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Jüdische Rundschau · 1910-10-21 · Heft 42 (21.10.1910) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 42. o n Seite 457. I * 'S Jüdisches Schaffen Oedanken zu einem neuen Jüdischen Almanach.•) Hs war Erntezeit, kurz vor Sonnaufgang; zwi- ׳ sehen reifen Kornähren saß ein Bauer, hielt die Augen geschlossen und lauschte gespannt, als wollte er! Worte verstehen, die ihm aus der Perne zugerufen - wurden. Als man ihn fragte, was er höre, antwortete i er: ״Ich höre, wie der Tag wird." j Nur Auscrwühltcn ist cs gegönnt zu hören, wie j der Tag wird; wir können cs nur tnitcrlcbcn und < sehen. Wir sehen heute einen großen Tag werden, 1 <10n iug eines Volkes, das lange von Rationalismus Kcmiült, wiederum nach Synthese, Qanzhcltauffassun« schmachtet. Und schmachtend und nach Einheit stre*. beud, beginnt cs zu schaffen. Ein Dokument dieses Schaffens ist erschienen: Der Verein Jüdischer Hoch- | schiilcr aus Galizien ״Bar-Kochba" hat aus Anlaß des?äsemestrigen Jubiläums einen Almanach in deutscher Sprache herausgegeben. Er will Westeuropa jüdi* sclics Schaffen vorfuhren. Jüdisches Schaden: Westeuropa glaubt cs zu kennen: ״Geschwächte Lebenskraft nicht aus Kraft- Anstrengung, sondern aus Geistigkeit." Der Ausdruck j.ulischcn Schaffens: Weininger, Walter Calö, Stefan George, Mombert; ״doppelt einsame, zwiefach, ohne Volk und Glauben, ihren Familien entwachsen; cs gibt kein soziales Gefüge, dem sic angchürcn, keinen Glauben, der mächtig und wonnevoll über ihnen 7.1tsammonschlüßt, kein Volk, dem sie sielt als Glieder, als Führer fühlen, kein Ziel und keine Zukunft, wonach cs sic treibt. Es gibt keinerlei ״Es" für sie, nichts Zusammcngcbalhcs, Massenhaftes, was draußen eine Schönheit und innen eine Glut wäre; cs gibt nur ihr Ich für sic, ihr feines, delikates, trostloses Ich." (Ü. i Landauer.) i Doch ein anderes Schaffen, ״Neutöner" bringen; wir, Neutöner eines Volkes, das 'ת der Sehnsucht lebt; 1 vor Jahren lan/enspluterndc Jünglinge, heute Ge- . wordene, die ihr ״Gcwordcnscin von heute dem Werden von Morgen mit freudiger Wollust zum Leben I aufopfern." Und Leben heißt Schaffen. Welches die Grundform unseres Schaffens ist, sucht ,Martin Buber im Aufsätze ״Der Jude und sein Werk" zu geben: Die Grundform unseres Scludicns liegt im Streben nach Einheit. Am Streben I nach Einheit entzünden sich im Juden die schöpfen- 1 sehen Kräfte. Reiche Phantasie und reifer Verstand, . wcltvcrrückende Lcgcndcnbildung und haarscharfe Logik kämpfen um die Herrschaft in unserer Seele, i Die schöpferischen Juden sind Sieger über diese \ Dualität und schaffen eine grolle Einheit: Monotlicis- ' 111114. I\1״tlu־ism11s 11ml Zionismus. Dabei liegt in der I Jüdischen Psyche ein Wollen des Unmöglichen; darum j glaubt Mathias A c 11 c r in der ״Tragik des iüdi- ן sehen Volkes", hätten wir keinen Sinn für den Nah- , verkehr; wir wollen über Nacht uns oder die Welt oder gar beides zugleich erlösen und darin liegt unserc tragische Schuld. Ich »teilte, die Ursache dieses Wollens des Unmöglichen liegt in unserer Uodenfremdheit, Landlosigkeit; um uns erhalten zu können, mußten wir eine geistige Nation werden, bodenständige Völker kennen Grenzen, weil der Boden Grenzen \ kennt; der Geist hat keine Grenzen. In unserer Seele! schlummern