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Jüdische Rundschau · 1910-10-21 · Heft 42 (21.10.1910) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 452. llü Iclilc einmal in einem!!rollen Land, und in cjncr!!rollen Stadl darin unter vielen, vielen Mensehen ein Mann. Per w.ir sehr zu bedauern; dem» er war ein Jude. Pas lieillt, er war eigentlich nur ein Gelehrter und Professor, und da hat man, wie he* Kaimt, keine Zeit, Jude zu sein. So wurde er mosnisch, was l.mge nicht so iinbemiem und störend ist. Aber vier tlelehrte und Professor war ein braver und iilier/.eiimiiiKstüehiiüer Mann, so dait er. als er schon lan!!e Jahre mosaisch war, ohne dall es ihm viel uescii.nlet liiitte, der Meiiuiu!! ward, die g.utze Well müsse mosaisch werden. Kigentlich aber ist diese Meinung nicht!!auz allein die Schuld des Gclehrten und Professor; denn er war, wie die Cliro- Jiiki'11 beweisen, in dieser Jliusiclit erblich belastet, und dies in einem nicht gewöhnlichen Malle . Aber uhsehon er ein wirklicher Uclekrter War und in den Wissenschaften sieh eifrig in seiner Art betätigte, N0rzu!!liel1 aber in zweien, und /,war so, dall die!ihrigen Üclehrten ihm fcwcits mir in der andren Wissenschaft, von der sie selbst nichts wallten, eine Iktlentun« z.uerkanmen, entstanden un• serni Geleinten und Professor und seiner inosaiselien Ueherzcugiing viele Gegner und Feinde, wie das in unserer bösen Welt immer so zu!!esehelicn pflegt, in der der Widerspruch nicht ansstirbt. Paroli aber ergrimmte des Professors wissensehaftliehes Gemüt; er setz.te sich hin• und schrieb ein dickes llucli von J!U (!rollen Selten. Und daraus will ich einiges initteileu, zu Nutz, und Proumien jedem Mann und Weib. So aber schreibt der gelehrte Pro* fcssor in seinem buch: ״Da ich, wenn auch von Hause aus Historiker, doch der politischen aullereti Geschichte mich immer mehr entfremdet hatte, in der hebräisch ccschric- Lenen l.iterainr der Jmlen aber keine ausreichende Kenntnis iiesall, so inulltc ich als das eigentliche Gcbict meiner Theinata den Zusammenbau!! •/.wischen Juden mul deutscher Literatur wählen." Nachdem er t'cstgestcllt hat, dall diese Themata bei vier Pulle des Stoffs keineswegs!!leiclt erscimpit sein durften, warnt er vor Uchcrtrcihiimtcn, die auch auf jüdischer Seite dabei Vorkommen. ״liier ist ein Dreifaches /imick/uwciscu: I. vier polemische iiörgcliule Ton, das Abspreehen gegenüber den Leistungen Andersgläubiger, das witzelnd :spöttische, das man mit Unrecht als eine l'loll jnvlisehe!,.igeniiuuliclikeit bez.eiclinet. 2. Pie Ueberliebmi!! der eiücnen, d. 11■ der jiivhseheu l .cisttingeii. .1. Pie 11 her «rolle jüdische llmpimd־ lichkeit. Man mul» nicht «leich Zeter schreien, nlivr jedes Hild mul jeden «uten oder sclileeliteii Wit/ unserer luuiiorisiisclicn Hlättcr. Ich kann recht wohl her/lieli lachen aber einen Scher/, vier den ..T'aiiulicma« der Tamiiie Culm" in Wort und Hild (latstelltc. olme dal» ich darüber erröte oder mich entrüste.'