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Jüdische Rundschau · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Jl. Gnaden der hohen Zensusiuden der Warschauer üemcindc konnte zwar Herr Dr. NuMuuiiit die Entrccii־ tung der jüdischen Bevölkerung nicht gerade gutheißen, er stannncltc aber etwas von der guten Üe־ sinntmg der christlichen Kontrationalen und von dem Gebote einer ehernen geschichtlichen Notwendigkeit. Durch den offenen Beistand eines so mallgebcn־ den Wortführers der gegnerischen Seite ermutigt, durften nun die polnischen Mitglieder der genannten Dutnakoinmission ruhigen Gemüts den entscheiden* * den Schritt des edlen Kncbclungswcrkcs machen. Da man aus Erfahrung weiß, da» Vorschläge der Dutnakommissionen sehr selten vom Plenum unigestoßen werden, so galt cs, in der Kommission die erwünschten Beschlüsse partout du.-cl17.usct7.cn. Und nun haben cs die Herren, die nicht au (hören, über brutale ücw.alt und Unterdrückung der Schwachen zu klagen, nicht verschmäht, ihren BI u t f e i n d c n, den russischen R c a k ־ ז i 011 ii r cח die Hand zu reichen, um die Schwäch cm zu unterdrücken. In der der Debatte sprach sich Herr Grabsky gegen das Kurialsystem aus. ließ aber bei aller Qeschrobenheit und Uewundenheit seiner Rede klar durch־ blicken, da» er für den Pall, da» das Kurialsystem zum Beschluß erhoben wird, für die Rccluscin« schriinkung der Juden ist. Als cs daun zur Ab- Stimmung kam und, man bereits ganz, genau wußte, wie jedes der Kommissionsmitglicdcr stimmen wird, da glaubten die Herren recht ״diplomatisch“ tun zu können und •enthielten sich der Stimme. Das Kr־ g c b n i s der Abstimmung war, da» der R c c h t s r a u b an der jüdischen Be v öIkerung Polens mit II gegen 10 Stint- Uten zum Be eil lull erhoben wurde. Hütten also die beiden polnischen Herren gegen die Entrechtung der Juden gestimmt, der betreffende Paragraph würe mit 12 gegen 11 Stimmen abgelchnt worden. Mit anderen Worten, die polnischen Ahgeordneten haben den schmachvollen Beschluß der ßumakom iitission, der c i n e s c 11 w c r c Schädigung unserer Interessen und eine noch schwerere Kränkung unserer nationalen Würde bedeutet, tu i t v c r s eit tt I d c t. Die unbefangene öffentliche Meinung verstand es, das allen Grundsätzen von Recht und Berechtigkeit hohnsprechende Verhalten der polnischen Volks• Vertreter gebührend zu würdigen. Bin Sturm der Ent־ riistung über das verachtenswerte Gebühren der demokratisch sein wollenden Politiker ging durch die jüdische und die liberale russische Presse. Rasch war aber wieder einmal der treue ״Mosehko" zur Hand, um dem Herrn aus der Verlegenheit zu helfen. Zwei Gesinnungsgenossen des Dr. Niillbaum. die Herren N a t a n s o 11 n und I) i c k s t c i n, eilten nach Petersburg. Hier batten sie eine Konferenz mit den polnischen Dumaabgeordneten, die den Zweck hatte, der Agitation der jüdischen ״Nationalisten" das Wasser abztilciten. Ans dem konfusen Gestammel der beiden Herren ist in die verblüffte Öffentlichkeit eine authentisch beglaubigte, nunmehr historisch gewordene Äußerung des Herrn Natansohn gedrungen, der die Rcchtscinschränkung der Juden in Manier des Genrebildes am unentbehrlichsten ist. Als Beweis hierfür genügt der Hinweis, da» sic in der ersten Novelle ihren