mythische Kräfte. Mythos ist ein Unter-! tauchen im All, ein Sehnen nach dem Ewigen. Dieses Sehnen nach dem Ewigen und unsere Landlosigkeit 1 bewirken, daß wir Unmögliches wollen. Darin liegt unsere tragische Schuld, Ich möchte faßt sagen, unsere irdische Tragik, aber unsere geistige Grüße. Und diese ridlsehe Tragik werden wir überleben. Doch svmitweh7 Qcradc durch unseren Oclst. ״Wie kann man jüdisch schaffen?" fragt A. Coralnik (״Jüdische Probleme"). Die Jüdische Welt- :mschnuung kann vor dem Sturm des Neuen nicht bc- Mehen, man kann Häckci und Micha nicht versöhnen, Nietzsche und Hosca nicht einen. Wie können wir uns nun doch weiter auslcbcn, wie können wir schaffen? Wenn es uns gelingt, das Leben mit der Idee zu versöhnen, zu harmonisieren, dann werden wir die innere Einheit wieder bekommen. ״Aus den Urelementen des Jüdischen Bewußtseins ist das alte Judentum entstanden, aber das Jüdische Bewußtsein ist nicht mehr dasselbe, neue Elemente sind hinzugekommen, die alten haben neue Pärbung erhalten, aus ihnen muß ein neues Judentum hervorgehen.״ Und unser Ziel sei, das Volk der Idee zu sein. Ich *) Jüdischer Almanaeh 5670, hcrausgegeben von der Vereinigung Jüdischer Hochschülcr aus Galizien, ״Bar-Kochba״ In Wien. — Wien 5670 (1910) — Selbstverlag der Vereinigung. — Kommission: Jüdischer Verlag, Köln a. Rh. glaube, cs sollte heißen: zu bleiben; und wir ( bleiben cs, wenn wir ein freies Volk sind. ׳ Wo und wann kann das Jüdische Volk frei wer-! den?" Diese Prago beschäftigt Maxim Anln ln; seinem Aufsätze ״Der jüdische Sozialismus und seine Strömungen" und S. Kaplansky (״Landarbeiterfrage In Palästina"). Beider Antwort ist: Wenn zu Jüdischem Geist vereint mit jüdischem Boden sich der Sozialismus gesellt. Aber bevor wir frei werden, müssen wir schaffen; wir sind heute noch Dämmcrungsmcnschcn, aber wir streben nach Harmonie. Doch auch in der Dämmerzeit müssen wir aucit schaifcn; die Hauptsache ist, daß eine Kultur sei. Qroßes schafft Israel, wenn er zur Einheit strebt Israel, sagt Jehuda Halcvi (D. Neu mark ״Jehuda 1 Halcvis national-philosophische Weltanschauung") ist da, um die Weiteinheit herbeizuführen. ״Israel ist unter den Nationen, wie das Herz unter den Organen des Körpers." Auf sein Land Palästina sind stets die Augen Gottes gerichtet, Jerusalem ist das Zentrum der Erde, der Weit. Dasselbe behaupten die Araber, wie Davis Trictsch’s ,.Jerusalem'* uns lehrt. Es gibt aber Zeiten, In denen unser Geist nicht über die Dualität siegt, sondern zur Dualität strebt; dann wirken wir destruktiv, vernichtend. Zwei Auf- Sätze in diesem neuen, schönen Buche behandeln die Zeit des destruktiven Wirkens: Daniel Pastnan i k' s ״Die Judenassimilation seit Mendelssohn" und Bernfelds ״Abraham Geiger". Mendelssohn und seine Nachfolger haben In der Jüdischen Religion nicht das Streben nach Einheit gesehen, nicht ewige Wahrbeiten, sondern nur gewisse Gesetze, llandlungsweisen, Zcremonialgcsctzc. Diese Entmetaphysicrung des Judentums hat zur völligen Entjudunß geführt. Und wenn man Wissenschaft des Judentums trieb, so war cs denen, die cs taten, nicht Scclcnbcdürfnis; cs sollte für sic nur ein ״Jichuthbricf", ein Beweis sein, daß sic keine Barbaren seien. So wurde ihnen das Judentum nichts mehr als Theologie. Und sic lehnten den Talmud, den