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Jüdische Rundschau · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. JÜDISCHE RUNDSCHAU. ......_._ Seite J. Demi «Ile Juden bilden üciiIciiIkcii Bevölkermigs* (eil, der am wenigsten wUlersiamJsUildg 15(. und die aufgeregten Massen werden sich aut die Juden stürzen. Dies mögen sich alle diejenigen merken, die mit der Revolution zu schaffen haben“. Die Pogronuuidrohung, die in ihrer zynischen Unverblümtheit und unübertrefflichen Brutalität selbst in der reaktionären Duma bis• her ohne Beispiel dastcht, rief auf der rechten Seite stürmischen Beifall und bei den Oppositioncllcn tiefe Entrüstung hervor, die auch in den scharfen Erwiderungen ihrer Vertreter zum Aus• druck kam. Am Schlult der Debatte, die in allen zivilisierten Kreisen die ernsteste I leuchtuug zu finden verdient, gab der Jüdische Abgeordnete Nissclo• witsch folgende Erklärung ab; ״Hier ertönte das Wort Pogrom — und cs war natürlich gegen die Juden gerichtet. Schulg i n s Bekenntnisse sollen und «I ii 1־ - f c n nicht der Vergessenheit anbeimfallen. Alle Welt wird nunmehr wissen, dall die Judenmassakres nicht — wie regierungsoffiziell Europa gegenüber dargestcllt wird — durch Verschulden der luden, .sondern lediglich deshalb ins Werk gesetzt werden, weil die Juden die widcrstandsschwüchercn sind. Bisher habe ich an dieser Stelle niemals auf die eigentlichen Urheber der Pogrome speziell hin• gewiesen. Die Schulgin’schcn Ausführungen geben mir nunmehr die Berechtigung zu erklären, wo die Urheber der Pogrome z u finden sin d". Mit diesem ״Effekt“ gingen die Dumamitglieder zum heiligen ״Pest der Liebe''. fl. J. ü. Der Konflikt der Deutschen Kouferenzgemcin• schuft der A. J.U. mit dem Pariser Zentralkomitee Ist als beendet an/.usehen! Das ist die überraschende Böige der energischen und entschlossenen Halttmg der Deutschen Conferenzgcmcinschnft, die durchaus am Platze war, nachdem jede Möglichkeit eines friedlichen Übereinkommens nbgcschnittcn schien. Wir wollen im Augenblick nicht untersuchen, wodurch diese plötzliche Wendung der bereits so bedrohlich zugespitzten Krise herbeigeführt worden ist, sondern wollen unserer Freude über die rasche Beendigung des un• erfreulichen Kampfes rückhaltlos Ausdruck geben. Wir veröffentlichen nachstehend den Brief- Wechsel zwischen der D.C.G. und dem Zentralkomitee. Der stellvertretende Präsident der D. C. 0״ Justizrat Max Fuchs, hatte in folgendem Briefe das Z.-K. von den Beschlüssen der D.C.Q. in Kenntnis gesetzt: Berlin N. 24, 23. Dezember 1910. Sehr geehrte Herren! Wie Ihnen bekannt ist, hat am 20. Dezember eine Tagung der Deutschen Confcrcnz-Qcmcinschaft in Berlin stattgefmiden. welche von neun Mitgliedern — also ungefähr der Hülfte der zur Zeit der Deutsehen Confcrcnz-Qcmcinschaft angchorenden Herren — und aulJerdcm von einer großen Anzahl von Herren aus dem Berliner Lokal-Komitee und anderen deutsehen Lokal-Komitees besucht worden ist. Diese Versammlung hat mit allen gegen eine Stimme die abschriftlich beiliegenden Beschlüsse (die wir bereits In No, 51 veröffentlicht haben. Red. d. ״Jüd. Rundsch.") gefaßt. Auch derjenige Herr, der nicht fiir diesen Beschluß gestimmt hat, Herr Rabbitter Dr. Porges, hat sich veranlaßt gesehen, ausdriicklich zu erklären, daß er durchaus auf dem Boden des Beschlusses 7.u H stehe (Fortbestehen der D.C.Q.) und daß er nur nicht