Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCH!:; RUNDSCHAU Nr. 1. an den obersten Vcrwaltungsgeriehtslwf. Der, Ver* wnltimgsgerichtsliof stellte sich aut den einzig vornünftigen Standpunkt, dal) ihr die Besetzung des Obcrlelircrpostcns an der Schule in der Wcrdcrtor• Kasse lediglich der gegenwärtige Zustand, die gegebene konfessionelle Zusammensetzung, zu berücksichtigen sei. Da im Frühjahr 10(10, als der Konkurs kundgcmaclit wurde, in der Schule eine jüdische Mehrheit bestanden hat, war die Ausschreibung nngesetzlich und ist daher aufzuheben. Es war m dieser Schulaff;)re notwendig, den Kampf bis ans Ende durchznUimpfen, denn die schweigend liingcuommcnc Ungesetzlichkeit und die Rechtsverletzung in der Werdertorgasse konnte ein gefährliches Präjudiz schaffen, diesen Ausganspunkt aller Rechtsordnung in Oesterreich. Dieser Rechtsstreit ist aber zugleich ein Schulbeispiel dafür, wie man hei jeder sich darbietenden Gelegenheit den Versuch uiiiemimmt. die durch die Verfassung gewährleistete bürgerliche Gleichberechtigung der Juden Oesterreichs anzutasten und zu umgehen. Amerika Der hier bestehende ״Order Unei Zion", der Zehntausende von Mitgliedern zählt, hat in seiner letzten Jahresversammlung beschlossen, eine Aktien- Gesellschaft unter dem Titel ״Cauaan Company" zu begründen, deren Zweck die Schaffung einer Kolonie amerikanischer ,luden In Palästina sein soll. Die Cnnunn Company ist nun vor kurzem durch einen Charter des Staates New York legalisiert worden. Die Company wird ihre Siedhmgstütigkcit beginnen, sobald ihr Aktienkapital die Höhe von 25 000 Dollar erreicht haben wird. Der Preis eines Anteilscheines der Company beträgt 25 Dollar. Die Gelder der Canann Company werden hei der Anglo-Palestine Company in Jaffa zinsbriiigend angelegt werden. RUNDSCHAU OCR PReSSC Die Welt, Köln Dr. Franz Oppenheimer begrüßt das Zustandekommen des Qenassenschaftsfonds in einem Artikel, den wir auszugsweise wiedergeben: Binnen Jahresfrist sollte der Genossenschafts* fonds zusammengcbracht sein — so wollte es der Hamburger Kongreß; das Jahr ist um und der Fonds ist dal Ist da, und stärker, als ich ihn verlangte. Hunderttausend Francs forderte ich, als das M i n i m u m, mit dem das große Werk zur Not begonnen werden konnte — und wir können heute bereits fcststeilen, daß über 11 u n d e r 11 a u * send Mark gezeichnet und gesammelt sind. Dieses Ergebnis erfüllt mich mit Freude und Stolz. Nicht etwa, weil ich persönlich mir einen gewissen Anteil daran znsch'reihen darf, insofern ich in einer Vortragsrcisc von drei Monaten fast den letzten Rest einer auch durch meine wissenschaftlichc Arbeit erschöpften Kraft auf die Propagnnda verwandte, sondern weil sich die jüdische Gemeinschaft wieder einmal in ilircr ganzen Glorie bewährt hat. Ich sage ausdrücklich die iiidischc, und nicht die zionistische Gemciubürgscbaft; denn, wenn auch der Hauptleil der Gelder von Zionisten aufgebracht und die ganze Arbeit der Propaganda von ihnen geleistet worden ist, so sind doch auch nicht zionistische Juden mit stattlichen Summen beteiligt .... Inzwischen haben sich die Aussichten für das Unternehmen selbst wesentlich gebessert. Meine Vorträge im Lande haben, wie cs scheint, die unmittelbar Beteiligten, die indischen Landarbeiter Palästinas, dem Plane gewonnen. Sic haben nicht nur den Glauben erhalten an den ernsten und guten Willen der zionistischen Leitung, das Unternehmen genau nach den Versprechungen durchzuführen, sondem sic haben sich auch mit dem Schema selbst befreundet, seit sic begriüen habendaß jedem von firnen, wenn alles aut geht, der Weg zur vollen Selbständigkeit als freier unabhängiger Bauer auf unverlierbarer Scholle offen stellt, und ferner hat der prächtige Erfolg des ersten, untct nicht allzu günstigen Umständen gemachten Vorvcrsuoks in