Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651715--07525-2664697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 3 JUEP1SCHE RUNDSCHAU Seite 31 Vom jüdischen Buch ln Deutschland I. Diese Zeilen wollen Tatsache» erzählen. Sic machen nicht den Anspruch, das Dilemma des jlldlsehen Buchhandels in Deutschland zu beseitigen, sic wollen nur durch dio Begründung des heutigen Standes versuchen, die Richtung des zur Besserung ft.lircndcn Weges anzudeuten. II. Der iildischc Verleger in Deutschland jammert über den schlechten Absatz: das jüdische Publikum hat keine jüdischen Interessen mehr usw. Das jüdisch-interessierte Publikum klagt über den jümmerliehen Zustand der heutigen jüdischen Publizistik: cs klagt die Verleger an, daß sie den geringsten Anlorderungen nicht entsprechen. Und währenddessen :null der Autor eines guten, jüdischen Buches von Verleger zu Verleger ziehen und findet keinen, der seinen berechtigten Forderungen an Honorar und würdiger Herausgabe gerecht wird. Und das Rcsultat? Der Verleger gibt weiter innerlich und äußerlieh allen berechtigten, modernen Forderungen hohnsprechende Bücher heraus (ich rede natürlich vom Durchschnitt), das interessierte Pubhkum kauft sic allenfalls, oft nicht, weil cs Qcschntack daran findet, sondern ״weil cs was Jüdisches ist und man cs unter- Mützen muß", das Publikum aber, das an und für sich kein jüdisches Interesse hat, wendet sielt mit F.kcl von diesen Publikationen ab: Pfui, wie unmodern, wie unästhetisch! Und währenddessen zieht der Autor Immer noch von Verleger zu Verleger.- III. Es war einmal, ja, es war einmal eine Zeit, da konnte man mit'Stolz auf jüdische Bücher hlnwcisen, konnte sic geirost neben die sonstigen Erzeugnisse des deutschen Buchhandels stellen. Das war die Zelt, in der der Jüdische Verlag von begeisterten Zionisten gegründet wurde. Ja, damals schien der Zionismus, wie so vieles andere, auch die jüdische Lileralur zu neuem Leben zu erwecken. Es erschienen In kurzer Folge die auserlesensten Bücher. | Sic wurden gekauft, obwohl die Idee des Nationalliklcniums und des Zionismus nicht entfernt so vurbreitet war wie heule. Aber diese Bücher warben eben für die Ideen, die sie geboren. Da mit einem Mal stellte der Verlag seine grolizügige Tätigkeit ein.; Wir konnten noch mit Bedauern die schon für das nächste Jahr entworfenen Pläne durchschcn. Es war aus, unwiederbringlich aus. Die Freude verrauscht, die Bewegung zur Ruhe erstarrti Alle die kommenden Jahre wußten nur einige, ganz wenige Werke an die Seite der großen Zahl jener Bücher zu steilen. Und wir Nationaljuden, wir zehren immer noch von den Werken jener frohen Tage. Ich bin nicht orientiert, was die Unternehmungen des Jüdischen Verlages scheitern machte. Soviel ist mir aber gewiß: an der Art der Bücher lag cs nicht. Wenn wir jemals wieder mit Jüdischen Büchern in Deutschland Erfolg haben wollen, so wird und muß der Jüdische Verjag von damals uns Vorbild sein. F.s mag an der Finanzierung des Unternehmens gelegen haben. Wer weiß, an weichen Zufälligkeiten cs da lag,* vielleicht auch Ungeschicklichkeiten spielten mit. Aber, weil ein Experiment einmal mißglückte, wieso sollte es ein zweites Mal