Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2651273-2651657-2651702--07372-2664533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 44. 1UEDISCHE RUNDSCHAU Seite 503. tcn .luden tüchtige Arbeiter sind und durch den Zuzug größerer Arbcitcrinasscn die bestehenden Arbeiterbedingungen verschlechtern. Dies erklärt cs auch, weshalb diese Angriflc gegen die russischen Juden gerade von dem radikal-sozialistischen Blatte ״Petit- ,loiirnal“. an dessen Stütze ein!,ülircr der frauzösisclieu Sozialisten, Gcrauld-Richa/U. steht, ausgehen. Die Folge dieser Hetze ist zunächst, daß der Polizeiprafekt seinen OrRanen den Auftrag erteilt hat, das jüdische Viertel besonders scharf hu Auge zu bclullen. Ueberdies haben einige Mitglieder des Pariser uemeinderates bereits eine Interpellation über die indischen Einwanderer angekündigt. Amerika ״ Au der Columbia-Universität in New York wurde ,me eigene Lehrkanzel für ״Elnwaiideriuigswescu" irnchtct. Zum Lektor wurde der gewesene Direktor der Educational Alliance in New York, Dr. David 1! I a 11 s t c i 11, ernannt. Im ersten Jahre wird Lektor;Haustein über die Oeschichtc der Einwanderung mit besonderer Berücksichtigung der Jüdischen und .,Livischen HjjnWanderung lesen. Ueberdies wurden mehrere gut dotierte Stipendien für ,nullifizierte 1 Ihrer und Hörerinnen dieser Kurse er*;!chtct. Die Bewerber für diese Stipendien müssen eine entsprechende allgcntclnc Vorbildung, zumindest absolvierte Mittelschule nachwciscn und eine Prtlfung über die Kenntnisse von zumindest zwei der naehbonannten Sprachen bestehen: Russisch, polniscli, deutsch, tschechisch, schwedisch, holländisch, liehrtiiseh, jüdisch und italienisch. Ueberdies müssen die Kandidaten auch die Kenntnisse der K.isscncigcntüinlichkeiten und Sitten der genannten Völker, sowie die soziale Tätigkeit von zumindest einer der folgenden Völkcrgruppcn ' besitzen: I. Slavcn, 2. Italiener, besonders der Sizilianer, ,1. Juden, Russen und Ocstcrrcichcr, besonders der Q a l S z i a n c r und schließlich 4. Rumänen. Persien 111 diesen Tagen hat Persien als Streitobjekt mohammedanischen und westeuropäischen Interesses wieder einmal von sich reden gemacht. Die Zahl und der wirtschaftliche liiniluß der Juden in Persien wird gewöhnlich unterschätzt. Man darf in ganz Persien wohl •1000t) bis 50 000 zählen. Am dichtesten sitzen sic in H a m a d a n und Umgegend (Tussirkan, Nähawattd, Üurdjerd), wo sic auf 12- bis 15000 zu bezifiern sind. Vielleicht waren, so lesen wir in der ,*Kölnischen Zeitung", Israeliten schon vor der Diaspora, wie in Mesopotamien, so auch in Ha madan, dein alten tucdischcn und persischen Herr sehersitz, ansässig. Hier in Hamadan ist cs der Mandelsweg nach Bagdad, der ilincti eine Entfaltung ihrer wirtschaftlichen Fähigkeiten und einen fiuanziehen Rückhalt bei allen Unternehmungen an der Judenschaft Bagdads sichert. Erklecklich ist auch ihre Stärke in Teheran (5000). An diesen Plätzen wie auch in Schi ras (rund 1000) sind die ärmeren Klassen in der Ueberzalil, doch beginnt Wohlliabcn״ heit und europäische Bildung, namentlich infolge der kulturellen Arbeit der Alliance Israölitc Universelle sich zu verbreiten, die Schulen in Teheran (seit lh'AS) Ilamadan und in drei Hamadan benachbarten kleinen Städten, in Schiras, Irpahan und .lasd, eingerichtet hat. Da die Unterrichtssprache das F r a n - z ö s i s c 11 c ist und die Lehrer, die von Paris ent sandt werden, französische Untertanen sind (meist Algerier und Tunesier), also unter französischem Schutz stehen, arbeiten diese Anstalten in Persien im Interesse der französischen Bildung und des fr;»«■ zösischcn Handels, wie dies auch in Mesopotamien, bei den Schulen der Alliance in Bagdad und'Massul. der Fall