* Pies ist «an/, der Herr Professor, dem seine umsaische Ueberzcuguiig «ar nichts schadet; der gelehrte Mann hat nichts vergesse», so«ar sein östlich, selies Lminindvii errötet nicht im ״Pniuilicntu«". Doch erkennt er in seiner wissenschaftlichen Gründlichkeit bedenken, die in der Ikliandltin« seiner Themata lic!!cn: _1ur:חisci-ie Rundschau_ ׳ .mich malmte ein älterer . , . Freund ab. j diese Studien fortz.usei7.cn. . . Kr meinte, man i müsse die J11vlcnfra«c als nichts anders behandeln•! deim ״als eine allgemeine Pra«c der Humanität, j vier l)hr«eriiehe11 Uercehti«keit“. Man dürfe über- I liaupt keine Judeufra«e anerkennen. Was ich daj mals antworlele und seitdem öfters genug auszu- führen in der Luge war, kam! ich auch heute mir wiederholen: ich konstatiere keine Jndenfra«e, j sondern ich statuiere ein vülker!!esehichtliches j Problciii. Denn es ist ein Völker « e s e 11 i e 111 | liebes Problem, den Gan« einer ü l a u b c u s - | « c me ins c baft durch die Jahrhunderte, durch ׳ die Geschichte eines u rs prim «lieh frei!!- 11 ן e n Volkes zu verfol«c1t, zu zei«en, wie die Mit- «licder dieser Glauhens«emei11schaft sieh mit den An«eltöri«en des Volkes assimilierten" . . . usw. , t'ml so weiter. I.eider vcrnacltlässi«t sieh hier j ein wenig die wissenschaftliche l'.rkenntnis unseres ■ Gelehrten mul Professors, was ich, auch wenn ich sonst nur loben wollte, doch tadeln inüfltc; denn «ar zu wesentlich ist doch der IJcschcid des älteren I Prenndcs, obselmn vielleicht manche zweifeln, ob er überhaupt noch!!eautwortet. Wie dem auch sei, die ׳ (irmidliehkeit des Gelehrten kommt bald wieder zu- ta«e: denn er untersucht die Pra«e. ob er auch der! «cei«11etc Mann für diese Studien wäre. Nach ja- ' ristiseher Praxis erklärt er sieh selbst sofort fiir 1 ״nicht befau«en". Denn j ״wir deutsche Gelehrte jüdischen Glaubens haben stets unsere L.hre und unseren Stolz, darin «efuu־ [ den, voll und «anz (!!) in unserer Sprechweise, in j unserer Kultur, in unserem Denken und Pulilcn. I in unserer Art zu arbeiten, Heuische zu sein .... j Ich darf Hunderte und Tausende zu Zeugen anj rufen dafür, d .1 )1 sie nicht d ur c 11 ein Wor 1 i vl a r a 11 e r i 11 n e r t w 11 r 11 u 11, d a II i e 11 e i n | I!1 d e s e i, sondern nur den P.iudruck hatten, einen j deutschen Gelehrten zu hören. . . Ich beklage die j zahlreichen Romane, Gedichte und Dramen, die in J neuerer Zeit von deutschen Juden veröffentlicht J worden sind, alle von dein Streben erfüllt, ein 1 neues Ghetto zu errichten, viel drückender als das; alte, '\ei| es ein selbslgescliaiieiies ist, und w eil; e s nicht «I i e j e 11 i« e 11 z u ruck vl a 111 in t, » vl I e durch Kleidung, Sprache und Ge-; s i t ui n « sich von i 11 r c 11 Stadlti 11 ü : Land genossen unterscheiden, sondern v ׳.il es die vlureli die gesamte Kultur Geeinten, ( tun־ vlureli den Glauben Getrennten gänzlich von | einander zu scheiden sucht. Niehl Antisemitismus mul Zionismus, diese beiden traurigen Schum• roi/erpflanzen des ausgehende» 19. und vles begiumilden 211. Jahrhunderts, könne» in nur die Geber- ן zeiigmi« »leb! vernichten, dal! der vleutsclie tie- 1 lehrte und Schriftsteller jüdischen Glaubens