Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach meinen Erfahrungen denkt übrigens aas platte Land gar nicht an Revolution, nur an dem ,iten Empörungsherde Oporto und in Lissabon ist fie emporgclodcrt. anscheinend eine offenkundige Mache der Alliance Israelite." * Hin ulaubliaflcs Dementi Die ungarische Zeitschrift ״Adcverul" vor- , icntlichtc jüngst ein Interview, das einer Ihrer Mit-?:heiter mit Herrn von Kidcrlcn-Wächtcr c.li.ibt haben wollte. Der Minister sollte sich bei d-eser Gelegenheit tadelnd über die im rumänischen I; dustriegesetz enthaltenen Beschränkungen gegen die Juden ausgesprochen haben. Für j.,!c naiven Gemüter, die bei einem Vertreter der deutschen Regierung eine solche Aeußerung für mögi 11 halten, erscheint nunmehr in rumänischen i ntern ein Dementi, welches besagt, dnll die ganze Geschichte eine etwas spätgeborene Hundstags• rate ist. :.,us st and Hin Dokument der Zeit 111 der russischen Zeitung ״Pottawskij Üolos“ 1>: vor einigen Tagen das folgende Inserat erschienen; ..Ich bin bereit, für drei christliche Schüler, d:e ein Zeugnis von drei oder vier Klassen eines Staatsgymnasimus besitzen und in einem Uymnasium im Poltawcr Gonvernement Aufnahme linden, ein volles Jahr hindurch das Schulgeld zu bezahlen. Anfragen sind zu richten an Baar’s Magazin etc." Aus dieser Annonce schreit der ganze Jammer der Schwarz’schcn Untcrrichtspohuk gegen die russtsehen Juden. Dieser Jude haar ist sicherlich der Vater eines Gymnasiasten, der in keinem Gymnasium Aufnahme gefunden, weil er im Verhältnis der den Juden zugebilligtcn Perzentnorm in den russischen Mittelschulen bereits überzählig erscheint. Herr Haar ist nun gezwungen —wenn sein Kind nicht sein Studitim oder seine Religion aufgeben soll — für drei christliche Schüler das teuere Schulgeld zu bezahlen, um auf diese Weise entsprechend der Perzentnorm wieder für einen jüdischen Studenten, in diesem Falle für seinen Sohn. Platz zu schaffen. * Wofür jüdisches Geld vom russischen Sluat verwende! wird Unser Petersburger Korrespondent schreibt uns: In einer dieser Tage stattgehabten Sitzung der parlamentarischen, IJutlgct-Subkchtmisslon, die sich mit der Prüfung des Etats für das Ministerium des Innern befallt, wurde auch die Frage der jüdischen ..Korobka“ (Licht- und Flcischsteucr) berührt. Der .sozialdemokratische Abgeordnete Beloussow wies darauf hin, dali im genannten Etat für das Jahr 1911 aic Verwendung von jüdischen Korobkagcldcrn für Polizei/.wecke offiziell bestätigt und ganz offen als staatliche ••Einnahme" bezeichnet werde. Es heiße darin: 2900 Rubel von der Korobka in üclozcrkow für die Unterhaltung von 20 Polizisten daselbst: 1730 Rbl. \«n der Korobka in Fastow für den Unterhalt von 9 Polizisten daselbst; 120 Rubel von der Korobka in Patik für einen Polizeidiener; 2000 Rubel von der Korobka ln Smelc für 11 Polizisten; 720 Rubel von der Korobka in Jckatcrinoslaw für einen PoUxcibcamtcn l!sW. usw. Beloussow wandte sich darauf an den Abgeord-!tuen Gololobow mit den Worten: ״Als ich im vori• g'.u Jahre in der Duma bemerkte, daß jüdische Gel* ihr filr Polizcizwcckc verwendet wurden, da riefen Sie zu: ״Falsch!“ Was sagen Sic nun jetzt dazu? Wer von uns hat damals eine Unwahrheit behauptet? ti lolobow geriet sichtlich in Verlegenheit und erwiderte: ״Wahrscheinlich haben dio Juden selbst die Administration ersucht, Korobkagelder für Polizeizwecke auszugeben, um sic vor Pogromen zu Hlmtzcn." Worauf Beloussow antwortete: ״Die Regierung ist selbst verpflichtet, alle Bürger zu beschützen, und darf daher keine speziellen Fonds für Polizcizwcckc verwenden." Die Kommission beschloß darauf, eine Anfrage :m das Ministerium zu richten, auf Grund welcher gesetzlichen Bestimmung Korobkagelder für Polizeizwecke verwendet werden. Auch die Etats anderer Ministerien enthalten ein spezielles ״jüdisches Budget“. So wefst der Etat des ßildiingsministeriums über eine halbe Million Mark von Korobkagcldcrn auf,' die nur zum Teil für jüdische Scliulzwcckc bestimmt ist. Ein Teil der jüdischen Gelder dient zum Unterhalt allgemeiner Schulen, — jener Anstalten, in denen die Juden nur nach der famosen Proz.cntnorm und unter den größten Schwierigkeiten Aufnahme finden können!" Die Juden selbst sind verdammenswert — ihr Geld bildet