Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 44. IUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 505. Das Pogrom-Werk Die Judenpogrome in RuBland. Herausgegeben uh Aufträge des zionistischen Hilfsfonds in London von der zur Erforschung der Pogrome eingesetzten Kommission. Köln und Leipzig. Jüdischer Verlag. G. m. b. H. 1910. Zwei Bünde. •104 und 530 Seiten. Preis 8 Mark. Am 17. Oktober n. St. 1905 erließ der Beiierrschcr aller Reuden Nikolaus 11. ein Manifest, durch das er seinen Völkern eine sogenannte konstitutionelle Verfassung schenkte. Für die Juden bedeutete dieses Ereignis nicht die Morgenröte der Freiheit, sondern den Beginn von neuen Leiden, denen selbst in der mit Blut und Tränen reichlich getränkten jüdischen Geschichte nur wenige Kapitel au die Seite gestellt werden konnten. Die entsetzlichen Oktober- Pogrome von 1905 und deren Ausläufer bis In den Sommer 1906 (Bialystok und Sfcdlctz), die so viel Tausende um Leben und Vermögen brachten, bilden natürlich keine isolierte Erscheinung, die aus heiterein Himmel über die Juden plötzlich hcrcinbraeh, sondern sind nur im Zusammenhänge mit der ganzen i.agc der Juden in Rußland und allen geschichtlichen Antcccdcnticn wie den Pogromen der achtziger Jahre und denen des Jahres 1903 usw. begreiflich. Diese Verhältnisse darzustcllcn und denen, die aktiv im Kampfe um das Recht und die Freiheit stehen, die Unterlagen für die Beurteilung der Ereignisse und deren Ursachen zu bieten, bildete die Aufgabe des vorliegenden Werkes, das im Aufträge des zionistischen Hilfsfonds in London herausgegeben wurde. Daß cs sich dabei nicht um ein Parteiunternehmen handelt, sondern überall die möglichste Objektiviüit dem Gegenstand gegenüber versucht und meist auch erreicht wurde, dürfte mau auch ohne die Versicherung im Vorworte zum ersten Band an־ nehmen. Nicht weniger als zwanzig Spcziaibcrichtcrstattcr haben an den verschiedenen Pogromorten detaillierte Untcisuchungcn oft unter großen Schwierigkeiten wie im Vorwort erklärt wird, angestcllt, durch welche die Ursachen, die Vorgeschichte und der Vorlauf der Pogrome, das Verhalten der Gesellschaft den örtlichen Vorgänge» gegenüber sowie die F.rgebnissc des Pogroms, kurz alle in Betracht kommenden Faktoren klar beleuchtet werden sollten. Die Resultate dieser Enquete, welcher überall ein Fragebogen zugrunde gelegt wurde, bilden im Verein mit der einschlägigen Zcitungs- und Buchlitcratur sowie mit dem vor den Rechtskommissionen an den verschiedenen Orten abgegebenen Zeugenaussagen das wcitschichtigc Material, das im ersten Teile des Werkes den Monographien als Unterlage diente, im zweiten Teile zu den Einzeldarstellungen zusammen־ gefaßt ist. Der allgemeine Teil, welcher den Inhalt des ersten Bandes ausmacht, beginnt mit einer sozialökonomischen Darstellung der Pogromepoche unter Alexander 111. in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Obwohl diese Pogrome in keinem direkten Zusammenhänge mit den Morden von 1903 bis 1906 stellen, so ist es doch nicht uninteressant, auch diese Ereignisse wegen der mannigfachen Aclm־ lichkciten mit den späteren zu betrachten und näher untersuchen. Ein Bindeglied zwischen den zeit* zu lieh auseinandcrlicgcnden Verfolgungen der Juden 11» --־- •״״-״- ן.