Um-Djunl am Tiberlasscc auch den Ungläubigsten Mut gemacht. Von dieser Seite sind kaum Scliwieriukeiten zu erwarten. Und die technischen Scliwierlgkciten der Einführung einer wahrhaft rationellen Ackerwirtschaft werden mit Eifer und Hingabe und unter der Hilfe der Versuchsanstalt zu überwinden sein! Als Träger des Gedankens, als der persönliche. Vertrauensmann des jüdischen Volkes in dieser großen und schweren Sache, spreche ich allen Gcbern und Mitarbeitern meinen herzlichsten und gcrfihrten Dank aus. Ich werde mein möglichstes tun, meine Schuld durch eifervolle Hingabe an das Werk selbst zum Teile abzutragen. Darf Ich mit diesem Versprechen eine Bitte verbinden? Weiter 5 am mein! Was ich in Hamburg forderte, war, wie anfangs gesagt, das Minimum des Notwendigsten, Hunderttausend Francs, das reichte eben hin, um unter nicht allzu ungünstigen Umständen einen auf 5000 Dunam angcstclltcn Versuch zum glücklichen Ende zu führen. Upd diese Grüße des Versuchsgutes darf nicht unterschritten werden, wenn nicht der eine große Vorteil des Plaues, der Großbetrieb, illusorisch werden soll. Die Aussichten, auf 5000 bis öl MH) Dunam zum splmcllcn Erfolge zu kommen, sind jedenfalls größer. Dazu kommt, daß, um aus der Arbeiter ־ Produktivgcnossensehali die Siedhmgsgcuosseiischaft zu entwickeln, die Abgabe von Land erforderlich werden wird, um Handwerker, Gärtner usw. anzusetzeii. Das wird aber bei einem Gcsamtarcal von nur 5nn0 Dimain nur in sehr bcschränkte!« Maße möglich sein. Wenn 1ms weitere Gelder zuflicßen, werden wir das Areal des ersten Versuchsgutes größer zuschnciden, die Vorteile des Großbetriebes kräftiger ausnützen und selbständigen Siedler!! und Genossenscliaftcu von solchen frcigcljijcr Wohn- und Gartenland zur Verfügung stellen können. Aber wir können auch darüber hinaus noch sehr viel Geld produktiv!inwenden. Der erwähnte Vorvcr.siieh in Um-Djmii Imt gezeigt, daß mit sehr geringen Mitteln jüdisches Land in Werte gesetzt werden Kann, ׳zunächst auch ohne grolle Aiilwendüngen au Gebäuden und dergleichen. Wenn wir die Mittel haben, um solche kleine Genossenschaften mit dem nötigen InveiUarc auszustatten, zu besolden mul auf NaiinimJfoiidslniul arbeiten zu lassen, so bcreiten wir uns das wichtigste Ingrediens jedes neuen Versuches vor; die genossenschaftlich erzogene, an Zusammenhalt, Eintracht und Gemeinarbeit gewohnte Arbeitsgruppe, die der Träger der Qrgnnisation sein soll. Aus diesen wichtigen Gründen bitte i c 11 herzlich, die Sammlungen für den G c n o s s c n s c 11 a f t s f 0 n d s weiter zu f (111 - r e 11. Wir wollen nie aus dem Auge verlieren, daß wir diese Kleinkolonisation nur treiben, um die Kreditbnsis für eine umfassende Oroükolonisation zu schaffen — mul dazu brauchen wir Mittel, um im rechten Momente keine kostbare Zeit zu verlieren. ziomsTiscHe eeueeuN® Bericht über die Be HnerTaßunfl des Grossen fl.C. (Fortsetzung.) Dr. Tsclilenow: Es scheint mir. daß in dem vorliegenden Stattitcncutwurf die Hcschlüssc und Wünsche der letzten Jahreskonferenz nicht gc-!lügend berücksichtigt worden sind. Ich möchte nur auf zwei wichtige Punkte zuriiekkommen, und zwar erstens auf das Verhältnis des Großen zum Engeren Aktions-Komitee. Bei <|״r Jalircskonferenz wurde allgemein der Wunsch geäußert, das Große Aktions-Komitee in seiner jetzigen Form erlieblich zu reduzieren und es aktionsfähiger zu machen. Das so geänderte A.-K., welches im Statutenemwurf Zeiitralausschuß heißt, soll aus Personen bestehen, die das Vertrauen der gesamten Organisation besitzen und Imstande sind, die Geschäfte zu leiten. Ich hin aber der Ansicht, daß dieser Ausschuß nicht gerade aus 21 Mitgliedern, sondern auch aus einer größeren Anzahl bestehen kann. Was aber das Wichtigste ist und was auch die Jahreskonferenz klar zum Ausdruck gebracht hat, ist doch, daß diese neue Körpersclitft die oberste Leitung der Bewegung sein soll und sieh auch ihren eigenen Präsideuten wählt. Im Statut ist aber in bezug auf den letzteren Passus das gerade Gegenteil enthalten. Andererseits soll der Präsident des E. A.