Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651715--07524-2664696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I Seite 30 JUHDi SCH II RUNDSCHAU No. 3 kannte Rußland keinen zweiten Mann, der wie Karaulow mit so inniger Liebe und Verehrung an Juden und Judentum gehangen 11 at. der das ganze Qcwiebt seiner edlen reichbegabten Persönlichkeit darein gesetzt hatte, die Sünden seiner Volksgenossen an der jüdischen Nation zum Teil wenigstens gutzumaclicn. Karaulow war der erste, der die Oeseitzcsvorlagp wegen Abschaltung de« Ansicdlungsrayous unterschrieben hat. und lullte demgemäß bei der Beratung der Vorlage als erster das Wort hierzu ergreifen sollen. Für diese Aufgabe bereitete er sich sehr gründlich vor. Seit Monaten beschäftigte er sich fast ausschließlich mit dem Studium der einschlägigen Fragen und allgemein erwartet man mit großer Spannung die Rede des wegen seiner persönlichen Eigenschaften auch von den politischen Ocgnncrn ungemein geachteten Volksvertreters. Diese Rede sollte zum ersten Mal innerhalb der Wände des taurischcn Palais den flammenden I*rötest des verletzten Rechts- und Mcnschiiclikcitsgcfiihls gegen die an einem großen Volke im Laufe von Jahrhunderten begnngeucn Verbrechen zum würdigen Ausdruck bringen. Der während der Ausschreitungen der autlsemitischen Studentenschaft Odessas von einem immatrikuliertcu Mordbuben meuchlings in den Hinter- Schädel verwundete jüdische Student Iglitzky ist in der Nacht vom 3. auf den 4. Januar nach vier* zehntägigen schweren Leiden verschiede n. iglitzkv war erst 18 Jahre alt. Dieses Jahr hatte er das Gymnasium ,.mit goldener Medaille" absolviert und konnte so trotz der ,.Prozentnorm'‘ sofort auf die Universität aufgenommen werden. Mit der Politik hatte er absolut nichts zu tun. Br kannte nur zwei Leidenschaften: die Wissenschaft und die Musik. Ein Jüdisches l'olylcchnikum. In letzter Zeit ist in der russisch-jüdischen Ocffcntliclikeit viel gesprochen worden von der Schuffung einer jüdischen Hochschule, die bei der fast gänzlichen Ausschließung der Juden von den höheren staatlichen Lehranstalten einem weitgehenden Bedürfnis entspricht. Dieser bedeutsame Plan nähert sich nun der Verwirklichung. Bs sind bereits die finanziellen Mittel sichcrgcstcllt für'die Gründung eines jüdischen Polytechnikums in Wilna, das aus vier Abteilungen bestellen soll: für Hundclslchrc, Baufach, Mechanik und Blcktrotcclmik. Die Anstalt ist für dreihundert Studierende berechnet. Bs sind auch bereits Schritte cingclcitct worden, um die Genehmigung der .Regierung zu erlangen. Allerdings bleibt erst noch abzuwarten, ob von dieser Seite nicht Schwierigkeiten gemacht wer-, den. Das bisherige rigorose Verhallen der Zaren■;; regicrung den jüdischen Privatschulen gegenüber' veranlaßt jedenfalls zu pessimistischen Erwartungen in dieser Hinsicht. PALAe5TINA־RUNDSCHAU Eine seltsame Nachricht kommt aus Je rosa• lcm. Einige ״Vertreter" der dortigen jüdischen Bc* völkcrung intervenierten heim Gouverneur von .lernsalcm — gegen die jüdische Einwanderung, die den ansässigen Juden auf wirtschaftlichem Gebiete Konkarrenz mache und ihre ökonomischen Interessen schädige. ■ So unglaublich auch diese Nachricht klingt, so ist doch leider an ihrer Richtigkeit nicht zu zweifeln. Die Handlungsweise jener jüdischen ״Vertreter" ist um so schärfer zu verurteilen, als gerade jetzt In der Frage der jüdischen Immigration nach der Ttirkcii wichtige Fnlschcidungcu b,cvorstehen und dieselbe demnächst im Parlament auf Grund eines Gesetz.csvorsclilagcs der Regierung erörtert werden soll. Hoffentlich wird cs die Jerusalemer