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Jüdische Rundschau · 1910-10-12 · Heft 41 (12.10.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 41 (12.10.1910)
Date
1910-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 41. זUEDI SC HE RUNDSCHAU w AUS AUICR WCLT-n 1 Deutschland Zur Ausschließung der Juden vom Rcscrvcoili-!!erstände und ihrer sonstigen Zurücksetzung in der Armee will der Verbund der Deutschen Juden mit k'itchMCIu auf die unbefriedigende Antwort des preu- •:ivhen Kricgsiuiuistcrs auf die zu Anfang des Jahres ,111 ihn gerichtete Hingabe und auf seine Acullcrungen in der hjeichstagsdebattc, die im Gegensatz zu den v.i jährigen des Herrn von Einem die militärischen V.1 gesetzten in ihrer Zurücksetzung der jüdischen! ,:;:.ihrigen zu bestärken geeignet sind, im Laufe des W uters in einer Reihe öffentlicher Versammlungen Nullung nehmen. Die erste Versammlung soll in H.ilin im grollen Saal der Philharmonie am Sonntag, di 1 13. November stattfiuden. Die Versammlungen v ul der Verband in Gemeinschaft mit dem Zentral- \,:cm Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens tl berufen. Als erste folgt der in Berlin vcranstal- 1 u n eine Versammlung in Breslau am 24. Novi ,!her im dortigen Saal der Ge,Seilschaft der Freunde. ' V•euere sind vorläufig fiir Frankfurt a. M. und! Cöln geplant, — An den Versammlungen werden .11 bekannte nicht jüdische Parlamentarier als Redt:.!cilnehmcn. * .N'ameiisiinderung. In der neuesten Nummer m 1es Amtsblattes veröffentlicht der Rcgicrungsni. Mdent zu Breslau de dato 0. August 1910 folgende Ikvumtmachung: ״Dem Rittergutsbesitzer Oskar C!111 zu Htmeru. Kreis Trebnitz, seiner Ehefrau und *1 •cii Kindern ist die Genehmigung erteilt worden, d! 1 Namen L e s s i n g zu führen.“ Also bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Qotthold!' iiraim würde sich gcwill im Grabe licrumdrclien. v um er wüßte, daß man 130 Jahre nach dem ״ •uscn Nathan" seinen guten Namen als Larve für v! unangenehmes Gesicht mißbraucht. * Die christliche ..Luisen-Geineinschaft" in Clutr• ü itcnburg verbreitet eine Missionsschrift, in der sich i lgendc Sätze finden: ..Hüte dielt auch davor, die Juden zu hassen. Sic ‘ J das Btmdcsvolk und Jehova teilt Sein Züchtiv iigsrcclu mit niemand: Er sucht jeden Antisemiten?.׳!»wer heim: beobachtet daraufhin auch einmal ikina Umgebung." Ein Berliner Antiscmitcnblatt eifert gegen diese lusfassiing. die cs durch einen Ausspruch Luthers zu widerlegen sucht. Er lautet: ..Wie lange wollen wir Christen tun mit diesem verworfenen, verdammten Volke der Juden? Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, daß man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstcckc und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe. Zum andern, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Zum vierten, daß man ihren Kabbinen bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren. Zum fünften, daß man den Juden das Geleit 1m׳,l Straße ganz und gar aufhebe. . . . Will das nicht helfen, so müssen wir sic wie die tollen Hunde ausi tgeu." Herr Prof. Geiger und Konsorten, die sieh so nhr dafür ins Zeug legen, daß wir Juden das Refor* rutinnsfest miifciern. niögcn sich dieses Ltithcrschc /. 1:at anstatt der Mesusa au die Türpfosten nageln. aisvertraut hatten, und so waren die Synagogen- Ii.illen — die süßen Auen seiner Kindheit. Seit jener Zeit kreiste des Schnitters Sichel schonungslos, schon war der dritte Chasen tot und Löbel stand noch immer am ״Omud“, und stine mächtige, klangvolle Stimme schwang sich;ו.י jedem Sabbat und Feiertag in heiß empfunj denen Gebeten bis an den Thron des Königs der [ Kotige und umspannte mit einem großen heili- Kc i Schauer die Himmelsengel und die Men* sclicnseelen. Schattenhaft glitt Abenddunkel nieder. Aber l öbel merkte davon nichts, er fühlte bloß eine schneidende, dürre Kälte, die bis in das innere M u k der Knochen und in die Tiefe des müden, Hlimcr/gcpeilseliteii und von Todesahnungen erhebenden Herzens drang. Das Licht aus der Synagoge, das aus einem gegenüberliegenden Fenster hervorquoll, blitzte durch eine Scheibe dieser kleinen Wohnstube wie eine Feuerlilie. Sie strahlte purpurn in das Innere dieser Stube hinein und verdunkelte das Lieht