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Jüdische Rundschau · 1911-01-13 · Heft 2 (13.1.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 16 N.2 .<׳ I.UE DISCHr:. RUNDS CU AU Die Jungtürken und der Zionismus Einige konservative Blättcr brachten am ü. Ja• nuar die folgende offenbar einer Korrespondenz ent* stammende Nachricht aus Saloniki: ״Die zionistische Propaganda, die sich seit einiger Zeit unter den ottomanischcn Juden hemerkbar macht und von gewissen Blättern in Konstantinoncl und Saloniki gefördert wird, hat in hohem Malte!das Millf allen der jungtlir- Ic i s c It c n leitenden Kreise erregt. Au zuständiger Stelle wird besonders darauf hinge־ wiesen, dall mau den ottomaniselicn Jaden jeder• zeit grelles Vertrauen entgegengebracht und ihnen nie die Achtung versagt habe, die sie als loyale Untertanen verdienten. Die junge Türkei könne Bestrebungen, wie sic der Zionismus verfolge, nie guthciflcn und werde dieselben mit aller Buer• gic zu bekämpfen wissen. Man habe den in anderen Ländern verfolgten Juden jederzeit gastliehe Aufnahme bereitet, und sie könnten sieh in allen jenen Provinzen, des Roiehes niederlassen, wo cs die Verhältnisse gestatteten. Eine Kon• Zentrierung von Juden in Palästina im Sinne der Bestrebungen des Zionismus aber könne und werde man nicht dulde n. Mnn rate deshalb den ottomanischcn Juden ent• schieden ab, sich dieser Propaganda in die Arme zu werfen, da daraus für sic die größten Nach• teile entstehen könnten. Tatsächlich haben sich weite Kreise der ottomanischcn Juden gegen die Proimganda ausgesprochen, und zwar unter Min• weis auf die Gefahren, welche ihnen erwachsen könnten, wenn sic das bisher in der Türkei ge• nossene Vertrauen verlieren würden." Solchen allgemein gehaltenen Mitteilungen, für die niemand die Verantwortung trägt, ist natürlich i r g 0 n d c i 11 c Bedeutung überhaupt nicht zuzuerkennen. Wir könnten ihnen zehn mul zwanzig Aculleriingen jungtürkisclicr Führer cntgegctdiaUcn, die gerade das Gegenteil besagen. Wir führen nur eine Acuiie• rung aus allerjnngster Zeit hier an: Her neue 0 c n c r n I g 011 \ c r n c 11 r von S in y 1'iia, K i a z i m Pascha, machte den Vertretern der jüdischen Gemeinde vor kurzem einen offiziehen Besuch. Im Laufe der Unterhaltung sagte er. daß er gegen die Beibehaltung des ״rote n Scheines" in Palästina sei. ״Wir haben", sagte S. Exzellenz, ״ungeheure Strecken unkultivierten Landes in Palästina und Mesopotamien, und es sollte uns möglich sein, auf die J11den zu rechnen, um sic fruchtbar und erträglich zu machen." Kiazim Pascha war früher General• gouverncur von Beirut. In dieser Stellung liclt er keine Gelegenheit vorühcrgcheii, ohne die erspriell• liehe Tätigkeit der Juden in diesem Gebiete zu rühmen. ״Wir müssen den Juden helfen", fügte er hinzu, weil sie ein ebenso friedliches wie nützliches Element bilden." (Siehe auch ״Aus aller Welt: Türkei"!) Deutscher Zionismus Die Schlngworlc ״Deutscher Zionismus", ״Ras• sischcr Zionismus", ״Oestlieher und westlicher Zionismus" spielten bei uns in der letzten Zeit eine größere Rolle, als gut war. Nachdem die äußeren Anlässe, die jene Sclilagwortc immer wieder aufs Tapet brachten, hoffentlich allmählich immer mehr verschwinden, ist cs an der Zeit, einmal den Probl einen auf den Grund zu gehen, die hinter den ,.geflügelten" Worten stecken. Wir haben in der ,.Jüdischen Rundschau" -- besonders in den Auf- Sätzen von Maarubi — diese Dinge behandelt. Jetzt veröffentlicht M. Cal Vary (Crossen) in der ״Welt" einen fc.n durchdachten, glänzend