dieses Haar sah, begann es alsbald zu wachsen und sich zu mehren — und es ward zu einem Barte, zu einer Menschengestalt, und nun steht mein Vater leibhaftig vor mir. Seine Hand ist gegen den Schrank ausgestreckt, seine Augen drohen und werfen auf mich einen Blick, der Verdrossenheit und Vorwurf, Widerspruch und Anklage, Schmerz und Kummer enthält; einen Blick, in dem sich Höllcnqual, Scclennem und schwere Martern wiederspicgeln. ך־ Feuer* regen, Erdbeben, spitze Pfeile möchte ich ver* JJJ EmsCH E R IJ N DSC 11 A U_ den aus Rußland übersiedeln werden, und daß im Laufe von weiteren 25 Jahren bei progres* siver Vergrösserung der Hmigrautenzahi 3 250 000 Juden Rußland verlassen würden. Die Regierung gewährte'so f o r t die Erlaubuis zu einer Organisation der Auswande* rung und verlieh den Auswanderern eine Reihe von Privilegien (Befreiung von den• 15 Rubeln Paßgebühr bei der Reise nach dem Auslande, 75 Prozent Ermäßigung auf Eisenbalmkarten, Befreiung vom Militärdienst); doch hatte sie klar und unzweideutig eine Bedingung gestellt: D i e A u s w a n d e r e r d ü r f t e n n i c nach Rußland z u r ü ckk eh r en! So existiert denn für die russische Regierung gegenwärtig nur ein Weg zur Lösung der jikli* sehen Frage: entweder die Vertreibung aus dem Lande oder die Taufe. Für uns sind solche Programme nichts neues: vor vierhundert Jahren standen wir in Spanien vor dem gleichen Dilemma ־־־ und 150 000 Juden gingen ins Exil. Der Unterschied besteht nur darin; daß damals alles offen vor sich ging, jetzt aber wird es uns überlassen, die Ab* sichten der Regierung zu erraten. Vor vier* hundert Jahren kannte man keine Kompromisse, da hieß es direkt: Taufe oder Exil. Jetzt aber werden Ausnahmen gemacht für die Juden, die dem Staate wichtige Dienste leisten. Hierzu gehören einerseits 'Bankiers, Millionäre, Groß* industrielle, ־— andererseits Prostituierte und Mitarbeiter der Ochrana (Geheimpolizei). Alle diese Kategorien bringen dem Staate zweifellos Nutzen, und deswegen werden ihre Rechte auf jede Weise beschützt. Dagegen wird allen anderen Juden mif dem Wege einer systematischcn Rechtsberaubung zur Genüge klar gemacht, daß man sie —־ nicht zu* rückhält. Und cs gibt noch einen Unterschied zwisehen der Vertreibung der Juden aus Spanien und der aus Rußland: Vor vierhundert Jahren wandten sich unsere sozialen und geistigen Führer vom Elend des Volkes nicht ab und dachten nicht an sich selbst, sondern taten alles, um dem Volke die Leiden des Exodus zu crlcich. tern. Als der Beschluß des spanischen Königs über die Vertreibung der Juden aus Spanien sich als unabwendbar erwies, begab sich der Rabbiner Abulafia mit dreißig Repräsentanten der jüdischen Gesellschaft nach Portugal, um dort die Erlaubnis zum zeitweiligen Aufenthalt im portugiesischen Reiche zu erwirken. ln unseren Tagen aber geschah es, daß der Prozeß der Vertreibung der Juden aus Rußland während fünfundzwanzig Jahren vor sich ging und wir — die Intelligenz — rührten uns nicht vom Fleck, um den Vertriebenen Hilfe zu leisten. Wir gaben uns keine Mühe, die Bewegung in tragen, nur nicht diesen fürchterlichen Blick! — Er schaut — und ich höre die Strafpredigt für meine Schmach, mein Herz pocht und die Er* iimerung an mein ganzes Tun seit meiner Kind* heit bis heute taucht vor mir auf. Ich sehe mich als Knaben im Eltcrnhausc, im Chcder, in den Bet* und Lehrhäusern, mein ganzes Treiben, meine Spiele, meine Freuden, meine Feste, meine Sabbate stehen vor mir auf. Ich schaue und erkenne mein eigenes Ich. Die Ereignisse und Bilder folgen nicht der Zeitfolge nach auf einander, sondern alle kommen zugleich und können mit einem Blicke überschaut werden, ln der Welt der Phantasien gibt cs weder Zeit noch Grenzen. Und wenn ich alles von allen diesen Bildern erzählen wollte, so würde dies zu lange dauern und du müßtest stundenlang zuhören. Alle die Bilder ergreifen das Herz, göttliche Erhabenheit waltet in ihnen, eine Offenbarung der Gottherrlichkeit und Israels Glanz, voller Schn* sucht und heiliger Gefühle, ein Ausströmen der Seele sind sie . . . Wie herrlich ist doch dieses Bild! Vorbei ist der Winter, der Schnee schmilzt, die Zeit des Pessachfestes ist gekommen und in unserin Heimatsdorfe hört man den Schrei des Indian. Ich, du und unser Kamerad sitzen bei unserem Robbe und lesen das hohe Lied mit seinen Kommentaren nach dem schönen Ryth* No. 4 die richtige Bahn zu lenken, wir wandten uns verbrecherisch von ihr ab, denn sie schwächte unser P o s i * 14 0 11! Als ob die Lage des Volkes durch die solidarische Tätigkeit zum Wohl des Volkes ge* « schwächt werden könnte! 