Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 42. IUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 451. ,1 Serums die Empfindlichkeit gegenüber subkutantcr f Injektion zu vermeiden, sind die Hcllresultate au( [ t.<) Prozent aller Fülle gestiegen. Marmorek schloß, 1 daß sein Serum unbedingt unschädlich und imstande | *ei, selbst schwere Tuberkuloscfüllc zu heilen. An 1 diesen Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, 1 .,״ der Arloing und Tcifslcr aus Lyon. Rönon aus [:!».tris tcilnalnncn. Das Ergebnis der Debatte war, 1 daß die französischen Aerzte von der Notwendigkeit I einer spezifischen Behandlung der Tuberkulose über* ■ /engt sind, und daß Marinorcks Serum als ein aus* | gezeichnetes spezifisches Mittel anzu* ■ }eben ist. | Die Aussichten des jüdischen 9 Kaufmanns in Palästina ן Bisher sind vorzugsweise in der zionistischen B Presse die Aussichten einerseits des Proletariats als I l :.ndarbeiter usw., andererseits die des Oroßkapitais i A gründende und fiuancicrendc Kraft behandelt ־' ן arden. Aus dem erklärlichen Grunde, weil Pa* i 1 ־־tina in erster Linie dazu berufen erscheint, die i I ligration des unter politischem und sozialem ן I rucke lebenden jüdischen Proletariats aufzunchmcn,; י\ .'bei das Großkapital durch Begründung von heirni* > s acn Industrien, Kreditanstalten, Pinancicrung der i pAiiossenschaftcn, Hilfe bei Schaffung neuer Absatz* ן gebiete werktätige und auch für sich selbst rentable t Unterstützung leisten soll. Hier soll eine andere Frage erörtert werden. Es u;!tt eine große Anzahl junger zionistischer Kauflcutc, die ehrliches Interesse für Palästina haben. Für diese | 1't es ungemein wichtig, zu erfahren, ob ihre Liebe ■> /um Lande unserer Zukunft stets nur eine platonische!•leiben soll, oder ob nicht die Möglichkeit für sie «! .stellt, ohne bedeutendes Kapital Stellungen ir. 1' Palästina zu finden, die ihren Berufskenntnissen ent- י sprechen, vielleicht auch gar 4׳nc selbständige . irtsehaftiiehe Position zu erlangen. Bei Beantwortung dieser Frage müssen wir uns \״r Augen halten, daß Palästina augenblicklich —; und wohl noch fiir eine Reihe von Jahren — fast ausschließlich Agrarland ist. während die Industrie! noch gänzlich unentwickelt ist. Es bestände also zunächst die Möglichkeit für junge Kauflcutc, die im Getreide*. Frucht-, Woll* und Wcinltandcl Erfahrung und Branchekenntnis besitzen, Beschäftigung zu finden. Schwierig wäre cs allerdings, eine aussichtsreiche abhängige Stellung zu erlangen, da die Zahl der kaufmännisch organisierten Betriebe, die mit durchgebildctcn Angestellten arbeiten, noch gering ist, desto mehr Chancen dürfte aber der selbständig und doch mit beschränktem Risiko arbeitende Kornmissionär haben. Jungen, tüchtigen Fachleuten, die einige Geschäftsverbindungen von Europa her bcsitzen, dürfte cs nicht allzu schwer fallen, für Artikel wie Häute. Wein, Kognak, Ocl neue Absatzgebiete » zu erschließen, d, 11. größere europäische rinnen mit j bedeutendem Umsatz. die palästinische Artikel bisher noch nicht gciiihrt haben, zur probeweisen Abnahme zu veranlassen. Da eine große Anzahl der palästinischen Export* .irtikel der oben geschilderten Art einen Vergleich mit absolut nicht billigeren amerikanischen oder französischen Produkten nicht zu scheuen haben, würde der erste Versuch vielfach zur vollen Zufriedenheit ausfallcn und einen regelmäßigen Geschüftsvcrkchr eröffnen. Der Kommissions• und Ex* porthandcl in europäisch geschulten Händen ist ganz bedeutend erweiterungsfähig und wächst natürlich schon jetzt infolge der sich stetig vermehrenden Produktivitüt des Landes von Jahr zu Jahr. Dürfte auf der einen Seite der Beruf des Kommissionärs und Exporteurs sehr lohnend sein, so wäre auch für den Importeur ein weites Tätigkeitsfeld gegeben. Der Umstand, daß das Land mangels einer eigentlichen Industrie in den meisten Bedarfs- und allen Luxusartikcln auf das Ausland angewiesen ist, daß ferner der Import Palästinas sich in den letzten Jahren verdoppelt hat (1902—1908) und in ständiger Aufwärtscntwicklung seitdem begriffen ist, läßt nur günstige Schlüsse zu. Allerdings ist der Einfuhrzoll ein recht hoher (11 Prozent), auch die Entfernung von Europa ist groß, die Transportkosten daher bcträclulich. Jedoch nimmt die Einwanderung europäischcr Elemente, die das Bedürfnis