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Jüdische Rundschau · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 26 | U E D IS C11 E RUNDSCHAU No. 3 gegliederte Kommission besser imstande sein, die einmal nicht nur die argentinischen, sondern alle jüdischen Kolonisationen ■ besuchen und studieren sollte. Aber einiges läßt sich doch schon heule sagen. Palästina ist dem Juden teuer. Ls ist näher und besser unter der Kontrolle der ()öffentlichkeit. Die Organe der lea sind hier besser, es sind darunter vorzügliche Kräfte. Sind doch einige frühere ka-l.eute gegenwärtig in leitenden Stellungen unserer zionistischen Verwaltungen. Aber alles das erliirt noch bei weitem nicht den großen Unterschied der Resultate. Diese liegen vielmehr in erster l.inie im S y s < e 111. Und da ist es mir eine große l;rcude gewesen, zu sehen, daß Ohasanowitsch aus seiner Beschäftigung mit der argentinischen Frage heraus und offenbar ganz selbständig zu Schlüssen gelangt ist wie die folgenden; Landwirtschaftliche Kolonisation in neuen Jiindern kommt für uns wesentlich erst dann in Frage, wenn die Städte nicht mehr aufnahmefähig genug sind, ״Es wäre ein Kampf gegen Windmühlen, die Massen zu einer gewaltigen Veränderung ihrer Lebensweise bewegen zu wollen, wenn sie noch in den Städten ihren Lebensunterhalt in Ehren verdienen können... ״Mit anderen Worten: Der Kolonisationsapparat muß dem jüdischen Volkscharakter angepaßt werden, nicht umgekehrt“. Und dergleichen mehr. In der Tat ist das der Krebsschaden der jüdischen Kolonisation in Argentinien, daß man die dort leider notwendige extensive Wirtschaft durch die denkbar ungeeignetsten Maßnahmen für unser Volkselenunl noch unerträglicher gestaltet hat. Kein Volk ist so gesellig, so sehr auf ein enges Ocmeindelebcn angewiesen, so sehr geistigen Interessen geneigt, wie das unsere, aber die Kolonisation der lea in Argentinien verfährt mit den ihr in die 1 lände geratenen Juden, wie wenn es Leute wären, die an Landwirtschaft und Linsamkeit gewöhnt, oder als ob sie nach Argentinien ״verschickt“ worden wären, um hier von ihrer krankhaften Geistigkeit — wenn nötig mit Gewalt — kuriert zu werden. Nun braucht man sich nur einen Begriff zu machen, was es heißt, Juden in einem ziemlich wilden Lande in weit auseinanderliegenden Einzelgehöften auf Farmen von je 150 Hektar pro Familie anzusiedeln. Kommt dazu noch eine solche Verknechtung und Korrumpierung, wie sic zuin argentinischen System der lea gehört, so ist nicht zu verwundern, wenn aus uiiserm hochwertigsten Kolonistenmaterial unter solchen Umständen ein geradezu jammervolles Flement sich lierausbildet. Ls kann gar nicht oft genug darauf hingewiesen werden, wie direkt blödsinnig es ist, jüdische Ansiedler unter Verkennung und Miß* achtung ihrer tatsächlichen Fälligkeiten zum Ackerbau extensivster Art zu verleiten oder zu nötigen. — Soll cs schon Ackerbau sein, so sei es wenigstens seine intensivste und anteiligenteste Form, und womöglich in Verbindung mit städtischen Berufen — am besten mit der Gartenstadt als Ausgangspunkt. — Es ist auch billiger. In der Gartenstadt, (für die Palästina freilich viel geeigneter ist als Argentinien — aber das braucht uns nicht un- I g 1 Halbmonatsschrift für die jüdische Jugend Abonncmonts auf