1 j Unsere Intellektuellen, die treuen Anhänger ) der Assimilation, die von der Regierung zuerst ausging, hielten an der Ansicht fest, daß die Solidarität mit den ״fortschrittlichen Elementen Rußlands“ der Arbeit zum Wohl des eigenen Volkes v o r a n g e 11 e n müsse!- Unter dem Druck der Ausnahmegesetze und Verordnungen der Regierung, der unerhörten Beschimpfungen der Juden durch die öffent* j liehen Behörden hätten die Juden — so meinte ■ man ־־־ nicht an sich selbst, sonder an die! ״Solidarität mit den fortschrittlichen Elementen \ im Kampf gegen den gemeinsamen Feind“, den* : keil sollen. Das jüdische Volk hatte aber rieh* r tiger als die einzelnen Gruppen der lutellck* tuellen seine Lage in Rußland beurteilt. Es hat längst begriffen, daß alle Maßregeln der , Regierung nichts anderes sind als Kommens tarczu dem un veröffen 11 ich ten Ge* i setz über die Vertreibung der Ju- [ den aus Rußland. Manche werden sagen ״Ma jclamdenu?“ Ist es nicht gleich, welchen Na inen wir un* sercr unerträglichen Lage geben? Wird sie da* I durch leichter zu tragen? Freilich, wenn sich j unser Verhältnis zu der Lage des Volkes nur auf! die Charakterisierung derselben beschränken j sollte, dann hätte cs keine große Bedeutung. [ Wenn uns aber kein Untergang, sondern eine Auferstehung beschicden ist und den Menschen der Worte die Menschen der Taten fol* gen werden, dann ist die Diagnose unserer Krankheit das Allerwichtigste. Nur wenn wir von den richtigen Voraus• Setzungen ausgehen, können wir bestimmen, was wir zu tun haben — die klare Erkenntnis der Sachlage wird uns und der übrigen Weh erst ermöglichen, die Schuld der Regierung und ihrer Helfershelfer zu beurteilen. Denn der Schuldige ist hier die russische Regierung und ihre Politik in der jüdischen Frage. Wenn die , Regierung keinen anderen Weg zur Lösung dieser Frage sicht, als die Vertreibung der Juden aus Rußland, so ist es an der Zeit, kein Held daraus zu machen. Und auch für uns wäre es die höchste Zeit, die Rolle derjenigen, die nichts hören und nichts sehen, endlich aufzu* geben. Von den Verstoßenen hat der Staat kein Recht Liebe und Achtung für die Gesetze zu verlangen. Die Gesetze, die ihnen die Bewc* gungsfreiheit, die Möglichkeit einer ehrlichen Arbeit raubten, die ihnen ihre Kinder zu unter* mus: ״Er küßt mich mit seines Mundes Küssen“. Dieses Lied singt die Gemeinde Israels in ihrem Exil, in ihrer verwaisten Einsamkeit, denn sie sehnt sch nach ihrem Freunde, dem Könige dis ewigen Friedens, und sie bekennt ihre Sünden. ״Schwarz bin ich, doch schön . . . Kümmert euch nicht dämm, daß ich gebräunt bin . . “ Betrachtet mich nicht mit Verachtung, weil ich gebräunt bin, denn meine Schwärze und Haß• lichkeit rührt nicht von der Abstammung her. ״Die Söhne meiner Mutier grollten mir . . .“ Ein Pöbelhaufe grollte mir mit Verhetzung und Verführung, ״bis sic mich zur Hüterin der Wein* berge bestellten,“ und dort wurde ich schwarz. Doch ״meinen Weinberg, den ich von meinen Vätern geerbt hatte, bestellte ich nicht“ . . . Da entgegnctc ihr ihr Freund also: ״Wenn du es nicht weißt, du der Frauen Krone und Zier, wo du deine Herde weiden sollst,“ wohin du dich retten sollst vor dem Arm der Bedränger, auf daß deine Schützlinge nicht zu gründe gehen — ״so ziehe hinaus den Spuren der Schafe nach,“ achte auf die Wege deiner Ahnen, welche meine Lehre empfingen, meinen Dienst und meine Gebote h׳‘eltcn, wandle in ihren Pfaden, ״weide deine Böcklcin“, deine Söhne, ״an den Wohnungen der Hirten“, den Hirten Israels. Wieviel Schönheit, wieviel Anmut liegt in diesem Liebeslied. Du, Gemeinde Israels — bist

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