Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wer die Idee der demokratischen Glciehbcrcchti* «miß mich in die jüdische Oenieindestubc zu trußen wünschte, der wühlte bei den letzten Wahlen zur Re« prü.sentntiz der Berliner jüdischen Üenicindc die Liste, auf der die Zionisten verzeichnet standen, ob er Zionist war oder nicht, ob orthodox, gemüßigt konservativ oder liberal. Denn mit der Wahl dieser Liste war auch die Anssicht verbunden, daß die« jenißcn, die an der Erhaltung des traditionellen Juden« Uhus ein tieferes Interesse hatten, auch zu Worte und zu Rechte kommen würden, und dalt die Ge« fahr der immer stürkeren Abbröckelung von der Tradition für einige Zeit wieder beseitigt war. Man wullte von den Zionisten, daü sic diese Idee der demokratischen Gleichberechtigung vertraten, und dalL sofern nur das Judentum als Ganzes erhalten blieb, der Zionismus allen religiösen Richtungen Spielraum gewahrte, da er seiner Natur nach keine eigentlich religiöse Organisation bildet, sondern In erster Linie politische Zwecke verfolgt. Ilbenso war bekannt, dall auch die anderen Kandidaten dieser l.iste demokratischen Grinnlsützcn, mehr oder min« der ausgeprägt, huldigten. l!s lohnt sich hier nicht der Mühe, wieder zu versichern, dal! den Zionisten die Absicht fern lag, ihre politischen Ideale in der Ocmcindcstubc und durch diese zu verwirklichen; und die Tatsache sei nur nochmals festgestellt, dall die Zionisten, eben einmal wegen ihres intensiven Interesses für alles Jüdische und auf Urund ihrer guten Organisation an die Spitze der Wahlbcwegung ge« treten waren, die auf das Erhalten der ״Jüdischkcit“ in der Gemeinde und auf das Ausmerzen alles dessen, was den! schaden könnte, sich richtete, und die Licht und Schatten gerecht verteilen wollte. Man erlasse uns dieses Mal die dafür schon hun« dertmal gelieferten Beweise. Wer das bisher nicht cingesehen hatte, der wullte es nicht cinschen. ITic grolle jüdische Masse aber, die wesentlich aus Mittelstand und kleinen Leuten bestand, erkannte das. Sie sah in den demokratischen Bestrebungen unter Führung der Zionisten einen geeigneten Weg, ihr vor allem gcmcindcpolitisch schlechtes Los zu verbessern, und schloB sielt deshalb dieser Bewegung gern au. Dall diese doch nicht zum Siege führte, war kein l־'ch!er der Organisation, lag nicht am Mangel an Verständnis oder Begeisterung. Der Wahlkampf bedeutete ja nichts anderes als das Austragen einer Machtfragc für die Radikal-Liberalen; in deren Hän« den aber. d. h. in den vor allen! der Begüterten, war die Macht. Alte diese Machtfaktoren zu nennen, die 7,u die« sein Siege führten, ist nicht möglich. Es wäre auch überflüssig, das alles zu wiederholen, was schon dutzcndmalc in Versammlungen, Flugblättern find Anzeigen besprochen worden ist. Aber ich kann es mir nicht versagen, auf einige krasse Einzelheiten einzugehen. 1. Wahlkrcisgcomctrie: Die grolle Masse der (jcmcindcwahler der AuÜenviertel und Vororte hatte mir wenige, schlecht erreichbare, fast im Zentrum gelegene Wahllokale zur Verfügung. (Norden, Nord« osten. Osten.) 