aber für die Zarenregiernng ein höchst begehrenswertes Objekt. Kroatien Christlich soziale Juden Was so in Österreich alles möglich ist, das glaubt man außerhalb dieses seltsamen Landes nicht immer. Nun höre man. was von zuverlässiger Seite aus Agram berichtet wird: ״Hier fand eine von der christlich*sozialcn Partei cinberulene jüdische Wählerver- .Sammlung statt. Universitätsprofessor Milo, v a r erörterte das Programm der christlichsozialen Rechtspartei, die in Ihrer Tätigkeit auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete von christlich-sozialen Prinzipien geleitet werde, jedoch auch n i c h t k a t h 01 i s c h c Kroaten k c i n esw c g s a 11 s s e 111 i c it c. Hierauf sprachen Dr. K o h 11 und einige andere jüdische W ä h - ler, die erklärten, bei den bevorstehenden Wahlen für die Kandidaten der Christlich- Sozialen stimmen zu w 0II c n. Es verlautet, daß die Christlich*Sozialcn auch einen Juden kandidieren werden, um die jüdischen Stimmen, die in manchen Bezirken ausschlaggebend sind, für sich zu gewinnen." Wir geben ohne weiteres zu, die besonderen politischen Verhältnisse in Agram nicht zu kennen, aber auch die genaueste Kenntnis würde uns wahrscheiulich nicht begreifen lassen, wie cs möglich ist. daß Juden sich als Stimmvieh für eine rein antisemitische Partei gebrauchen lassen. Audi die jüdische Sclbstcntwiirdigung muß doch schließlich eine Orenze haben. Selbst in Osterreich, wo man ja mancherlei gewöhnt ist! Frankreich Jaures über den Zionismus Gelegentlich seiner Anwesenheit in Berlin empfing der bekannte französische Sozialistcnführcr Jean Jaures einen Vertreter der in Warschau erscheinenden jüdischen Tageszeitung ״Unser Leben" und äußerte sich ihm gegenüber in bemerkenswerter Weise über seine Stellung zur Judcnfragc. Ueber die Bildung einer jüdischen Sektion in der Internationale führte Jaures aus: ״In den Kreisen der jüdischen Arbeiter in Paris, unter den Zionistcn-Snziulistcn des Pariser jüdischen Ghetto kennt man genau meine persönliche Stellung zu dieser Frage. Von ganzem Herzen wünsche ich die Ancr• kennung dieser Sektion und ich hoffe, daß cs schließ lieh dazu kommen werde und daß auch unsere ״eigen willigen Genossen", die sich zumeist unter den deutschen und österreichischen Sozialisten befinden, ihre Zustimmung dazu geben werden . . . Wenn Sie die letzten Sitzungen unseres Kon• grosses verfolgt haben, werden Sic wohl bemerkt haben, daß die nationalen Gefühle bei uns eine wichtige Rolle zu spielen beginnen. Sic wissen ja, daß cs mein Bestreben Ist, diese Empfindungen im Proletariat zu erhalten . . ." Wie denken Sic über den Zionismus im allgc• meinen? Mit dem Zionismus bin ich nur vom Hörensagen bekannt. Ich habe diese Frage sehr wenig studiert. Ich kann deshalb keine Meinung darüber äußern, ob der Zionismus ein Ideal ist, das realisiert werden kann oder nicht. Ich habe mich damit nicht besonders befaßt. Wenn Sic aber vom Prinzip sprechen, — was soll ich Ihnen darauf erwidern? . . . Meiner Meinung nach muß einer Be• frclung des Proletariats die Befreiung aller unter• drückten Völker vorausgehen. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Solange cs noch Völkernot gibt, sind wir nocli sehr weit entfernt von unserem Ziel; vor allem muß jedes Volk frei sein. Ich spreche dabei auch vom jüdischen Volk, das sich in großen Massen in verschiedenen Ländern befindet. Aber bei uns in Frankreich, z. B., wo die Juden eine so ver׳ schwindende Minorität bilden — da ist cs verständ lieh, daß diese nicht zionistisch sind. Der Antisemitismus Ist bei uns nicht mehr als eine politische Fahne; im Leben existiert er aber nicht. Dip Iran• zösischcn Juden leben ganz gut, man könnte sogar sagen glücklich — Herr Jaurös scheint die Dreyfus-Affäre, die sich doch ״im Leben" absplcltc, schon ganz vergessen zu haben. Außer dieser kleinen Nachhilfe für sein Oedächtnis wollen wir noch Herrn Jaurös angelegcntliehst raten, das von ihm Versäumte nachzuholcn und sich mit einer sozial und kulturell so bedeutsamen Bewegung, wie der zionistischen, etwas mehr zu be* fassen. Sein Verständnis für nationale Empfindungen müßte ihn dazu besonders veranlassen. England Die Fredlfll eines cnßllschen Pastors Rcv. R. J. Campbell ist einer der populärsten Pastoren in