Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 46 J .U EDI S C H E R u N D s C H A y Seite 5V) « AUS ALLSR wen :: Deutschland Auf Wunsch des Präsidiums der Deutschen Konferenz-Ocineiiischaft der Alliance Isradlito Universelle ist die Beratung des von der Sicbenerkonnnission angenommenen Statutcnenlwurfs von der Tagesordnung der am lti. November in Paris stattfindenden Zentral- Komitee-Sitzung abgesetzt und auf einige Woche•! vertagt worden. + In der ״Allgemeine״ Zeitung des Judentums" (Nr. 45) findet sich im Briefkasten der Redaktion folgende heitere Mitteilung: ..In der vorigen Nummer habe ich von einer neuen StmlenteiizcUimg berichtet. Da ich in der Lösung studentischer Hiroglyphen nicht bewandert bin. so verstand ich die Abkürzung des Titels nicht und meinte nach dem sehr unklar geschriebenen Artikel. dall cs ein antisemitisches Blatt sei — denn zu der Lektüre der anderen Aufsätze der Nummer habe ich keine Zeit — aus der mir unterdes zugekommenen zweiten Nummer ersehe ich, dall cs sich um ein Organ der jüdischen Korporationen handelt. Ich kann nicht sagen, da!! ich für diese Sonderbcstrebungen in der Studentenschaft schwärme; trotzdem werde ich auf das Organ eingehen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet; das Urteil, das in der vorliegenden Nummer über Schnitzlers Roman ״Der Weg ins Freie" gefällt wird, teile ich nicht." -• Die Verwirrtheit und Ahnungslosigkeit des Herrn Geheim rat in jüdischen Dingen kann uns schon lange nicht mehr verblüffen. F.s ist aber höchst spallhaft, mit anzuschen. wie Herr Geiger über seine eigenen Gesinnungsgenossen hcrfiillt; ist doch auch der K.-C., um den es sich hier handelt, mehr oder weniger antizionistisch und mit Herrn Geiger einig im Kampfe fiir die Verdeutschung des Judentums. Eine Organisntion wie der K.-C. sollte Herrn Geiger bekannt sein, auch wenn er nicht jüdischer Univcrsitüts- Professor wäre. Wir haben hier einen neuen Beweis für die Art und Weise des Herrn Geiger, sich über Dinge ein Urteil anzmuallcn, von denen er keine Ahnung hat. Russland Der Petersburger Stadthauptmann publizierte dieser Tage eine Verfügung des städtischen Handwerkeramtes. wonach 64 jüdische Handwerker wegen angeblicher Vernachlässigung ihres Berufes aus den Handwerkcrllsten zu streichen seien. Demzufolge ordnete der Stadthauptmann die sofortige Ausweisung der betreffenden Personen an. — Die Kicwcr Polizei ist zurzeit eifrig an der Arbeit, sämtliche Handelsfirmen, an denen Juden beteiligt sind, daraufhin zu untersuchen, ob nicht solche Juden, die das Wohnrecht in der Stadt als Handwerker, oder aus einem andern ähnlichen Grunde gcnicilcn, sich mit dem ■ Handel befassen. Als Ergebnis dieser Untersuchung sollen nicht weniger als sechzig Prozesse angestrengt werden. ׳4 Bekanntlich ist die Unschuld Üluskcrs, der unter der Anklage des Mordes zum Tode verurteilt wurde, durch das nachträgliche Oerichtsver* fahren gegen die wahren Mörder, das mit der Veruiteihmg derselben endete, hinlänglich erhärtet worden. Nichtsdestoweniger hat dieser Tage das oberste Kriegsgericht, bei dem die Witwe des unschuldig Hingerichteten die Revision des Prozesses nachgesuelit hatte, das Revisionsgesuch absch lüg lg be schic den. — Russische