nicht gelingen, ein zweites Mal, wo dio Bedingungen anders und ich meine: günstiger geworden sind? IV. Wozu brauchen wir heute einen Jüdischen Ver* lag? höre ich; unsere Bücher werden ja bei allerband anderen Verlegern herausgebracht. Sehen Sie doch Buber, Zollsclian, Asch usw. Und ich setze dem entgegen: Mag sein, daß zufällig ein paar jüdische Bücher auch bei nicht jüdischen Verlegern gedruckt werden, aber trotzdem: der jüdische Autor zieht mit seinem Buclt von Verleger zu Verleger und findet keinen. — Ja. im Gegenteil, ich halte cs für schädlich, daß diese Bücher, die doch Erfolg haben, Verleger und Autor Geld cinbringcn, daß diese Bücher nicht in einem jüdischen Verlage erscheinen. Sic sollten das Kapital cinbringcn für die anderen jüdischen Werke, die nicht gedruckt werden, weil sic keinen materiellen Erfolg vorläufig cinbringcn können. Sic sollten ferner das Kapital bringen für die Bücher, die noch nicht sind, die aber ein Verleger durch Anregungen und Aufträge entstellen lassen kann. Man frage große deutsche Buchhändler, z. B. Dicdcrichs, ob man ihm alle seine Bücher fertig auf den Schreibtisch gelegt hat oder ob er nicht selbst nach eigens gefertigtem Plan systematisch seine Bücher hcrausgab. Wenn ein jüdischer Verleger seine Aufgabe derart auffaßte, wahrlich, er könnte uns, unseren Bestrebungen und dem Judentum überhaupt Qroßes leisten. Pfl j \צ yv ץ uu Und das Publikum wird nicht ausblcibcn. Man frage hier wiederum bei Dicdcrichs an, ob das große Publikum von Anfang an auch seinen Büchern, verlangte, Er hatte nur ein kleines Publikum, aber seine Bücher warben ihm das große. Das könnten die Bücher cincs'groftzUgigcn jüdischen Verlegers auch. Gewiß, der Kreis der Jüdisch-Interessierten ist klein. Die Bücher sollen Ihn erweitern. Das können sic niemals, indem sie dem literarisch heutzutage geradezu verseuchten Judentum unlitcrarisch kommen. Dadurch, daß man auf das den Juden liebe Literatentum schimpft, gewinnt man sie» nicht; man gewinnt sic, wenn man ihnen in literarischer Form tiefere, nicht literarische Werte zuführt. Wir wollen ja auch nicht literarische Empfänglichkeit und Verständlichkeit vernichten; wir wollen allein das Nur-Litcratentum bekämpfen. Und das können wir nur mit Büchern, die äußerlich (d. h. durch Einband, Vorsatzpapicr, Druck, Stil) & auftreten, wie die anderen auf dem europäischen Büchermarkt erscheinenden Bücher. Somit muß meiner Ansicht nach jedem Zionisten, mag er selbst keine literarischen Ansprüche bcsitzen, an der Schaffung eines jüdischen Verlages, wie oben beschrieben, rein aus Agitalionsgründen gelegen sein. Wirklich, ich habe alles dies nicht geschrieben, damit man die Existenzmöglichkeit eines jüdischen Verlegers erwägt (der kann sich ja auch anderswo sein Brot verdienen); auch nicht, weil Ich glaube, die Existenz des Zionismus hinge damit unlösbar zusammen, nein, einfach deswegen, weli durch einen solchen ״Jüdischen Verlag" die Ausbreitung des nationaljüdlschcn Gedankens schneller und wirksamer erfolgen könnte. Walter Levin. Heinrich Heine In einem einzigen Wort, in einen» Blick ollenhart siel» uns manchmal ein Lcbcnsschlcksal. Wir blicken sekundenlang durch dio Schleier