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Jüdische Rundschau · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 28 No. 3 JUEDISC HE RUN DSC HAU Ich werde mir gestatten, die gesamte Kor• ropondenz der jüdischen Ocficnilichkcit zu Über• «eben. Ganz erKcbcnstl II11 « 0 S c h a c h l c I. Wir wollen diesen traurigen Dokumenten iiiclischer Zeitgeschichte, die litr sich eine deutliche Sprache reden, keinen Kommentar hin/iifiigen. Nur eines wollen wir Herrn Woliste in und alle unberufenen Hilter des deutschen Nationalgcfiilils unter uns Juden fragen und hoffen, d.ili sie, wenn auch der ()Öffentlichkeit, so doch sich selber eine eh rlieite Antwort nicht schuldig bleiben werden: ״Was ist es, das Huch zu diesem aussichtslosen mul unwürdigen Kampf treibt gegen alles, was sich jetzt im Judentum an junger, unverbrauchter Kraft regt, gegen alles, was uns zukunfisstatk auf neuen Wegen zum alten Judentum zurilckfiihren will? Ist es wirklieh jene grolle und erhabene Sorge des freien römischen ib'irgers, ״daii das Staatswohl keine Hinbulle erleide", oder ist cs jene Hurcht des Hrci• gelassenen, ״dali cs nicht etwa scheinen tuügc, als ob von denen, die sich mit uns Juden neunen, eine Oefahr drohen könnte, die dann auf uns zurückfüllt?" Dali das nicht das gleiche ist, das bedeutet den tragikomischen Konflikt in der Haltung dieser ״Führer in Israel". Liberales Wecken Das sogenannte liberale Judentum reibt sich die Augen. Reckt und rcckclt sich und besieht sich die wohlgeordnete zionistische Phalanx, die in mühevoller aufopfernder Arbeit zusammengezogen wurde, indes man sich auf liberaler Seite der sicheren Sitze in der Gcmcindestubc freute. Nun bliist man zum ״Sammeln". Aber ach, es ist nur ein , klanglos Wimmern, ein Schrei voll Schmerz" über die für immer verpailte Gelegenheit. Wohl mangelt cs nicht an grollen Worten, die man den Gegnern nbgclauscht hat, aber cs fehlt die weithin sichtbare Halme, um welche sich die Zerstreuten sammein könnten, cs fehlt dies P r 0 g r a m m. Fünfviertel Stunden laug halte der liberale Redncr am Montag dieser Woche Gelegenheit, in der von den n a t i 0 n a I j i! d i s c 11 e n Vereine 11 Groß-Berlins cinbcrufcncn Versammlung im Tiergartenhof seine Ansichten zu entwickeln, aber — man mag über seine Ausführungen urteilen, wie man will — programmatisch waren sie n i c h t. Und doch hatte man das Recht, in dieser Stunde eine solche Darlegung zu verlangen. Denn der ״Liberale Verein für die usw. usw." hatte seiner neu geworbenen ״Jungen Garde" die Marschorder ,gegen den Zionismus" gegeben. Da war cs denn kein unbilliges Verlangen, wenn man von jenen, die sich unterfingen den Zionismus, das Ideal der neuen Jugend-im Judentum als eine Gefahr hinzustellcn, ein anderes, positives Programm forderte, das sic ihm entgegenzusetzen hatten. Stau dessen wurde uns gesagt, der neu gegründete ״J ü d i s c h -1 i b c r a I c Jugendverein" bezwecke die liberale Fortbildung der jli* dischen Religion, eine ״vernünftige" Assimilation und den Kampf gegen den Z i 0 n i s m 11 s. Auf d i c Frage, auf deren Beantwortung wir nun schon, so lange warten: ״Was ist eigentlich jüdisch-liberal?“ blieben uns die Gegner jedoch die Antwort schuldig. erzähle mir, was du treibst und wie cs dir geht?“ ״Was ist das!“ verwunderte sich Sarcki, als er das Buch bemerkte, das auf dem Tisch offen lag. ״Den ״Oraeh Chim“ liest du! Mit den Vorschriften für Passah beschäftigst du dich! Karpas war betroffen und wußte keine Ant• wort. ״Sind wir denn nicht Brüder?