Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile "enteil. Schon »lein die Hebung lies i 11 d i selten ^clbstbewu [ilscins, die durch Uns bewußt- .sein eigener Kraft im einzelnen und damit auch in der Gesnintlieit erwacht oder erstarkt, müßte sclioi, genügen, um die jüdische 'i‘urnhe\vc«11un zu einer nationale» y.u stempeln. Hinzu lonnnu vor ׳allein der bewulite Willen der Vereine zum Natio 11 a 1 j u d e n t u 111. So erzieht der enge Verkehr mit natioiiaihew iillten Tumbliilleni. das gemeinsame A.*- heile» für das ideale Ziel der kürncrlichen Gesundung unseres Volkes, Vortrage, Diskussionen, die Lektüre der Tiirnzeituug mul last not least unsere jüdischen l.icder im Laufe der Zeit jedes neuein• tietende Mitglied zu einem guten Nationaljuden, dei dann ain1!׳ für zionistische Ideen leicht empfänglich ist. Im Orient kommt hierzu noch der Oe braue 11 d er 11 c b r ä i s c h e n 8p rach e a 11 f d e m T11 r 11 b 0 d e 11. So erhalten die Mitglieder des ..Mukkabi‘. K 11 ״ s t a n t i » o p e 1, vor jede! Tiirnstiiudc obligatorischen hebräischen Sprcchunicrrieht, so Juli das dort geleistete Liziehiiugswer.s uuservii w eiigehemlMe» Ansprüchen gerecht wird. Dieses nationale Hizielnmg.swcrk wird noe’t vervollständigt durch die verhältnismäßig leichte Propaganda, die man für die Turnbew egniiK m.ichcn kann. Ls ist klar, dalt man einen einiget inaficn selbstbewußten .Inden für die Idee der kör. perlicheu Hebung der .luden sehr leicht intciessicici kann, Daun selten viele, die sonst in jüdische, Fragen vollständig indifferent sind, vom rein persöu•• liehen Standpunkte die Notwendigkeit des Tunteiis lin. Wer tur Turnen nichts übrig hat, dem hat es vielleicht der Sport angetan. der in den jiuhselten Turnvereinen ebenfalls reue Pflcue gefunden 11:11, Ist jemand erst Mitglied und fleißiger Turner, so dauert es uielit lange, bis die Umgebung so auf ihn einuewirkt hat, dalt er fiiv unsere Ideen empfang• Iseli ist. Der Vorteil dieser Propaganda ist. dalt sie den Widerspruchsgeist erst gar nicht weckt, sondern nur die allmähliche Umwicklung zum Nationaljuden• tum auf du■ günstigste Weise fördert. ן Die jüdische T 11 r 11 h e w ckiiiii! ist ] also nicht nur das g e c i g n c t s t e Mittel, 11 in in «!glichst viele Jude n w i e die r z 11 k 1־ a 11 v o 11 e n , a 11 {r e e 11 t c 11 M e 11 s c 11 e n z » machen. sondern zugleich auch 1 i! 11II e r s t geeignet, die her a 11 w a c h s e n d e Ocneraiiou zu national gesinnten, selbstbewußten Juden zu erziehen. Diese Ziele kann die Tiiriibcwegung aber iiur ei reichen, w enn sie der Unterstützung aller, die;.11 ihrem (klingen irgend ein Interesse hüben, sicher ist, Wenn es die Pflicht eines jeden Juden ist, für seinen Teil au der körperlichen Wiedergeburt seines Volkes tätig mitzuai beiten. s״ ist es für jeden Zionist er. doppelte Ptiicli, eine Bewegung. die so sehr im Sinne des Zionismus liegt, und die Gewaltiges für das jüdische Volk leisten kann, mit ganzen Krähen za tmtcrsinizen. Um so betrübender ist die Tatsache datl die Zionisten in ihrer weitaus «rüttle» Mehrheit bisher der Bewegung voll- .ständig fern standen und sich mit wohlwollender Sympathie mul theoretischen Lrürleningca über unsere Bestrebungen begnügten. Das genügt jedoch nicht, um eine Bewegung. die heute leider noch