2. Die Wahlzcit liegt für den kleinen, also stark abhängigen Mann so ungünstig wie möglich: a) Wochentags b) von 10—4 Uhr, 3. Die Lässigkeit in der Einziehung der riiekstän« digen Stenerbetriigc vor der Wahl. Dazu sei bemerkt, dall zu dieser Wahl (zirka 13 000!) Zcnsiten weniger als früher waren, ferner, dall jetzt plötzlich n a c 11 der Wahl, die Ein« Ziehung der rückständigen Steuerbetrüge äußerst rigoros gcliandhabt werden soll. 4. Als Ergänzung zu I.: Bei der letzten Volks« zühlung ergab sieb, daü der Wcddingstadttcil um ca. 44nn0 Menschen ziigcnommcn hat, absolut und relativ am stärksten von allen Stadtteilen Berlins. Zweifellos — der Stadtteil beherbergt hauptsächlich Mittelstand und kleine Leute ־— hat auch dort eine gröbere Zunahme jüdischer Gcmcindewühlcr stattgefunden. Das muhte die jüdische Gemcindcvcr* waltung wissen und danach handeln. Genug davon. Diese Blütcnlcse spricht Bände. Die Ausführungen über die Wahl und die Ursachen ihres Ausgangs bieten nicht viel neues; sic waren aber nötig, um zu beweisen, dall dieser für uns an« scheinend ungünstige Wnlilausgung natürlich nur absolut genommen -- nicht einer ungenügend aus« gebauten Organisation zwischen Zionisten und Ortho« doxen — von der Bundesbrüderschaft mit anderen Gruppen ganz zu schweigen — zuzuschreiben war. Dazu sei noch folgendes bemerkt: Wir brauchen bloß an den kürzlich verstor« benen Dr. Hirsch Hildesheimer zu erinnern: Er war kein Zionist, doch hatte er tiefes Interesse für unsere Bestrebungen und stand ihnen sehr nahe. Mit ihm gingen wohl alle Ortliodoxen, erst recht aber der sog. kleine Mann, der wirtschaftlich und politisch schwächere, in dessen Kreisen die Orthodoxie noch einen grollen Besitzstand und festen Boden hat. Er ging (len Zionisten als treuer Waflenbruder zur Seite, z. T. aus wohlwollendem Interesse für die Anschauungen und politischen Ziele des Zionisnius, aber sie schätzten auch den demokratischen Charakter dieser Bewegung, der die Orthodoxie wie der weniger Strenggläubige gleich willkommen war. Dazu kam noch, dall in den Kreisen der vielen hier in Berlin ansässigen ausländischen Juden, die doch noch zum grollen Teil strenggläubig sind, das Gerücht verbreitet war von der Absicht der Radikal-Liberalcn, den Ausländern das Stimmrecht zur jliütsehen üenieindcwahl zu nehmen. Ob diese Absicht bestand oder nicht, sei dahingestellt; jedenfalls wurde ihr nirgend cncrgisclt widersprochen; also konnten die Ausländer daran glauben. In wessen Arme sollteil sio daher flüchten? In die Arme derer, die sie vielleicht völlig rechtlos machen wollen? Es blieb ihnen ja kein anderer Weg; den mußten sic gehen. »I Wir in Berlin haben nichts von einer Antipathie der Orthodoxen gegen den Zionismus bemerkt, ganz gewiß nicht withrend des Wahlkampfes, sie kann auch, nacl! diesen Ausführungen, gar nicht bestehen. Daß eine eigentliche Organisation, durch straffe Disziplin festgefügt, nicht bei der Orthodoxie bestand, ist richtig. Aber die innere Disziplin, die durcli ihre Treue und Liebe z.u den Ucberlieierungcn und durch den zähen Widerstand gegen irgend welche Aendcrungen in der Ausübung ihres Kultus gegeben wurde, war ihr ein mindestens so festes Band untereinumler, fester als manches durch VerdnsparagrapLen und andere äußerliche Vcrpflichtungcii geschlungene Band, und dieses Band wand sich auch zu den gleich oder doch ähnlich gesinnten Zionisten herüber und wurde gern und fest geknüpft. Ich fasse meine Ausführungen zusammen: Die Erfahrungen vieler, die im letzten Wahlkampf gestanden haben, sowie meine eigenen, lassen mich den Wunsch ausspreehen: Mögen die Orthdoxen, ob mit. ob ohne äußerliche straffe Organisation - wenn auch letzteres gern gesehen würde — ihre Pflicht bei den nächsten Wahlen nur so tun, wie sic sie bei den vergangenen getan haben, dann können nicht nur wir Zionisten, sondern alle jüdischen Qemcindcwülilcr, denen die Erhaltung des Judentums um Herzen liegt, der Zukunft der jüdischen Gemeinde Berlins getrost in di־.