ist. Da nicht unbedeutende Mittel für die gewili hochzuschützcndcn humanitären Ziele der •'llianec Israiilite Universelle aus Deutschland fliellcn. wäre wohl zu wünschen, daß an einigen tiuupipuakten des persischen und mesopotamischen j Handels (Bagdad, Teheran), auch die deutsche! Sprache Pflege fände und deutsche Staatsangehörige ebenfalls als Lehrer verwendet würden. Als arm wird die numerlKcIi nicht unbedeutende (icmcindc von Ispahan (5000) geschildert, ln tiefer 1) il r f - t i g k e i t und in der Stellung von Parias leben die Juden des südöstlichen Persiens in Jasd (etwa 1000) und Perman (an 200). Hier sind sie noch gezwungen, ihre Niedrigkeit durch auf die Brust geheftete rote Stoffstücke zur Schau zu tragen; auch wohnen sic in den Quartieren der Parssi, denen der Perser als Bekenner der Lehre Zarathustras gleiche Verachtung zuteiit. Die größte Gemeinde Aserbaidschans befindet sich in Urinia, (350 Familicn); auch Usclmu, auf der Straße Urinia-Rowandus-Mossul gelegen, zählt eine ansehnliche Gemeinde. Bezeichnend ist, daß sic, die durch Unterwürfigkeit wie Geschicklichkeit sich auszclclmcn, In kleiner Zahl und zwar als Händler unter den kurdischen und iurischcn Stämmen des westlichen Persiens wohnen. Am stärksten vertreten sind sic Im Bezirk von Soldus westlich von Urinia unter dem Stamme der Karapapaks. Im Gebiet von Salmaß bewohnen ihrer 3(Jü bis 600 d.e Ortschaft K1m-c-schchr. h» östlichen Teile der Provinz Aserbaidschan ist der Jude sehr selten anzutreffen. Der Grund liegt in den Judenverfolgungen im 17. und 18. Jahrlmndert in T ä h r i s, welche die unter den duldsamen toleranten Mongolensultanen dort blühende j ü dis ehe Kolonie vernichteten. Ein Teil der Juden von Täbris trat znm Islam über, ein anderer Teil flüchtete zu den kurdischen Stämmen, die westlich des Urmiasccs die Grenzgebirge bcherrscheu, wo sie mit Glaubensgenossen zusammentrafen, die den Handclswcgcn von Mossul und Bagdad aus folgend, hier sich vereinzelt niedergelassen hatten. 1 )er Besuch des Kakame, des wandernden Rabbiners, der einmal Jährlich schlichtend und malmend in jede Familie tritt und eine kleine Abgabe für sich cinzieht, verknüpft diese verstreuten lsraclitcn mit der (ihrigen Judenschaft, Da die Juden des nordwestlichen Persiens einen mit hebräischen Worteil untermischten Dialekt sprechen, treten sie mit den dortigen, das syrische Arabisch pflegenden orlcntalischcn Christen mit Leichtigkeit in wirtschaftlichen Verkehr. . -- PALfleSTINA-RUNDSCHAÜ Gcnossenscliaflllche Strömungen unter der jlUUschen Arbelierschntt PalüsHnns Die Päciitcrgcnosscnschaft, welche die Palcstine -and Development Co. in Um cl Djuni am Jordan neben ihrer Farm Kincreth im verflossenen Winter begründet hat, wird demnächst ihr erstes Ernte- und Bilanz-Jahr absclilicßcn. Der Jahresabschluß wird wahrscheinlich die Verteilung eines mäßigen Oewinnes an die Gesellschaft und die einzelnen Genossen, welche außerdem regelmäßige Arbeiterlöhne im Laufe des Jahres bezogen haben, erlauben. Im allgemeinen ist dieser im kleinen Mnßstnbc unternominelle Versuch, der als Vorläufer der großangclegten Siedluugsgcnosscnschaft nach dem Plane von Oppenheimer zu betrachten ist. als geglückt zu bezeichnen. Die Arbeit der Genossen war im Laufe des ganzen Jahres überaus fleißig, die Wirtschaftsfiilirung sehr besonnen und sparsam, das Freund- Schaftsverhältnis zwischen den einzelnen Genossen, trotzdem sie zwei verschiedenen Arbcitcrorganisationen angchörtcn, andauernd ungetrübt. Diesem Umstände auch ist hauptsächlich der günstige Ausgang des Jahres zu verdanken, da der Eifer und die Ausdauer der Genossen in erster Linie Schwierigkeiten, wie den späten Beginn der Arbeit, die erschwerte Beschaffung von Nahrungsmitteln