“ meinte Sarcki mit liebenswürdigem Lächeln. ״Du mußt dich vor mir nicht genieren. Seit wann bist du wieder zutüekgckehrt?“ ״Seit waun? fragst du. Seit heute, seit diesem Abend! Und dieses da ist die Ursache." Karpas faßte Mut und zeigte mit dem Finger auf das Buch. ״Sich her, was ist das, schau!“ ״Eine zerquetschte Wanze sehe iqh,“ entgegnete Sarcki, ״eine von den Wanzen der vorgangenen Generation fand hier ihr Grab und ruht mm seit vielen, vielen J«ihren in Frieden.“ ״Und was ist das?“ ״Das? -- Das ist ein Haar, das Haar eines Greises.“ ״D«as ist ein Barthaar meines gottseligen Vaters!“ sagte Karpas mit innerer Bewegung. ».Das Haar fiel aus seinem Barte, «als er mich in meiner Kindheit aus diesem Buche die Vorschrift ten für Pessach lehrte und hier blieb es liegen bis jetzt, etwa dreißig Jahre lang. Dieses Flaar Hbciiso wenig wurde uns gesngt, wo bei der Assimi laiinii die Vernunft :uilliört und der Unsiiin anfliugt. Intcrc.ssiiut war mir die recht energische, aber Immerhin etwas verspätete Abscliüttelung des Herrn Prolessor G c i g c r. Wenn vor einigen Wochen an dieser Stelle der Genugtuung darüber Ausdruck gegeben wurde, daß man endlich liberalcrseils gesonnen sei, den Kampf gegen uns niifzimclimen, so muß gesagt werden, daß das l'.rgebuls der Versammlung um Montag die Freude an diesem Kample einigermaßen gedämpft bat. Denn die geistigen Waffen unserer Gegner sind stumpf und rostig Ihnen fehlt der Glaube an die Zukunft. Ihre Begeisterung ist unecht, Ihr Pathos Imbl. Ihre Schlag- Worte zionistischer Phraseologie entlehnt. Das ist kein Gegner, mit dem es eine Lust ist. die Waffen zu kreuzen. Diese P r 0 g r a m m 10 s i g k c i t regt mehr zum Mitleid an, als zum geistigen Kampfe. « Das war cs wohl, was die Berliner nationaljüdische Jugendvcrsnmmlung trotz der tüchtigen Vorhereiiimgen, für die unseren jungen Freunden ein volles Lob gebührt, nicht zu dem werden ließ, was wir alle erwarteten, zu einem ״grollen Tag", wie wir ihn, in unserem Berliner Parteileben in größeren Abständen immer wieder erleben. Lange vor Beginn war der große Saal und die Galerie überfüllt. Die Gegner waren zahlreich und im Vollbesitz ihrer jugendlichen Stimmkraft erschienen. Daß der Mangel parlamentarischer Schulung sich bisweilen in wüsten l.ärmszeneu bemerkbar machte, ist ein Millstand det behoben werden wird, wenn die Herren beginnen, sielt ein wenig um das jüdische politische Leben zu kümmern. Licht hei ms einleitendes Referat entwickelte das Problem des jungen Juden itr Deutschland mit Schärfe und Prägnanz. Die Respektlosigkeit erkannte er als Orimdzug seines Wesens, die Ilm die rulmtvolle Vergangenheit seines Stammes und den Glauben der Väter für nichts achten lasse und dessen Inist an Kritik ihn dem Theater und dem literarischen Acstlicii/.ismus in die Arme werfe. Besonders verwerflieh sei cs. daß jetzt gerade von Leuten solchen Schlages, die leichtfertig an Volk und Religion Verrat geübt haben, den Zionisten Mangel an Vaterlandsliebe vorgeworfen werde. Theobald Sc 110 1 cm vertrat den Standpunkt des Turnvereins Bar Koch ha, der, obwohl nicht zionistisch im Sinne eines fest umschriebenen Programms, doch jederzeit bereit sei, fiir den Zionismus, dem er und die gesamie jüdische Turnerschaft ihre Entstehung verdankten, eiuztitretcn, sobald er