nach europüischer Kultur und europäischen Kulturcrzcugnisscn mltbringcu, iähriieh in nicht unbedeutendem Maße zu. Der Wohlstand des Landes, speziell der bäuerischen Bevölkerung, ist jetzt, nachdem die äußerst ungünstigen Steuersätze der alten türkischen Agrargesetzgebung außer Kraft getreten sind, naturgemäß im Steigen begriffen. Der Bauer arbeitet nicht mehr wie bisher fast ausschließlich für die Tusche der Regierung und ihrer Subjekte, es werden Gelder frei für Gebrauchs- und Luxusartikel, filr die früher keine Mittel vorhanden waren. Da, wie vorhin er* wähnt, diese Artikel wohl ausnahmslos vom Auslande bezogen werden müssen, eröffnen sich dem geschickten Importeur hier neue Chancen. — Und bei anderen Artikeln, die bisher im Lande noch keinen Eingang gefunden haben, die aber gegebenenfalls eine Zukunft in Palästina haben könnten, muß eben vom Importeur die Methode angewandt werden, die unter diesen Umständen die einzig mögliche und in adäquaten Fällen erprobte ist; er muß verstehen, das Bedürfnis für diese Artikel bei der Bcvölkerung zu wecken, ihr Mißtrauen gegen Ncucrungen zu zerstreuen und sich in Form und Gestalt dem immerhin noch naiven Geschmack der Bevölkerung möglichst anpassen. Alles in allem ist cs evident, daß jeder junge, sprachkundige Importeur mit weitem Blick, Dispositonsgabc und Kombinationstalcnt — natürlich auch mit einer Summe Kapitals, die indes durchaus nicht die Hölic der Summe zu erreichen brauchte, die er in Europa zur Etablierung benötigen würde, die günstigsten 'Aussichten haben könnte. Audi auf industriellem Gebiete liegen die Dinge wohl günstiger als allgemein angenommen wird. Wenn cs auch an sich richtig sein mag. daß cs noch eine längere Reihe von Jahren dauern wird und dauern muß, bis sich der Uebergang Palästinas vom reinen Agrarland zu einem Gemeinwesen vollziehen wird, das wenigstens einen Teil seiner hauptsäch- Heilsten Bedürfnisse durch eigene Industrie zu decken imstande ist, so ist damit keinesfalls gesagt, daß jetzt irgendwelche größere oder kleinere industrielle Unternehmungen durchweg an der Ungunst der Ver* liültnissc scheitern müßten. Vielmehr dürfte gerade der jetzige Zeitpunkt für kleinere industrielle Unternclmtcr mit weniger großem Kapital ausnahmslos günstig sein. In fast allen industriellen Zweigen, die überhaupt nach Maßgabe der Naturkräftc des Landes einerseits und der Bedürfnisse der Bevölkerung Paiästinas und seiner Absatzgebiete andererseits in Betracht kommen können, wären sic die ersten am Platz, brauchten nicht zu fürchten, wie in europäischcn Ländern von der kapitalkräftigeren Konkurrenz erdrückt zu werden, haben nicht nötig zu unterbieten, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Die erste Entwicklung könnte deshalb in ruhigen, normalen und gesicherten Bahnen verlaufen. Auch das ideelle Moment, das Bewußtsein, der Pionier der Industrie in einem zukunftsreichen Lande zu sein, das hier hinzutritt, ist in seinen moralischen Folgen nicht zu unterschätzen und dürfte dazu beitrugen, die Leistungen der jungen Kauilcutc, die sich auf das soeben beregte Gebiet werfen würden, auf das Menschenmögliche hinaufzuschruubcn. Es soll hier nicht von den großen industriellen Projekten die Rede sein, die in den nächsten Jahren ihrer Verwirklichung harren, Projekte auf dem Gebiete der Eiektrizitäts- und Tciephonindustric, auf den! der Bautätigkeit (Hafenbau usw.), das alles sind Objekto von einer Größe, die allein schon verbietet, daß ein Privatmann sie in Angriff nehme, sie sind Sache der Konsortien und Aktiengesellschaften. Aber die Klein- und Hausindustrie, Fabrikbetriebe von mäßigem Umfang, das sind Objekte, an die ein intelligenter junger Kaufmann herantreten könnte. Welcher Mißstand ist cs beispielsweise, daß Palästina keine Lcdergcrbcrcien besitzt, vielmehr genötigt ist, ofr sein eigenes Leder gegerbt vom Auslände zurückzu• beziehen. Hier und in verwandten Betrieben ist ein weites Tätigkeitsfeld offen. Es wäre sehr wünschenswert, wenn exakte Kenner des Landes und seiner Verhältnisse an dieser Stelle das von mir nur in groben Umrissen mehr angedeutete als erschöpfte Thema ausführlich behandeln würden. Dies würde vielleicht dazu beitragen, das Lebensschiff einer Anzahl geeigneter und tatkräftiger junger Menschen in die richtige Bahn zu lenken und ferner würde es zeigen, daß