der Wachskerze und ihrer kleineren Stearin- und Talggefährtinnen. Ein leises Geräusch, ein sehnendes Geflüstcr flog aus der alten Synagoge heran, ein trauter Hauch wehmütiger Ehrfurcht schwebte und umwehte die Krankenstube, und bald wuchs Seite 483. Russland ן ulk. Den Bemühungen der nationul und demoj kratisch gesinnten Kreise der Petersburger . Jüdischen Gemeinde ist cs endlich gelungen, eine Verfügung des Petersburger Stadtlmupimaiins zu erwirken, wonach die das Stimmrecht In Geineliidcaiigelegenhclten verleihende Gemeindesteuer von 25 auf 3 Rubel jährlich herabgesetzt wird. Dieser Bescliluß dürfte von prinzipieller Bedeutung für die Gestaltmig der jüdischen Ocmcindcangclcgcnhcitcn in Rußland werden. * Die russische Burcaukratic ist auf ein neues, sicheres Mfttel verfallen, um der ״rebellischen'• Presse auf den Leib zu rücken. Da das System der Belegung mit Geld- und Freiheitsstrafen nach ״Gut* dünken der Administration“ den Grundfehler hatte, daß die Delinquenten mit für die russischen Verhältnisse nicht allzu strengen Strafen davon kamen, so geriet man auf die Klee, den Schein eines regelrechten prozessualen Verfahrens zu wahren, wobei die Heißsnornc von Journalisten viel empfindlicher getroffen werden könnten. Ein Opfer der neuen Prcßpolitik der russischen Regierung wurde nun das russische Zeuiralorgun der zionistischen Organisation Rußlands •M. a s s w i e t". Wegen einer Notiz über die Odessaer Dumawahlcn wurde die letzte Nummer des Blattes beschlagnahmt und der Redakteur ..wegen Aufreizung zum Umsturz der bcstehenden Staatsordnung" zur Verantwortnng gezogen. England rilk. Die Eröffnung der Rulorinsynagoge in London ist auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Die Ursache soll die geringe Zahl von Mitgliedern sein, die sich der Rcformgcmcindc augcschlosscn haben. — Wir finden auch, daß cs logischer und bcquemer ist. sich gleich taufen zu lassen. Für solche halben Maßnahmen ist utan in England zu praktisch.?.׳eilen, insbesondere solange nicht, als das Judentum noch nicht die völlige soziale Gleichstellung klangt bat. die jeder liberale Mann fordern muß. Sachlich kann man Ja den absoluten Zionismus, fiir den programmatisch auch die deutsche Vereinigung cintritt, als Utopie bezeichnen, ohne daß man dabei den eingeschränkten Zionismus, wie er sich heute in der Praxis offenbart, zu verwerfen braucht. Man kann sogar — und Schreiber dieses steht auf diesem Standpunkt — die kolonisatorische Tätigkeit der Zionsvcrbändc, die Palästina mit landwirtschaft- und handwerktreibenden Juden aus den Kreisen der unterdrückten Juden Rußlands. Rumäniens u. s. f. bcsiedeln, durchaus begrüßen. Diese Besiedelung eines alten Kulturbodens ist wirtschaftlich und kulturell bedeutsam. Da der Zionismus cs den Ansiedlern zur Pflicht macht, treue Staatsbürger des türkischen Reiches zu werden, so kann auch das Osmanentum damit nur zufrieden sein und nur wünschen, daß diese Kolonisten an Zahl so zimehmcn. um imstande zu sein, ein Gegengewicht gegen die der Türkei recht schwierig werdenden Araber in Palästina zu bilden." Rufruf an die Natlonalfonds-Vertrauensleule und -Büchscnlnhabcr An den Sukkoth-Mittclfcicrtagcii soll die Leerung sämtlicher Natlonaliondsbiicliscn stattfinden. Erfahrungsgemäß garantieren nur rcgclmäßige Leerungen regelmäßige und steigende Einkünfte; Büchsen, die — wie cs öfter vorgekommen ist — jahrelang ungclcert stehen bleiben, sind I für den Nationalfonds wertlos. [ Es ist die wichtigste Aufgabe der Nationalfonds-Vcriraucnsleutc, jetzt sich der in ihrem ' Bezirk verteilten Büchsen anzunchmen. Wir stellen j ihnen, um ihnen die Arbeit zu erleichtern, die vom;Kölner Bureau herausgegebenen Zirkulare in! beliebiger Anzahl kostenlos zur Verfügung; sic sind * Der englische Solieitor General Sir R u f u s Isaacs ist zum Attorney General ernannt worden. Es ist das erste Mal, daß ein Jude den hohen und verantwortungsvollen!*osten eines Gencralstaatsan« walts bekleidet. . als Drucksache zu versenden und enthalten außer , dem Hinweis auf die bevorstehende Büchscnlecrung leine gedrängte Uebcrsicht über die bisherige! Tätigkeit des Nationalfonds und werden auch zu einem ausgezeichneten Propagandamittel. < Alle diejenigen Büchscninliaber, die eigene 1 Schlüssel besitzen, müssen die Leerung selber vor- RUNDSCHAU OCR PRGSSe j Die Aiainbrückc in Frankfurt a. M. j Unter der Überschrift ״Der Zionismus" berichtete ein Augenzeuge unseres Ddegiertentages über seine Eindrücke von der Tagung: ״Die 12. Tagung der Deutschen Zionisten-Vereinigung hat dadurch allgcmeines Interesse, daß man durch die Verlegung des Verbandssitzes nach Berlin nun eine regere Agitation fiir die Verbandsbestrebimgen betreiben will. Der unbefangene Beobachter, der der Frankfurter Tagung als Gast bcigewolmt hat. muß Achtung haben vor der Kraft und der Begeisterung, mit der hier für eine | Sache gekämpft wird, auch wenn er sich aus nationaldeutschen Gründen nicht mit itir einverstanden erklären kann. Und er muß anerkennen, daß unter allen völkischen Bestrebungen in Deutschland cs diese ist. welche am genauesten daran! bedacht ist. die j patriotische Pflicht cinzulmltcn, die von dem deut-; sehen Staatsbürger zu verlangen ist. Es ist also kein j Grund fiir den nationalen Liberalismus vorhanden, j sieb etwa feindlich dem Zionismus gegenüber zu! nehmen. Die entnommenen Beträge sind einzusenden an Herrn Max Wöllstein er. Cliarlottcnburg. Sybelstr. 5» (Postscheckkonto Berlin 3847) mit Angabe von Kennbuchstaben und N u mmer der Büchse, aus der sic stammen. Gleichzeitig richten wir hiermit an die Gesinnungsgenossen die dringende Aufforderung, beschädigte Natlonalfondsbiichscn. die sich etwa in ihrem Besitz befinden oder deren Verbleib sie kennen, umgehend an die Unterzeichnete Zentrale clnzuscndcn bezw. deren Einsendung zu veranlassen. Portoimkostcn werden gern erstattet! Wir erwarten auf das Bestimmteste, daß die vorstehenden Anordnungen überall streng durchgeführt werden. Jüdischer Nallonalfonds Zentrale für Deutschland: Cliarlottcnburg, Bleibtrcustr. 59. das Murmeln zu einem gewaltigen, wogenden und tosenden Gebet hunderter von Menschen heraus, das von heißer, lechzender Glaubenswoune glühte und von weinendem Sturmes* wehen durchflutet war. Da ־— wurde es plötzlich still und der Chasen stimmte in Begleitung seines Chors das ״Kol-Nidre-Gebct“ au, — anfangs still, aber im 1 wachsenden Brausen immer lauter und machtj voller aufjauchzend. Löbel fühlte, daß nicht nur der Chor, nicht nur ein Teil der Juden dieser Stadt, nicht nur das jüdische Volk, sondern daß auch alle Völker der Erde, die ganze Natur, Tiere und Pflanzen, sogar Steine, das ganze Weltall, — alles, alles mit dem Chor den heiligen, großen, bis in die Unendlichkeit flutenden Gesang mitsingt. Und es schien ihm, als ob die ganze sonnenreiche Vergangenheit, die ganze Mühsal der düstem Gegenwart und die rätselhafte verklärte Zukunft mit ihren holden Wundem in diesem Gesänge zitterten. Löbel fuhr plötzlich auf, und ein fürchterllcher Schrei entrang sich seiner Brust, daß es schien, als ob der sterbende Greis dm ganzen Rest seiner Kräfte jetzt ausgeschrieen hätte. Er setzte sich auf im Bette, bedeckte das hohlwangige Leichengesicht mit den skelettdiirfen Fingern, und als sein Sohn in unsäglicher Angst stumm erbebend an ihn herantrat, rief er ihm mit krafivoller Stimme zu: Sing mit mir! Er stimmte seinen letzten ״Kol-Nidre“ an, und er sang ihn so wundersam schön, so ent• zückend, daß es schien, als ob mit dem letzten Ton dieses Gesanges alles, das ganze Weltall Zusammenstürzen und in nichts zerfallen müßte. Denn er goß in diesen Gesang all seine erstickten Tränen, all die Galle aus dem Schmerzenskelche, den er bis auf die Hefe geleert, das dreißigjährige bange Sehnen nach Lieht, das endlose tausendjährige Leid des unglücklichen Volkes, das furchtbare Himmclsgericht schreckenbrüllend, — alles wälzte sich und brauste und tobte und stürmte mit gewaltigem Schwung: es glitten die Wolken und die Zeit schritt, die Kinderiräume blühten und schwanden dahin, die Lenze und die Herbste lösten sich ab, die bunten Hoffnungen erwachten und vergingen, des Unglücks Specre klirrten, und der Glaube breitete seine weißen, tröstenden Flügel über die traurige Menschheit aus, sie zu der Heimat Strande nach dem Jenseits hinüberleitend . . . Schon lange hatte der Chor in der gegenübcrliegenden Synagoge das Kolnidre-Gebet beendigt, aber Löbel sang, sang und sang . .

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