in so maßloser Weise, wie es geschehen, angegriffen werde. Hans Ooslar deckte noch einmal die scharfmacherische Ten• denz, die der Nongründung inncwolmcn mulltc mit aller Deutlichkeit auf und wies vor allem auf die Drahtzielier bin, die den ganzen Feldzug inszeniert hätten. Dann kam von gegnerischer Seite Herr Dr. Wertheim zu Wort, der die in conziliantcster Weise gewährte unbegrenzte Redezeit weidlich ausnutzte und die (ledlud der Hörer auf harte Proben stellte. Trotz mehrfachen Zurufs aus der Versammlung blieb er uns Jedoch eines schuldig: Das Programm, das dem ״Jliv״ Sinn und Dnscinsrcclit geben sollte. DerArbeti, die der Zionismus zur Gewinnung der Jugend geleistet bat versagte er die Anerkennung nicht und bedauerte das libcralcrscits Versäumte. Von unserer Seite sprachen noch Dr. Lazarus Barth, Dr. Gustav W i t k o w s k y und Dr. Z w i r n . die jedesmal die von den einzelnen Gegnern erhobenen Hinwände in treffender Weise widerlegten. Den gegnerischen Standpunkt vertraten Herr Philipsborn und Herr Dr. Abraham, der Sekretär des ״Lieberalen Vereins". Der ungeheure Andrang zu der Versammlung — die in vorgerückter Nachtstunde vertagt wurde - zeigte deutlich welch gewaltiges Interesse der Kampi um di: jüdische Jugend in unseren Tagen erregt. Dieser Kampf ist aber ein Kampf, der, wie die meisten modernen Gefechte enfsohieden wurde bevor der erste Schul! gefallen. Die jüdische Jugend — soweit «.ie überhaupt jüdisch interessiert ist ist in ihrer Mehrheit zionistisch und wird zionistisch bleiben, solange bis jenes unlösbare Rätsel gelöst ist: ״Was ist liberales Judentum?" Denn vom Klang der Worte wird sic sich nicht fangen lassen: Wie in der Jugend- Versammlung wird sic immer wieder rufen: ״Das Programm!" Schlussbericht über die Berliner Taqunq des Grossen ft.C. Dr. Tsclilcuow: Ueber die Besteuerung werde ich noch bei der Spczialdebattc sprechen, leb Italic Aeulicrungcn des Herrn Wolffsolm mit clc.,1 Knoten zitiert. Das ist eine Kmpfindungssnehe: i:!1 fühle den Knoten. Man muß ilm zum mindesten ,.o gestalten, daß er nicht drückt. Das ist aber nicht gescheiten. Hs wurde nicht berücksichtigt, was die Jaltrcskonfcrcnz wollte, daß nämlich alle Richtungen vertreten seien. Die Differenzen bestehen gewiß Hielt׳ so sehr in der Auffassung der praktischen und poetischen Arbeit. Aber cs hat eilte Majorität und M'tioritüt gegeben. Dem wurde nicht Rechnung g׳:• tragen. Ich Italic den Hindruck, daß Berlin und Cö!n ziisntimicnstehen. Man hat uns nur ein Mitglied im Präsidium überlassen. Das ist kein Weg zur Bescitiguttg des Knotens. Wenn man zur Sitzung kommt und nicht neue Knoten schaffen will, dann kmtimc man nicht mit fünf Mitgliedern, von denen drei Berliner sein sollen und einer der Vorsitzende des Anfsichtsrates. so daß mir ein Sitz übrig bleibt. Wolffsolm: Dr. Tscltlcnow hat recht. Ich habe mich mitgearbeitet, aber wir dachten nicht an Persotten .und cs war ein Fehler, daß die Herren Namen genannt haben. Wählen Sie die Personen, die Sic wollen. Dr. Tscltlcnow ffortfaiirend): Sie haben ja Oelegcnlicit. auch jetzt noch die Frage zu klären: ich muß sagen, was Dr. Bodenlteimcr angeführt bat. hat mich nicht aufgeklärt. Was die Zahl 5 oder 7 anbelangt, so muß ich sagen, daß wir diese Frage schon hier lösen müssen. Nun kommt die Frage bezüglich der Wahl des Präsidenten. Hs wurde gesagt: aus Zweckmäßigkeitsgründen solle der Präsident vom Kongreß gewählt werden. Herr Dr. Friedemann aber weist aus Zweckniüßigkcitsgründen nach, daß der Präsident vom H. A.