nicht die erhöhte (irölte erreicht hat, ja, die wie in Herb״ stagniert und sogar schon ztiriiekge gangen ist, zu dem zu mache», was sie werden sollte•. .) ÜDISCII FR U N D SC HAU_״_ die Liziclnuigsstülle der mifwachsendeii jüdischen Jugcml. Die liiülsclie Turiibewcgung liedar! der latkriiittgstcn Unterstützung der zloulstlsclicii Jugend, Wenn sie nicht de» schwersten Krisen, hervorgerufeii durch den Manuel an wirklich ernst arbeitende» Kräften, ciitgegcngelien soll. Sie (ordert diese Unter- Stützung um so mehr, als das, was sie bis jetzt (lutes mul Grolles «eschaffe» hat, mit geringen Mitteln und wenigen Kräften zu den Krollten ||0ff11u1u:e11 für die Zukunft berechtigt, mul weil sie keine der a » d c r c n z i 0 n i s t i s c 11 e n Aufgaben i 1׳ i r g e n d e i 11 e r W e i s e b c e i n t r ä e h t i g t. l׳ur die P a I ii s t i 11 a a r 1> e i t wird fast nur finanzielle UntcrstützmiK vertun«(, die die zionistische Jugend doch nur in einem gewissen Grade gewähren kann. Was die Propaganda anbetrifft. so bietet sich ja gerade in und durch den Turnverein die j allci günstigste Gelegenheit dazu. Wenn die Turnbewegnng irgendwie andere nationale Lrziehungs• fragen, wie das l'.rlernen der hebräischen Sprache beeinträchtigen sollte, so macht sie dies 1 durch ihre l'.rzicliuiig zum Ucbraiieh der hebräische•! Sprache reichlich wieder gut. Ls ist also I,!licht eines jeden Zionisten, die jüdische Turnbewegung 1» jeder Weise zu fördern. Jeder Zionist, der nicht n du Lage ist, für den Zionismus in großzügiger Weise zu arbeiten, der sich jedoch gern gut jüdisch he• tätigen will, wird, welchem Stande, Alter und (K• schlecht er auch angeboren mag, ein dankbares Lei•! für seine Arbeit finden mul so segensreich für sein Volk wirken können, indem er mitsclialft an dem grölten Werke der körperlichen Wiodergesunduu.׳. und nationalen L.rzlelmng unseres Volkes. N a 111 a n K a 111 i 11 s k i. Die Tragödie der jüdischen Jugend (Von unserem Petersburger K״rr e s p 011 d e n t e n.) Neben den Wohnrechtsbesehränkungcn ist die Mild 1111 g s| frag e die' folgenschwerste und drückendste Frage des furchtbaren Jiuleiiproblems in Rullland. Wenn man immer wieder von den Bestimmungen auf Lmiülii 1111g der ״Pro/.entimrm" für Juden in den! Mittel• mul Hochschulen, den privaten und Staatliehen, liest so kann man sieh hier im Westen gewöhnlich mir schwer einen liclitigen Degriii davon machen, welche erschütternde Tragödie sich hinter jenen rigorosen Maßnahmen verbirgt. Die Absolvierung eines Gymnasiums ist f 11 r einen Juden m K’ulli.uid mit den ipiälciulsten Schwierigkeiten verblinden, die gleich bei der Aufnahme einselzcn. Seihst in Oilen mit jüdischer Bevölkcrtmgsmehrlieij werden .luden mir in sehr beschränkter Zahl, höchstens lös In Prozent, /״gelassen. Und es passiert nicht selten, dal» Juden christliche Kinder unterrichten lassen und f 11 r deren Aufnahme in einer Schule sorgen müssen, um dadurch den pro/eiiuinlcn Platz fnr ihre eigenen Kinder y.u erlangen.! Die Aufnahmeprüfungen werden gewöhnlich den j jüdischen Kindern von den Lehrern besonders schwer ן gemacht; häufig werden au sie dabei Fragen ge- liebte!, die gar nicht zu den eigentlichen Prüflings. No. 47 fächern geboren bloll um sie dtirelifallen zu lassen. Daß die jüdischen Schüler während