Justiz gegen Juden!! . * i Unser Warschauer Korrespondent schreibt uns: ״Progressiver Antisemitismus" -- ist cs nicht ein innerer Widerspruch? Den Juden gegenüber ist aber keine Unmöglichkeit ausgeschlossen. Es war zwar auch bisher kein Geheimnis, dall selbst unter den ״fortschrittlichen" Polen keine Übermälligc Judenfreundlichkeit herrscht. Sic hielten es jedoch für klüger und in ihrem eigenen Interesse zweckentsprechender, von ihrer Abneigung gegen die Juden nicht allzu offen Zeugnis abzuiegen. Befinden sich doch die Polen in Ruflland Int Kumpfe gegen die russische Regierung und ihre ״nationalisier renden" Bestrebungen. Welchen Zweck sollte cs für sic haben, auch noch die zahlreiche jüdische Bevölkerung in Russich-Polon zu provozieren? Nun aber scheinen die polnischen ״Liberalen" die Zeit für gekommen zu erachten, die Maske abzuiegen und offen gegen die Juden vorzutreten. Vielleicht, unt dadurch die Sympathien der Regierung zu gewinnen und dem gegenwärtigen, nationallstisch-chauvinistisehen Kurse Rechnung zu tragen. Vielleicht auch, um endlich ihrem ״gepreßten Herzen Luft zu machen" — Die Verkündigung des ״progressiven Antiscmltismus" erfolgte hier vor kurzem in einer politischen Konferenz von Führern der polnischen ״Demokraten" und ״Realisten". Zur Beratung stand das von der Regierung in der Duma cingcbrachtc Gcsctzcsprojckt wegen Binfllhrung der Selbstverwaltung in Polen. Diese enthält harte Bestimmungen und schwere Be- Schränkungen bezüglich des Wahlrechtes der Juden für die Sclbstverwaltungskürpcrschaften und ordnet aullcrdcm die Einteilung von nationalen Wahlkurien un. Die erwähnte Konferenz faßte nun eine Rcsolution, in welcher die ausdrückliche Zu- Stimmung der polnischen Demokraten zu den Beschränkungen des Wahlrechts für die Juden ausgesprochen wird. Die Konferenz ging aber noch weiter als der Regierungsentwurf und erklärte sich auch gegen die nation a 1 c n Kurien, die den Juden wenigstens eine gewisse, wenn auch verhältnismäßig sehr geringe Anzahl von Vertretern in den Sclbstvcrwaltungs- Körperschaften sichern würde. Die polnischen ״Liberalen" haben cs damit fertig gebracht, sogar die russische Regierung an Antiscmitismus zu übe r treffen! Und w,lc stehen jetzt die ״Polen mos uisc 11 er Konfession" da mit ihrem sieghaften Liberalismus?! Ungarn Den Bemühungen des Klubs zionistischer Akademiker ״Mnkkabüa" ist cs gelungen, die maßgebenden Kreise der Pcstcr Jndenschaft für die! Errichümg einer jüdischen Mensa ncndemlca zu gewinnen. Das Zustandekommen dieser für die unbemittelte und miiulcrbcmiUcItc jüdische Studentenschaft so wichtigen Institution erscheint durch die große Zahl der Bcirittscrklürungcn gesichert. ♦ Die letzte Nummer des Budapcstcr Freimaurerblattcs ״A Viläg" enthält einige seltr interessante Enthiilhingcn über die Existenz eines über das ganze!.and verzweigten k I e r i k a I - :1111 i s e m i 11 s e 11 e n Gelt c im b 1111 d cs und veröffentlicht einige Paragraphen aus den Statuten dieser geheimen Verein!