ge* sch/ricbcnen Aufsatz ״Die e ilzi c h c r i sc 11'c Aufgabe des deutschen Zionisinu $", aus dem wir im folgenden ein Stück veröffentlichen, das tüt l.cVaihc des gamen Essais antegen wag. Wir wollen uns nicht mit allem identifizieren, was Calvary sagt. Aber wir meinen, es sollte kein den־» kender und nachdenkender Zionist an seinen Ausfiih* rungen achtlos Vorbeigehen, Eignet sich das diffizilc Thema auch nicht geradezu zu einer Zcitungs* Diskussion, so werden wir doch gern andere zu diesem Thema zu Worte kommen lassen, die etwas Wesentliches zu dieser uns ja alle im Tiefsten bc* rührenden Frage zu sagen haben. Calvary schreibt: .. Individualismus, Intcllcktua* lismus, Acsthcticismus — cs sind drei verwandle Por* men der einen Erscheinung, der Wurzellosigkeit; sic zu überwinden Ist die besondere erzieherische Auf* gäbe des deutschen Zionismus. Man wirft dem Zionismus immer wieder vor, er sei mit ernsthaftem Deutschtum nicht vereinbar. Der Einwand kann durch die unmittelbaren Zcitumstllndc erklärt werden, er ist zum Teil der Angst vor dem Antisemilismus entsprungen. Man hat oft genug gesagt.־dall der Zionismus eine Frucht des Antisemitismus sei. Ein Körnchen Wahrheit ist auch in diesem Gedanken, aber miadcstcus ebenso wahr ist es, dall die Angst vor der feindlichen Be• wcgimg 'rausende von dem Zionismus zurückhüU, dal! sie somit auch gerade eine Verbreitung des Zionismus verhindert, hu Grunde Jedoch hot der Antisemitismus zu jenem Einwand nur den äußeren Anlaß, er wäre unmöglich, wenn nicht in der Seele des Juden die, individualistische Auffassung vom Wesen der Kultur so tief Wurzel geschlagen hätte. Die den Einwand erheben, leben der ratioua• listischen Vorstellung, als ob das jüdische Inüivi• dmnu, losgelöst von der Geschichte seines Blutes, im freien Raume der deutschen Kultur ungebunden schwebe, und imstande sei, siel: deren Werte vorbehaltlos in ihrer gegebenen Form anzucigucn. So glauben sic in genau demselben Sinne Deutsche zu sein, wie der Deutsche nichtjüdischen Stammes; sic wollen nicht selten, daß der Rhythmus der jüdischen Seele eben ein besonderer ist. Richard Dclimcl hat einmal gesagt, dall Max Lichcrmaim mir darum für die deutsche Kultur so wichtig werden konnte, weil er ganz Rasse jüdische Rasse darslellt. Der Zusammenhang mit der Ver• gangenheit ist für so große Menschen bestimmend; aber auch die Masse der deutschen Juden kann sich deutsche Kultur nur aus der Tiefe ihrer eigenen, durch Blut und Geschichte bedingten Seele in Wahr• heit aneiguen. Die Juden, die innerhalb der deut* sclicn Kultur wirkten und wirken, verraten in all ihrem Schaffen jüdische Eigenart; jüdischer Stil und jüdische Geistesart. jüdische Lehensform wie jlldisclie Körperhaltung sind für das vorurteilsfreie Auge unverkennbar. So lange man sich verniinf• telml vorlog, es gebe keinen wirklichen Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden, und so das jüdische Individuum wurzellos ln seine Umwelt hineinstcllte, bestritt man ihm, ohne cs zu wissen, die Grundlage alles kulturellen Schäften». Erst die Besinnung auf unser jüdisches Dasein macht es uns möglich, deutsche Kultur von Innen heraus zu verarbeiten und zu gestalten, wie ja eben diese Kultur mir von den Juden wahrhaft gefördert wurde, die, bewußt oder unbewußt, ein entschiedener Ausdruck jüdischen Blutes waren. Darum erfaßte man dun Sinn unseres Lebens nicht, wenn man jenen Einwand von der Unvercinbarkeit des Deutschtums und des bewußten Ju* ilciittuns durch die Tatsache ziirllckwciscn wollte, daß wir Zionisten ja gute deutsche