Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 1. rung des Nationalgcfühls erzeugt Das gesunde, hercchligtc Qcfülil der Eigenpersönlichkclt, das natilrliehe Streben nach Auslcbcn der Volksindividualitüt artete in einen exklusiven, engherzigen Chauvinismus aus. Boten ehedem die Polen das erhebende Schauspiel, wie ein edles Volk seine geschichtlichen Posi- (Ionen in fast Übermenschlichen Kümpfen gegen bru- (nie Gewalt zu verteidigen sucht,‘ wie cs seine nationaic Kultur, das rühmliche Erbe, das die voruufgcgangenen Geschlechter mit ihrem Blute erworben haben, trotz der feindlichen Ucbcrmacht zu erhalten und zu mehren bemüht ist: so ist cs Jetzt fiir jeden aufrichtigen Freund des nationalen Sclhstbcstimmungsrcchts ei» tiefer Schmerz lei eben diesem Volke einen rückschrittlichen, ungerechten, fremdenfeindlichen Hurranationallsmus, cinrciiicn zu seiten. Seit einiger Zeit hört man in der Presse und im Offentliehen Leben Polens fast nichts als das geräuschvolle Rasseln der hohlen patriotischen Phrase; sicht mau nicht viel mehr als die Gebärde verzückter Uegeisterung über die eigene Rhetorik und drohend gegen Russen, Deutsche und neuerdings namentlich gegen Juden geballte Fäuste. Es ist natürlich nicht unsere Aufgabe, Russen und Deutsche gegen Polen in Schutz zu nehmen; noch weniger kann es uns cinfallen, ein Urteil in der alten Fclnie der Ntclibarvülkcr zugunsten des Qcwaitrechts abzugeben. Wogegen wir uns aber ganz entschieden verwahren müssen, ist, daß der Fetisch dien st des polnisehen Nationalismus sich in wilder Demagogic dazu versteigt, die Juden als gefährliche politische Feinde des poln i s c h e n Volkes 111 u z u s t c 11 c n und demzufolge den Kumpf gegen das Judentum auf der ganzen Linie zu prokIa!»i e r c». Spekulanten des Chauvinismus erfanden das Gespenst des ״russifikatorischcn l.itwak" und das durch die großartigen patriotischen Worte bis zum Delirium verwirrte Volk glaubt an diese vom Haß eiligegebene Erfindung und zieht daraus die rücksichtslosesten Konsequenzen. Die seit den großen Ausweisungen aus Moskau üblich gewordene Zuwanderung litauisch er Juden, die in Polen nichts als eine Stätte der Zuflucht und der Arbeit suchen, wird als gcflisscntlichcs Attentat gegen die nationalen Positionen des polnischen Volkes hingcstellt, und die Führer und Gestaltcr der öffentlichen Meinung tun ihrerseits nichts, uni dem lächerlichen Wnhutffcutgcgcnzutreten, als ob der aus dem Innern Rußlands vertriebene Jude russi* fikatorlscbe Pläne Im Schilde führen könnte. Im Gegenteil. Dic.angobliclie russifikutorische Tätigkeit der litauischen Juden wird von gewissen poluisciieu Politikern als Vorwand benutzt, um den ökonomischen Vcrnichtungskampf nicht nur gegen das jüdische Kleinbürgertum, sondern auch gegen das jüdischc Proletariat mit F.ifcr und Erfolg zu führen, Neben dem enormen Anscliwcllcn der K 011sumvercinc und Agrarkooperationen mit der Losung: Kauft nicht bei den Juden, bestellt nichts bei den Juden! —• macht sicli in letzter Zeit auch eine systematische, ziclücwuiUc Verdrängung des Jüdischen Prolc ta!riats aus allen Arbeitszweigen geltend. Allein, können die Herren Politiker diesbezüglich ihre Hände in