infolge der Abgelegenheit des Ortes, schwere hygienische Bedingungen infolge provisorisch eingerichteter Unterkunftsstätten überwinden konnten. Dieser Versuch soll nun im nächsten Jahre in etwas vergrößertem Maßstabc fortgesetzt werden. Eine Arbeitergruppe, die schon seit längerer Zeit eine kommunistische Wirtschaft führt, hat sich zur Uebernahme dieses Bodens angemcldct. Auch für die Oppcnhcimcrsche Sicdlungsgcnossenschaft hat sich bereits eine größere Gruppe von Arbeitern organisiert. Auch in Bcn-Schmamen bei Lyda bcabsieliiigt eine kleine Gruppe von Arbeitern, den Körnerbau in eigene Regie zu übernehmen. Im allgemeinen scheinen die genossenschaftlichen Bc- Strebungen unter der Arbeiterschaft Anklang zu finden und werden, wenn sic sich in Zukunft im breiterem Umfange bewähren, zu den besten Mitteln gehören, um die Arbeiter dauernd dem Lande zu erhalten. Von den Häusern, für deren Erbauung der Natioiialfonds dem Vereine Bczalcl eine Anleihe gewährt hat, sind 2 beinahe schon fertig und von der Ferne sichtbar. Hoffentlich werden bis zum Umzugsterminc auch die weiteren Wohnhäuser und eine große Werkstatt fertig werden. Die Häuser hegen an der Grenze des Nationalfondsbodcns auf einer Anhöhe und sind so angelegt, daß jedes Haus von einem Oarten von 4 Dunum (für jede Familie je 2 Dunum) umgeben sein wird. Das Klima ist hier ein besonders gutes, so daß der Aufenthalt der ifiiicuitischcn Familien, die an Enge und unsaubere Wohnungen in Jerusalem gewöhnt sind, ln diesem Platze eine wahrhafte Erholung werden wird. Man findet an dieser Stelle zahlreiche Spuren als altjüdischer Zeit Insbesondere auch in Stein gehauene ׳'•rüber und mehrere Cisternen zum Teile von ganz beträchtlicher Tiefe. RUNDSCHAU DER PRESSE ״Frankfurter Zeitung1. Frankfurt Die Juden haben bekanntlich der Statistik seit langem ein besonders fruchtbares Feld der Tätigkeit geboten. Das Frankfurter Blatt berichtet nun von einer interessanten Hypothese, welche die hessische Zentrale für Landesstatistik veranlaßt hat, der S t a - tistik der hessischen Juden Ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden: ״Die Großh. Zentralstelle für ^ar^ftatLs.!'k nimmt seit einer Reihe von Jahre״ Zählungen über die Bewegung der jüdischen De völkerung vor. da gerade bei Ar als einer mt charakteristischen Eigenschaften ausgestatteten Bcvölkcrungsgruppc wichtige Erscheinungen zu I*>J• treten, die bei Auszählungen der Ocsaintbcvolkcrunw verwischt werden. Der Wert dieser Statistik der luden liegt ferner besonders darin, daß sich bei «er jüdischen Bevölkerung die die Bewegung der Bevölkerung beeinflussenden Zcityerha Unissc viel rascher bemerkbar machen als bei ^; Gesamtbcvölkerung - erinnert sei nur an die des Zweikindersystems. den Rückgang der Sterblichkcit usw. — und daß deshalb die Juden gewissermallen das Barometer für die übrige Bevölkerung sind und Zustände schon jetzt zeigen, dm bei lener erst in der Zukunft zu erwarten sind." t,/Ve1/e Rundschau**, Berlin ln der ״Chronik" des Novcmberlieftes erörtere ״Junius" den jüngst auch von uns besprochenen Vorschlag der ״Kreuzzeitung", den antisemitisch׳•׳: Passus aus dem konservativen Parteiprogramm zu streichen. Junius scheint uns die Aussicht einer großen Mchrchit unserer nlclttjüdischen Mitbürger mit ziemlicher Klarheit zu formulieren, so daß cs verlohnt, die Bemerkungen an dieser Stelle mit einiger Ausführlichkeit wiederzugeben. Wus er von dem überragenden Einfluß der Juden auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in Deutschland sagt, mag manchem schmeichelhaft erscheinen und auch derjenige, der den Gedanken von der Hand weist, daß eine derartige ״Mission" das letzte Ende aller jüdischen Entwicklung sein soll, wird diese Eroberungen