der ganzen Schulhestieliszeil an ihr Judentum in m--ht miß. /״verstehender Weise von Lehrern mul Mitschülern häufig erinnert werden versteht sich von seihst. Die Sehlußprüiniigcn bringen dann erneut die tacksichtslosesten Sehikanicningen. Wenn nun ein junger Jude diesen langen und dornenvollen Leidensweg zuriiekgelegt hat und endlich in den Besitz eines Reifezeugnisses gelangt ist - da findet er nun die Pforten der Universitäten und amleren Hochschulen vor ihm verschlossen! Seine ganze ipialvolle Midie scheint nun gänzlich vergeblich gewesen zu sein. Was Wunder, daß diese bittere Luttäiisehimg auf den bihl״ngsdurstige1׳ Jüngling wie ein schwerer Schlag wirkt mul ihn mitunter auch demoralisiert! Heim Beginn eines jeden Semesters verlassen Hunderte junge Juden das Judentum, bloß um das Ziel ihres langen Bildimgssircbcns erreichen zu können. Und da die russischen (icisthchcn von »lei Regierung und Synode angew iesen sind, diese .,B 1 i - d 1111 g s t a 11 f e 11" nicht ohne weiteres vorzmiehmc:!. so wenden sich manche Juden an armenische, grusinische und sonstige niehtrussisclie <köstliche. Vor kurzem fragte eine Gruppe solcher Juden die Redaktion der Zeitung ״Odesskic Novnsti" an. <1. ihr Ucberiritt zum 111 u 11;1 m in al a 11 i sc he 11 (i lau heu ״erfolgversprechend" wäre. Worauf ihr■ Blatt erwiderte׳: ,.lin könnt wohl zum iiiohnmiiicdan. sehen Glauben uhcrtreten Rechte werdet Ihr abe: dadurch nicht bekommen!‘‘ Oh die Fragesteller die m dieser Aniw<»; liegende Innere Satire enmimnlcii Italien? Gewiß, diese Handlungsweise der jungen Jude kann nicht scharf genug verurteil werden, und zwar vom jüdischen wie vom allgeme.:•• ethischen Standpunkte ans. Mit der Brandmark»:... allein ist es aber nicht getan. Die• B:idu1!g\irage »•>: fur die russischen Juden zugleich auch eu F. \ i s t e 11 z i r a g e , da außer dein Handwerk n:; der ״ersteren Gilde•‘‘ mir ein llochsciuii/ciignis ,!•.,. Juden den Aufenthalt in Rußland außerhalb des ule:- bevölkerten Ansiedlungsrayoiis eimogliclit. I'< w enigsten russischen Juden sind aber ökonomisch der Lage, im Auslände zu studieren. Und da ihm■. Jude» die russischen Hochschule» verschloss, , sind, so greifen sie manchmal zu Ver/.w eiilungs. mitteln. Ls ist eine Tragödie, der d e W e s t j 11 d c n in viel g r ö 1; c r e m M .11••. als bisher ihre Aufmerksamkeit /» u e n d e 11 m ii ß t e n. Ls hätte vielmehr, als es bisher der Fall :m, dafür gesorgt werden sollen, daß de״ hildungs• strebenden jungen Juden ans Rußland das Stinliu׳: im Auslände ermöglicht werde. Die jüdischen ל’.:•- deiitemuikTstützimgsfoiids sind hier zumeist nur 1H Inländer bestimmt. Weshalb denn nicht auch im die in ihrer Heimat wie Parias behandelte» Juden? Neuerdings ist in der Schweiz eine Veremigm.g gebildet worden, die in dieser Richtung w irken w :1 . Sulche Gründungen mußten auch in anderen Lande!; . insbesondere in Deutschland, ins Leben geruo; werden. Ein Lotteriegewinn ohne Lotterielos Humoreske von M. Pulver m an n. (Fortsetzung.) Um sieh von eien Strapazen der Schulzeit ein wenig zu erholen, bummelte Schimine einige j Jahre müßig herum, tim dann als Lehrling ins \iitcrliehe Geschah eiuzulreleu. Aber auch da war die sorgende Mtillerliand sichtlich erkennbar, durch einen feinen Mahagoni-Schreibtisch, der mit allerlei