Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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י• Jahr- »ntisc. ״> Jas Kabcn chrittzum tobcr- »logen it Bctrüber Icüen- ■* sich Augeis ist Ausn der sehen liier Geist mand ir im liescr von rden. Jiclic ihrer Ich es einer inige trten ihre kam tritttun; tten der lerz dem Anbcortterlen, 0111־ geand ־erdic eriißt Sen ach ordes cm >rt ICH!ist es tn- 1er :ei!!en er 8 No. 45. wollen, daII sic sich lossugen von den Fesseln ihrer Partei und ein Ausnaliincrccht filr sich in Anspruch neliuien, das ihnen nach meinem Dafürhalten allerdings mit Unrecht von der Partei zugestanden wird. Hier ist Bedenkliches und Frfrculiches durchcinandcrgcmiseht. Bedenklich ist das Ausnahme-recht selber. Einige prominente jüdische Bürger, die das Verhalten der l eiden Stadtverordneten mit ihren liberalen Anschnu-;׳m:u1 gleichfalls nicht im Hinklang zu bringen ver- ׳*"*gen, imden die Hrklürung und Rechtfertigung in ״er Notwclirlagc der Juden, die dem objektiven U11-!echt das Mahl der Rechtswidrigkcit nehme. Diese Hrklürung ist ebenso ungenügend wie gefährlich. Sind es nicht gerade Antisemiten, die aus einer angeblichen Notwclirlagc heraus sich das Recht anuialJen, (Jewalttiitigkciton gegen die Juden zu begehen? Ist cs wirklich nötig, diese antisemitische Apologetik uns >.n eigen zu machen? In der Ordnung ist cs, wenn sieh gegenüber den mörderischen Gewalttätigkeiten der russischen Banden der schwarzen Hundert die jüdische Jugend zur Selbstwcltr organisiert. Aber einer uns feindlichen Partei, die auf gesctzmülligern Wege gegen uns gerichtete Maßregeln durchzusetzeu sucht, können und dürfen wir nur auf dem; Wege und mit den Mitteln des Rechtes begegnen. Ihr gegenüber haben alle Maximen, die eine Weltanscltauung aufstellt, volle Geltung. Haben die beiden Stadtverordneten in dieser Hinsicht auch gefehlt, so ist ihrem Auftreten gleichwohl eine recht erfreuliche Seite abzugewinnen. Sie haben lediglich als Juden ihre vermeintliche Pflicht tun wollen, sie haben sich aus ihrem jüdischen Bewußt• sein heraus über die Enge der Partcischranken hin• weggesetzt und haben dadurch offensichtlich zu erkennen gegeben, dall das Programm der Partei, in der sie in hervorragender Stellung tätig sind, zur F.ntfaltuiig ihrer ganzen Persönlichkeit, ihrer jüdischen Persönlichkeit nicht genügt. Und darin liegt die Bcdeiitung des Vorgangs. Der Idceiikreis einer Partei!null die Gcsauitpcrsöulichkcit des Individuums er• greifen. Diese Aufgabe erfüllt dem jüdischen Individuum gegenüber keine der deutschen Parteien. Des• halb mögen die Beziehungen der Juden zu den ver• schicdcncn Parteien je nach ihrer Anschauung recht nahe sein; aber ein Aufgelien in den an sich sympatliisehen Ücdaiikcngängcn ist umnöglich. Es bleibt immer ein Judenrest übrig. Dieses übrig bleibende .111d>.r1 tum haben die deutschen Juden lange Zeit in sich vernachlässigt und damit auf ein Wescnsclemcnt Verzicht geleistet, ohne das ihre Persönlichkeit nicht vollwertig genannt werden kann. In unserm Nachbar• Staat Oesterreich haben die Juden seit einigen Jahren in einem national-jüdischen Parteiverband sich zu organisieren begonnen und glauben in ihrem Partei* Programm den einzigen Weg gefunden zu haben, auf dem es möglich ist. zu einem gesunden und geachteten Verhältnis zu den übrigen Völkergruppen des Kaiser• rciehs zu gelangen. Bei uns liegen die Dinge