׳ Augen schauen! Dr. L 0 c w y. Baron David v. Günzburg | Petersburg, 10./24. Dczbr. (Telegramm unseres Petersburger Korrespondenten.) Heute früh verschied nach schwerem Leiden Baron David G ii 1! z b u r g. lieber diesen schweren Schicksalsschlag, der die russische Judcnhcit betroffen hat, und der weit über die Grenzen Rnlilnnds hinaus die tiefste Anteilnahme wecken wird, schreibt uns noch unser Peters- Bürger Korrespondent: Was wir seit drei Monaten mit Furcht und Schrecken voraiisgoschcn, ist nun cingetroffen: Baron David v. Günzburg ist seinem unhcilbaren Krebsleidcn erlegen. Wie ein Lauffeuer hat sich die erschütternde Botschaft hier in Petersburg und in ganz Rußland verbreitet, und die gesamte jiidisclic Bevölkerung in tiefste Trauer versetzt. Unzähliß sind die einladenden Bcilcidskundgchungcn von jüdischen Gemeinden, Gesellschaften, Institii- Mtvncn hervorragenden PcrsöiiVtchkcUen des ln- und Auslandes. Zahlreiche grolle (Jcmciudcn und Körperschaften entsenden Vertreter, zu dem auf den 26. Dezember angesetzten Leichenbegängnis, das sich auf die ausdrückliche Tcstamcntsbcstimmuug des Verbliebenen in schlichtester Weise, ohne jeden Prunk vollziehen wird. Insbesondere wünscl!te der Heimgegangene, daß keine Kränze auf sein Grab golegt würden, da dies nicht den jüdischen Vorschriften und dem celitjiidischcn Geiste entspreche. Infolgedessen sind die Gemeinden und Verbände, die ihre Vertreter hierher entsenden, ersucht worden, keine Kränze auf das Grab niederlcgen zu lassen. Sodann bestimmte der Verstorbene, dall er nicht in der Pamiliengruft zu Paris, sondern hier in Petersburg, wo er sein Leben lang gewirkt hat, beigesetzt werde, und zwar in der dritten Reihe des jüdischen Friedhofs. Diese Bestimmungen sind sehr bezeich- 1 nend für den Charakter und die Denkart des Verblichcncn. Er verkörperte die Tradition und die Wesensart der Familie v. Qfinzburg: echten Geistesadel und schlichte Vornehmheit, selbstlose Hingebung und Anhänglichkeit an das Judentum und unermüdlichcs Wirken zur Linderung jüdischer Not und jiidi•! scher Leiden. Seit dem Tode seines Vaters, des, Barons Horacc v. Günzburg, war Baron David der{ Repräsentant der Familie v. Günzburg, deren Namen( mit der schicksalsschweren Geschichte der russi-; sehen Judcnhcit während des letzten llalbjahrhun«l derts aufs engste verknüpft ist. Schier unermeßlich, war der Wirkungskreis des Barons David. Er war; Präsident der hiesigen jüdischen Gemeinde, der , Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den, luden in Rußland, des hebräischen Verbandes ״Cliobebe S’phatli Eber", der hiesigen I.C.A.•Abteilung;, Begründer und Leiter der hiesigen jüdischen Akadc-, mic, in der er auch als Lektor wirkte, der russisch«, jüdischen Enzyklopädie, sowie zahlreicher anderer { Institutionen. Zudem entwickelte er eine fruchtbare, wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiete der[ Religionsphilosophie und der orientalischen Sprachforschung und befaßte sich andauernd mit dem Stu-j dium des rabbinischen und hebräischen Schrifttums.. Seine letzte, kurz vor dem Tode niedcrgcschricbcnc’ Arbeit ist in hebräischer