fiir die Resolution cn bloc gestimmt habe, weil er nicht liberal( mit der Fassung der No. I einverstanden gewesen sei. Sic werden hieraus ersehen, daß die Deutsche Confcrcnz-Qcmcinschaft in ihrer überwiegenden Mehrheit, und insbesondere auch die große Mehrzahl der Mitglieder der A.I.U. in Deutschland, die durch Angehörige der Lokal-Komitees vertreten waren, nicht gesonnen ist, die Beschlüsse des Zentral-Kontitces vom 30. November 1910 als für sie verbindlich anzuerkennen. Eine rechtliche Befugnis, daß das Pariser Zcntral-Komitee die Deutsche Confercnz-Ocmcinschaft auflösctt könne, haben die deutschen Mitglioder der A.I.U. nicht anerkennen wollen. Sic haben auch nicht gemeint, daß das bisherige Wirken der D.C.O. einen Anlaß habe geben können, zu beschließen, daß der Zustand von 1904 wicdcrhcrgcstellt, d. h. die gcgcnwiirlig bestehende und Statutenmüßig organisierte Deutsche Confcrcnz-Qcmcinschaft beseitigt würde.; ' Nachdem nunmehr durch diesen Beschluß das weitere Fortbestehen der Deutschen Confcrcnz-Gcmcinschaft gesichert Ist, wird es notwendig sein, einen modus vivendi zu finden, der den Interessen der Alliance Isradlitc Universelle, einer erlolgversprechenden Propaganda für den Allianccgcdanken in Deutschland und den berechtigten und maßvollen Wünschen der deutschen Mitglieder der Deutschen Cnnfcrcnz-Qcmcinschnft cntsrpicht, und sic sind weit entfernt, die separatistischen Neigungen zu liegen, die man anscheinend bei ihnen voraussetzt. Ich werde in den ersten Tagen des nächsten Jahres den Vorstand der D.C.Q. zusammenberufen, um mit demselben einen Etatsentwurf zu beraten, der die Ausgaben der Deutschen Cimfercnz-Oeineinschaft, so weit cs möglich ist, einsehriinkt und die Möglichkeil gewährt, den) Zcntrnl-Komitcc in Paris einen; sehr beträchtlichen Teil der Gelder zu überweisen. Diesen Etat werde ich Ihnen dann übersenden, und ich nehme mit Sicherheit an, daß wir uns über ihn einigen werden. Es wird ferner nötig sein, daß, da die Deutsche Confcreiv/.-Qentcinschaft in der letzten Zeit, teils durch den Tod, teils durch den Austritt mehrerer Mitglieder, erheblich geschwächt ist, an deren Stelle neue von dem Zcntral-Komitee koopiert werden Die D.C.Q. hat bereits beschlossen. Ihnen für diese Kooptatioii Herrn Geheimrat Prof. Dr. Landau - Berlin voizuschlagcn, und ich bitte, die Kooptation desselben in einer Ihrer nächsten Sitzungen vorzunchmen. Auf die in No. IV des Beschlusses erwühnte An- «clegenheit botr. die Neuwahlen zum Zentral-Kontitcc werde ich mir erlauben, später zurilckzukommcn. Mit vorzüglicher Hochachtung Mux Fuchs, stcHvcrtr. Präsident. Darauf antwortete das Zentralkomitee: Sehr geehrter Herr Kollege! Wir haben die Ehre, Ihnen den Empfang Ihres Briefes vom 23. Dezember zu bestätigen, dessen entgcgenkonimcmlc Haltung und dessen verbindlicher Ton in einem glücklichen Gegensatz stellen zu den Resolutionen, welche der Brief widergibt, und bei denen wir uns ln dem Wunsch eines guten Einvernchincns nicht weiter auflialtcn wollen. Wir erwarteil mit Interesse die Vorschläge des Etats, die Sic uns in Aussicht stellen. Das Zcntral-Komitee hat nie den Wunsch gehabt und nie das Recht für sich In Anspruch genommen, die Deutsche Coufurcnz-Ocmehischuii als chic Verctulgum! der deutschen Mitglieder des Zen traf •Komi• (ces aufzulösen. Wir!iahen sie 1110 geschallen, sie hat sich vielmehr seihst und frei konstituiert. Das