gerne den anderen Lcistungen des Judentums in der Diaspora anreihen. Aber wir müssen gestehen, daß einem doch gerade angcsichts dieser Anerkennung ״vor unserer Gottälmliclikeil bange wird". Denn auch das, was Junius am Schluß seiner Ausführungen von den Juden sagt: ״Liebenswürdiger, sachlicher, bcsclieidcucr ist ihr Durchschnitt nicht geworden", dürfte der Ansicht vieler unserer Mitbürger gleichkoiiinicn. Das heißt also: Trotz all der Positionen, die das deutsche Judentum auf wirtschaftlichem und kulturellem Ge־ Biet erobert hat. deutsches Wesen und jiidisehe Art haben sieh im Laufe dieser Ent- Wicklung nicht genähert: man liebt uns nicht und wird uns nicht lieben, wenn wir die Bemühungen, uns unserer Umgebung zu assimilieren, ins krampfhaftpathologische steigern! Ueber kurz oder lang werden sich auch die Widerstrebenden dieser Erkenntnis nicht verschließen können•‘ die Einsichtigen werden schon heute ihre Konsequenzen ziehen. ״Das Judentum in der Politik ist gerade heute iiir die konservativen Parteien ein dorncnrcichcs Thema: und als man hörte, cs werde beabsichtigt, den berüchtigten antisemitischen Piograminpnnkt zu streichen, spitzten viele die Ohren. Juden, heißt cs da, sollten in keine autoritativen Stellungen einrücken, keine Richter, Lehrer. Vciwaltuiigsbeamtc. Offiziere sein, also nicht Obrigkeit spielen dürfen: sic seien nach ihrer körperlichen und seelischen Be• schaffenhcit zu Vertretern der Staatsgewalt nicht geeignet. Bismarck hat. als märkischer Junker, im Vereinigten Landtag ähnliches gesagt und gegen die Emanzipation der Juden gestimmt: die atavistische Blutweile versickerte im späteren Leben, als er den Ücist Ferdinand Lassalles und das Finanztalcn; Gerson Bleichrodcrs zu kosten bekam. . . Und so ungefähr drückte den Wunsch nach Entrechtung der Juden Ende 1880 auch die famose Petition der An!■- semiten an die Kgl. Preußische Staatsregierung aus, nur behaftet mit dem ganzen schweren Behang völkischer Redensarten und eines inoraltriefcnileii Nationalismus. Die Wolken haben siel! seit dreißig Jahren in Westeuropa verzogen, alle Rückfälle (wie selbst die Dreyfuliaffärc) blieben belanglose Episoden, und die Juden regen sich in jeder Kulturzellc der Nation mit solcher Frische und Lebendigkeit, daß man schon von einer indischen Renaissance sprechen hört. F.s geht ihnen gut: nicht nur geschäftlich. Ihre zerhämmerte, leidengcschwängerte Seele hatte Reserven, die sich unter dem befruchtenden Lichte der Freiheit in fabelhafte Tüchtigkeiten verwandelten: und durch Parasitenmasken sieht man oft frische, aufrechte, charaktervolle Antlitze schimmern, mit dem Ausdrucke konzentrierten Willens, der von sich das Höchste fordert. Der jüdische Antisemitismus ist nichts als die Peitsche, mit der dieser Wille zur kniturcllen Aufzucht und Selbstzucht antreibt. Wie dumm antiquiert, wie weltenfern klingt darum der konservative Programmpunkt. Selbst der bornierteste großstädtische Mittelständlcr, den der herrschende Uctrcidcadcl als Partcisoldaten in seinem Netz mitschleppt, weiß, daß die christlichsozialc Sturzwelle wirkungslos im Sande verlaufen ist und verlaufen mußte. So recht von Herzen geliebt werden die Juden wohl auch heute nicht, gesellschaftlich besteht in tausend Schattierungen, selten noch grob aber immer merklich, die Geberde der Aeehtung, cs gibt auch noch Kreise, in denen sans ־יא• ne christlichgermanisch getrommelt und gepfiffen wird. Aber als politische Richtung ist der Antisemitismus in Westcuropa . . . gerichtet. Der Grund ist einleuchtend Es gibt kaum einen Bezirk nationalen Wirkens, in welchem kein jüdisches Element steckt. Es gibt kaum noch eine judenreine Aktion großen Stils. Es scheint, als ob gerade Deutschland ohne diesen