Sprache verfaßt, die ihm’ besonders teuer war. 1 Die letzten Tage brachten ihm heftige Schmerzen,( und der Toilcskanipf gestaltete sich sehr qualvoll.. Fast die ganze Nacht hindurch weilten an seinem‘. Lager Rabbiner Dr. Eisen Stadt Rechtsanwalt ן Hiosbcrg, der Bildhauer M. A. Günzburg u. a., und um ”'•6 Uhr des morgens am 24. Dezember! trat der Tod ein, der die russische Judcnhcit ihres' Führers beraubte.; V. Verbandslag der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reich (Eigener Bericht.) In dcn'Rütinicn der Frankfurt-Loge in Frankfurt: :1. M. fand am 26. und 27. Dezember der fünfte Verbandstag des Verbandes der jiid. Lehrervereine im Deutschen Reiche statt. Der Verband zählt 19 Einzelvereine mit ca. 1100 Mitgliedern und bezweckt in erster Reihe die Förderung der Interessen der jUdisehen Rcligionsschulc und der jüdischen Religionslehrcr, die in!!Nahmen der allgemeinen Lchrcrvcrcinc keine l’flegc finden können. Zu den Verhandlungen sind 65 Delegierte aus allen Teilen des Deutschen Reiches und zahlreiche Gäste erschienen, die den großen Saal der Frankfurt-Loge bis in die letzte Ecke füllten. * Die Tagung wurde durcli eine Versammlung eingeleitet, die Montag Abend, den 26. Dezember in! Zcichcnsaule des Pbilantropins stattfand und der jnd i s c h e n J u g c n d s c I! r i f t c 11 f r a g c galt. Nach einleitenden Worten des Herrn Rektor G nun an 11- Berlin sprach Herr Lehrer B a c 11 r a c 11 - Altona, der im allgemeinen über Jugcmlschriftcn referierte. Diese müssen, führte er aus, innerlich wahr sein, künstlerische Form besitzen, aber in bezug auf JiiJisclies nicht ..tendenziös‘' sein, dennoch religiös wirken usw. Der Korreferent Lehrcr G u t ־ Frankfurt a. M. geht viel mehr auf die Sache ein. beleuchtet die bisherige jüdische Jugendliteratur, weist aui die großen Schütze hin, die in der jüdischen Literatur noch zu heben sind und wendet sieh gegen jene deutscheu Jugendbücher, die unter der Maske der Judenfrcundschaft Jtidenbekehriing treiben, Er fordert Betonung des jüdischen Gemeinschaftsgefühls und Selbstbewußtseins, Erwecken des Mitieidsgcfiihls iiir die bedrückten Glaubensgenossen usw. Beide Vorträge wurden stark apolaudicrt. In der anschließeiiden Diskussion wird von allen Rednern das Buch des Lehrers G 111 ״F ii r unsere J u g e n d“ als sehr cmpfeheliiswert gepriesen. Eigentliche GegensiUr.c entwickeln sieb 1ז»ו bet der Frage, wie man sich zu deutschen Jugendbüchern zu stellen habe, die antisemitische und christliche Feste vcrlicrrliebende Stellen aufweisen. B a c 11 - Hildesheim und Hei mann-Plauen wenden sich scharf gegen diese Literatur und verlangen, daß man solche Bücher und ihre Einführung bekämpfen müsse. Dr. Spanier- Magdeburg sucht die ״J u d c n b u c 11 e“ von Annette von Dröstu ftiilsncr in Schutz zu nehmen, die auch bei dieser Gelegenheit angegriffen wurde. Von anderer Seite wird wieder inVorschlag gebracht, derartige Bücher cinzufültren, jedoch solle der Lehrer die betreffenden Stellen mit der .,Zeit־־ usw. erklären. Direktor Dr. Adler verlangt die Abschaffung antisemitischer Bücher in höheren Lehranstalten durch Intervention jüdischer Lehrer. * Ueber den ersten Teil der Hauptversammlung wird uns berichtet: Nach einem kleinen Harinoniumspicl eröh'ncte der Vorsitzende Rektor P e i n e r - Hamburg kurz nach 10 Uhr die Sitzung mit einem Willkommcngruß an die erschienenen Delegierten und Gäste.