-K. das int Statut als Präsidium bezeichnet wird, vom Kongreß gewählt werden. Nim ist doch aber das Präsidium lediglich als ein ausführendes Organ ״edacht. Wenn wir aber das Statut so aimchmen. wie cs vorlicgt. so entsteht eine Konfusion, weil Legislative und Exekutive mit den׳ gleichen Rechten ausgcstallct werden. Ferner wurde auch die Zahl der Mitglieder des Präsidiums auf 5 beschränkt, während nach dem Beschluß der Jahreskonferenz diese Körperschaft 5—7 Mitglieder umfassen soll. Von diesen 5 Mitgliedern ist einer der Präsident des Aufsichtsrates der Banken, über drei weitere Sitze hat man,schon verfügt. Also, was bleibt nun? Im § 64 wird gesagt, daß das Präsidium das | Recht habe, Bureaus in den einzelnen Ländern einzusetzen. Diese Bestimmung ist mir unklar. Soll damit gesagt werden, daß das Präsidium das Recht habe. 11 e b e n einem schon bestehenden Landeskomitcc ein zweites einzusetzen? Und mm noch ein Wort über den Kongreß. Ich hin der Ansicht, daß die Institution des Kongresse« uns in den letzten Jahren wenig Nutzen gebracht hat. Wir haben mit dum Kongreß zwei verschiedene Zwecke verbunden. Erstens einen demonstrativen mul zweitens einen Arbeitszweck; aber ich glaube, bisher war der Kongreß immer in erster Reihe eine Demonstration. Wir müssen sehen, ihn zu einem Arbeitskongreß zu gestalten. Die Frage ist sehr schwierig, und auch Ich könnte heute noch nicht genau angeben, welche Mittel anzuwenden wären. Jedenfalls hätte man aber die Frage der Ausgestaltung des Kongresses im Statut berücksichtigen müssen. Ich möchte noch mit einigen Worten auf das zuriiekkonimen, was Herr Dr. Hantkc in bezug auf die Einigung und Schaffung gegenseitigen Vertrauens gesagt hat. Es ist wohl bet der letzten Jalircskonferenz ein Versuch unternommen worden, wir können aber heute noch nicht sagen, daß die Gegensätze vollständig aus der Welt geschafft sind. Herr Wolffsohn hat In Frankfurt ein richtiges Wort gesagt, daß man die zerrissenen Bande wohl wieder zusammcnknüplcn kunn, daß aber der Knoten immer zurückblcibt. Wir wollen aber hoffen, daß cs uns gelingt, das gegenseitige Vertrauen ־zu finden und friedlich zusammen zu arbeiten. Dr. Bodcniielmer: Der Vorwurf, den man gegen die Kommission erhoben hat. daß sie die ihr von der Jahreskonferenz gegebenen Direktiven nicht befolgt habe, ist unbegründet. Die Beschlüsse, die die Jahreskonferenz gefaßt hat, waren zweifacher Natur, und zwar Beschlüsse, die der Kongreß, und solche, die das Aktions-Komitee auszuiüliren hätte. Nun• konnte und brauchte die Kommission, gemäß ihrer Aufgabe, nicht blind das, was die Jahreskonferenz vorgeschlagen hat, zu akzeptieren. Ihre Aufgabe war es, ein brauchbares Statut zu entwerfen. Soweit die Jahreskonferenz prinzipielle Vorschläge unterbreitet hat. sind sie vollständig berücksichtigt worden. Was die anderen Vorschläge betrifft, so haben wir sie sinngemäß im Statut dureiigcfiilirt. Es wurde beschlossen, das große A.-K. arbeitsfähig zu maclien. und da dies bei einer Körperschaft von 75 Personen nicht möglich war. so haben wir im Statut einen Ausschuß von 21 Personen vorgeschlagen. Die Frage der Organisation des Kouercsscs hat uns in der Kommission gleichfalls beschäftigt. Herr Rechtsanwalt Groiiemann hat eine große Furcht vor einer Beratung des Statuts auf dem Kongreß, und gerade er ist cs. der eine Durelipcitscliung des frühereu Organisationsstatiits auf dem Haager Kottgreü veranlaßt hat und auch schuld daran ist. daß eine Anzahl von Bestimmungen in das frühere Statut hinciugckoiumcn ist, die die Entwicklung und Arbeit der Organisation stören, z. B. in bezug auf das Prinzip der Bildung von besonderen Föderationen. Solche Föderationen können sicli nur dann entfalten, wenn die Bewegung organisatorisch auf eine vollständig gesunde Grundlag gestellt ist. Die Finanzierung der Leitung kann nicht von der Zentrale, sondern nur von den Laiidcsorganisationcn ausgclicn. Nun hat man von einer Besteuerung der Institutionen gesprochen. Ich befinde mich diesbeziiglicli in einem schroffen Widerspruch zum E. A.