die halbmonatlich erscheinende Jut!end1el!schrill Juni; Itracl Kosten bei der Expedition und ollen l’o'it• Ümtcrn Deutschlands und Oesterreich• Ungarns eine Mark pro Quartal. Anzeigen kosten die xwcigcspaltcne Petlticllo SO Pl|?., In der Ruhrlk Unterricht 25 Pit;. Für grössere Aufträge verlange man besondere Olfer.e vom Verlag Jung Israel, tu rillt SW. 68. Inhalt des 2. Porträt des Arztes Ephraim Bonus. Esther. Eine Geschichte aus dem Mittelalter Paul Locwcnsteiu (Schlull). Mose ben Maimun. Ghetto. Von Abraham Reisen (Warschau) . . Vom Schuster, der eit» Schneider werdet» wollte. Walter Lcwin . Legende. Kaiser Tralau und der Rabbi . . . Jazxuar-HeStcs; Jüdische Acrztc. (Mit Illustration). Ottiama. Erzählung von Alcssandro Carnsso . Im Schnee. Ein Märchen von Hclmuth Priester Der Rabbi und der Hund. Platidcrcckc. Briefkasten. Rätselecke . Kalender. hm Pranger Das neu erscheinende Amtsblatt de» Berliner Jüdischen Gemeinde veröffent* licht die Namen der Juden, die Im Dezember 1910 zur Taufe schritten. Jeder Täufling geht mit banger Duldermiene jetzt zur Taufe. Er kommt offen an den Pranger, Aus dem Regen in die Traufe. Wem so feil der Stolz der Väter Auf des Lebens eitlem Tandmarkt, Der wird als ein VolksvcrrUtcr Jetzt vor aller Welt gebrandmarkt. Ach, dem einen hilft der Taufakt Wohl aus Dalles und Misere, Für den andern Isl’s ein Auftakt Nur zur höheren Karriere. QlUcklich kann man dann mit Verve Auf den neuen Glauben pochen — Leicht wird Leutnant der Reserve, Wer so feig ״zu Kreuz gekrochen". Sonntags finden sic In Scharen . Sich Im Kaiscr-Wllhclm-Dom ein — Und sie rufen — aufgefahren Aus dem Schlaf — noch manchmal ״Omein“. Gegenseitig mustern kritisch Sich die neuen Judenhasser — Ja das Acufi're bleibt semitisch — Blut Ist dicker doch als Wasser. Des Semitcntypcs Drastik Bleibt den Braven doch nicht minder. - Teuer ist die Rhinoplastik Und vererbt sich nicht auf Kinder. S. E. Das Haar Erzählung von Mentlclc Mochcr Sphorim*) (Schalom Jakob Abrahamowitz). (Aus dem Hebräischen übersetzt• von Josef Mcisl.) Wenn der Frühling ins Land kommt, gibt es gar viel Arbeit in der Welt des Heiligen, gelobt sei er! Jegliches Wesen, ob Wurm oder Vieh, Vogel oder Mensch geht an sein Geschäft, baut •) Monde I c - M0ch c r - Sp 110 r i m (Scha- 10 m Jakob Abramowitz), der Altmeister der hebräischen und jüdischen Literatur, der Schöpfer des künstlerischen Romans In hebräischer und jüdischer Sprache, feierte dieser Tage seinen filiifumlsicbzlgstcn Geburtstag. Der jüdische Literatur-Verein zu Odessa bcschlofl, dem Iubllar eine Gesamtausgabe seiner hebräischen Schriften zum Geschenk zu machen. lieb zu sein) wird ein großer Teil der Bevölkerimg mit einem halben I lektar mul noch weniger genügend Land haben•) — in Argentinien ist 150 Hektar wenig! Dabei sind die ßodenpreise nicht gar so verschieden. In Palästina wurde vor wenigen Wochen auf der ägy1>tis׳:hcn Seite der LI Arisch •Grenze ein Areal von 4000 Hektar zu 50 Franks pro Hektar gekauft, — in Argentiiiien kostete der Grund mul Boden zu Anfang der Kolonisation ca. (»0 Franks —־ heutzutage bereits 200 Franks mehr, so daß bei Neu-In• stallierung von Kolonisten das Land allein 30 000 Franks kostet, gegenüber etwa 20 bis 200 Franks für eine gartenstädtische Siedclung 111 