anders. Wir sind zu schwach, um dem Beispiel der üstcr* reichischcn Juden folgen zu können. Hei uns gibt cs auch keine Nationalitätenfrage Im österreichischen Sinne, die hauptsächlich die österreichischen Juden zur Bildung einer nationalen Organisation gezwungen hat. Daß aber auch wir deutsche Juden unsere In* dividualität mit nationaljildischcm Inhalt erfüllen J müssen, dazu wird uns unser Selbsterhaltungstrieb JUEDISCHE RUNDSCHAL zwingen, dazu wird uns nicht zum wenigsten das Bc- dlirfuis zwingen, In den Augen unserer andersnationalen Mitbürger an Achtung zu gewinnen. Die Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft unddiePl.D.C. Von Dr. Arthur Ruppln, Jaffa.*) (Schluß.) Manches Kolonisten Existenz ist dadurch uninüglieh geworden, daß die Frau keinerlei Verständnis und Interesse für die ihr in einem geordneten landwirtschaftlichen Betrieb zufallcndcu Aufgaben hatte, und wichtige Zweige der Landwirtschaft z. B. die Milchwirtschaft und die Gemüsezucht, konnten sich in den jüdischen Kolonien hauptsächlich deshalb nicht entwickeln, weil die Frauen sich der Arbeit nicht annahmen. Die jüdischen Kolonien ln Judäa, die hauptsächlieh!,flanzungskolouien sind, liefern den Beweis, daß die zweite Generation, sich bereits sehr gut in den landwirtschaftlichen Beruf, auch den eigentlichen Ackerbau, einlebt. Und diese zweite Generation ist es, auf die der Zionismus sein Augenmerk und seine Hoffnung richten und wegen der er die Eltern zum Erwerb von Pflanzungen anfeuern sollte. Leute ohne oder mit geringem Kapital können sich nicht fruchttragende Pflanzungen kaufen. Wenn sic alt sind und die Landwirtschaft nicht kennen, haben sie keine Aussicht, in der Landwirtschaft in Palästina ihre Existenz zu finden. Wenn sic aber 1 jung sind, können sie als Arbeiter in Pnlüstina in mehreren Jahren die Landwirtschaft erlernen. Haben , sie die nötigen Kenntnisse erworben, so muß ihnen : durch Verpachtung von Land oder durch Gewinn- | bctciligimg in einem Großbetriebe oder durch die Er• 1 richtimg von Sicdhingsgcnosscnscliaftcn, wie sie j Franz Oppenheimer propagiert, die Möglichkeit ge- I boten werden, in einer einigermaßen selbständigen ) Stellung durch besonders starke Anspannung ihrer 1 Arbeitskraft einen besonders hohen Lohn zu erzielen, 1 der es ihnen erlaubt, im Laufe mehrerer Jahre ein j kleines Kapital zu ersparen, mit dessen Hille sic kleine llüuslersteHeii erwerben, eine Familie gründen und . sich durch Lohnarbeit, aber auch durch eigene Vieh- 1 haltung. Gemüsebau und Geflügelzucht weiter brin- ׳ gen können. Es Ist als sicher anzunchmcn, daß Leute mit Kapital und junge Arbeiter in großer Zahl nach Palästina gehen würden, wenn die einen die Sicherheit hätten, daß sic für ihr Geld fruchttragende und rentable Pflanzlingen erhalten, die andern, daß ihnen in der angedcut-.-tcn Weise ein Weg zur Erringung von Eigentum und Selbständigkeit offen stände, Beide Sicherheiten fehlen bisher, und deshalb ist der Zuström nach Pnlüstina ein sehr schwacher. Ein erster Anfang hierzu ist durch die Qründung der Palestinc Land Development Company gemacht worden. Sie wendet sich zunächst an die bciuittelten Juden, denen sic durch eine zweckentsprechende ParzeJIicijimgstätigkeit die Möglichkeit goben will, gut vorbereiteten und für sofortige Ansicdlung passenden Boden in Parzellen von jeder gewünschten Uröße zu kaufen. Bisher war es selbst dem