Unschuld waschen und sich auf das imkontrollierbare freie Kräftcspicl des Konkurrenzkampfes berufen, das sich ihrem Einflüsse entziehe, so haben sie sieh in der Frage der kommunalen Selbstverwaltung offen zur reaktionären Politik der brutalen Entrechtung der Jüdischen IJcvöl* keruug bekannt. Die diesbezügliche Regierungsvorlage enthält bckamulicli — nach der zitierten Ansicht Gutsclikows: auf Wunseli der Polen — eine Rcchtsciiischrünkung der Juden dergestalt, daß die Jüdische Waiilkurlc In Städten mit jüdischer Bevüikertmgsiiiehrheit ein Fünftel der Stadtverordneten stellt, während in den Städten, wo die Juden weniger als die Hälfte der Gcsamtbcvölkcrung ausmachen, sic nicht mehr als lü Prozent des Abgcorductcnkölicgiums aus ihrer Mitte wühlen. ן Hier ist zu bemerken, daß die städtische Be-; völkcrimg Polens in der Regel bis zu 50 Prozent, bisweilen aber auel» bis zu 85 Prozent aus Juden bcstellt. Bei der famosen Geschicklichkeit des ״Tschl* nownik" in Statistik und Vcrwaltuiigswcscn darf man ruhig aimelime», daß die jüdische Bevölkerung in den meisten Städten gerade noch etwas weniger als fünfzig Prf.v;nt aufzuweisen׳ haben wird. Eine Stadt mit 5100 .luden und •1900 Christen würde somit sehr leicht das umgekehrte Zahlcnverhültnis zu Tage fördern und die Stadtohrigkeit wiirdo sodann, den Bestlmimmgen der Vorlage gemäß, aus 27 Christen und .3 Juden bestehen. Es hieße Gemeinplätze wiederholen, wenn man modernen Menschen, denen die elementarste Forderung jedes rechtlichen Gemeinwesens, das Recht auf Selbstbestimmung und auf eigene Vertretung, als etwas Selbstverständliches gilt, erst beweisen wollte, daß jene von der gekennzeichneten Vorlage beabsichtigte Ordnung der Dinge öluc durchaus tutgerechte ist und eine schwere Kränkung unseres Selbstgefühls und Rcchtsbcwußtscins enthält. — Dazu kommt noch ein anderes, sehr bedeutendes Moment. Dank der mehr als mangelhaften rechtlichen Stellung der jüdischen Gemeinden in Rußh) 11J sind die jüdischen gemeinnützige» Institutionen tiud Gesellschaften der oberen Leitung und Aufsicht der Munizipalitäten unterworfen, denen auch letzten Endes das Vcrfiigungsrccht über die Einkünfte der speziellen jüdischen Steuern zusieht. — Mit der Einführung der Selbstverwaltung In!*ölen wird auch liier dieses obere Verwaltungsrecht von der im Grunde genommenen indifferenten Regiernngsbehördc an die Stadtobrigkeit übergehen. Die heutige Hypertrophie des polnische» Nalionalgclühls, das überall Separatismus mul autlpolnlschc Ränke wittert, und die Juden nur noch insofern dulden mag, als sic siel» mit Haut und Haar der polnischen nationalcu Kultur verschreiben und absolut keine anderen Interessen als die national-polnischen kennen wollen,!!ißt es mm mehr als zweifelhaft erscheinen, ob bei einer mangelhaften Vertretung der jüdischen Bcvül* kerung die Stadtohrigkeit nicht der Versuchung un- {erliegen wird, von ihrer Gewalt Gebrauch zu machen mul die kulturellen und Wohlfahrtsbcstrcbungcn der jüdischen Gemeinde, die ihr nicht genehm wären, zu unterdrücken. Schwerlich würden unsere nationalen Erziclmngsaiifgabcn, oder etwaige soziale Hilfs- Deutsche Weihnacht Der ״lag" brachte neulicii in seiner illustrierten