Messias und Palästina ab, entfernten das Hebräische und verwarfen den Sabbath. Dies alles hat der Rationalismus verlangt, der Drang, sich ganz nnznpasscn. Aber nicht nur der Rationalismus allein, auch der Mythos schlummert in unserer Seele — und er kam zu Wort durch Moses Heß. Und wieder kam eine Zeit, in der das jüdische Schaffen erwachen sollte, wieder kam über uns das Streben nach Einheit, dessen Ausdruck Hcrzl ist Und auch er kommt im Almanach zu Wort: In seinen Briefen an St and, in einem Briefe Artur Schnitzlers, in Achad-Hanms Artikel und Wengrafs Gedicht. Alle stimmen darin (Hierein, daß er ein großer Schöpfer war: In seiner Psyche schlummerten Rationalismus und Mythos, die vereint Großes, Ewiges schufen. Neben diese» Auseinandersetzungen über jüdisclics Schaffen - und dieser kritische Teil ist sehr gut redigiert — kommt das Schaffen selbst zu Wort. Hier ist manches zu finden, das nicht von Schöpfcrisehen kommt und nicht in den Almanach gehört. So kommt das Jüdische Ringen selbst nicht voll zum Ausdruck. Unser Ringen ist nicht überall dasselbe:!m Westen ist cs das Sich-Hincinlcbcnwolicn ins Jüdischc, im Osten das Aufsaugcn-Wollcn des Europäischen. Und dieser Teil ist wenig vertreten. Aber was gebracht wurde, gehört zu dem Besten, was in der letzten Zeit geschaffen wurde, wie BI a l i k s ״Die Toten der Wüste" In E. Müllers Uebersetzung, A s c h' s ״Knmcvalsnacht" und S c h u c I r s ״Kirsehen", beide von Hugo Zucker mann übersetzt, (der auch mit zwei Gedichten vertreten Ist, die wahre 1 Sccienklängc sind), und Perez' ״Des Backgeigers ן Sch'ma Isrocl" In der Uebertragung von S. 1 Schmitz. Leon Kellners Aphorismen zeigen den Kampf zwischen Rationalismus und Mythos in uns und deuten im letzten Aphorismus an, daß die Zeit kommt, Sn welcher der jüdische Geist über die Dualität siegen wird. Zu erwähnen wären noch ein Märchen der GlUckcl von Hameln In Leo Qoldham mers Uebersetzung, Din ah Hlrszcnbergs schöne Worte über Samuel Hlrszenberg, A. S. Ra b I n 0 w 11 z ״Der Rabbi Im Kerker" (von D. Roth bl um Ins Deutsche übertragen) und N. Sokolows ״Orlcnlbildcr." Die Ausstattung des Buches Ist eine wahrhaft glänzende, für den künstlerischen Wert des Bild schmuckes bürgen die Namen Liebermann, Struck, Neumann und Hlrszenberg. So geht «In Buch In die Welt, das ein Dokument, ein Zeugnis Jüdischen Schaffens Ist Möge es Eingang finden in Jedes jüdische Haus! Ben Jehoschua. M n Bflcher-Besprechungen Fcstgcschlchtcn für die reifere jüdische Jugend von M. Pulvermann. Verlag Alfred Pulvermachcr & Co.. Berlin W. 30. Durch fünf Erzählungen, denen als Motto die Pesttage Rochhaschonoh, Jomkippur, Chanukah, Purim und Pcssach vorgesetzt sind, zieht sich als roter Paden das Motiv, wie ein dem Judentum Abtrünniger oder sonstiger Sünder durch irgend ein wunderbares Ereignis oder einen absonderlichen Zufall wieder reumütig Buße tut. -־ Der Richter Karltow, der als Junge seinen Eltern entlaufen war und von einem Mönche getauft wurde, wird durch eine gebrochene Fensterscheibe an Jugend und Judentum erinnert und stirbt an gebrochenem Herzen. — In der zweiten Erzählung ist es der sträflich hohlköpfigo Assimilant Oanrilow, der wenige Stunden, nachdem er seinen edlen, übcrzcugungstrcucn Freund Mogiow von sich gestoßen, eine heilsame Erschütterung erlebt. — wieso