Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 1. J UEP1SCHE RUNDSCHAU Die Fortentwicklung des Judentums Zu dem Artikel ״Die Fortentwicklung des Judentum s“, deti Dr. Gustav W i t k 0 w s k y als Kritik des Koliler'sclicu Aufsatzes ״Die Juden" veröffentlicht hat, wird uns Beschrieben: ״Herr l’rof. Kollier erklärt die Juden für ״eine der begabtesten Kassen, weniger schöpferisch in grollen Genies, aber gesiittigt durch eine Ueberfiille von Talenten". Dazu schreibt Here Witkowsky: ״Durchaus zutreffend hat üclieimrat Köhler die geistige Eigenart der Juden, im Gegensätze zu der der Germanen, geschildert, den fast vollkommenen Mangel an genialen Naturen und den auilcrordeut־ liehen Reichtum an Talenten". Ich mochte meinen vereinten Kollegen, Herrn Witkowsky, darauf aufmerksam machen, dali seine Worte doch etwas ganz anderes besagen, als die des Herrn Prof. Köhler, dal» er die llegalmng der jüdischen Rasse selbst niedriger einsehiitzt, als Kollier dies tut, und dali er mit dieser niedrigen Hin• schiitzung eine, wie mir scheint, ganz unzulässige ‘ Bescheidenheit entwickelt. Köhler spricht in einer späteren Stelle seines Artikels seihst von ,Füllen, wo diese Talente sich bis zum Genie gesteigert haben", und erwähnt als Beispiele Spinoza und Heine. Herr Dr. Witkowsky hat cs daher, selbst wenn er die Bewertung, die Herr Professor Köhler uns angedeihen killt, für richtig hält, nicht nötig, unserer Rasse das Vorkommen von ״Genies" ab/.usprechen. Was ist überhaupt ein ״Genie'! Wo ist die Grenze zwischen Genie und Talent? Hs ist hier nicht der Ort, darüber eine Untersuchung atizti• stellen; ich mochte aber darauf hiuweiseu. dail ״Genies" selbstverständlich bei allen Völkern sehr sparsam gesät sind und dali wir Juden ein sehr kleines Volk dnrstellen, bei dem die Zahl der Genies entsprechend auch nicht sehr groll sein kann. Ferner möchte ich zum Vergleich bloß die Frage aufwerfen, wieviel ״Genies" denn das deutsche Volk hervorgebracht luit, wirkliche Genies, die als ״di-• ragenden Gipfel der Welt" gelten können? Nehmen wir als Probe die deutsche Geschichte in der langen Zeit von Karl dem Grollen bis zum grollen Fricdricn. also fast ein volles Jahrtausend! Wie viel Genies hat in dieser Zeit das deutsche Volk hervor• gebracht? Ich glaube, mau kamt mir den einen, Luther, anführen, dessen Genialität zii.lem vermut• lieh von dem katholischen Teile des deutschen Vol• kes bestritten werden durfte. Wenn seitdem den Deutschen eine ganze Reihe von Genies besehieden worden ist, so beweist dies nur. dal! jegliche der• anigc Rechnung nach der Zahl der in irgend einem Volke vorkommenden Genies recht verfehlt ist. Jedenfalls haben wir Juden gar keinen Anlall, bescheidener zu sein, als unsere Umgebung es von uns verlangt. Von einem ״fast vollkommenen Mangel an genialen Naturen" ist bei uns glücklicherweise nicht die Rede, mul wir können aus dem 19. Jahr• )Hinderte und selbst unter den jetzt lehemlen Juden Namen anführen, die wolil noch in ferner Zukunft zu den gefeiertsten der Menschheitsgeschichte gcrehnet werden dürften. Ich glaube, wir können ruhig etwas mehr Selbst• bewußtscin zeigen! ״Nur die Lumpe sind bcscheiden", sagt das Genie ״Goethe". Dr. Be 11 n 0 Le w y. Die Aussichten jüdischer Handwerker in Palästina Ein jüdischer Handwerker schreibt uns: Ober die Industrialisierung Palästinas ist schon sehr viel geschrieben worden. Wenn ich mm zu die• ser Sache als jüdischer Handwerker