Helden zum Abendgebet die Oebetriemen anlcgcn läßt. Aber auch ein warmes gefühlsmäßiges Verstehen ihres Gegenstandes ist bei der Verfasserin nicht zu verspüren. An dessen Stelle tritt in der ersten Novelle, die uns die Beziehungen des jüdischen Hausierers zu seiner deutschen Bauernkundschaft stimmungsmäßig nahebringen will — an Stelle des Verstehens tritt hier ein doktrinäres Wissen über das soziale Strebertum des Juden, über den Mangel der Jugendlichkeit hei jüdischen Kindern 11. dgl., das dem Wesen des Genrebildes im höchsten Maße zuwidcrläuft. Zuguterletzt bedauern wir, hemerken zu müssen, da» auch der Stil mehr einige gedankliche Routine als die Sicherheit eines guten Schriftstellers verrät. 8. Der junge jüdische Gelehrte Armanilo S 0 r a n i in Florenz hat in dem Qiornalc dclla Socictä Asiatica Italiana eine längere Abhandlung über den bekannten hebräischen Dichter Ch. N. Bialik veröffentlicht. Der Abhandlung sind auch Uchcrsetztmgcn einer größeren Anzahl Blallkschcr Gedichte heigefilgt, die in den literarischen Kreisen Italiens großes Aufsehen erregt haben. In mehreren literarischen Zeitschriften wird Bialik als einer der hervorragendsten modernen Lyriker gefeiert. Die Abhandlung Soranis Ist auch in einem Sonderabdruck unter dem Titel ״Dai Pocml di Ch. N. Blalik“ erschienen. der kommunalen Selbstverwaltung durch ihre kulturclle Rückständigkeit zu begründen suchte. Im übrigen beeilten sich die polnischen Kom•׳ missionsmitglicdcr, nachdem die Hauptsache erreicht war, sich wieder das liberale Mäntelchen umzu* hängen. Sie stimmten gegen die geplante Rcchtseln- Schränkung der getauften Juden, ja sic traten so* gar recht energisch gegen die Bestimmung auf, wo• nach der Vorsitzende im Stadlratc kein Jude sein, dürfte.*) Sehr boshaft bemerkte bei diesem Anlaß der russische Nationalist Motowilow Herrn Grabsky gegenüber, daß die Polen offenbar in diesem Punkte recht billige und unschädliche) Lorbeeren des Liberalismus einheimsen wollten. Nach* dem mau sich in der städtischen Vertretung die erdrückende Majorität gesichert hat, glaubt man sich den Luxus gestatten zu dürfen, den Juden ein papicrncs Recht cinzurüumcn, welches auszunutzen man ihnen nie Gelegenheit gehen würde. Durch diese erbärmlichen Konzessiönchen glauben nun die Herren die l1•’! Millionen polnischer Juden über den an ihnen begangenen schnöden Rechtsraub hinwegtrösten zu können. Man kennt ja die Stimmungen und Strömungen innerhalb des Judentums nur In der trüben Spiegelung der Nußbäum, Natansohn, Pickstein c tutti quanti. Diese aber sind recht ״vernünftig“ und immer bereit ein wenig — oder aber mich recht viel — nachzugeben, um ein Weniges zu erreichen. Um die öffentliche Meinung der liberalen Elemente Rußlands braucht man sich aber anno 1911 den Teufel zu scheren. Es wird ja noch eine geraume Weile dauern, bis diese Leute aus Ruder kommen, einstweilen muß man sich halt darauf einrichten, mit der finstern Reaktion seine Ge• schuf teilen zu machen. So werden all die schönen Worte und Losungen von 191).