London, der anscheinend seinen Beruf ernster aufiallt, als man vielleicht aus der etwas theatralischen ״Aufmachung" seiner Kirche schließen könnte. Der überaus freisinnige Geistliche, der sich gelegentlich Dir Sozialismus, Frauenstimmrecht und sonstige fortschrittliche Bewegungen ins Zeug legt, hat mm neulich auch den Juden einige Worte gespendet, wie sic in Deutschland wahrscheinlich un* möglich wären, aber auch in England selten sind. Als lest hatte Rcv. Campbell die Worte aus dem Propheten Zachariali genommen: ״Wahrlich, so spricht der Herr Zebaoth, in jenen Tagen wird cs geschehen, daß zehn Mann aus allen Sprachen der Volker einen jüdischen Mann beim Rockzipfel fassen und zu ihm sprechen werden: ״Wir wollen mit du־ gehen, denn wir haben gehört, daß Gott mit dir ist“. (Zach. VII, 23.) 1111 Verlauf seiner Predigt führte er dann etwa folgendes aus: Es liegt mehr als Rassestoiz in dieser Propltczeiung, und das Wunderbare ist. daß sie sich in gewisscr Weise erfüllt hat, wenn auch nicht so, wie sie der Prophet gemeint hat. ln gewisser Weise sind die Juden das wunderbarste Volk der Erde, und ihre Religion hat sie dazu gemacht. Was gibt diesem winzigen Volke unter allen semitischen Völkern die Beharrlichkeit, sich als Nation Jahrhunderte hindurch zu bewahren, obwohl cs 2500 Jahre hindurch in politischer Abhängigkeit und nahezu 1900 Jahre ohne in Land lebt, das es sein eigenes nennen kann? Was anders, als daß Gott selbst es zum geistigen Vermittler zwischen sich und der Menschheit erwählt hat? Seine Nationalität und seine Religion sind von einander untrennbar; Jude sein heißt nicht nur ein Nachkommen Abrahams sein, cs bedeutet ein Fest• halten an dem Glauben Moses und der Propheten. Von keinem anderen Volke in der Geschichte kann mau dasselbe sagen. Ein Engländer braucht nicht zugleich Mitglied der englischen Kirche zu sein; aber der Name Jude umfaßt Religion und Nationalität zugleich. Dies ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Es gab in alten Zeiten weit mächtige re semitische Nationen als die Juden es sind, die durch Blut und Sprache ihnen verwandt waren und politisch eine weit größere Rolle spielten. Wo sirid sic? Was ist aus den Söhnen des großen Assyrers geworden? Wer spricht heute von den alten Kanaanitern? Was ist tms von den Phöniziern und Karthagern geblieben, die einstmals die Herrscher der Kultur zu werden drohten? Alle diese Nationen haben sich mit anderen Völkern vermischt und jede Erinnerung an ihren Ur- Sprung verloren. Anders die Juden. Sic bestehen noch, und cs ist ihre Religion, die sie bestehen läßt; ohne sie wären auch sic vergessen, denn sie ist das• ienige, wodurch die Juden auf die Geschichte der Menschheit Einfluß hatten. Jerusalem gehört den Türken, ihr Tempel ist zerstört, ihr alter Olanz er* loschen, ihr Volk über den Erdball verstreut. Was Zacharia und seine Zeitgenossen erhofften, ist utier• füllt geblieben, die Nationen pilgern nicht auf den Berg Zion. Israel ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Aber in einem anderen Sinne, und vielleicht in dem Sinne, in dem sic hauptsächlich gemeint waren, haben sich die Worte des Propheten erfüllt. Die Quelle, von der aus der durstigen Welt alle Wasser zuge- Bossen sind, ist die jüdische Quelle. Das Heil kommt von den Juden. Jesus war ein Jude; keine andere Nation hätte ihn hervorbringen können. Das Christentum hat die Juden verachtet, cs hat sie verfolgt tmd unterdrückt, aber die Zelt wird kommen, in der das Judentum erkannt und verehrt werden wird als der Vaterstamm des Christentums." Wenn wir auch Rcv. Camphclls Auffassung nicht in allen Punkten zu teilen vermögen, so empfinden wir seine Worte doch als wohltuend, zumal in den Tagen des ״allcrchristlichsten" russischen Barbarentums. Unter worden, die und A. Beil in dem Namen Jbriah" ist in London eine neue Verlagsbuchhandlung ins Leben gerufen von den Herren Dr. S. M. M e I a m c d geleitet wird. Der neue Verlag will moderne jüdische Schriften in den europäischen Hauptsprachen sowie im Hebräischen und Jargon herausgeben und verbreiten. Jungen, aufstrebenden Talenten soll durch den Verlag die Möglichkeit geboten werden, mit ihrer literarischen Produktion in die Oeffentlichkeit zu treten und ihre Fähigkeiten weiter zu entwickeln.