Palästina! Um nun wieder auf Chasanowitsch' Huch zurückzukommen: Vieles von dem, was hier so gut und tüchtig gesagt ist, gilt nicht nur für Argentinien, sondern gehört zu dem allge• m eine n T h c m a d e r j ü d i s c h e n Kolo• n i s a t i o n. Wer an dieser interessiert ist, versäume nicht, das erwähnte Buch zu lesen, das weit über seinen engeren Zweck hinaus aufklärend wirkt in einer Frage, über die wir bis heute noch fast gar keine Literatur besitzen. Berlin, im Januar 1911. Davis Trictsch. Polnische Lügen Wie recht Herzt halte, als er durch Schaffung der jüdischen Volkstribünc und andere groflzügigc Mailnahmen der Öffentlichkeit volle Einsicht in unser politisches Programm gewährte und zum ersten Mal eine offene jüdische Politik proklamierte, das können wir immer wieder mit Genugtuung konstatieren, wenn wir an Stellen, wo man cs kaum erwarten sollte, weitgehendes Verständnis und rege Sympathie für unsere Bestrebungen finden. Was Zionismus ist, weill heute jeder politische Interessierte, der cs wissen w i II und cs nicht aus irgend welchen Grün• den für vorteilhafter hält sich und anderen irgend ein Schreckgespenst unter dieser Bezeichnung an die Wand zu malen. Weiler aufzuklüreii ist eine unsere! vornehmsten politischen Pfüclitcn. Doppelt nötig, um politischen Lumpen, die aus der Unwissenheit man• eher Kreise über unsere Bewegung für ihre unsauberen Geschäfte Kapital zu schlagen wünschen, das Handwerk zu legen. ״D z i c n n i k P o z n a n s k i", d; s in Posen er* scheinende Organ der preuflischcn Polen und nach ihm zahlreiche andere polnische und russische Blätter veröffentlichen den folgenden ״Aufruf de Zio- 11 i s t i s c h c n Zcntralvcrbandcs in I* a r i s an die Juden In Galizien und Ungarn" dessen Verfasscr es nicht einmal für nötig hielten, sich über ilcn Sitz unserer Leitung zu orientieren, um ihre Lügen glaubhafter zu machen: *) In manchen Kolonien Palästinas entfällt nur etwa 1 Hektar auf den Kopf der Bevölkerung. und verbessert, scheuert und richtet her Nester und Wohnungen in Ritzen und Löchern, in l eidem und Wäldern, in Städten und Düifcrn. In dieser Zeit herrscht die Frau im Hause. Auf ihren Befehl werden die Fenster geöffnet, die die Winterszeit über geschlossen waren, am' ihr Geheiß wird die ganze I iauseiimchtung auf den Kopf gestellt: Tische, Stühle, Bänke, Betten und Spinde rückt sie auf einen anderen Platz tmd ordnet sie nach Gutdünken. Und wehe dem, der sich ihr widersel/.t und sie erzürnt, wehe ihm, wenn sie ihm begegnet und ihn mit dein Leuerhtuich ihres Mundes trifft. Deshalb sitzt ein kluger Mann um diese Zeit abseits und schweigt. Und Gabriel Karpas, der sowohl ein kluger Mensch, als auch ein kluger Ehemann ist, sitzt tun vierzigsten Tage des Fnihlingsmonats* ein* sarn in seiner Stube, mit gesenktem Kopie und gefalteter Stirn am Schreibtisch, wirft ab und zu einen Blick auf den wackeligen ärmlichen Schrank in der Nische, und es scheint, daß ein großer Schmerz und schwere Gedanken ihn bewegen. Gar viele Umzüge hatte dieser Schrank über steh ergehen lassen von der Stunde, da er in Karpas* Haus gebracht worden war, bis er endlieh m dieses Zimmer gestellt wurde, wo er schon viele Jahre wie ein Bettler hinter schönen A

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