voll I und ganz (!!) in Sprache und Gesinnung ein Deut- J scher ist, wohl berechtigt und befähigt, die Juden j in vier deutschen Literatur zu betrachten." | So schrieb unser Gelehrter und Professor und; bewies, dal; er in der deutschen Sprechweise nicht j )»ehr in.insdielte. da er sich von den Leuten mit an-; vierer Kleidung, Sprache mul Gesittung unterscheide.! Kr lebte aber, wie ich schon sagte, in einem 1 grollen Land, und in einer grollen Stadt darin unter No. 42. vielen, vielen Menschen als ein Mann und war ge• | nannt - Ludwig Geiger.*) 1 Kr gciK'l» der Achtung seiner Sippe, die m\!hm | ״voll*und ganz," als Deutsche mauselicitcn. ״m! זז! ward ihr Kopf ■•־ ich sage: ihr Kopf, ich sage: ihr 1 Haupt, ich sage: ihr Geist und ihre Seele. * Und diese Männchen wollen die Hüter jcn ׳ lorcn Israels sein. Jahresbericht der zionistischen Ortsgruppe Hamburg-AUonu Der iliesj ihrige Jahresbericht erstreckt uh 4«j IL Jahre, uaclr.lem die (ieneralversaimn: g VuW I. April!9(« den Ikgum des Uescl1äft»1..1 <.,1,׳lUi• Oktober verlegt hat. Die Arbeiten der <); -•-.:nijtpc wurden durch die Vorbereitungen und ' .c)1w!r. kungen des IX. Zioiilstenkoiigresscs beherrscht, der vom 20. bis .10. Ikv.emb;׳«» m Hamburg stattf.md. Dies für die llambnm . Iu.]u.. Schaft lioehbcdciitsaine Kreigins hat die /. .stis.tc Idee in weite Kreise getragen. Dem Kongresse haben wir es zu ״■.״. die Zahl der Sehekclzahler von •121) auf M I ״mj j,e der Mitglieder von 3(12 aut 3<si gestiegei, ist Der Kongrell stellte an die Vrbcitskrnit der u w. gruppe erbeblichc Anforderung..»■ Wir ■),eriuitu'.tt auch an dieser Stelle allen unsern <ieo:;nungvg;• nossen und Prctinden den Dank des Aktiom-k'oanues fiir die wolilgclungcue Durehführtmg de!! arbeiten und die Vorbereitung folgendei N-.׳uiu:• anstaliungen. die anlallheb des Kongress. \ \uw• f.mden: I. Das Schauturnen der jüdischen I uuk , 2■ Der Pestkomiiicrs des H. J.C. 11;,.; K.Z. 3. Der von ca 2000 Personen besuJ1:c voll Dr. Max Nofdau tilier: Das baknti!;׳; im P>. miv! 20. Jahrhundert. Zur dauernden Krinncrung ati vlen IN. Ko;u;.vs errichtete vite Ortsgruppe unter de Namen vr.r.t 11 a in h 111 g e r Kong r e T, s p e n vl mv;«i Kapiial von 30(•o Ms. eine Stipciidiv:. . i.r jüdisehv Schnief an Lehranstalten in I׳.. ...». Das Kapital erhöhte sich auf ca. 47(V) '\h. J.*- durch, vlab Max Nordau viel! Reinertrag st\.ז• träges der lii.mburgvr Kongrcilspciuic zuili*.;kn l.. Aulierdem veranstaltete die Ortsgruppe >;•.» 1Krielitsiahre folgende Versammlungen: 1. I. April IW«: Ordentliche Generale,. 4• 2. I. Mai IV1 «: Schekvltag. Dr. Hemm'.: 1*1״,•: Rückkehr zum Jtideiitiiin. 3. .s. Juli Iw«: llerzl-I eier. Gedenkrede k'.i'b. Dr. Kmil Colin, Kiel. •1. 4. November Iw«: (icaer.tlvtivu:.:.ibmg tu.