Staatsbürger seien. Man ist verflucht wenig, wenn man ein guter Staatsbürger ist, und sonst nichts. Es mag einzelne deutsche Juden geben, die an die Bedeutung der deutschen Kultur für ihr eigenes Dalcin nicht glau• ben, sic werden sich über einen Widerspruch zwischen Deutschtum und Judentum leichten Her• zens liinwcgsetzen. Die Tiefe des Problems beginnt erst tiii־ den der sielt fcwuitt in die deutsche Kultur liincinlcbt, von ihrer Luft sich tragen läßt, tun wiederum in ihr zu wirken. Denn diese Welt!tat unsere Seele ergriffen, und wir deutschen Zionisten, die wir Bürger deutscher Kultur sind, können und wollen nicht darauf verzichten, an ihren Werten mit• zuarbeiten. Wir .scheuen den Vorwurf nicht, daß wir so ein Doppelleben führen, die Vielfältigkeit des Daseins ist mit einfachem ja ja, nein nein nicht aus der Welt zu schaffen. Wir wissen wohl, daß die Tragik unserer Existenz darauf beruht, daß wir hineingcsteilt sind in eine blutfremde Welt; wir wären keine Zionisten, wenn wir das nicht wüßten. Aber erst der Glaube an die Kraft der jüdischen Seele erklärt, wie überhaupt ein Jude am deutschen Leben produktiv tcilnchmcn kann: diese Kraft wollen wir steigern, indem wir sie ins Bewußtsein erheben. Ist ia auch so allein ein wahrhaftes Ineinander von Deutschtum und Judentum möglich. Was wir deutsche Juden schäften, wird nach Inhalt und Gestatt deutsch, der Form nach (im Kantischcn Sinne) üüdiseh sein 1־müssen; wenn wir wlcdk'mu, de!« jüdische Fragen behandeln, werden wir beeinflußt sein von der hundertjährigen Teilnahme an deut• schein Leben. Wie sehr Deutschland unser eigenstes schaffendes Dasein befruchtet, dafür haben wir ja den lebendigsten Beweis: der politische Zionismus ist ein Geschenk Europas au das Judentum. Und so können wir das flache Wort, wir wollen in deutschen Fragen gut deutsch, in jüdischen Dingen gut jüdisch sein, beinahe umkehren; laßt uns deutsche Werte recht tief aus jüdischer Seele in uns verankern, laßt uns Jüdische. Dinge recht weit in deut• schein Sinne betrachten und ordnen. Die Überzeugung von der determinierten Seele, die allein Kulturwertc aufnehmen und schaffen kann, ist nur eine Erkenntnis, nur eine Interpretation des geistigen Daseins: Kultur, so sagen wir, ist keine Materie, die von Hand zu Hand gegeben wird, sic ist organisches Wachsen. Das war sic freilich auch, bevor wir es erkannten. Aber wie die falsche, Im Rationalismus befangene Lehre, dem deutschen Juden jede kulturelle Wirksamkeit erschweren mußte, so wird die neue Interpretation ihm hellen, in bcwußten! Schaffen zugleich sieh und seiner Umwelt zu dienen. Der bewußte Stauiuicsdout.sche, der die nationale Einlieitlielikeii der deutschen Kultur fordert־, wird auch von diesem Programm wenig entzückt sein; aber cs ist die notwendige Konsequenz aus den Tatsachen des geschichtlichen Lebens. Wir wissen: cs führt auch der deutschen Kultur höhere Werte zu als eine feige zurcchtfrisiertc Assimilation, und wir überwinden nur so die Todsünde des schranken• losen Individualismus." Die Aussichten jüdischer Handwerker in Palästina (Schluß) Eine andere Branche, die in den letzten Jahren in der ganzen Welt einen eminenten Aufschwung genommen hat, ist die Textilindustrie. Da cs in Palästina leicht möglich ist, Baumwolle aus dem benachbarten Egypten zu beziehen und die Kultur der Baumwolle nur noch eine Frage der Zeit ist, so würde auch hier die beste Vorbedingung für eine Industrie vorhanden sein. Vielleicht ließe sieh die Schafzucht einführen. Das wäre ein sehr großer Nutzen sowohl für die Textilindustrie, als