niedlichen Kontor-Ulensilien helagert war und durch einen weich gepolsterten Lehnsessel, auf welchem er, wie die Mutter allerliebst und geschäftsmäßig gesessen. Alfl erste Arbeit brachte ihm der Vater einige tiriefmusehläge, die er mit Adressen beschreiben sollte. L»ic Mutter ,die bei ihm geblieben war, wollte zornig auffahren, daß das Kind gleich am ersten Tage so angestrengt arbeiten sollte; allein in Gegenwart der anderen Angestellten unterließ sie es doch, dem Vater eine Scene zu machen. Nach einer Stunde hatte der Junge etwa ein Dutzend Umschläge mit seiner Gold-Füllfeder beschrieben und zum Ueberfluß mit leinen! silbernen Petschaft abgestempelt, die aber der Vater kopfschüttelnd bctr.iclilcte, verächtlich zusammenknitllte mul schweigend in den Papierkorb warf. Länger konnte die Mutter ihre F.mpörung nicht unterdrücken; zärtlich drückte sie ihren fleißigen Sohn an ihre Brust und verließ mit ihm das abscheuliehe Geschäftslokal. Die vielen Kränklichen, die während der Jahre des Müßiggangs wie weggeblasen waren, Seit damals wurde er ein gewaltiger Spieler vordem Herrn und opferte dem Spielteufel auch noch das letzte seiner 1 Iahe. Aber seit damals kam auch ein neuer Küchenmeister ins Stilbeiten, namens Schmalhans, der sogar auch das Knochenwasser vom Speisezettel absetzte. I ran 1 linde h.!!achtete die Latilheit und Verschwendung ihres Mannes schweigend ttud wortlos. Sit׳ ei l mg geduldig alle seine Launen und sein mürrisches \Vesen, sie arbeileie ganze Tage und halbe Nächte, sie plagte sich von früh bis spät, sie ging in fremde Häuser waschen und flicken, um ihren Mann wenigstens vor dein Verhungern ztt schützen. Denn sie liebte nicht nur ihren Mann schwärmerisch, abgöttisch, sondein das Gefühl der Verehrung von ehemals hatte sieh bei ihr derartig festgesetzt, daß sie ihn noch Wochen nach der Hochzeit mit ״Herr“ und ״Sie“ an sprach. Und je größer seine Armut, desto größer wurde seine Gier nach Reichtum, seine Leidenscliafl für das unsinnige I otieriespiel, dem 1!׳ stellten sich jetzt mit doppelter Kraft wieder eie Ls war die stickige, dumpfe Kontorluft und d! häßliche Tintengeruch, der die Mutter für Ja l eben des Kindes so ängstlich machte. Pi Arbeit wurde daher in der Wohnstube verrichtet, wo sie etwas flotter vonstatten ging; nur mußt׳•־ sich der Vater wundern, daß die Handschuh seines Sohnes plötzlich eine solche auffallende Achnlichkcit mit der seiner I rati bekommen. Als Sehimme vierund/.wanzig Jahre alt ge־ worden mul noch unverheiratet geblieben war, starben seine Litern kurz, nacheinander, und er blieb der alleinige Inhaber eines alteingefiihrteu, gutgehenden Geschäftes und der Besitzer eines nicht unbeträchtlichen Vermögens. Jetzt aber kam auch seine ganze katifmän• msclic lüehtigkcit zum Vorschein und das Re• stihat seiner vortrefflichen Lrz.iehung machte sieit nach allen Richtungen bemerkbar, leden Ta;; war er schon um drei Uhr früh wach — wenn er aus dem Wirtshause heimging; kaum daß er am späten Nachmittag ausgeschlafen, begab er sich sofort ins Geschäft, um — sich frisches Taschengeld zu holen; mit der Kundschaft, die die Waren auf Kredit nahm, stand er sich vor* trefflich, und um sic nicht zu beschämen — ließ er sich gar nicht im Geschäfte blicken; die jeden Groschen in den Rachen warf, den seine