-K. Maßgebend sind für midi nicht die formalen Fragen, sondern das Interesse der Institutionen. Mit der Be- Steuerung der Institutionen würden wir dieselben ruinieren, und wir laufen Gefahr, dall die Ikmülumgen der Zionisten vollständig erlahmen würden, ihre Pflicht der Organisation gegenüber zu erfüllen. Nun hat allerdings Herr Dr. Hantkc auf einen sehr wunden Punkt hingewiesen. nämlich, dal! das neue Präsidium, das wir zu wählen haben, nicht mit der alten Schuld belastet werden soll. Und da bin ich dafür, daß wir eine einmalige Besteuerung vornehmen, damit die Schulden der Leitung gedeckt werden. Es sollen die verfallenen Dividenden der Bank zur Deckung der Schulden licrangczogen werden. Br. llcymann:!eh bin mit den haimsächlichstcn Punkten des vorliegenden Statutenentwurfs cinvcrstanden. Ebenso bin ich fiir die Wald eines Ausschusscs von 21 Mitgliedern, mul zwar soll diese Kommission eine definitive Erledigung des Statuts in der Weise vornehmen, daß dasselbe dem Großen A.-K. oder dem Kongreß zur Enbloe-Amiahme vorgelegt werden kann. Nun bin ich aber der Ansicht, daß cs sich bei dieser Sitzung nicht allein um das Organisatioiisstatut als solches, sondert! auch um eine ־andere wichtige Frage handelt, nämlich: Was soll mm weiter geschehen, mul wie wird die künftige Leitung der Bewegung sein? Mein Freund Dr. Hantkc hat diese Frage angeschnitten, und icl! möchte die Debatte aut dieselbe zurückiülircn. Mit der tlicorctisehen Diskussion werden wir nicht weiter kommen, denn das Wesentlichste Ist liier die Pcrsonenfragc. Es imill von allen Seiten klar gesagt werden, welche Wünsche man hat und welche Personen man für die Leitung vorselitägt. Es handelt sieh um Verhältnisse, die auf Jahre hinaus fcstgclcgt werden sollen. Wir müssen daher die Herren aus Rußland fragen, ob sie 1ms Vorschläge maclien können. Es wurde ja davon gesprochen, daß zwei Herren aus Rußland ihren Wohnsitz nach Berlin verlegen sollen. Selbstvcrstündlich macht cs einen grollen Unterschied, ob man seine ganze Arbeitskraft der Bewegung widmet oder nur in seiner freien Zeit sich mit ihr befaßt. Im engen Zusammenhang damit stellt die Frage der Besoldung, und ich glaube kaum, daß Sie bei uns in Deutschland auf irgendeinen Widerstand stoßen werden. Wenn die Leitung so ausgestattet ist, daß eine Reihe von erstklassigen Kräften sich für dieselbe einsetzt, so werden sieh auch die Mittel bc• schaffen lassen. Wir müssen uns jetzt mir einig darüber werden, was wir wollen. Bei dem friedlichen Geist, der heute unter uns herrscht, werden wir uns in allen Fragen einigen können. Ich bin ganz entschieden gegen die Besteuerung der Institutionen. Demgegenüber möchte ich eine Idee wieder aufgreifen, die ich bereits früher vertreten habe, nämlich daß die Finanzen geregelt werden müssen und überhaupt die Organisation finanziert werden muß von den wohlhabenden Ücsimiungsgcwissen. Wir haben in Deutschland mit dieser Metliode sehr gute Erfolge erzielt. — Nun noch einen Punkt, und das ist die!Tage unserer Berliner Verhältnisse. Herrn Trictsch sind die Dinge, die er hier erwähnt hat, nicht genau bekannt. Wir haben im gescliäftsfiihrendcn Ausschuß bisher friedlieh ziisamiiicngcarbcitct, und die Differenzen, die sich ergeben haben, waren tatsächlich nur ganz geringfügiger Natur. Ein Vergleich mit England ist ganz ausgeschlossen.