der Gesciiclmisse in das Unbewußte, Endlose. Aber unendlich tragisch und peinlich ist cs, wenn dieser Augenblick der Erkenntnis, der zu den gran- (Hosen Momenten des Lehens gehört, sich Ins Groteske und Lächerliche verzerrt, wenn wlr( sehen, daß ein Lehenswerk auf dem Haltlosen, ',errichtet wurde oder gar, daß der Einwand als Begabung verstanden wird.wenn nus dem Kümpfer für die gute Sache plötzlich ein Harlekin wird, ein weinender und sentimentaler Plcrrot. Diesen kläglichen und kleinlichen Eindruck hatte ich, als fast zur selben Zelt, nls der erste Band der neuen Heine-Ausgabe des Tempel-Verlags*) erschien, Professor Adolph Bartels wieder eine donnernde Philippika gegen Heinrich Heine hielt und dann mit einer überraschend pathetischen und rührseligen Wendung schloß. ״Vor kurzem kam ein Mann zu mir," so erzählte Bartels, ״und; dankte-mir für meinen..Kampf gegen Heine. Und dünn ו sagte er, jnlr.pnit tiefer Trauer: Und docii, Herr Professor, wns wird das Ende sein? Sie werden sterben, Ihre Brüder werden untergeben, aber Heine, dieser ekelhafte Jude, wird weiter leben, immer wcitcrlcbcn.“ So schloß der Weimarer Litcraturphilistcr und verteilte Protcsaulrutc gegen das Heine-Denkmal und bat um Unterschriften. Vielleicht freute ich mich auch darum so sehr, als ich dann die ersten Bände der Tempel-Ausgabe in Händen hielt. Einem lange und tief empfundenen Bedürfnis war liier In mustergültigster Weise Rech nung getragen. Die sechs großen Vcrlngsanstaltcn (S. Fischer, Eugen Diode»ich, Hans von Weber, Julius Zeltler, Carl Ernst Pücubcl und Georg Hartman») haben hier wirklich einen Tempel geschaffen, einen Andachtsort für Suchende und einen beglückenden Aufenthalt für Befreite. Denn wir verlangen heute nicht nur, daß ein• Buch inhaltlich schön sei, wir wollen auch eine schöne und geschmackvolle Ausstattung, daß das Ganze einheitlich und künstlerisch wirke. Und das ii a t der Tempel-Verlag erreicht! Er ist seinem Plane auf der ganzen Linie gerecht ge worden und cs ist eine direkt ideale Verbindung von Wollen, Sollen und Können, die in dieser Ausgabe ihren Ausdruck findet. Dies gdit soweit, daß ich hier die Voranzeige des Verlages als Rezension folgen lasse, da Ich doch gezwungen wäre, genau dasselbe zu sagen. Das Ist *) Heinrich Hetnes »Ümtllcho Werke. 10 Bände. Jeder Band kostet: In Leinen 3 Mk.. in Haiblcdcr 3,75 Mk. Einzelausgabe In Halbleder 3,75 Mk. Vor« zugsnusgabc auf bestem Papicr In Qanzlcdcr 12 Mk. Der Tempel. Verlag in Leipzig. ein Erfolg, wie Hin bei einem ähnlichen großen Werk kaum ein anderer Verlag erreicht hat oder erreichen kann: ״Die kennzeichnende Eigenart der Tempel-Ausgaben Ist, daß sic von allem philologischen oder kritischen Apparat. Lesarten, Anmerkungen, Einführungen, Nachworten absuhn, von Buchdeckel zu Buchdecket enthalten sic nichts als das Wort des Dichters. Belehrung und Erläuterung Uber Werke und Leben ist jeweils in einen besonderen Ergünzungsband verwiesen, der stets den letzten einer Ausgabe bildet, und unter planmäßiger reichlicher Benutzung von Briefen in einem biographisßmonographischen Zusammenhang das Leben und das literarische Wirken des Autors zur Darstellung bringt. Es liegt ferner im