auch dem jungen Kautmann die Möglichkeit geboten ist, gleich dem Landwirt an der Hebung Palästinas tatkräftig mitzuarbeiten — und damit auch an der Lösung der Judenfrage. Und so wird die Judenfragc wirklich vielleicht nicht nur mit dem Pfluge und der Sichel gelöst werden, sondern auch mit Maß und Elle, mit ״Soll und Haben". Hans Goslar. Der brave Mann Den Berliner jüdischen Wählern erzählt von Georg Hecht-Leipzig. Eine Geschichte, eine wahre und einfache Geschichte will ich erzählen. Und wer am Ende den Kopf schüttelt und mich bedauert, daß ich mich verwundere, oder sich wundert, daß ich mich nicht entrüste, der möge doch bedenken, daß ich ein Märchen aus der Zeit erzähle. Und also geht meine Geschichte an: Der große Rabbi Löw drückt ihn an sein Herz, wie ein krankes Kind, umarmt ihn, sfreicheR ab und zu seine Haare und seine Stirn tmd kläffet sic. Wie eine bleischwere Herbststimmung liegt <J:e stumme Einsamkeit auf Berg und Tal. Gelbe Blätter fallen ah und zu von den Bäumen zur I'ide. Dazwischen weht ein heftiger Wind und schwere trübe Regentropfen *tür7»*.n zur Erde »״'C ei. Und es scheint, daß alles schon zu Ende ßcht und abstirbt, und daß das Ende des Sotnj nurs, das Ende der Menschheit, das Ende des Lebens gekommen sei. Schwermütig und gej drückt ist die Stimmung ringsum tmd schwer « und gedrückt ist das Herz im Menschen. Ganz oben im Geäst eines Baumes hockt ein Rabe, und er flieht auf das Dach und ruft mit krächzender Stitnmc: Kra, kra! Wie einen Kranken hütet und pflegt er ihn, beugt sich von Zeit zu Zeit zu ihm herab und blickt ihm in die Augen. Wenn er zu ihm etwas spricht, so klingt 5eine Stimme weich und angenehm. Mit zart* liehen Worten, die fein wie ein Scidengewebe gespönnen sind, drückt er seine Gefühle und Gedanken aus. —■ Und du, mein Sohn, — sagt er — sieh, es gibt Menschen die das Leben bezwingt und sic können seiner nicht Herr werden. Es kommen die heftigen Begierden, und wir wissen genau, was sie bedeuten und wohin sie den Menschen führen, doch wir besitzen nicht die Kraft, sic zu unterdrücken. Zum Beispiel ־. Einen Jüngling faßt die Leidenschaft zu einem Mädchen. Ich weiß — man nennt das Liebe. Der Mensch wird ganz von seiner Leidenschaft beherrscht und fühlt sich glücklich ־־־ so ist das Leben. Dieser Mensch ist unfähig, an das Ewig- Unvergängliche zu denken, er lebt nur so in den Tag hinein. Doch eines wundert mich sehr: Wie ist cs anders möglich, als daß solch ein Mensch einmal also denken muß: Es ist richtig, daß dieser junge Leib jetzt schön und mir so teuer ist, daß ich um seinetwillen auf alles Höhere verzichten kann. Doch wie wird sich die Sache nach zwanzig oder dreißig Jahren gestalten? Dieselben Wangen, die jetzt so blühend sind, werden gelb und verfallen sein! Dieselben Augen, die jetzt so leuchten, werden trübe und halb blind sein, dieselben Zähne, die jetzt so weiß blinken, werden gelb oder ganz faul sein. Und ist es darum richtig, für eine Schönheit von Minuten oder Stunden oder Tagen, alles, was einen Ewigkeitswert besitzt, und unveränderlich besteht, zu opfern? Jetzt befriedige ich meine Leidenschaft, und mir ist einen Augenblick ganz wohl zumute. Doch nach diesem Moment, wenn ich wieder nüchtern bin, faßt mich Verzweiflunp und erfüllt meine Seele mit Abscheu und Ekel so daß ich mir ins Antlitz speien könnte. Uni darum frage ich nur eins: Wie kann ein Mensel nur solche Träume hegen? Wie einen Kranken pflegt er ihn, drückt ihi ans Herz, und seine Worte sind weich wie Seide Und der Golem sitzt in einer Ecke mi bleichem Antlitz und seine Glieder zittern. Tiefe, hoffnungslose Trauer liegt auf de Umgegend. Es scheint, daß mit diesem Herbst das Ende fiir alle Lebewesen kommen solle. Alle ringsum ist elend, müde und freudlos. Was nütz das Leben? Was gibt es und könnte es geben wenn es auch gut wäre? Was ist uns die Minut nach dem Genüsse des Schönen? Was da Schöne selbst? Wohl dem, der seinen Schade an einem Steine zertrümmert! Der Golem fühlt, daß jedes Wort wahr um richtig wie eine himmlische Offenbarung is! Herr der Welt! Wie konnte er dies alles bi heute nicht verstehen? Wie konnte er nur ein Minute anders denken? Am Abend, als alles bereits schläft, geht de Golem noch lange in seiner Stube auf und ak Und sein Gehirn ist voll von diesen Gedanke! Doch zur bestimmten Stunde begibt er sic s