״»״, russischen Reiche'bilden die vielen Rcchtbcschrün־ I Deutet, ein Jude zu sein. Trotz seiner Mängel äre . . . ... u״ *t {>«* Hap 1 IrtffrtMtlftlSrtAC fi AI רז Mllrn׳’ — Die beiden letzten Monographien des ersten Bandes ״Die russische Burcaukratic und die Pogrom• Organisation" sowie die ״Gesellschaftliche Er• schcinungcn in den Oktoberpogromen‘‘ haben d׳'c Schilderung und Erklärung von gewissen in den Po־ gromen •/utage getretenen sozialökonomisch wichtigen und interessanten Momenten zum Gegenstände wie den Anteil der Burcaukratic an den Pogromen, die von ihr teils als konterrevolutionäres Manöver, teils als prophylaktisches Mittet gegen weitere rcvolutionüre Betätigungen inszeniert wurden, die Stellung der j verschiedenen sozialen Schichten und Parteien zu den Juden und ihr Verhalten während der Pogrome, die Rollo der jüdischen, nichtjüdischen Partien bei diesen Ereignissen, die Hilfsaktionen, die zu Gunsten der Betroffenen ins Werk gesetzt wurden usw. Ohne das Verdienst des Verfassers und Heraus־ gebers schmälern zu wollen, mögen auch einige kritische Worte hier Platz finden, durch die auf verschiedene Mängel des Werkes hingewiesen werden soll. Schon die flüchtige Skizzicrung des Inhalts hat einen wesentlichen Mangel leicht erkennen lassen, den Mangel an Flüssigkeit der Darstellung. Jede einzelne Abhandlung kann für sich betrachtet cum grano salis nicht gerade schlecht bezeichnet werden, aber in dein redlichen Bestreben, möglichst alles zu bieten, hat der Verfasser oft über das Ziel geschossen. So ist cs z. ö. unerfindlich, wozu die Kolonisationsfragc in dem Aufsatz ״Prototyp des Progroms in den achtziger Jahren" breitgetreten wurde. Zu einer subtilen sozialökonomischen Schil־ derung der Ereignisse ist das vorliegende Material meines Erachtens umsoweniger reif, als uns heute nocli die nötige Distanz fehlt, um klar zu schauen. Wir alle stehen noch zu sehr unter dem unmittclbaren Eindrücke der Ereignisse und sehen den Wald . von lauter Bäumen nicht. Wir sind darum einfach ׳ noch nicht in der Lage, eine Geschichte der Pogrome zu schreiben und jeder derartige Versuch muß mißlingeu. In dem Labyrinth von Tatsachen und so/.ialpsychologischcn Ecörtcrungcn wird cs dem Leser tiiicndlleh schwer, sich ein klares, logisch innerlich geschlossenes Bild zu machen. Viel besser wäre cs gewsen, wenn der Verfasser unter Verzicht auf Vollständigkeit und allzu peinliche, mitunter sogar gekünstelte sozialökonomischc Motivierung eine viel knappere, zusammenfassende Schilderung der Pogrome und ihre Ursachen gegeben hätte. Das wäre ein leichtes gewesen und hätte weit mehr das Gelingen und auch das rechtzeitige Erscheinen des Werkes gesichert, als dies in der vorliegenden Gestalt möglich war. In dem Streben, in allen Hinsichten die letzte Form zu finden, hat der Autor auch sehr häufig stylistischc und logische Mißgriffe begangen, was hier nur konstatiert sein mag und wofür fast auf jeder Seite des ersten Bandes zahlreiche Belege gefunden werden können. Mit einem Worte: eine relativ kurze, zusanunenfassende Schilderung hätte genügt, um die Einleitung zu den Einzcldar־ Stellungen des zweiten Bandes zu bilden. Wenn wir an dem ersten Bande so manches aus* zusetzen hatten, so müssen wir dem zweiten Bande unser volles Lob zollen. Das hier zusammenge־ tragene Material wird einmal eine wichtige Fund• grübe für einen Kulturhistorikcr bilden. Bis dahin sollte jeder Jude diesen Band