Zentral־K0111itee hat mir gemeint, sich allem entgegensetzen zu müssen, was nach seiner Auffassung einen Angriff enthielt gegen die Einheit unserer Institution, die wir seit einem halben Jahrhundort mit allen Kräften aufrechtcrhalten haben. Es hat sich fiir verpflichtet gehalten Ausgaben zur il c k z 11 w c I s c n, die zum Teil den Zielen der Alliance fremd sind und ihr Budget allzuschwcr belasten würden Nur dadurch ist der Gedanke entstanden zu einer Rückkehr zu dem Stande der Dinge ron 19904, der sich ausgezeichnet hat durch ein so glückliches Einvernehmen zwischen Ihnen und uns. Aber wenn Sic uns sagen, daß die Deutsche Conferenz-Qcmcinschaft indem sic ihre Fortexistenz beschlossen hat, keinen anderen Oedanken verfolgt als den, mit uns für die allgemeinen Ziele und die Größe der Alliance zu arbeiten, so beglückwünschen wir uns hierz 11 u 11 d neh m c 11 gerne unsere Arbeiten mit Ihnen wieder auf. Wir hoffen, daß Ihr Etatsentwurf die nötigen Ausgaben in Deutschland, sei cs für die Vcrwaltuug, sei cs für die Wohltiitigkcltsclnrichtungcn, so sehr als möglich cinschräiikcn wird in OcmUnhclt der Gesichtspunkte, die in unserer früheren Korrespondenz auscinandcrgcsctzt sind. Die Kooptation des Herrn Professor Landau wird keine Schwierigkeiten machen: seine Ernennung soll auf die Tagesordnung einer der nächsten Sltzun* gen gesetzt werden. Genehmigen Sic, verehrter Herr Kollege, die Versicherung unserer größten Hochachtung• De׳• Präsidentt N. Leven. Der Sekretär: J. Blgart, Zu unserer Genugtuung bemerken wir, daß der von uns stets vertretene Qedanke der Einheitlichkcit der Alliance doch durch die Krise und ihre Lösung eine unverkennbare Stärkung erfahren hat, und wir können weiter fcststellen, daß der offene und ehrliche Kampf rascher und sicherer zum guten Ende geführt hat, als eine intrigante Zeiturtgsfehde io vermocht hätte, die nur zersetzend wirken konnte. Jetzt wird sich also ן zeigen müssen, ob und wie Ule A. 1. U. dein Qcistc unserer Zelt und ihren Zielen cntsprcchnd refor- I miert werden soll. « AUS ALL6R W£U:: Deutschland Verschiedene mehr oder weniger antisemitische Blätter bekämpfen die von der Rciehstagskommission in die Strnfgesctznovellc atifgcnoiiimcnc Bestimmung, daß das rituelle Schächten niemals als Tierquälerei betrachte{ und daher auch nicht verboten werden dürfe. Bekanntlich will die Novelle die Tierquälerei, die bisher nur als Uebertrctimg strafbar war, nunmehr zu einem Vergehen mit erweitertem Strafrahmen erheben. Sie will ferner der Laudesgesetz• gchiing die Befugnis zum Erlaß von Vorschriften zur Vermeidung der Tieriinälcrcj hclasen, schafft Jedoch fiii diese Vorschriften einen einheitlichen, rcichsgc* sctzliehcn Strafrahmen. Die Kommission hat mm als 8 360 Absatz 3 auf den von uns bereits mitgcteilteil Antrag des Zentrums folgende Vorschrift cingestellt: ״Lamlcsrcchtlichc Bestimmungen. welche in die rituellen Vorschriften einer Rcligionsgcsellschaft über das Schlachten von Tieren •'ingreifen, sind unzulässig." Gegen diese Vorschrift wird mm. wie die ״Frankfurter Zeitung" misfiihrt, cingcwandt. daß sie einen unzulässigen Eingriff des Reiches in konfessionelle Fragen enthalte. Denigegemiher mul! immer wieder darauf hiiigewiescn werden, dall es sich hier lediglieh um die juristische Frage handelt, ob das Schächten den Tatbestand der Ticrquä'crci erfüllt. Die Bekämpfung der Schächtvcrbote