Judcnhcit nicht unterlassen, naclulriicklielist festzustcllcn. daß jene .,Vertreter", die den Judenfeinden Waffen in die Hand gehen, nicht das Recht hatten, in ihrem Namen zu sprechen. Die jüdische Ocffcntlichkcit aber lmt das Recht zu verlangen, daß Ihr die Namen jener eigenartigen ״Judenvertreter“ bekannt gegeben werden, um sie gebührend kennzeichnen zu können. Allerdings läßt sich jetzt schon vermuten, auf welcher Seite dieselben zu suchen sind jedenfalls wohl unter den Kreisen des ״alten Jischub", die auf Posten der jüdischen Gesämtlich leben und dem ncujlidisclicn Palästinawerk bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Hindernisse in den Weg zu legen suchen. Hatten sic aber sonst angeblich ״religiöse Gründe" vorgcscliiitzt, so haben sic sich diesmal auf ״wirtschaftliche Interessen" berufen. Dieses offene Eingeständnis verleiht dem beschämenden Vorgang noch eine besondere Bcdcutung. RUNDSCHAU DCR PR6530 Deutsche Montügszeitung, Berlin. Unter dem Titel ״Der Jude in Amerika" bringt das Blatt die folgenden spaßhaften Ausführungen: ״Eine seltsame, rasscnpsvcliologiscli liöclist intcrcssantc Erscheinung ist die Umbildung der Gesichtszligc hei fast allen Menschen, die nach den Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert sind. Schon. In wenigen Jahren repräsentieren sie den hekannten amerikanischen Tvpus. dessen Haupt- Charakteristik das kräftige Kinn und die festen Umrisse des Mundes darstclicn. Diese Metamorphose wirkt hei keiner Rasse so auffällig wie hei der jüdischeu, denn sie unterscheidet sich von den übrigen Volkcrlypcn gerade durch die weichere Mund- und Kimibildung. Ein Jude, der nach vier bis fünf Jahren Arbeit in den Union-Staaten in seine Heimat zurückkehrt, nimmt sich neben seinen dalicimgchlichencn Stammes- und Familicngciiosscii aus. als hätte er nie zu ihnen gehört: seihst wenn er die drüben angcnommene Mode im Schnitt der Kleider und in Bartmul Haartracht ablcgt, wird man ihn weniger als Juden, denn als Amerikaner atisprecheii. Der Nach* wuchs aber, den ausgewanderte jüdische Familien in Amerika bekommen, hat in den meisten Fällen den Gesielitssclinitt der jüdischen Rasse gänzlich verloren. Wie eine riesenhafte Presse erscheint Amerika, das jeden Menschen, der hlncingcschobcn wird, umprägt. Die Erklärung dafür Ist nicht ganz einfach. Zunächst is es wahrscheinlich, daß die Sprache einen starken Einfluß auf die Mund- und Kiimbildung hat. Die englische Sprache nun zwingt den Auswanderer, den Ton aus der Gaumenhöhle nach vorn zu legen. Sie wird zwischen den Lippen gesprochen. Ein Vorscliioben des Kinns erleichtert die Nachbildung der englischen Laute. Ohne Zweifel wird durch andauerndes Englischsprcclicn die Lage des Kinns verändert, Muskeln werden ausgebildct. die früher unbenutzt blichen und verkümmerten. Das erklärt aber noch nicht die Tatsache, daß, wie Fachgelehrte durch Messungen fcstgestcllt haben, auch die Formation des Schädels hei Ausgewanderten sich verändert. Dafür gibt cs nur psychologische Deutungen. Es mag sicher auch einen Zusammenhang zwischen Sprache und Wachstum des Gehirns geben, sicher ist. daß die Ausbildung des Gehirns von der Ent- Wicklung der Energie beeinflußt wird. Der strugglc of Jifc. zu dem der Auswanderer in Amerika gezwangen ist. fordert ihn auf. Energien zu entfalten, die in den engeren, aber auch sichereren Verhält- Hissen seiner Heimat niemals zur Entwicklung gekommen wären. Andererseits gibt er Gefühlswerte mul Rücksichten auf, deren Betätigung früher sHmmi Gesicht ihre Merkmale aufgedrückt hatte. Die Folge davon ist auf der einen Seite die