Stellung nehme, so führe ich zur Begründung an, daß jüdische Handwerker in Deutschland bedauerlicherweise aut dem zionistischen Gebiete bis dato nicht in dem Grade, wie cs wünschenswert gewesen wäre, bc• merkbar gemacht haben. Woran das liegt, will ich vorläufig nicht untersuchen, bemerke aber, daß cs ein großer Vorteil für die Pulästinabcstrcbungen wäre, wenn auch unsere jüdischen Hand• werker die gerade nicht zu den schlechtesten gehören, diesem Gebiete mehr Beachtung zuwenden würden. Ich glaube, daß cs in zionistischen Kreisen, mit Freuden begrüllt würde, wenn Handwerker, die mit den Kenntnissen der modernen Technik ausgc• rüstet sind, als Pioniere des jüdischen Handwerks, den in Betracht kommenden Körperschaften mit Rat und Tat zur Seite stehen würden. Wenn ich mich nun zur Entwicklung des Hand« werks in Palästina äußere, so ist die Grundbedingung steigende Wohlhabenheit und Konkurrenzfähigkeit. Allen Mitteilungen nach geht das Land einer ge• sunden Entwicklung entgegen. Je mehr die Bc• vöJkerung zimimnit, desto mehr kommt das Handwerk zur Geltung. Wenn cs gelingen sollte, was sehr im Bereiche der Möglichkeit liegt,--die Wasserkräfte des Jordan In Icktrisclic Energie zu übersetzen, so wäre hierdurch oder durch Einführung einer clcktrischcii Zentrale, dem Handwerk hei intensivster Bcimtzung der neusten und modernsten Maschinen und Werkzeuge, die Möglichkeit gegeben, icistmigs• und konkurrenzfähig zu sein. Bei der!•'rage, welche Art des Handwerks Aussicht hat, lebensfähig zu sein, nmll man auf die jeweiligen Bedürfnisse sowie auf die Einfuhr' von ausländischen Indiistrieprodiikten Rucksicht nehmen. Es mag ja Tatsache sein, daß der Ijoden Palästinas keine Mineralien birgt; mich neueren Nachrichten jedoch sollen in der Gegend des Toten Meeres Kupfer, Marmor, Schwefel und sogar Kohle gefunden sein. Übrigens wird es ein dankbares Feld für die Fachniiinncv des Bcrgfaebs sein, ׳len Boden Palästinas wissenschaftlich zu 1111 (ersuchen. Wir habet» in Europa ja auch Gegenden, denen die Mineral- Produkte ziigcflihrt werden müssen und in uenen doch eine blühende Industrie besteht. In erster Linie müßte man aber in Palästina, in den Kolonien und hei den sonstigen Institutionen zu dem Prinzip gelangen, mitglichst jüdische Handwerker oder Arbeiter zu beschäftigen. Hier ihren großen Eiiiilitll aiiszinihcn, sollte Hauptaugenmerk der In Betraehi kommenden jüdischen Instanzen sein.') Wenn ich mich nun zu den einzelnen Handwerken äußere, so stellt mir dabei teilweise statistisches Material zur Verfügung. In der Palästinanummer der Welt heißt cs itt Bezug auf Tischler, daß dieselben infolge der gesteigerten Bautätigkeit, sehr viele Arncitsge- Icgcnheit hätten. Da meiner Meinung nach die cito zellten Zweige vier Holzbrmichc wohl in der Luge sind bodenständig zu werden, so will ich mich etwas damit beschädigen. Als einzelne Gewerbe werde teil Vorschlägen• Bau- und Möbeltischlerei, Spazier, und Scltirmstoekbrauclte, Sluhlbranehc, Wagcuh.m und K.oi'mnubelfubrikation. Falls in den nächsten Jahren moderne Hafenanlagen in Haifa oder Jaffa geschaffen werden und die i'ransportverhülinissc günstiger sind, werden Holz und sonstige Ma* tcrialien zum grollen Teile bedeutend billiger cinzu• führen sein als in den meisten europäischen Staaten. Ich bemerke, daß in der modernen Möhclbranehe und bei besseren Batiarbciten, meistens jene schönen flammigen Hölzer verwendet werden, die so angc• nein» das