öfters gelesen haben, um sich stets in Erinnerung zu halten, was cs be Uebersicht Uber die älteren und neueren Mjschna־ forschungen wendet er sich der geschiehtliehen Bchandlungsweise seines Themas zu, für die die folgenden Worte aus der Vorrede überaus charakteristisch sind. ״Nicht die geschichtliche (Behandlung), die sich vorzugsweise mit den kleinen Fragen aus dem Leben und Treiben der Tanaiten abgibt (falls dieselben nicht an sich zur Beleuchtung des Gebietes dienen), auch nicht die Art, die eine kleine Lesart und deren Verbesserungen als Beitrag zur Ocschlchtc und Herstellung des Textes für wichtiger ansieht, als die Behandlung des vorliegenden Qanzen in großen Zügen{ .... Nur die Unrege!- mäßlgkciten eines Schrifttums lassen uns in sein Werden blicke», nicht diejenigen Seiten, die in ihrem Zusammenhang glatt und tadellos sich bieten und keine Eigenart zeigen". Aus den Forschungsergebnissen seien ln aller Kürze die folgenden hervorgehoben: Der Anfang des inischnischcn Schrifttums in der uns überlieferten Zusammenstellung ist in die Zeit Alexander Jannai’s oder vielleicht gar in die letzten Jahre Johann Hyrkan’s zu verlegen. Dadurch rückt die mischnischc Zeit bis zum Jahre 106 v. Chr. hinauf. Als Beweis für diese These führt Verfasser an, daß sich inmitten der Mischna jüngere tanaitische Bestandteile von jenen älteren genau abzeichnen. In der ersten Mischna, die auf schriftgcmäßem Zusammenhang beruht, kommen Bet Hillel und Bet Schammai nicht vor. Die bürgerlichen Gesetze über das .Mein und Dein dürften erst um 120 n. Chr. behandelt worden sein. Von den einzelnen Kapiteln sei besonders das sechste hervorgehoben, das den ״zweiten Ansatz zur gcgensadduzüischcn Mischna" überaus klar und lichtvoll behandelt. Gewiß läßt sich hier und da an zu kühnen Folgerungen manches aussetzen; aber cs wäre kleinlich, den Wert des Ganzen durch übertriebene Kritik einzelner Details herabmindern zu wollen. Das zweite der angeführten Werke ist eine kleine Broschüre, in der cs sich der Verf. zur Aufgabe gestellt hat, Maaßer sehen! In der besprochenen Weise zu behandeln. Auch hier überrascht der Geistreichtum in der Kritik und die Schärfe der Konsequenz. Beide Bücher haben natürlich ihre Gegner gefanden und werden auch weiter angcfclndct werden, wie denn überhaupt ein jeder, der unabhängig forscht, seine Haut zu Markte trägt. Aber wie sagt doch Roscnthal selber? ״Der größte Erfolg einer solchen Arbeit ist das Glück der Arbeit selbst." Dr. Bruno Kirschner. kungen, denen sic dort seit jeher unterworfen waren. Darum war cs durchaus angebracht, daß eine zu- I sammenfassende Darstellung der den Juden in den Jahren 1881—1902 aufcrlcgten Rcchtsbcschränkungcn! mit in das Werk als besondere Abhandlung aulge• nommen wurde. Die individuellen, von der russi־ sehen Atmosphäre verschiedenen Verhältnisse in Polen veranlaßten die Herausgeber, den polnischen Pogromen einen besonderen Aufsatz zu widmen. Diese ganz ausgezeichnete mit Klarheit und Schärfe geschriebene Abhandlung von J. Grünbaum kommt zu dem Schlüsse, daß Pogrome nach russisehen! Muster in Polen nicht Vorkommen werden, weil das Volk hier zu zivilisiert ist und ein allgcmeines politisch-ökonomisches Interesse an der Ver• meidung von Pogromen besteht. Obwohl sehr viel Zündstoff in den Beziehungen zwischen Polen und Juden vorhanden ist. so ist nach