ר zum alten Eisen geworfen, die konstimtio* nellen Demokraten werden in der polnischen Presse eine Judenpartei, Miljukow und Petrunk c w i t s e h — russische Faustmcnschcn gescholten, und in rührendem Verein mit den unvcrgleich tiiehtigen und erfahrungsreichen Judenfressern des alten Rußland schicken sich nun die Unterdrückten und Verfolgten an, die Untcrdriicktcstcn und Vcrfolgtcstcn vollends in den Kot zu treten. Nun haben sieh aber diesmal die schlauen Poli• tiker etwas verrechnet. Sie unterschätzten sowohl die Juden, wie auch die liberale Opposition. Noch ist das jüdische Volk nicht so leicht nieder• zuringcii und zu demütigen, wie die noblen Herren glauben mögen. Die assimilatorischen Angstmeier, die stets nach des Herrn Pfeife tanzen, können nur von wissentlichen Fälschungen als die berufenen Dolmetscher unserer Gefühle ausgegeben wcrd'en. Die schönen Tage des demütigen, servilen Schutz• Judentums sind unwiderruflich dahin. Mögen cs die Herren sich gesagt sein lassen: Auch wir wissen etwas von menschlicher und nationaler Würde, *) Dies hinderte jedoch die Kommission nicht, die Bestimmung der Vorlage gut zu heißen, wonach es den Juden verboten wird, in Polen das Amt eines Bürgermeisters. Vizcbiirgermcistcrs, oder eines Stell- Vertreters desselben, ebenso auch eines Sekretärs! der Munizipalität, resp. des Exekutivorgans derscl- I ben, zu bekleiden. Auch darf dem Exekutivorgan! überhaupt nicht mehr als c i n Jude augehören. Eingegangene Bücher: Dr. .1. L. Mctniumi: H a c h a j v r a w c h a t c b n h (Das Leben und die Natur, hebräisch). Die Be• Strebungen und Satzungen der Gesellschaft ״ifatebah" in Palästina. Jaffa, Verlag der genannten Gesellschaft. J. Rosoubfatt: Das Hohe Lied als Operette bcarbeitet (hebräisch). Verlag ״Hatikwah". Berlin. ״Jcwrelsld mcdl/.lnskl Golos". (Jüdische medizinische Stimme. Russisch). Journal, redigiert von den Aerzten Dr. Adesmnnn, Dr. Geschclin, Dr. Marjasehes und Dr. Reimist. Jalirg. III, Heft 1—2. Odessa. Gedankensplitter aus Moses Hess’ ״Kom und Jerusalem.״ Der Kultus, den wir einst im neuen Jerusalem feiern werden, kann und muß eine offene Frage bleiben. Im Exil kann das Judentum nicht regeneriert, kann es durch Reformen und phiiantroplschc Bemüliungcn höchstens zur Abtrünnigkeit gebracht werden. t Das jüdische Volk ist bis zur französischen Revolution das einzige Volk der Welt gewesen, wcl* dies zugleich einen nationalen und humanitären Kultus hatte, Auch wir kennen den Kampf um die Freiheit und Einheit, die innere sowohl, wie die äußere. Nie und nimmer werden cs die Millionen polnischer Juden sieh gefallen lassen, zu Bürgern zweiter und dritter Klasse degradiert zu werden. Und nicht nur dlo polnischen Juden, auch alle anderen, die Ehre im Leibe haben, werden den Fehdehandschuh aufheben, und der Kampf wird nicht eher zum Schweigen kommen, bis wjr unsere volle Gleichberechtigung, die bürgerliche, politische und nationale, erlangt haben. — Die Polen wissen cs ebenso gut wie alle anderen Völker, mit denen wir im Wandel der Zeiten zusammengetroffen sind: Selten hat ein Volk mit so viel Mut, Standhaftigkeit und Opferfreudigkeit, Frei• heit und Recht verteidigt, wie Israel. Die Herren irren aber auch, wenn sie glauben, daß sic die freisinnigen Elemente Rußlands und Europas ungestraft vor den Kopf stoßen dürften. Noch haben die Polen in ihrem harten Kampfe um ihre nationalen und politischen Positionen keine besseren Machtmittel, als ihr gutes Recht und keinen sicheren Rückhalt, als die Sympathien jener