Beilage eine Reihe Familicnbildcr, die deutsche Dichter am Weihuaciitsbaum darstellten, darunter auch die Bilder der Juden Georg Engel, Ludwig Fulda und Julius Stettenheim, was unser» satirischen Mitarbeiter zu folgenden Versen bcgeisterte: Am WcihnaclUsfeste, am frohen, Erbauen ihr Gemüt, Drei deutsche Qeistesheroen, Von jüdischem Geblüt. Steht keiner als eine Null da — Ist Jeder ,ne Nummer für sich — Ocorg Engel und Ludwig Fulda Und Stcttcnhclm — sicherlich. — Es schwelgt in Weihnachtswonne Ein jeder, so gut er vermag — Und bringt’s an den Tag nicht die Sonne, Bringt ״Scherl" es in den ״Tag". Im Bilde wird aufgenommen Dies Christentum auf Borg Von Fulda — Ludwig dem Frommen Und Engel — dem lieiigcn Georg. Der sonst kaum hielt in» Zaume Den spitzen jüdischen Reim — Es bereitet dem Weilmaclitsbaumc Heimstätten •*־ Stettenbeimi Sic sitzen beim Glanz der Lichter In sel’ger Verzückung da — Was wissen die• ״deutschen Dichter" Demi auch von Chanukah? Bücher und Zeitschriften Uudoii Leszynsky, Die Lösung des Aiitoulims• riitscls. Berlin 1910. Verlag Meyer u. Müller. Die Lösung des ״Autoninusrälscls" wäre fiir den jüdischen Historiker unstreitig eine kleine Sensation. Vor fast allem, was bisher zu dieser Frage bemerkt worden ist, hat die Arbeit L.'s den großen Vorzug, 1 daß sie auf eine solidere Kenntnis der römischen Ge- I schichte aufgebaut ist. Es ist Ja für die Jüdische I Geschichtswissenschaft und ihren wenig erfreulichen Zustand noch immer bezeichnend, daß sic von Männern mit häufig gründlicher theologischer, aber meist mäßiger historischer Schulung betrieben wird. Die vorliegende Arbeit aber wird beachtenswert nicht nur durch das reichere historische Material, das aktionc» zur Abwehr der antisemitischen Konsumvereine- und Agrurkooperutioneu-Bewegung und dcrgl. mehr von Seiten der Sludtväter Förderung, oder auch nur wohlwollende Neutralität finden. — Unter diesen Umständen darf cs nicht wunder nehmen, daß die geplante Rechtsciiischrünkung der Juden unter der jüdischen Bevölkerung große Aufregung hervorgerufeu hat. Und nicht bloß in Polen. Denn es handelt sicli liier nicht nur um die Interessen der l'׳i Millionen' polnischer Jiideu, die zun» ersten Maie im bü r gc r Iic 11 cn Leben einer rechtlichen Hinsel» r ä n k u 11 g u n - terworfe» werden sollen, die nicht durch die allgemein r u s s i s c ii c Gesetzgebung bedingt ist. Es handelt sich vielmehr um einen wichtigen Präzedenzfall der für die gesamte russische J u dc nhcit, ja sogar das fortschrittliche Rußland überhaupt von größter Bedeutung ist. Mehr als dies. Es ist auch eine Frage unserer nationalen Ehre und Würde. Zum ersten Maie soll nämlich eine einschneidende Entrechtung der jiidisehen Bevölkerung Polens, ein schreiendes Verbrechen gegen die elementarsten Rcciitsformen menschlichen Zusammenlebens, nicht durch die Willkür der unverantwortlichen und auf Recht und Volkswohl pfeiffenden Bureaukratic, sondern durch einen legislativen Akt der Volksvertreter Gesetz werden, und zwar unter tätiger Mitwirkung derjenigen, dio selbst von der brutalen Gewalt ungerechter Machtliabcr zu leiden haben und die in diesem Falle als ganz besonders kompetente und cinwandsfrcie