Verkümmerung, auf der anderen Seite die Ausbildung von Teilen des Gehirns. So hätte man eine Erklärung dafür, daß das ganze ״Köpfchen" ein anderes wird. Eine Probe auf die Richtigkeit dieser Hypothesen würde eine Scliüdcluntersuclumg aller der Leute ergehen, die dem Lebenskampf in Amerika, nicht gewachsen sind. Das sind zunächst hauptsächlich solche, die sicli die neue Sprache nicht ancignou konnten. Und wirklich zeigen Rückwanderer, seihst wenn sie Jahre lang sich drüben licrumgeuuält haben, daß sic in ihrem Aeulleren geblieben sind, was sic waren. Meist sind es Schwächlinge. Unterlegene, die Amerika abgelclmt hat. Oft aber auch sind cs ganz Starke, mit denen das Land nicht fertig geworden ist." Damit ist allen jenen, die seit langem mit ihren verschiedenen Rezepten am Judentum hcrumdoktor» wollen, eine vorzügliche Kur in die Hand gegeben, die sie ihren taufsüchtigen Patienten vor der endgültigen Gesundung durch ״Untcrtauchcn" empfehlen sollten. I. '/ ziomsriscMe Bev/esuNG!,ropujjandarcise des Parteisekrelürs Köln. Am Samstag, den 4. d. M., fand Im großen Saale der Rhemlamllogc eine öifcntlichc Versaminhing statt, in der Herr Parteisekretär Kurt Blum c 11 i c 1 ü über ״Z c i t - u n d S t r c i t f r a g c n im modernen Judentum" sprach. Die Ver- Sammlung war von etwa 350 Personen besucht, die den Ausführungen des bewährten Redners mit grölttcr Aufmerksamkeit folgten, und Ihm durch reichen Beifall dankten, ln der Diskussion trat Herr Zahnnrzt Hlirmann den Ausführungen des Redners vom Standpunkte der Orthodoxie aus entgegen, welche als erste Bedingung für die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke die OUcuv.duuc des um Sinai gegebenen Gesetzes verlange. Herr N. Groß wies demgegenüber auf die Zustände Im Osten Europas hin, wo cs der Orthodoxie von Tag zu Tag schwerer und zum Teil bereits unmöglich gemacht wird, np allen Vorschriften dieses Gesetzes fcstzuhaltcn. Er erblickt gerade für die Orthodoxie die einzige Rething im Zionismus. Herr Leo Munk vermißt im Zionismus, dessen ehrliches Bestreben für die Rettung des jüdischen Volkes er anerkennt, die Betonung der Piliolitcn. die der Mensch Gott gegenüber hat. Herr Amtsgerichtsrat Cohn rühmt dem Zionismus nach, daß er die Begeisterung unter den Juden wieder geweckt habe, hält aber die Bewegung und ihre Ziele für verfehlt. Wir sollen vielmehr uns bemühen, als deutsche Staatsbürger die volle Gleichberechtigung zu erkämpfen. Herr Rabbiner Dr. Manöver enthclirt im Referate des Herrn Blumenfcld die Behändluug der wichtigsten augenblicklichen; Fragen des Zionismus, wie sie sich z. B. aus der neuen politischen Constcllation in der Türkei ergehen. Gegenüber den Ausführungen einiger Diskussionsredner, die sich nur aus religiösen Gründen gegen den Zionismus gewendet hatten, lieht er hervor, daß gerade die Bekonung des nationalen Moment(« mul nur dieses unter den augenblicklichen Verhältnissen der ludenheit geeignet wäre, alle Elemente der Judcnhcit zu sammetn. Bei den leider immer größer werdenden Schwierigkeiten, die sich der Ausführung vieler Satzungen des Judentums eiitgegenstellen. sei die Erhaltnng des jüdischen Gedankens in einem indischen Milieu weit leichter. Man soll lieber im Zionismus seine eigenen Gedanken durehz.iisetzen versuchen, als ihn zu bekämpfen. An der Diskussion beteiligten sieii noch die Herren W c r l h e r tiiul I. van CI c c f. die den Ausführungen einiger Diskussionsredner vom Standpunkte des ״Misrachi" aus entgegentraten, in seinem Schlußwort wies Herr Blumenfcld besonders die Einwürfe des Herrn Amtsgerichtsrats Cohn zurück und resümierte kurz noch