- gütig, die sich in Anlehnung an die Urgeschichte der Ungarn ״Hunitisch-Magyarischcr Blutsvertrag" nennt. Die Mitglieder des Verbandes, dem nur ״christliche Ungarn kristnllrcinen Charakters" angeboren dürfen, verpflichten sich, bei Bewerbung um eine Stelle oder bei Aushebung eines Avancements usw. einander unter allen Umstünden zu unterstützen und als Vorgesetzte die Bundesbrüder unbedingt, ״auch wenn dies allgemeine Entrüstung hervorrufen sollte", andern Bewerbern vorzuziclicn. Daß dieses eigentümliche Schutz- und Trutzbilmlnis in erster Linie gegen die jüdischen Beamten gerichtet ist, denen jede Möglichkeit des Vorwärtskommens unmöglich gemacht werden soll, geht aus der ganzen Tendenz des Burtdes, wie sic in den Satzungen zum Ausdruck gelangt, deutlich hervor. Galizien Der amtlichen Zeitung ״Uazcta Lwowska" zufolge sind 4817 galizischc Gemeinden mit zusammen 9687 Schankkonzessionen bedacht worden, wovon blos 6157 solchen Leuten zuficlcn, die früher dieses Gewerbe ausübten. 1445 Gemeinden haben überhaupt keine Schankkonzessionen erhalten. Dall auch ein sehr großer Teil der erteilten Konzessionen Nicht-Juden zugcfallcn ist, muß nicht erst gesagt werden. — Der Gemcindcrut der Stadt Nadworna hat in seiner am 22. Oktober abgehaltcncn Sitzung einstimmig beschlossen, eine der schönsten Straßen der Stadt ״D r. Theodor 'Hcrzl-Straßc" zu nennen. England Unser Gesinnungsgenosse, Mitglied des A. C., Herr Jaeo 11 Moser In Bradford (England) ist am 9. November in sein Amt als Lord Mayor von Bradford cingcführt worden. Er ist der erste Zionist, der diese Würde in England bekleidet. Herr Moser, der fm Jahre 1839 zu Kuppeln in Preußen geboren wurde, ist seit 1863 in Bradford ansässig. Er hat an der Verwaltung aller wichtigen Institutionen dieser Stadt, hauptsächlich jedoch an der königlichen Krankenanstalt, regen Anteil genommen und bekleidete auch das Amt eines Friedensrichtcrs. Herr Moser, der schon seit mehreren Jahren dem Stadrat zuerst als ״Counclllor" und dann als ״Aldcrman" angchört hat, wird nun als Lord Mayor während der nächsten 12 Monate als Vor* sitzender des Stadtrates fungieren. Türkei Die Entführungen junger Jüdinnen ln der Absicht, sie zum Islam zu bekehren, mehren sich. Kürzlieh wurde wieder, .und zwar ln S c r r c s, ein junges Mädchen! namens Sarah Levi aus seiner Wohnung geraubt, um zu dem muhammedaiüschen Glauben bckehrt zu werden. Ein gleicher Fall wird aus einem Dorfe bei Smyrna berichtet. * Ucbcr den jüngsten Besuch des Sultans in Adriunopcl berichtete die Schulleiterin der dortigen Allianccschule. Fräulein Aigranti, dein Zentral- Komitee wie folgt: Adrianopcl, 2. November 1910. Wir haben die Ehre gehabt, den Besuch Seiner Kaiserlichen Majestät des Sultans in Adrianopel, der an historischen Erinnerungen so reichen zweiten Hauptstadt des Reiches, zu empfangen. Zur Begrüßung des Sultans vor dem Sclanlik sind alle Schulen in den! großen Hof des Sultans Selm aufgcstcllt worden. Die kleinen Mädchen in weißen Kleidern mit roten Schärpen, die Knaben in ihrer Oymnasiastcnuniform haben sich durch ihre bcschcidenc Haltung ausgezeichnet. Vor dem von Seiner Majestät bewohnten Palast sangen die Schülerinnen in türkischer Sprache einen Chor, der den lebhaftesten Beifall fand. Außerdem überreichten sie dem Sultan im Namen der Allianceschulen ein kunstvoll gesticktes Bild, das in einem Blumenkranz die Moschee des Sultans Selin darstcllt. Die gute Idee dieses Geschenkes hat