Krön• zeugen gegen die Enterbten uusgcspiclt werden. Und liier kommen wir zum springenden!,unkt der ganzen Angelegenheit. Wie hat sich denn die polnische Gesellschaft ganz speziell, wie haben sich die polnischen Duma- »!)geordneten zur Frage gestellt? Kurz bevor die zuständige Kommission an die Vorberatungen der bezüglichen Vorlage ging, traten die . maßgebenden politischen Parteien Polens, die Nationaldcmokrntcn und die sogen. ״Realisten“ zu speziellen Tagungen zusammen. Beide Part e i c n nahmen eine Resolution an, die sicli mit der geplanten Rcelitsciuschränkung der Juden solid arlsc 11 erklärte. —• Als dann die ״Egctsch", das angescheue Organ der konstitutionellen Demokraten, ihro Stimme gegen das reaktionäre Gebühren der unterdrückten Bedrücker erhöhen hatte, wurde es den Herren in Warschau etwas unbehaglich. Rasch wurde ein dem Ghetto entlaufener Polcnknceht gegen die russische freisinnige!,resse ins Gefecht geschickt. Dr. Nußbaum, ein Exemplar jener famosen Spezies frlscligebnekcncr Nationalpolcn, denen die jämmerliche Furcht vor dem eigenen Schatten die Mimlcry des Sklaven cingibt und dio ihr geheimesinneres Schlottern hinter das geräusehvoll zur Schau getragene patriotische Getue zu verstecken suchen, sali sicli bemüßigt, einen ge* harnischten!,rötest gegen die ״Rjetseli" aus Anlaß der Stellungnahme derselben zu gunsten der Juden zu veröffentlichen und die russischen Publizisten Carscb zurcchtzuwciscn, daß sic sicli In den internen ״Familienstreit" zwischen christlichen und jüdischen Polen cingcmischt hätten. Als Führer in Israel von .ן ן | ■II .. .—... ־ .—. ■■■ I . ..J sie gegenüber den älteren Versuchen zur ״Lösung des Antonimisrätscls“ beibringt, sondern auch durch die klare und sichere Art der Kritik der Quellen, die den geschulten Gelehrten gegenüber dem Dilettanten bezeichnet. Man muß L. unbedingt darin zustiinmen, daß den Aggadoth, die von den Beziehungen zwisehen Antoiiinus und Rabbi berichten, historische Tatsachen zugrunde liegen müssen, und daß man sic nicht kurzerhand alle in den Bereich der Sage verweisen kann; ebenso unzweifelhaft hat aber doch manche der Tatsachen meldenden Berichte späterhin doch auch sagenhafte Zutaten erhalten und sind andere wieder ganz als Legende aimispreehcn. Wio uns scheinen will, hat L. sehr verständnisvoll zwischen Sage und Geschichte in der Ucbcrlicfcrung geschieden, lind seine Identifizierung des ״Antoiiinus“ der Aggadoth mit Autoninus Pius erscheint uns recht plausibel. Ob allerdings bei einer Frage, die der subjektiven Auffassung so weiten Spielraum läßt, wie cs hier der Fall ist, überhaupt eine ״Lösung" möglich ist, die allgemeine Annahme finden kann, muß bezweifelt werden. S. Lulso Algcustädt, Dio großo Sehnsucht. Dre Jüdische Novellen. Verlag Gruiiow. Leipzig 1910. Die Verfasserin bemüht sieh, in drei Genrebilder! ״die große Sehnsucht" des wandernden Juden, dii bange Frage nach dem ״Warum?“ seines Leiden: darzustcllcn. Das Ist ihr in jeder Weise mißlungen Das schlimmste ist, daß die Verfasserin das Mille» nicht kennt, das sic behandeln will, zum mindcstei aber nicht die genaue Kenntnis hat, die gerade fü eine Übermittlung der Stimmung eines Milieus nacl