einmal den Zweck seines Vortrages. fültcllungen des Zentratbureaus der Zionistischen Vereinig. Tür Deutschland Wir machen die Ortflgriippcnvorstürulc darauf aufmerksam, daß die 2. Auflage unserer Zionistischen aufmerksam, daß die 2. Auflage unseres Zionistischen Merkblatts zur Neige geht und daß wir für eine pünktliche Lieferung nur hei einer umgehenden Aufgäbe der ׳ Bestellungen Gewähr übernehmen können. ä \/0M*BGZAL€L״=S Vor einigen Tagen fand die Einweihung der ersten Arbeiter-Kolonie des Bczalcl In Ben-Schamen hei Lydda statt. Die Beteiligung au dieser Feier war eine so rege, daß ein Extrazug von Jerusalem abgclassen werden mußte, um sämtliche Teilnehmer hefördern zu können. - Herr Rittergutsbesitzer Dr. Paul Schottländcr in Breslau hat beschlossen, auf den Namen seines verstorbenen Vaters Julius Schott* iänder eine Abteilung im Bczalcl cintragcn zu lassen und hat für diesen Zweck die Summe von 10 000 Mark gespendet. ־VOM HILF5VeRe1M! Am 8. Januar fand unter dem Vorsitz des Herrn Dr. James Simon eine Sitzung des gcschäftsführcnden Ausschusses des Hilfsvereius der Deutschen Juden statt. Es wurde eine Reihe von Bewilligungen, insbesondere auf dem Gebiete des Schulwerks in den Bah kanliiiidcrn. der europäischen und asiatischen Türkei vollzogen, durch die!las Kulturwcrk des Hillsvcrelns eine wojtcrc Ausgestaltung und insbesondere in P a 1 ä s t i n a eine bedeutsame Erweiterung erfährt. Unter anderem wurden Subventionen (ür die vom Hilfsvcrein iieuhegrüiulete Schule in Haifa, die dem bereits in Baum begriffenen iüdischcn Institut siir t ec 11 n i sc lie Erziehung in Palästina daselbst als Unterbau dienen snl| sowie für Talmud- Thoraschiiten und Rahhinerkurse in Jerusalem festvesetzt. Ferner wurden Mittel zur Einführung des Handfertigkeitsunterriehts im Orient zur Verfügung gestellt und die Grmulzüge fiir die Organisation des• selben fcstgclcgt. Daß Lehrerseminar mul die Handclsrcatschulc er• fuhren eine durch die Verhältnisse gebotene organi• satorischc Ausgestaltung. Das Lehrerseminar umfaßl nunmehr 5 feste Klassen statt einer Prüparumlcu kiassc mul 4 Scminarklasscn und die 1101י.י^15')1)ח• schule 4 statt 3 Klassen. Die Erweiterung des Rahmens dieser Anstalten hat sieh als notwendig erwies», da der Lehrstoff im Orient insbesondere durch die Bchstuni׳ mit Sprachen — cs werd־־n 4 Sprachen: Deutsch. Hebräisch. Türkisch ur I Arabisch gelehrt — außerordentlich umfangreich ist, Die Sclitilknnimissiou des Hilfsvereius wurde durch die Zuwahl der Herren Sicginund Bergob Professor Mittwoch. Rabbiner Professor M;1vhau m und Professor Sohernheim verstärkt. Durch Einführung des Handfcrtigkcitsnntcrrichß am I chrersemiiiar des Hilfsvereius wie an da palästinensische״ Schulen, wozu die Alexander und ramvy $1 vn *ווי - S \ i 1 \ u ng '111 Hannover in dankenswertester Weise ihre Unterstützung leih! wird dieser inshesonder: auch fiir die Vorbereitung tilr oas Erwerbsleben wichtige Unterriehtszweig in entsprechender Weise gepflegt werden Es wird eine eigene Lehrkraft für diese Zwecke eingestellt. Die Bewilligungen für die Falaclias. die in Z־1 ״c1l,rcr״ fiisgchildet werden und gute 1 ortsclinttc maclicn. wurden erneuert. foJrl'LÜ™ r״ssis,c״c »li'fswcrk und die At.swa״• bereit gesteht W״rdc" Klcichf;,lls liic ״״*»»>״ Mittel AUS'DCN G£M£IND€N V0• . dcm Scliöiicimcrlcht Berllu-Mll *י-]\cJnv ,!"J■ta.? '>״t<r־r Rem Vorsitz des Ami gohir ,1P/' nOIK dl,c Vcfhandlu»K gegen den Heran ^udc״t1m1«״״n?nMa an/'c KCr.f״r dic Jntcrcsscn d K1L ' r 'im ,M 0 s? 5 u1ul scmc״ verantwortlich Redakteur P i c 14 u c h wegen eines im ״Genen (Fortsetzung auf Seite \