gründet sich darauf, daß das Schächten weder in objektiver noch in subjektiver Beziehung als Tierquälerei anzusehen sei. In subjektiver Hinsicht sagt z. B. die Begrün- «hing der Novelle, daß allein schon der religiöse Charakter des Schlichtens, der seine Ausübung als Erfiillimg religiöser Pflichten erscheinen läßt, die den strafrechtlichen Begriff der Tierquälerei kennzeichr.emleii subjektiven Merkmale der Bosheit oder Roheit nusschlicßc. Die Kommission hat hieraus folgerichtig die Konsequenz gezogen, dac das Schachteil nun auch nicht etwa aus dem Gesichtspunkt der Verhütung der Tierquälerei strafrechtlich verfolgt werden könne. Es ist richtig, der Erlaß von Vor- Schriften zur Verhütung der Tierquälerei soll der Laudcsgcsctzgelnmg Vorbehalten bleiben: aber deshalb darf doch das Reich Vorsorge dafür treffen, daß der Geist der landesgcsctzlichcn Vorschriften mit dem Grundprinzip des TicrscImt/.-Paragraphcn nicht in Widerspruch stehe. Nichts anderes als dies bezweckt die von der Kommission beschlossene Bestimmung. Die Zuständigkeit der Eiiizelstaatcn in Kultusfragen ward durch die Bcsümmuiig gar nicht berührt: denn nicht w׳oil 1!as Schächten eine Einrichtung des Juden-!ums ist, sondern weil es den juristischen Begriff der Tierquälerei ausschließt. sollen landcsrcchtliche Schächtvcrbote unzulässig sein, Oesterreich Der Oberste V c r w a 1111 n g s g c r i c h t, s - 11 of hat in Angelegenheit der Besetzung des Oberlelircrpostens an der Bürgerschule in der W e r d e r t o r g a s s c sein Urteil gefällt und der Klage der Jüdischen Gemeinde Wiens wider das Ministcritmi fiir Kultus und Unterricht stattgege- I) c 11. Damit hat ein Rechtsstreit sein Ende erreicht, der von nicht geringer Bedeutung ist. Nach dem österreichischen Gesetz müssen nämlich die Dircktoren der Volks- und Bürgerschulen derjenigen Konfcssinn sein, der die Mehrheit der Schüler;»!!gehört. Die Mehrheit in der Bürgerschule in der Werdertorgassc bilden did jüdischen Kinder. Bis zum Jahre 1904 war auch der Oberlehrer an dieser Scliule ein Jude. Nach seinem Tode aoer ernannte der Beziikssclitilrat einen provisorischen Schulleiter, einen Christen. Inzwischen versuchte man durch eine Ncucintcihmg der Schulsprengel die jüdische Mehrzu beseitigen. Aber bevor noch die ״pädagogischen“ Maßnahmen und Reformen des eifrigen Bczirksschulrates die gewünschte Wirkung erzielten, wurde im April I9ün der Konkurs für den Obcrlehrerpostcn an der Bürgerschule in!1er Wcrdcrtorgassc ausgcscliriebeit. Der Bewerber sollte einen Taufschein vorlegen und den Naclnvcis erbringen, daß er katholisehen Religionsunterricht erteilen dürfe. Gegen diese Gcsctzesvcrlctzung erhob die israelitische Kultusgemeinde Beschwerde heim Landesschulrat. Der christlicli-sozialc Landesschulrat entschied, daß die Konkursaiisschrcibmig dein Gesetze nicht widerspreche, da man die Verhältnisse, die in einigen Jahren cintrctcn werden, berücksichtigen müsse. Dieser der Zukunft vorgreifenden Gcsctzcsauslcguiig schloß sielt auch Graf Stürgkh, der ״liberale“ Unter* richtsministcr, am der cs so oft verstanden hat, die Gunst und das Loh der Christlichsozialcu zu erwer* beit. Der Rekurs der Jüdischen Gemeinde an das Ministerium für Kultus und Unterricht wurde also gleichfalls nbgewiesen. Der Vertreter der Kultusgemeinde, Dr, Gustav Kolm, überreichte die Klage

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