der Ansicht des Verfassers doch nicht anzunehmen, daß die Polen sich zum gefügigen Werkzeug der russischen Regie• rung hergeben und gegen die Juden auftreten wer־ den. Wenigstens nicht, so lange der Kampf gegen die russische Regierung dauert. Denn die Polen verstehen sehr wohl, daß ein Pogrom die Juden, die sic doch endlich und schließlich nicht missen können, ihnen entfremden würde. — Der folgende Aufsatz verarbeitet ein reichhaltiges statistisches Material über die Dimensionen der Oktoberpogrome von 1905. natürlich im Interesse des Gegenstandes dem Buche ein größerer buchhändlerischer Erfolg zu wünschen als ihm bisher detn Vernehmen nach bcschicden zu sein scheint. Dr. J. M. Bücher-Besprechungen Lieber den Zusammenhang der Mischna. Ein Beitrag zu ihrer Entstehungsgeschichte, von Rabbiner Dr. Ludwig A. Roscnthal, Berlin. I. Teil: Die Sad• duzüerkämpfe und die Mischnasammlung vor dem Auftreten Hillcls. Verlag von Karl J. Trübner, Straß־ bürg. 1909. Dlo Mischna. Aufbau und Qucllcnschcidung, von demselben. I. Band: Sera im. Aus der zweiten Hälfte: Maaßer seheni. Das erste der beiden vorliegenden, nunmehr bercits in zweiter, stark vermehrter und verbesserter Auflage erschienene Werk, das einen Teil der ״Schriften zur Befeuchtung der Lehrweise und Ent־ Wicklung des Talmuds" darstellt, gehört zweifellos zu den besten seiner Art. ״Unter dem Zeichen der Entwicklungslehre" ist es geschrieben, und es bietet in der Tat eine vorzügliche Einleitung in die Innere Geschichte der Mischna. Innere — darauf kam es dem Verf. ati. Nach einer kurzen Unser Gesinnungsgenosse, Herr Meier Hübner, Herausgeber des Jüö. Familicnblattes in Nadworna, hat jetzt 15 Ausgaben lür Klavier zu verschiedenen zionistischen Liedern in der hebräischen, jüdischen und deutschen Sprache in der Bearbeitung Professor Hermann Ehrlichs her.rusgcgcben. Wir werden diese Ausgaben in einer der nächsten Nummer!, ausführlich besprechen, machen schon jetzt unsere Leser auf diese Ausgaben aufmerksam. Eingegangene Bücher ״Blhliotlicka gedaiilah“, (Hebräische ״große Leihbibliothek") Verlag ״Tuschia“. Warschau. 5&70. No. 1. Kol Schirci R. Schmuei Ifannagid (gesammelle Gedichte des R. Samuel Hannngid.) Geordnet, revidiert und erläutert von Dr. H. Brodv. No. 2—3. Kol Kiswei Dr. Schlaume Rubin. (Ge־ sammeUe Scheiden Dr. Salomon Rubins) Bd. II. Mit einer biographischen Einleitung von Dr. J. Klausner. No. 4—6. Kol Kiswei. (Gesammelte Schriften). M. D. Brandslälter. Bd. I. Mit einer biographischen Einleitung von Dr. M. Robinsonn. No. 7. Zijurci Masso. (Reiseschiidcrungcn) von Prof. G, Selikowitz. Mit einer autobiographischen Einleitung. No. 8—9. Dimdumim. (Gedichte). Von J. Katze!!, clsohn. I. TI. No. 10. Dacrew, (Am Abend). Literarische Essavs. Von Dr. Micha Josef Berdvezewski. (Enthält acht Essays über Lilienblum. Frisclimami, Buoinin, Sokolow, Hemfeld, Josef Klausner, Zcithin und Bar-Tuwja.) No. 11—13. Ksowin Achraumin! (Nachgelassene Schriften). Von J. Bcrschadskv. Bd. 1. Mit einer biographischen Einleitung von F. Kaplan und einem Essav über ״J. Bcrschadskv als Mensch und Roman- Schriftsteller" von Bcn־Avigdor. No. 14. Kol Kiswei Dr. Schlaume Rubin. Bd. I. No. 15—17. Haraw Miljady umiflagas Chabad. (Der Rabbi von Ljady und die chassichische Sekte.) Von M. Tcifelbaum. Bd. I. No. 18—20. Ksowin Achraunim von J. Ber־ schadsky. Bd. II.