auch iilr den jüdischen Bauern. Wenn es gelänge, einen Betrieb zu errichten, der als Snezialitat Mi• litärtuchc fabrizierte, würde er die Unter־ Stützung der türkischen Regierung haben. Hat sei• bige doch vor gar nicht langer Zeit in England, Frankreich und Deutschland fiir Jb Millionen Mark Militürtuclic bestellt. Bei dem Bestreben der Türkei, vom Auslände unabhängig zu werden, ist cs selbstverständlich, daß man dort einer derartigen wirt• schaftliciicn Entwicklung mit Sympathie begegnet. An wolilgescliultcm Arbcitermatcrial selbst in großer Zahl fehlt cs nicht. In Lodz, dem russischen Manchester, leben tausende jüdischer Proletarier im wahrsten Sinne des Wortes, die, je eher, desto lieber, den Staub Rußlands von ihren Füßen schilt• tcln würden. Wer schon Schilderungen der traurigen Lage der Textilarbeiter in Lodz gelesen hat, kann sieh eines Grauens nicht erwehren. Hier wäre cs Sache der russischen Zionisten, in die große Masse der jüdischen Arbeiterschaft zu dringen. Nun komme ich zu einer Branche, mit der »ich seinerzeit Herr Davis Tritsch, ein guter Ken• ncr des Landes, befaßte, nämlich zur Zigaretten• Industrie. Es ist eine bekannte Tatsache, dall in wärmeren Ländern die Zigarette bevorzugt wird. Ja selbst in dem mit Steuern reich gesegneten Deutschland hat die Zigarette trotz der Steuern siegreich ihren Platz, behauptet, ja Terrain er• obert wie die großen neuen Fabrikpalüstc in Dresden zeigen. Wenn es auch in Palästina Mode ist, daß die Zigaretten selbst gedreht werden, so wird ein großer, rationeller Betrieb auch hier bahnbrechend wirken. Werden doch selbst in Deutsch-!und die besten Zigarettenmarken durch Handbetrieb liergcstellt. Bei der Vorliebe fiir Zigaretten würde auch heute schon ein kleiner, aber kaufmännisch ge־ leitetcr Betrieb jedenfalls rentabel sein. Auch hier ist es leicht, ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen, die ja vorhanden sind, c i 11 z 11 a r b c i t c n. Es wäre zu begrüßen, wenn der Verband der j ü d i sclicn Frauen für Kulturarbeit in Palüstina sich auch diesem Gebiete zuwenden würde. 111 dieser Industrie wären die Qesehäftsunkosten billig, weil auf Maschinenbetrieb mit Erfolg verzichtet werden kann. Auch die B a nd w i r k c r c i ist eins von jenen Gewerben, die sowohl Fabrikwie Hausindustrie sein können. Wir sehen dies am besten in der Elberfcldcr Gegend. In Rons bei Elberfeld ist sie eine Hausindustrie, meistens mit elektrischem Antrieb. Die Erzeugnisse der Bundwicker dieser Qc• gend werden in alle Länder verschickt. Die S t r 0 h 11111 f a b r i k a t i 0 n wäre nicht zu verachten, besonders wenn cs gelingt, bessere Stroh- Sorten zu erzeugen. Wenn im allgemeinen die iiidisclicn Arbeiter in Palästinn keine Lust haben, als Saisonarbeiter auf den Kolonien vorübergehend in Stellung zu treten, so ist das einigermaßen verstundlieh. Nur die Möglichkeit dauernder Niederlassung kann hierin Wandel schaffen. Dieses kann aber geboten werden, wenn man den Arbeiter durch gute Wohnungs- und Lebcnsvcrht'ltnlssc eine Heimat schafft. Mit dem Idealismus allein ist es nicht getan. Auch halte ich es für selbstverständlich, daß die Kolonisten den bei ihnen beschäftigten jitdisciicn Arbeitern Lebensmittel, die auf den Kolonien gezogen werden, zum Selbstkostenpreise überlassen. Die Kolonien müssen auch selbst mit gutem Beispiel vorangchcn und die Arbeiter durcfi gute Verhältnissc an sich fesseln. Etwa auftretende Sachsen• güngcrei in den Kolonien müßte aufs schärfste bckämpft werden.

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