bciuittel- Seite 515. ten Juden sehr schwer, bcsiedlungsfUliigcs Land in . Palästina zu erwerben, weil in der Regel nur ganz große, den Bedarf des Einzelnen weit übersteigende Grundstücke zu kaufen und diese in einen! so niedri• gen Kullurzustande sind, daß sie ohne vorherige Amcliorationcn nicht besiedelt werden können. Die P.L.D.C. will jedem Käufer seine Parzellen so übergeben, daß er sic mit europäischen Geräten sofort bearbeiten kann, daß er Wegevcrbindung und Wasser vorfindet. Wer in sich die Kraft und Fähigkeit fühlt, auf diesem Boden Ackerbau, d. h. Getreidebau zu treiben und sein eignes Geld dafür wagen will, mag cs tun; allen denen aber, die sich nicht diese Kraft Zutrauen, bietet die P.L.D.C zugleich mit dem Boden einen Pflanzungskontrakt an, durch den sic sich ver• pflichtet, auf dem Boden für Rechnung des Käufers eine Baumpflanzung anzulegcn und bis zur Fruchttragung zu pflegen. Auf diese Weise kann der Käufer in Europa so lange seinem Berufe nachgehen, bis seine Pflanzung in Palästina Frucht trägt und ihm eine sichere Existenz gewährleistet. Die P.L.D.C. wird insbesonder versuchen, größere Gruppen von solchen Pflanzungsbauern in den jüdischen Zentren Osteuropas zu organisieren und aus diesen Gruppen ganze Kolonien in Palästina zu bilden. Die P.L.D.C. wendet weiterhin ihre Aufmerksamkeit den Arbeitern zu. Nicht allein, daß sie landwirtschaftliche Großbetriebe teils als Selbstzweck, , teils als Zwischenbetriebe für die Zwecke der Parzellierung und Amelloricrung einrichten und auf ihnen jüdischen Arbeitern Gelegenheit zur Ausbildung und Arbeit geben will, sic will auch durch eine Gewinnbeteiligung der Arbeiter, die das Acquivalent einer erhöhten Inanspruchnahme der Arbeitskraft der Arbeiter sein soll, den Arbeitern die Möglichkeit ( geben, Ersparnisse zu machen, aus denen sic sich ein ׳■ Häuschen erbauen und etwas Gemüsebau, Geflügelzucht oder Milchwirtschaft treiben können. Die Arbeiter werden auch nachdem für eine Reihe von Jahren ihren Hauptverdienst noch aus der Lohnarbeit ziehen müssen, aber sic haben doch durch das eigene Häuschen und die eigene kleine Wirtschaft die Maglichkcit, zu heiraten und sich mit der Frau in die Pflege der eigenen Wirtschaft zu teilen. Die bc* schcidcnc, aber sichere Existenz, die sic hierdurch haben, würde aus ihnen bodenständige, zufriedene Menschen machen und gewiß für viele kräftige junge Leute in Osteuropa verlockend genug sein, um sic nach Palästina zu ziehen. Wenn es der P. L. D. C. gelingen würde, den Pflanzungsbau für Rechnung osteuropäischer Auftraggeber und den Betrieb von Gutswirtschaftcn in großem Umfange aufzunchmen. würde cs Verhältnismäßig leicht sein, noch ein anderes jüdisches Bevölkcrungsclemcnt für die Landwirtschaft zu gewinnen, nämlich die orientalischen Juden, d. 11. die ' Juden aus Jemen, Urfa, Aleppo und Marokko. Sic könnten neben dem osteuropäischen Arbeiter in den landwirtschaftlichen Betrieben der P. L. D. C. Beschäftigung finden und würden in vielen Fällen die Beschäftigung jüdischer Arbeiter überhaupt erst ntöglieh machen, weil nur sie mit ihren geringen Bediirfnissen die Konkurrenz mit dem nichtjüdischen Arbeiter aushaltcn. Der osteuropäische Arbeiter ist dieser Konkurrenz nicht gewachsen, soweit rein manuelle Arbeit in Betracht kommt, und kann sich nur da behaupten, wo die Arbeit an den Verstand ,ei lie n. tn el n eit ־1 * T tl k Etwa zwei Stunden