Programm der Tempel-Ausgaben, daß ihre Textfassungen zum Unterschied von mehr oder weniger traditionell gewordenen Altersstaitungen in allen wichtigen Fällen die lebcnsvolleren früheren Formen in möglichster Qucllfrische, Unverfiilschthcit und Unabgcschwächthcit zu ihrem Recht kommen lassen. Die Ausgaben werden in einer besonders und ausschließlich dafür bestimmten Fraktur von E. R. Weiß, dem ausgezeichneten Buchktinstlcr, gedruckt. Sic bieten damit den vollkommensten Inhalt in einer bucbästhctischcn und technischen Gestaltung, wie sic den künstlerischen Forderungen der Zeit allein angemessen ist. In Druck. Papicr und Einbänden sind die Tempel-Klassiker vor allen» berufen, höchste Qualität zu bringen und unser« kostbarsten Literaturwerken, unser!» deutschen Klassikern, die künsticrisch tüchtigste Form und das würdigste Gewand zu geben." Die einzige Einschränkung, die ich machen möchte, ist eine Bemerkung zur Fraktur von E. R. Weiß. Und auch diese ist so gering, ja fast klein* lieh, daß ich sic beinahe unterdrücken möchte. Ein einziger Buchstabe, das grolle Q ist meiner Meinung nach verzeichnet und mau muß sich ein wenig Milbe geben, es nicht für S zu lesen. Aber das Ist, wie gesagt, so minimal in» Verhältnis zu dem ganzen Werk, daß man cs gern und freudig übersieht. Bis letzt sind K Bände erschienen. Die beiden letzten, in Kürze nachfolgenden, enthalten noch dio ,Kapitel: Marens. Börne, Rezensionen und die Ulo* graphle‘ mit Briefen. Es ist überflüssig, einem derart schönen und gutem Buche Olilck und Absatz zu wünschen. Das setzt sich durch und wenn kein einziger Skrlblfax die Feder rührt und eine Zeile schreibt. Und doch Ist cs eine schöne Dankespflicht für mich, wenn Ich dem Tcmpclvcrlng sagen kann: Er hat alles erreicht was er wollte — und er wollte alles. Hanns Margulies. Eingegangene Bücher: *Dio Nachtmahr. Von Dr. Richard Huldschincr. Albert Langen. Verlag für Literatur und Kunst, München. Och. 3,50 Mk., geh. 5 Mk., in Halbfranz 6,50 Mk. Ellahab, rcligionsgcscb. Krisis. Verlag Hugo Schildbergcr, Berlin. 1,50 Mk. *Erzählungen und Märchen. Von Oscar Wilde. Insel-Verlag, Leipzig. Pappband 3 Mk. Dio Körperpflege des Kulturmenschen ln gesunden und kranken Tagen. Von Dr. mcd. F. Dumstrey. Helios-Verlag Franz A. Wolfson, Leipzig. Merclaka. Von S, Schachnowitz, Roman aus dem jüdischen Volksleben in Galizien. Verlag des ״Israclit"-Frankfurt a. M. Brosch. 2 Mk., in c!cg. Qcschcnkband 2.50 Mk. Vcrloreno Welten. Von Salomon Dembitzer. Hausicrcrliedcr, Jargongcdichte. Dr. Franz Ledermann. Preis 5א Pf. *Tnlmudgrammatik. Von Dr. Margolis. E. H. Bcckschc Verlagsbuchhandlung. Geb. 10 Mk. Dio Juden in Deutschland. Von einem jüdischen Deutschen. Verlag Carl Curtius-Bcrlin. Preis l Mk. Dio Juden In Arabien zur Zeit Mohammeds. Von Dr. Rudolf Lcszynsky. Verlagsbuchhandlung von Mayer und Müller-Berlin. 2 Mk. ♦Jean Pauls Werke. Auswahl in sechs Teilen, herausgegeben von Karl Frey (Goldene Klassiker- Bibliothek). Deutsches Vcrlagshaus Bong & Co, Berlin. 3 Leinenbände 6 Mk. Eheleute. Von Martin Beradt. Fischer’s Verlag- Berlin. Geh. 5 Mk., gcb. 6 Mk. *Rahe! Butdberelt. Von Agnes Harder. Verlag C. A. Schwotschkc & Sohn-Berlin. I ' i I