Kreise, denen an Rocht und Menschlichkeit noch etwas ge• legen ist. Mögen sich die Herren also hüten, durch Gewalt und Unrecht gegen Schwächere jene kostbaren Sympathien zu verscherzen. ־-- Im vor liegen• den Falle müßten die Herren noch bedenken, daß die Expropriation der Rechte einer bedeutenden Minderheit eventuell die ganze Vorlage für die Opposition der Reichsduma unannehmbar machen könnte. Bel der ausgesprochen ablehnenden Haltung der extremen Rechten dem ganzen Projekt gegenüber, wäre cs dann mit der Selbstverwaltung überhaupt aus. Im übrigen will cs scheinen, daß auch in Polen bisweilen sich noch Zweifel darüber regen, ob man es mit den Liberalen ruhig verderben dürfte. So erklärt sich die Tatsache, daß das maßvolle, vornehme, dabei aber recht energische Auftreten. Wladimir Jnbotinskvs. der zuerst in den ״Odesskija Nowosti“ die Polen auf diese Seite der Frage aufmerksam machte, die gesamte Warschauer Presse förmlich aus dem Häuschen brachte. - - Die iibcrgroi'c Nervosität der Herren Polen beweist nur, daß Jabolinsky den Nagel auf den Kopf getroffen hat, ebenso auch, daß man in Warschau gegen Picßstimmen. selbst wenn sic nur aus einer anscheinend unmaßgeblichen Provinzstadt kommen, nicht unempfindlich ist. Wir aber werden cs nicht unterlassen, unsere natürlichen Verbündeten, die freisinnigen Kreise Rußlaiul und Europas, die Sinn mul Verständnis für Recht und Menschlichkeit haben, auch wenn cs sich bloß um Juden handelt, :inzurufen und ihren Beistand in unserem Kampfe gegen!las schnöde Attentat auf unsere Reellte zu erbitten. — Wie Im Vorjahre werden wir auch diesmal eine beschränkte Anzahl von Fxcmpluren der ״.fiiiJischcrt Rundschau“ auf Kimsidriiekpnplcr!(erstellen lassen. Die Abonnenten dieser Ausgabe erhalten den ganzen Jahrgang am Jahrcsscliluß gebunden geliefert. Der Preis des Bandes hclriigt Mk. א.—. Bestellungen sind bis zum I. Fchriiur unter Einsendung des Be• träges aniziigehen. Verlag ״Jüdische R u n d s c h a 11 Jeder Jude ist, er mag es wollen oder nicht, solidariscii mit seiner ganzen Nation verbunden und erst, wenn das jüdische Volk von der Last befreit sein wird, die es Jahrtausende mit heroischem Opfermut auf seinem gebeugten Nacken getragen hat. wird sic auch von den Schultern jener Atifgeklärten genommen sein, die stets nur eine verschwin* dende Minderheit gewesen sind. Die spanisch-jüdische Kulturepoche hat tatsächlieh das Problem gelbst, wie man zugleich nabmvalor. patriotischer Jude im strengsten und vollsten Sinne des Wortes bleiben und sich dennoch an dem Kultur- und Stantslebcn des Landes, dessen Bürger man ist, so sehr beteiligen kann, daß dieses Land ihm ein zweites Vaterland wird. * Die Liebe ist im Merzen der Juden zu mächtig, zu unendlich, um heim Gcsclilcchtc stellen zu bleiben und sich nicht auf die Geschlechter der Zukunft aus* zudehucn. * Der aufgeklärte Jude, der an die nationale Wiedcrgchflrt seines Volkes nicht glaubt, kann nur noch, gleich, dein aufgeklärten Christen, an der Auflö• sung seiner Religion arbeiten. Unbegreiflich ist die Zumutung, daß man zugleich für die Aufklärung und den ״Beruf des Judentums in der Zerstreuung" d. h. zugleich für seine Auflösung und für seinen Fortbestand schwärmen soll. %

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