• giertenwabien /um IX. Kmign 5. t'3. Januar 1910: Aussprache aber den IX. K>.:.grw ö. fi Februar 1910: Dr. Alfred Kl ec: Der /.!im ums nach dem IX. Kongrcn. R;i,k• blick und Ausblick. ) et. Geiger: Die deutsche Literatur und ״:c Juden. Hin. PMO. nach der Laube im Garten, wo ihn F.va bereiis erwartet. * r.itt ganzes Jahr schrieb der Golem an seinen b.rmncrtmfXeu. Und sie wurden/« einem | sonderbaren liuchc. Fs schien, vlaß den einen ׳ Teil des Mailands llar.d, den attderen Lva |׳cschrieben bähe. Doch xveder der Maharal nodt Lva, sondern der Golem selbst hatte das Huch verfaßt. So xvar sein Leben in zehn Letzen zerrissen und sein Geist ward zerstückelt und zerbröckelt. Avci Seelen wohnten in einem Körper — nicht nur einen Tag;, ein Jahr, sondern sein ganzes Leben hindurch. Warum mußte ihm das zustoßen? Und wenn es ihm zustieß — warum lebten die beiden Seelen in ihm, die eine nach dieser, die andere nach jener Richtung zerrend? Wem soll der Mensch den Vorzug geben? Der Erde oder dem Himmel? Dem Hirn oder Herz? Der Weisheit oder Schönheit? Der Wissenschaft oder der Poesie? Der Erkenntnis oder dem Gefühl? Dein Körper oder der Seele? Dem Maharal oder Eva? Und er grübelt immer weiter — und schreibt an seinem Werke. Einmal spricht der Maharal, einmal Eva, Herr der Welt! Wie wird dies alles ausgehen? Was wird das Lude sein? Und der Winter verstrich, und cs kam der Sommer, und auch er ging zur Neige, und wiederum ruckte die Zeit eines neuen Winters heran. Der erste Tag des Neujahrsfestes hatte aus den Judenhiitisern in der Jiutcngassc eine große Menschenmenge ins Freie gelockt. Wie ein Bienenschwarm zog die zahlreiche Menge der Juden nach den Moldauufern zum ״Taschlich“• Gebete. Groß und Klein, Alt und Jung waren zum ״Taselilicl!“ gekommen. Noch strahlte die Sonne und spendete Wärme. Doch die Seelen der Menschen waren schwermütig und gedrückt. Die greise Frau des Rabbi war zum ״laschlieh" erschienen, stand an Rande des Wassers, sagte ihr (lebet und schüttelte die Tasche ihres Kleides aus. Und der greise Rabbi Löw war auch zum ״Taschlich“ gekommen, und er stand da, betete und schleuderte seine Sünden in den Abgrund der Gewässer. Und Eva war herbeigeeilt, stand am Rande des Wassers, schüttete die Tasche ihres Gewand« aus, ganz gedankenlos und warf, ohne sich ihres Tuns bewußt zu werden, ihre Sünden ins Wasser. Line kleine weiße Wolke stieg am Rande des 1 iiumkL aui,; und Lva blickte ihr nach und war ganz versunketi in das Bild. Und auch der Golem war da. j Fr blickte in die Flut und sie lachten und 1 zogen ihn mächtig an. ״ . . . Und wirf all unsere Sünden in den! Meeresgrund."; Wie schwer sind doch die Sünden, und; wenn ein Mensch sic foriwirft, dann zieht n >i* j ihn mit nach sich,; Und sie fallen und sinken und steigen »111.11•! bis auf den Grund. Und wie mächtig reiß n | den Werfenden mit! Ist es nicht besser, wenn der Mensch sieh aw einmal von allen seinen Sünden befreit, und nicht cinzclweisc, sondern alle zugleich fortwim und mit ihnen auch seine Seele? Was soll ih,n solch ein zerstückeltes, zerbrochenes Leben? Doch wenn schon sein Leben zerstückelt und zerbrochen ist, wozu soll es noch anderer Menschen Leben durch ihn sein? ״Weil du mußt, lebst du . . Und er be־ schließt, den Platz zu räumen und zu versdiwin* den. Und in diesem Moment hörte man einen leisen, dumpfen Aufschrei.

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