ist schwer zu sagen —, und ain Schlüsse des Jomkippur sich dem Judentum und dem Freunde an den Hals wirft. Nicht minder wundersam ist die dritte Geschichte. — Der ncologe Dr. Julius Lewin erblickt in einem Kaminfeuer die Grabschrift seiner frommen Geliebten, die just zur selben Stunde in der Perne von einem jähen Tode ereilt wird; überzeugt, daß cs mehr Dinge gibt zwischen Himmel und Erde als . . . usw., zündet er fortan alljährlich Jahrzcit- und Clianukaiiliclit gleichzeitig an. Die vierte Erzählung handelt zur Abwechslung von einem Trunkenbold, der entgegen allen wissenschaftlichen Theorien durch den Anblick einer ״galvanischcn Mcgillc", die ihm sein Söhnchcn entgegenstreckt, zuerst eine gefährliche Krankheit und dann vollkommene Nüchternheit erlangt; er hat sogar arn Schluß der Erzählung die Aussicht. Harnes zu werden. - Am meisten Spannung erregt die letzte Geschichte. Ein Jüdischer Gelehrter und ein russischer Polizeikommissär. Führer einer ״schwarzen Bande", treffen sich am ersten Sederabend zufällig im Hause eines alten Paares: sie machen die Entdeckung, daß sie besonders geformte Achatsteine besitzen und infolgcdcsscn Brüder sind, Söhne des alten Ehepaares. Der Leser sicht, der Verfasser verfügt über eine lebhafte Phantasie: nur schade, daß er dem wunderbaren Zufall, dcus ex machina genannt, eine so große Rolle bdimißt. Damit hat er die Klippe, die Umkehr der Sünder durch innere Entwick- I u n g herbeizuführen und die Gefahr des Schcitcrns klüglich umschifft; aber ob er damit die Motive der Denkkraft der jüdischen Jugend angcpnßt hat, scheint mir recht fragwürdig. Er will doch für die reifere Jugend geschrieben haben und nicht für die uurcßcl Der Verfasser hat die Sprache in seiner Qcwalt, aber er sucht auch ohne Worte impressionistisch zu wirken. Unter drei Gedankenstrichen, drei Frage-, drei Ausrufezeichen tut er’s selten! -• Da er aber Begabung zeigt, dürfen wir hoffen, daß er in seinen künftigen Erzählungen (er ist uns den Schowaus und Suckaus noch schuldig geblieben) seine Schwächen abzustreifen sucht, auf impressionistischc Mittelchcn verzichtet, dem ״dcus ex machina" den Laufpaß gibt und etwas mehr Sorgfall auf die innere Handlung legt; dann kann er ein brauchbarer Jugendschriftsteller werden. EmilLcvy. Eingegangene Bücher Sendungen sind nur an die Redaktion der ״Jüdischen RundichnA Charlottcnhurg, nirlhtrciiMr. 40, «11 richten, Ktickscndung k*M nicht ■tatUludntu UU wa * »*«clthnctcn Werk« slndi oetetu zur Besprechung vergeben■ ״Volk und Land״. Sammclbüchcr. speziell gewidmet der philosophisch-gesellschaftlichen Aufklärung und der Kritik des Zionismus im breiten Sinne des Wortes. (Jargon.) Redigiert von M. Schallt Wilna. 1910. Das erste Sammclbuch enthält folgende Aufsätze: 1. Die Berechtigung der Jüdischen Gegensätze voa M. Schallt. 2. Die Zionistische Bewegung von J. Qrünbaum. 3. Der Zionismus und die nationale Idee von Baal- Dimjann. 4. Die Staatsidee im Zionismus von Dr. Josef Lurje. 5. Der Einzelne und das Volk von Dr. Nathan Birnbäum. 6. Der Zionismus und der Jüdische Einzelmensch von Baal-Machschowcs. 7. Jüdischkeit und Judentum von Ben-Adir. 8. Bilu und Am-Aulom. von M. Schallt. 9. In Erwartung von S. Qarclik. 10. Das versäete Körnchen von S. Niger. •4

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