Auge erfreuen. Von allen edlen, das heißt besseren Hölzern wächst nur eines in Deutschland, iiäiulicli die Eiche, und die imill zum Teil uoch in besseren Qualitälcn vom Auslände eingeführt werden. Allo jenen Hölzer, wie Maltagunie, Paduk, Palisander, Rosen, Nnübaum, Teak, Amarant!!, Zedern, Zitroncnltolz. usw., die in Afrika, Indien und Australien wachsen, haben zum größten Teil den Suezknnal passiert, so daß der Transport nach Palästina auf alle Fälle bedeutend billiger sein würde, als nach dem viel weiter entfernten Europa. Allein die Herlitter Möbelindustrie fiat einen iälirliclien Export von ca. 5t) Millionen Mark, Hin großer Teil dieser Waren geht nach dem Osten. Hier könnte das Palästina• l tt d u s t r i c sy n d i k a 1 etwas schaffen und zwar in Verbindung mit der Kunst Gewerbeschule Ile/.;1 lei. Verschmähen doch selbst die bedeutendsten Innenarchitekten Deutschlands cs nicht, sich in den Dienst des künstlerischen Uolzgcwcrbcs zu stellen. Andererseits könnten ja mich billigere Möbel nach den jeweiligen Bedürfnissen fabriziert werden. Von tüchtigen modern ausgebiklcten Arbeitern ausgeführt, mit modernsten Werkzeugen versehen, werden, dessen hin ich fest überzeugt, solche Betriebe und Leute die arabische Konkurrenz zu jeder Zeit schlugen. Das Gleiche gilt auch für die Daubranche. Ich hin sogar der Meinung, daß man seihst in der Lage wäre, die A tt s f 1111 r von Mübclcr/.ctignisseit nach Ägypten. Syrien und Teile von Klcinasicn ins Auge zu fassen. Auch dorthin würden die Fracht• Unkosten bedeutend billiger sein als liir aus Europa bezogene Waren. Mau sollte meinen, bei der großen Baulust, die in Palästina herrscht, müsse cs ein Leichtes sein, einige größere Holzbearbcitungsbc* triebe ins Leben zu rufen. Allerdings wäre cs eine dankbare Aufgabe für das Palilstlnaindustrlc-Syndikat (׳der Paliistinaamt, wenn cs in der Lage w׳lirc u. a.;11s A r b c i t s v e r m i 111 tt n g s tt nt t zu fungieren, das heißt mit den Kolonien, Gesellschaften, Kranken• hüuscnt, Schulen und sonstigen Institutionen durclt Zuführung von Arbcitsaufträgcn an selbständige jüdische Handwerker in Verbindung zu treten und anderseits die Vermittlung von Arbeitsgelegenheit für Arbeitnehmer jeden Berufes zu betreiben. '״) Geschieht nach unserer genauen Kenntnis der Sachlage bereits In vollem Umfange. Es ist uns kein Fall bekannt, in dem palästinensische Juden sielt die- •8er Ehrenpflicht, die übrigens, wie wir immer wieder betonten, nicht nur für sic, sondern für alle Juden bindend sein sollte, entzogen haben. (D. Red.) Eine andere Branche, die ich Itir sehr aussichlsrciclt Italic, ist die Stuhl• und Sitz. 111 ö b e I hranche. Wenn cs unseren Künstlern gelänge, außer den bekannten, neue und gefällige Formen tu Verbindung mit Billigkeit hervorz.tthriiigcn, so hätten wir eine kleine Industrie. Ja, hier ließe sielt selbst die Frauenarbeit als Policrcrin oder Stuhlfleehtcrin einführen. Hs liegt außer Zweifel, daß die europäische Wolmtingswcise atteit im Orient Ein• gang findet und die Möbel, die dort fabriziert wer• den, setzen der ausländischen Konkurrenz, einen Damm. Wenn ich nun bemerke, daß in Rußland allein ca. 90tJDO jüdische Tischler vorhanden sind, so wird es nicht schwer fallen, geeignete Arbeits* kräfte zu erhalten. Ein anderer Beruf ist die Herstellung von Sp;f/.ier- und Sehirmstücken. Dies ist ein rechter Exportartikel, der Aussicht auf Erfolg haben kann, wenn cs möglich ist, genügend Absatz zu finden. Außerdem ist hier die Möglichkeit gegeben ungelernte Kräfte cinzu;.rbeiten, l'nseic moderne Stilrichlung fiat cs mit sich gebracht, daß die Korlmiöbelindustrie einen großen Aufschwung genommen hat und es werden bereits Veranda- sowie Korbmöbel hergestellt;, die!