Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651716--07532-2664705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
//, Cr Abonnement® aal die wöchentlich am Frei• ts* ericbelncnde ״Jüdlscho Rundschau" kostei bd der Expedition und bei allen Post• Imtern viertcliahrllch 1,25 M״ ■ auBerbalb Deutschland! und Oesterrelch-Unearns 2<— M.1 lOr Mitglieder indischer Vereine Im Snmmclbezua durch den Verein 1.— M. Verla! JUdlscho Rundschau E. 0. ni. b, ti, Berlin SW. 68, Zimmerair. 77. QcscbBltsstunden: 3 bis 7 Uhr aufier Sonnabend und Sonntag. '«W*• על) CA3U J \ \f ( [ ן |! \ .. J VA j LL CLl 'LP lJ uU r I I I I I I I 1 I I I I Anzeigern 1 kosten für die lontgeapslteao Petitzelle oder deren Ranm 25 Pfg.s Siellcn-Aneebote und Oesucho sowie Verelnsmlt• tellunaen u. ..Kleine Anzeigen' nur 15 PI. l» •> «s :1 «l Manuskripte werden, wenn Porto belllegt, stets zurück• gesandt, —- RedsknlonssdiluB Mittwoch vormittags. Redaktion JOdlscho Rundieha■ Uerlln-Charlottenburg. Dlclbtrcustr. 4». Tel. Ch. »881. Sprechstunden Dienstag und Donnerstag 5—6 nachmittags. I I I I I I I I I I I G-JGßOO'GKIG 2 Q 0'TdO CG G Nummer 4 Berlin, den 27. Januar 1911 — 27. Tebeth 5671 Der wahre Name Die Vertreibung der Juden aus Kurland Wir erhalten׳ den nachstehenden Aufsatz, der die f.agc der russischen Juden mit hislntiK uncr• ln׳rtcr Kühnheit und Offenheit beleuchtet, von einem Manne, der im russisch-jüdischen!.eben eine bedeutsame Rolle spielt, und der bisher selbst auf dem Standpunkt jener ״Intellektuellen" stand, den er nun als unhaltbar prcisKibt. Die Ausführungen des Verfassers, der offenbar die Intentionen der russischen Rciricrutmskrcise genau kennt, verdienen cs, in׳ der jüdischen und nichtjüdischen Ocffcntlichkeit die eingehendste Beachtung zu finden. Redaktion der ״J. K." Daß in Rußland nicht nur Juden allein lei• den, darüber läßt sich nicht streiten. Die unparteiischen Politiker machten uns stets darauf aufmerksam, daß sowohl die Polen als auch die russischen Bauern sich in einer ebenso schweren Lage befinden, wie die Juden. Besonders liättfig wurde dies von unseren fortschrittlichen und radikalen Stamniesgenossen hervorgehoben; in ihrer Polemik mit denjenigen, die den s p c z i f i sehen Charakter der jüdischen Leiden stets betonten, forderten sie eine umfassendere Weltanschauung, die nicht nur den Juden, son* dem auch den Nichtjuden einschließt. Und in (. der Tat, leiden denn die Polen nicht unter dem Druck der Kriegs-, Belagerungs• und anderen ׳ Ausnahmezustände? Wird ihnen nicht das Recht, in der Muttersprache zu unterrichten, verweigert. Hat man sie nicht ihres kommunalen Selbstverwaltungsrechts beraubt?—־ Und die russischen Bauern? — Stöhnen sic etwa nicht unter der Last der Steuern? Sterben sie nicht den Hungertod? Gehen sie nicht in vollkomnpner Unwissenheit und Wildheit zu Grunde? Folglich, — so sagt man uns —־ leiden wir Juden nicht allein, wir alle haben einen gemeinsamen Feind — die Reaktion — wir dürfen uns also nicht separieren, wir müssen gemeinsam mit unseren Freunden Hand in Hand gehen — nur dann werden wir siegen! Nur diejenigen fanden stets eine Rcchtfcrtigung für ihre Separation, die sich voll und ganz als Juden fühlten, die sich eins mit ihrem Volke wissen, dessen schwere Lage sie zu ihrer sozialen und politischen Tätigkeit getrieben hat. Sie stützten sich in ihren Anschauungen auf die Erfahrungen der Geschichte, auf die Beispiele Westeuropas, auf das nationale Gefühl u. dgl. und betonten, daß die Juden trotz der Aehnlichkeit ihrer äußeren Lebensbedingungen mit denen anderer Nationalitäten und Gruppen dennoch am schmählichsten unterdrückt und verfolgt werden. Wir behaupteten, daß sich die einzelnen Volksgruppen in Rußland auf verschiedenen Stufen der Rechtlosigkeit befinden, und daß cs keine schlimmeren Beschränkungen und Erniedrigungen gäbe, als die der Juden. Doch haben wir uns nicht zur Aufgabe gemacht, den spezi* fischen Charakter der ״Maßnahmen“, die gegen ״Der ZIohIsiiiih orstrd)! für ü/m Jliillsclic• Volk «110 Sclmifuini einer üllciUllch-rccliillch goHlcticrtcn lleiniNiUtta In l'alllütlnfl." Programm. Gqs äsm Erhalt Der wahre Name. - Niedriger litingcnl — A.J.K.O. — Gehörsinn mul Opfer. — Der Hezulcl Im Jahre 1910. -- Zionistische Bewcgiui«, — Aus aller Well. — Aus den Gemeinden. — Verctusruiidschuu. — Feuilleton: Das Haar. Von Mcndclc Mochcr S p h 0 r 1 m. S.’imiliclic Anfragen und Zuschriften, wcicho die Expedition und den Verlag unserer Zeitschrift betreffen, sind nur an den Verlag ״Jüdische Rundschau14, Berlin S.W. 68, zu richten. Tciephonruf Amt I 4209 (Nebenanschluß). Burcaustundcn: 10—12 Uhr Vormittags und .4 — 7 Uhr Nachmittags. die Juden gerichtet waren und ihre gegenwärtige unerträgliche Lage bedingten, zu er* gründen. Die Beschränkungen, denen die Polen unterliegen, sind ausschließlich durch die zeittralistischcn Tendenzen der russischen Politik bedingt,, welche die F.ntsichung eines sclbständigen politischen Organismus befürchtet und nicht zulassen will. Noch weniger sind die Rcchtsbcschränkungen d2r russischen Bauern mit denen der Juden zu vergleichen. Diese Be- Schränkungen, soweit sic heute noch existieren, sind als Ausdruck der Staatssorge um gewisse Einrichtungen des Bauerntums aufzufassen, und die schwere Lage der Bauern ist durch sie am wenigsten bedingt. Zu Ende des 18. Jahrhunderts, als die russisclie Regierung die Juden in ihren Machtkreis hineinzog, entstand zugleich in Rußland die Judenfragc. Und kurz danach rciifte bei der Regierung folgender Plan zur Lösung dieser Frage: Die Juden müssen gebessert, von ihren Mängeln befreit, für nützliche Berufe erzogen werden, und erst dann können sie den russischen Bürgerkrelscn gleichgestellt werden. Von dem Grundgedan* ken der Notwendigkeit der Assimilation der Juden mit den Russen ausgehend, förderte die Regierung den Ucbergang der Juden zur Land- Wirtschaft; sie ergriff Maßregeln zur Verbrcitung der russischen Sprache unter ihnen und kämpfte besonders eifrig gegen die äußeren Formen der jüdischen Abgesondertheit. AndcrciTseits ließ die Regierung den Juden allmälilieh die allgemeine Rechtslage der russischen Bürger angedeihen und zerstörte auf diese Weise die Wand, die sie vom russischen Bürgertum trennte. Dieses Regicrungssystcm dauerte bis zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Während aber die russische Regierung und zugleich auch die russische Gesellschaft sich nur ganz allmählich daran gewöhnte, in den Juden gleichberechtigte Bürger zu sehen, war . . .——■— .XVI. Jahrgang die jüdische Intelligenz bemüht, die Theorie der Assimilation und Russil'izierung im Leben immer weiter durclizufiiliren. Den Absichten der Regierung gemäß bildeten wir uns und wurden Russen; aber gleichzeitig wurden wir dadurch russische intellektuelle und als solche traten wir in den Kampf mit der Regierung, die das ganze Volk unterdrückte. Die Folgen dieser Tätigkeit haben nicht lauge auf sich warten lassen. Die Regie- 411 ־ n g änderte plötzlich ihre Po- 1 i t i k. Die Verbreitung des Antisemitismus sowohl in den burcaukratischen Kreisen, als auch im großen Teil der russischen Gesellschaft, Pogrome, Vertreibungen der Juden aus den Dörfern, Vertreibung aus Moskau und anderen Städten, die unzähligen Revisionen des Wohnrechts in den inneren Gouvernements, die faktische Acnderung der festgesetzten Gesetze über die Wohnfriiheit der Handwerker, über den Zutritt zuin Staatsdienst, über die Ausschaltung der Juden aus der kommunalen Sclbstverwaitung, neue Pogrome, neue Vertreibungen —־ all dies stürzte plötzlich auf uns nieder, Schlag auf Schlag, mit der Grausamkeit längst vergangener Zeiten der menschlichen Geschichte. So trostlose Tage, wie in den letzten dreißig Jahren, hatte das jüdische Volk lange nicht mehr erlebt. Das Verhalten der Intelligenz und das «der Massen zu diesem Unglück war verschieden. Als edle Ritter blieben die assimilierten Juden ihrer alten Gesinnung treu; von überall verstoßen, in Schmach der Pogrome und der brutalcn Gewalt erniedrigt, verachtet, verspottet und verhöhnt, verteidigten unsere Intellektuellen hartnäckig ihren Standpunkt, daß die Verfolgungen nichts anderes als Aeusscrungen der Reaktion und die Pogrome nicht allein gegen die Juden gerichtet seien. Aber die breiten Volksschichten haben die Bedeutung dieser Maßnahmen tiefer und stärker empfunden und die ganze Trostlosigkeit ihrer Zukunft in Rußland vorausgesehen, und im Laufe der letzten Jahre verließen zwei Millionen russischer Juden ihr V ateriand. Es ist schwer, eine solche Erscheinung zu übersehen. Trotzdem bemühte sich unsere Intelligenz, sowohl die liberale (um den ״Wos’- chod“ gruppiert) als auch die radikale (die mit den Sozial-Revolutionären und Sozialdcmokraten sympathisierte und der ״Bund“) sic zu ignorieren. Diese Auswanderung allein zerstörte eigentlich alle publizistischen Redereien von der ״Solidarität mit den fortschrittlichen Elementen“, von der ״Notwendigkeit des Kampfes gegen den gemeinsamen Feind“. Und wenn die Intelligenz die Emigrationsbewegung erwähnte, so geschah es nur, um die russische Regierung wegen ihrer ultrareaktionären und staatsfeind• liehen Politik zu brandmarken und ihr zu zei-