-K. gewählt werden soll. In dem Motivenbcriclit finde ich keine Krklürung fiir die Aemlcrtuig des Beschlusses der Jaltrcskonfcrcn*־.. Ich möchte darum beantragen, daß das A.-K. der Organisalionskotttmisslott empfiehlt. die von der Jaltrcskonfercnz bestimmten Richtlinien zu befolgen. Nach weiterer Debatte wird zur Abstimmung über die vorliegenden Anträge geschritten. Der Antrag Dr. Bodcnlielmcr auf F.lnsctzung einer Kommission von 21 Mitgliedern für die endgültige Redaktion des Organisationsstatms. die ihre Vorschläge dem A.-K. unterbreiten soll 11 vJ beauftragt wird, sich strikte an die Beschlüsse der entdeckte ich nun eben in dum Momente, da dem ererbten Reste meines Judentums die Oe• fahr drohte, gänzlich zu erlöschen und keine Fr• rinnerung daran mehr in meinem Hause bleiben wird. .Ich rede von diesen heiligen Büchern, dem jüdischen Schatze in diesem Schrank, den mir mein Vater hinterließ. Mein Vater genoß, wie du weißt, nicht den Ruf eines reichen md begüterten Mannes, und sein Anteil an der Welt bestand in diesen Schätzen, die ihm teuerer dum Perlen waren, und sic liinterlicß er mir,, seinem Nachkommen. Und nun denke dir, dieser‘ Schrank, dessen Form allerdings nicht dem Gr• schmuck unserer Zeit entspricht, der so viele Jahre, ohne benutzt zu werden, verlassen und abgesondert für sieb allein existierte, und dann hin und her wunderte —* soll heute zu ewigem Vergessen verurteilt werden. Meine Frau meint, daß dieses Ding und sein Inhalt nicht in eine schone Wohnung und unter schöne Möbel ge* hört, sondern in den Keller unter Abfälle und Gerümpel. Und alle Worte, alle guten und Italien Reden nützten nichts. Das Urteil war unabänderlich. Und darüber kränke ich mich schon den ganzen Tag. Gewiß, es ist bereits wohl fünfzehn odef gar zwanzig Jahre 11er, seit• dem ich mich mit diesen Büchern nicht mehr beschäftige, aber ״als das Todesurteil über sic ausgesprochen ward, ,wandte sich mein He ihnen wieder zu, und ich dachte daran, daß ich sic geerbt, geerbt von meinen Vätern habe. Und auch an meinen Vater, meine Kindheit und die Stätte meiner Kindheit dachte ich zurück, und beinahe instinktiv ging ich hin und nahm dieses Buch, das da vor dir liegt, und als ich es öffnete, sah ich dieses Haar ־— und da ersch rack ich und mir ward gar schwer zumute. Schrecklich ist dieses Bild, doch was ich später bemerkte, ist noch schrecklicher . . . Doch,“ er .hielt inne iit seiner Rede, “verzeih, mein Freund, daß' je]1 mein Herz so ansschüttc und wie ein Weib zu'Seilwälzen beginne. Denn das ist nicht anständig und ziemt sich am allerwcnigsten, wenn man einen Gast willkommen heißen will. F.in so werter Gast, wie du kommt zu mir, und ich unterhalte mich mit ihm nicht über seine sondern über meine eigenen Angelegenheiten. Nun sprich du, mein lieber Gast, und erzähle mir, was du treibst.“ ״leb will die erzählen, mein Lieber, «alles will ich dir erzählen, jedoch unter der Bedingung, daß du deinen Bericht fortsetzest und nicht mir verheimlichst. Denn du kannst mir kein gtößcres Vergnügen bereiten, als ich von deinen Worten habe, feil bitte dich, erzähl״ mir, und ten will aufmerksam zuhören. Du bist bei dem Satze stehen geblieben: ״Doch, was ich später 1 bemerkte, ist noch schrecklicher.“ (Forts, folgt.)

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