«:•Ibst vom fachuehnisehc.t wie künstlerischem Standpunkt ke tte Kritik zu scheuen haben. Auch hier ist das Arbeitsmateri.il, wie Bambus, Rohr usw, zum Teil bedeutend billiger zu beziehe», als in Europa, weil diese Rohre wärmeres Klima bevorzugen. Wenn in den Städten am Meere der Fischfang einen Aut• schwung nimmt, so •wird zweifelsohne auch die K o r 1t i tt d tt s t r i c profitieren und wenn ferner in Palästina die Straßenhauverliältnissc sich bessern, wird der moderne Wagonbau ein weites Feld haben. Alle von mir vorgcschlagcnen Berufszweige haben den Vorzug Ahtciliitigswcisc in ein und dem• selben Betriebe bestehen zu können und die Maschinen könnten gleichzeitig für sämtliche Braueben verwendet werden, was gleichbedeutend mit großer Ersparnis an Werkzeug wie Geld ist. Sobald das Oppenheimersehe Projekt in Aktion tritt, wird auch die Hol/industric voraussichtlich zu ihrem Rechte kommen. Ztitn Beispiel sehen wir hier in Deutschland das Bestreben der Holzindustrie sich mehr aufs Land auszudclme». Und so sind in den letzten Jahren selbst in industrie-armen Gegenden, wie das Erzgebirge, Ost- und Westpreußen sowie Thüringen, eine ganze Reihe großer Betriebe ent• stunden. Ein Beweis, daß ein gewerblicher Betrieb nicht immer im Mittelpunkt des Verkehrs zu liegen hri uclit (Schluß folgt.) Neue Pogromdrohungen '1 Eine unerhörte Rede des Abgeordneten Sclmlgrlii. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Die letzte Dutitasitznng vor den Weihnaehtsferiett wurde von den rechtsstehenden Parteien dazu benutzt, tun die eigentlichen Beweggründe ihrer blutigen P o g r o 111 p o I i t i k zum ersten• male mit aller Offenheit kiarz.utcgcn und damit die gesamte innerrttssische Lage in bemerkensw׳ertcr Weise zu beleuchten. Auf der Tagesordnung stand die 1 n t c r p c I * lut i o 11 der Kndcttcnfraktinn über die jüngsten Vorgänge an der Odcssaer Universität. Der Abgcordnete aus Odessa, N i k o I s k y, begründete die Interpellation und schilderte auf Grund genauer persünliclter Feststellungen dts empörende Verhalten der Polizciorgane und den tatsächlichen Verlauf der Exzesse, von deiiet! die Administration eine durchaus w a 11 r h e i t s w i d r i g e Darstellung gegeben habe. Der Redner wies darauf hin, daß die Stirnimtng der Odcssaer Bevölkerung, deren cinze'ue Klassen zw bekannten Zwecken gegen einander auf• gehetzt wurde, sich in einer nicht ungefährlichen Üältrung befinde. Um den tiefen Eindruck, den der oppositionelle Redner mit seinen an der Hand eines erdrückenden Anklagcmatcrials gemachten Ausführungen hervor• gerufen hatte, wenigstens äußerlich abzuschwächen, schickte die Rechte ihren gewandtesten und nach oben einflußreichsten Führer, den echt-russischen ״Patrioten" Scltulgin, vor. Dieser führte gleich gegen die ״Revolutionäre" das schwere Geschütz, auf und rief, warnend und mit erhobener Stimme, der Opposition zu: "In Odessa wird andauernd auf die Intcliek• tucllcn eingchaticn. Auf Russisch: In Odessa ist ein Judenpogrom im Anzug. Achtet auf meine Worte und übermittelt dieselben an die entsprechenden Stellen: lode Revolution In Rußland wird über Jüdische Leichen «chrcitwi.