außerordentlich gefallen. Sichtlich gerührt aber war der Sultan von der folgenden in türkischer Sprache gehaltenen Ansprache: ״Majestät! In unser aller Namen bitten wir, Mädchen und Knaben, Euere Majestät, unsere bescheidene Gabe als Beweis unseres Fleißes und unserer Fortscliriilc frctmdlichst aniicluncn zu wollen. Wir haben ihr unseren Beilrag für die Flotte unseres lieben Vaterlandcs beigefiigt. Es ist nur wenig, aber wir bitten, dabei nur unsere gute Absicht erkennen zu wollen. Wir versprechen Euerer Majestät, gute Hausfraucn und brave Soldaten zu werden und mit ganzer Seele für das Gedeihen unserer teuren Türkei tätig zu sein. Mit diesem kindlichen Schwur bitten wir Euere Majestät, die Huldigung vcrchrungsvollstcr Liebe und herzinnigster Wünsche entgcgcnzunchmeu von Ihren israelitischen Kindern Adrianopels." Seine Majestät hat uns mit seinem Dank ein Geschenk von K) türkischen Pfund für unsere gcschickten Arbeiterinnen und 50 türkischen Pfund für unsere Knaben- und Mädchenschulen mit der Bitte übermitteln lassen, das von uns versprochene Ideal atifrcchtzucrhaltcn und vornehme aufrechte Menschen hcranzubildcn. Die beschenkten Schülerinnen haben sofort di! Summe von 10 türkischen Pfund zur Anfungseinrich tung eines Physiklaboratoriums bestimmt, um da: Andenken unseres Adrianopclcr Besuchs unseres er habenen Monarchen für immer fcstzuhaltcn. Der Thronfolger hat unseren Schulen 20 türkisch( Pfund geschenkt. Ferner berichtet Fräulein ligranti. daß der Ab geordnete von Adrianopel, Riza Tcwfik Bey, unsere Schulen besucht und sich mit den Knaben und Mädeher! kameradschaftlich unterhalten hat. Er hatscinci Freude über ihre Fortschritte Ausdruck gegeben ״Ihr steht an der Spitze von allen Schulen Adrianopcls," sagte er zu den Kindern. ״Ihr habt unserem erhabenen Herrscher, seinem Gefolge und mir, der ich mich voller Stolz zu den Allianccschiilern von Adrianopel rechne, den besten Eindruck gemacht: ich bin stolz auf Euch. Verliert Eueren ersten Platz nicht, sondern haltet ihn fest, indem Ihr immer weitere Fortschritte macht. Die Zukunft gehört Euch, und wenn Ihr einst vom Glück begünstigt seid, vergeßt die bescheidene Schule nicht, in der Ihr Euere jungen Jahre verlebt hat. Besucht sic oft und arbeitet für sic. Dankbarkeit und treues Gedenken bringen alle schönen Dinge /.um Gedeihen." Riza Tcwfik Bey hat mir versprochen, morgen wieder unsere Mädchenschulen zu besuchen und sich persönlich von den Fortschritten unserer Schülerinnen zu überzeugen. Er hat ihnen schöne Karten gcschenkt und wird ihnen gute Bücher verschaffen, sobald sic eine Bibliothek haben werden. PALACSTINA-RUNDSCHA In PcthachTikwah herrschte längere Zeit I durch ein erbitterter P a r t c i U a in p f z w i s c h der Jugend der Kolonie und d älteren Generation, insbesondere zwiscl den jüdischen Arbeitern und den selbständigen Kc nisten. Es handelte sich um die Frage def Zusamm Setzung des Gemeinderats (Waad), in dem die Jugi eine stärkere Vertretung anstrebte, sowie um v schieden© Verwaltungsangclcgcnhcltcn. Vor kurz kam nun eine vollständige E i n Tg u n g bcztigl sämtlicher Streitfragen zustande, sodaß von nun auf einen dauernden Frieden in der Kolonie rechnen ist. Der Friedensschluß wurde am jüngst 1