später, als alle noch Im I tiefsten Schlafe lagen, wurde die Tür leise ge-! öffnet und ein junger Mann, zur Reise gerüstet, mit einem brennenden Licht in der Hand, betrat vorsichtig das Zimmer. Uni die Schlafenden nicht zu stören, schlich er auf den Fußspitzen zum Tische hin. nahm das Köffcrthen in die Hand, und als er die Zahlen sah, umspielte ein verliebtes Lächeln seine Lippen. Schnclll schrieb er sic in sein Notizbuch und verließ eilig und ge* riiuschlos das Zimmer. Wie an jedem Morgen, war auch heute die brave Hinde, Reb Scliimme Lotters Frau, die erste auf den Beinen, um noch vor Sonnenaui* gang ihr Tagewerk zu beginnen. Während die übrigen FamiUenglicder, Reb Scliimme mit inj begriffen noch des süßen Schlafes sich erfreuten, fing sic schon an, die Sachen wieder au J Ort und Stelle zu bringen, das Feuer anzuzünj den, die Stube zu fegen und die Möbel, ein Stück ן nach dem anderen, zu säubern und abzustäuben. Jetzt kam der Tisch an die Reihe, und kaum hatte sic die Zahlen bemerkt, da bemächtigte j sich ihrer eine gar grimmige Wut, da sie diese noch für ein Ucberblcibsel von dem Franzefuß j hielt, das ihr Mann gestern Abend ־noch stun* ן denlang mit dem krummen Schlaume gespielt, 1 Darum überschüttete sic den Tisch mit einer wahren Flut vcti Seifenwasser und wusch, und scheuerte und rieb, daß er bald blitz und blank, wie neu gehobelt, wieder dastand. Ohne eine Ahnung zu haben, wie hochwichtig diese seien, hatte sie gerade die Zahlen besonders scharf aufs Korn genommen und bearbeitete diese derartig, daß auch nicht mehr die geringste Spur zu erkennen war. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß das Franzefuß nicht das einzige Motiv ihrer Schetierwut gewesen. Gewiß haßte sie es als einen Stiefbruder des Lotteriespiels, dem Reb Schimnte leidenschaftlich ergeben war, dem er schon sein ganzes, großes Vermögen geopfert, das ihn heute noch, in seiner großen Armut, mit Teufelskrallen umklammert hielt; andererseits aber war das Putzen, Waschen, Kochen und Scheuern bei ihr ein angeborenes Talent, dem sie sich mit Wonne hingab, zumal diese Eigenschaf״ ten ihr zu einem Manne verholfen, eben diesem Reb Scliimme Lotter, in einem Alter, wo sie schon lange aus dem Schneider heraus war und jede Hoffnung eine bekowete Baalboßte zu werden, längst aufgegeben hatte. (Fortsetzung folgt.) 9 Misceuen » Wahres Geschichlchcn Einer der letzten ungarischen Jnstizminister war sehr liberal und ernannte auch öfters Juden zu Riehlern. ״Nicht wahr," sagte er bei einer solchen Qclcgcnheit einst zu einem Juristen, der ebenfalls Semit war, ״Sie müssen doch zugeben, daß in Ungarn Gleichbcrechtigung herrscht?" ,Exzellenz," erwiderte der Gefragte, ״das könnte man nur dann sagen, wenn auch — dumme Juden ernannt würden.“ Ausgleich Aus Anlaß des Universitätsjubiliiums wurde dar- ,auf hingewiesen, daß kein Jude in Berlin je Univcrsitätsprofessor war, ja, daß ein Mann wie Senator es nicht bis 7.11m Ordinarius zu bringen vermag. Da ist die Akademie der Wissenschaften schon toleranter. In dieser kann cs ein Ordinarius bis zum Senator bringen. (״Lustige Blätter.") Als dem hervorragenden Bakteriologen Carl Weigert die Nachricht gebracht wurde, er wäre von der Fakultät einstimmig als Nachfolger des verstorbenen Cohnheim gewählt worden, sagte er, wie Geh. Rat Rollmann in der ״Voss. Ztg." erzählt: ״Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube."