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Jüdische Rundschau · 1910-10-12 · Heft 41 (12.10.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 41 (12.10.1910)
Date
1910-10-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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* «* V Seite 4S2. lieh machen wollen, so müssen doch alle zu• *׳eben, daß prak tisch garnichts erreicht ist, wenn das Kriegsministcrium schließlieh eimn;l, um dem uuaiigciiolmicu 1.111111־ ein Minie zu machen• da oder dort einen jüdischen Kommerzknratssohn als Konzessions-I.evy wird zum Reserveleutnant wühlen lassen, vorausgcsetzt, daß das antisemitische Reserveoffizierkorps des betreffenden Regiments charakterlos genug ist, einem solchen Wink von oben Folge zu leisten. I lief aber, wo mau es doch mit den sögenannten führenden Geistern der Nation, jedenfalls mit einer }׳eist in en l'lite Deutsch• lands zu tun hat, hier — auf diesem akademisehen Boden — soll man doch den Kampf ein* mal beginnen. Mau soll doch die Professoren zwingen, off0n Parbe zu bekennen. Oiler haben unsere Offiziellen vor dem Resultnt zu viel Angst? Gleichviel ־־ dieser Kampf muß begannen werden! Vielleicht sind wir Juden für den Reserveoffizierstand wirklich nicht begabt genug, vielleicht klingt unser Nasenton nicht!׳an/ so furchtbar, wie sich das für einen Sommerleut• uaut gehört — das sind in der Tat immerhin offene Prägen. Aber daß wir auf Wissenschaftlichcm Gebiet durchaus nichts aufzuweisen haben, was an die arischen oder getauftjüdisehen Geistesgrößen heranreichte, das wird schon schwerer zu behaupten sein. Und unsere berufsmäßigen Wahrheit* Sucher werden doch — wenn denn einmal die Meinung herausgesagt sein muß — nicht die Unwahrheit sagen! Hier ist also ein Feld, auf dem es den Kampf lohnt. Und das wäre eine vornehme jüdische Revanche für die studentische Jtibilüumsfeier, die nur auf den Abend des Jom* Kippur augesetzt werden konnte. Finnland und die Juden Wir ]!alten kiir/.licli daran( liimiewiescn, dali Herr Professur Ludwig Uciger, der Leiter der /״Allze* meinen Zeitung des Judentums" — des ״repräsen- 1 tütiven Organs der deutschen Judenlieit" (nach den Verlagsrcklamen!) — erst ganz kürzlich aus einem Buche von einem Herrn Suworow c'fahren hat, wie schandbar das ireiheitlicbcnde finnische Volk seine Juden behandelt. Er war offen genug, das ganz naiv zu erzählen, und weil er ilahei ein bitteres Wort gegen I'iiiuI.iiiU sagte, hat er sieh nun das Lob der ״Nowok Wrcinja", des bekannten Petersburger Judcnlietzorgans zugezogen. Das wieder schmerzte den lleisingforser Korrespondenten der ״Frankfurter Zeitung'*, und er sandte seinem Blatte folgende ״AufklUrung". die w׳ir wiedergeben, weil diese Komödie der Irrungen trotz ihrer relativen Unbedeutendheit doch in mancher Hinsicht recht lehrreich Ist: ״Die chauvinistische ״Nowojc Wremja" in St. Petersburg erzählt triumphierend, dali Professor Der letzte ״Kol-Nidre“ Nahum Soko 10w. Das trübe, rätselhafte Licht einer in einem saudgefüllten Mörser steckenden Wachskerze verschmolz sich mit den zitternden Strahlen der Flämnichcn von viel Stcarinkcr/chcn und dem Flimmer von sechs Talgkerzehcn, die im drei* armigeu, kupfernen l langekuebter über der Tür steckten, um die kleine, niedrige, aber äußerst saubere Wohnstube des blinden ״Mcschores“ Löbel zu beleuchten. ln der Stube herrschte eine so wundersame majestätische und feierliche Stille, daß sogar die alte hölzerne Wanduhr den Lauf ihrer Zeiger still stehen ließ, und das Röcheln des auf seinem Bette in Stcrbensqual hingestreckten Greises sich so still und furchtsam seiner siechen Brust entrang, als ob cs sich scheute, die auch ohnedies kaum hörbaren Seufzer des jungen Jankiel, der am Bette seines alten Vaters saß, zu übertönen Von einer unheilbaren Krankheit iibcrwältigt und auf das Martyriumlagcr fürchterlicher unbändiger Schmerzen schon seit einem Jahre unbarmherzig geschleudert, lag er da und harrte des einzigen Erlösers — des Todes. Er harrte geduldig, denn er glaubte, er glaubte unerschütterlich, daß der Tod eine Erf lULDISCHF RUNDSCHAU No. 41. I.mhvig (teiger in Berlin In vier ..AKkciiic'iicii Zeitung des Judentums" einen Artikel veröffentlicht, in welchem er bcreul, dali er die bekannte Finniind- ( crklarimg der deutschen Ueielirten unterzeielmct hat. , Br habe allerdings gewultt, dali ״l׳lnnlaml die Jeden kleinlich beliandell". aller als l'reimd 11er t reiheit . und da er gesehen, dali viele ernst denkende Männer die Urkunde unterzeichnet, habe er nicht gezögert, | auch seine Unterschrift zu geben. Nim aber habe er 1 ein russisches Much ״Uchcr die Stellung der Russen in Finnland und der Finnländer in RuHland" von T. Suworow gelesen und aus diesem Huche er• fahren, welch nneihorie Verordnungen!!her die Juden M FutuIattU bestehen. Her Inhalt dieser Ver- Ordnungen sei so empörend, da» er nicht mit cciiiigend starken Ausdrücken gebrandmarkt werden könne. Br wolle seinerseits die Reelilskrütikumjeu gegen Finnland nicht gullieiilcn, meine aber, dal’• das Land, w״ solche mittelalterlichen barbarischen Ver- Ordnungen bestünden, sich selber seine Strafe z.ugc* zogen habe. , Unter der Voraussetzung, dali das Zitat der ״Nowoje Wremja" richtig ist. ist fimiiüiidisehet scits hierauf folgendes zu erwidern: Dali Finnland in der Jmtcnfragc eine ״mittelalterliche, barbarische Besetzgebimg" 11.11. ist leider eine traurige Tatsache, deren .sich die Fütttltätulcr schämen müssen und auch wirk* lieh schämen. Aber wer ist schuld daran, dali sie noch heiilzulage eine solche (icsci/.gcbiiiig besitzen? Die Finnländer nicht, sondern die russische Regie• rmig. Auch unter den Finnländern gibt es allerdings Antisemiten: die nltrakonscrvalive (leisdichkeit und ein Bruchteil der chauvinistischen Altfeniunuaneii. Aber der ganze lilter.de Teil des Volkes ־— und das ist die überwiegende Majorität -- hat seit vielen Jahrzehnten für die ßnumzipation und rechtliche mul bürgerliche (llciclistcllung der Juden gekämpft. Die ganze liberale Presse legt ja Zeugnis dafür ah. Auch die Regierung des Landes als sie liberal war hat in dieser Richtung gearbeitet, cs sind verscliiedenc Gesetzentwürfe ausgearbeiiet worden, die Lamliuge haben sieh mit der Frage beschäftigt, mul noch einer der letzten Landtage reichte eine Petition an den Kaiser ein, in welcher für die Juden völlige (ileiclisteihmg mit allen anderen Einwohnern des l.aiuies verlangt wurde. Und das Resultat? Die Petitionen verschwinden unter dem grünen Tisch des russischen Ministcrrats. Es ist also durchaus falsch, wenn man das (innländischc Volk in seiner ü c ■ sin innig für jiidciifeindlicli. geschweige denn für ״iiiitteiailcrlicli-barbariscli‘• erklärt. Man könnte sagen, dali die l’imilander insofern eine Schuld (Aha! Red. d. ״J. R") an dieser Barbarei trifft, als sie damals, als sic noch eigene Herren in ihrem Hause waren, nicht energischer für Reformen in dieser Frage eintraten. Aller Finnland hatte eine sechzigjälirigc Untätigkeit auf legislativem Gebiet einz.iilioleii. da sind in der hierdurch bedingten ficberhaften organisatorischen Arbeit viele wichtige Fragen auf halbem Wege ins Stocken geraten, und als bei dem kurzen Freilieitstraum von 1!XK> auch die Juden• frage ihre Lösung finden sollte, da verseil wand sic in der Petersburger Versenkung. Wir kennen weder Suworow noch sein Buch, das Professor Ocigers Reue vcranialit haben soll, wio die ״Nowoje Wrcmja" berichtet. Wir wissen aber, dali jetzt von russischer Seite in der Finnland• frage zahllose Broschüren über Europa verbreitet werden, um die Sympathien für das geknebelte Land zu ersticken. Diese Broschüren strotzen von tendenziös gefärbten Ucbcrtrcibungcn und offenbaren Lügen. Bs ist also nicht ausgeschlossen, dal! das Suworowsclie Huch auch in der Judenfrage Behaupitingen enthält, die die tatsächlichen Verhältnisse noch schlimmer verzerren als sie sind. Jedenfalls muH man annelmien, dalt cs von der wirklichen Stimmung und (ksinmmg in Finnland und den l׳c. mtilniiigcn der Finnländer ein eine humane Gesetz* gcbmig in der Judenfrage kein Wort enthalt. pCnn’ sonst hätte doch Prof. <Unter nicht (iinim.1 n,lth der ״N'owoje Wremja") das Schicksal l'inulatids i״. eine ״gerechte Strafe" erklärt." Die Ablenkung der ganzen Sache am״ ־N׳.A\»,jc Wremja״ und das uns auch nicht bekannte |>,k״׳ Herrn Suworow (das ja ImelistwalirsclicinUh zu Aufträge der russischen Regierung gcschriem•״ ,s:) dient dem Korrespondenten der ״Frankfurt״ X, iiatnriicli nur dazu, die Finnländer besser r, waschen. Tatsächlich ist cs ein facti nicht wahr. 1.,;; die russische Regierung au der elenden!'״ s.!;Cn Judengesetzgebung irgendeine Schuld tragt, Sache ist, dali diese Judengesetze durchaus sc 11 es O r i g i n a I g c \v ac 11 s sind, '1. . . j,c< da» die Finnen keinen Finger haben, um diese ganz, unglaubliche Pa rag apäen- Sammlung zu ״revidieren", Iün endlich der \ 7י.1ז;^ Landtag in seiner SterbciisMnmlc etwas 1> .|.!,ן;. von dem er wulitc, daii es nie Besetz .״Jen wird, und das er nur darum beseh!־ , <•־ .;!׳׳ t. das wulitc — lediglich, um Europa et!s S...! die Augen zu streuen. Tatsache ist. »!,!;; '!;. scheu Judengesetze um vieles eiender 1!•».' . , selbst die russischen oder rumänische»! I . man nur infolge der sehr geringen Zahl; Juden diese schändlichen Bestimmungen. Je de Juden auf den Handel mit Streichhölzer . ..,:u, Kleidern und einigen wenigen anderen 11..!. schränken, so wenig beachtet hat. Tatsache 4..: die!•’innen, als sic ״noch eigene Herren ■1,!re;;, Hause waren”, diese Bestimmungen eintaeli ..׳.,.־.r. auihüben können -- denn daran is: me!. ' revidieren! — Dali sic das aber nicht wolhcr.. weil sic alle, bis weit in die Soz.iaide1!iuk1.n;c! nc.r. Antisemiten sind. Tatsache ist. c... trotzdem bei Juden und Christen in ganz. L1!.י; •״ Mitleid und um realere Pmge t»r ihren ״: 1״U.ts• kämpf* flennen gingen und zu Hause ״J u d .u n J Zigeuner" unendlich schlimmer behänd.׳;, c cs ihnen je passiert ist. Tatsache ist, dali durch soLiu• g״ ..:.e Heuchelet ungeachtet aller der ialire!.«: r. . W;:. 1 nuiigcn mancher jüdischen Zeitungen n. : vielen anderen Juden sich auch Herr Professor düpieren lassen. Wenn nur jetzt manche Juden vemgsicrs lernen möchten. ״Finis Fintandiac" ruhig l .״> V landiae sein zu lassen die Stellung der r,\;:.:! Juden kann sich dabei nur bessern, und u übrige mögen sielt doch die Herren Finnländer '..her kümmern! — und ihre Sorge Heber der. lad״.! wenden wollten, die cs wahrhaftig notiger als diese eigenartigen nordischen l'fedicitsu.Ur .; Lande der tausend Seen! In der nächsten Nummer der ״Jüdischen lv’mui• schau" erscheint der letzte Nachtrag zu den Aut'• Stellungen der ülüchwiinschahh'isungcu zum R■ sclinnnlifcstc. Etwa noch aiissklicnde Betrage sende man umgehend an die Adresse unseres N •1 .• Kassierers. löst!!»}׳ sei und daß er für die Gerechten und Tugendhaften die Morgenröte eines neuen Lebensfrühling bedeute, eines Lehens voll Wahr• heit, Sonne und ewigen Lichts. Und schon drei- Big Jahre, dreißig wie die Jahrhunderte lange Jahre, hat er das Licht nicht mehr gesehen, denn I er war kaum 25 Jahre alt, als cs der immer gei reelltc I limmel gewollt hat, daß er des Augen* Vielttes beraubt, in ewiges Grabesdunkel für das ganze Leben versenkt wurde. Während dieser langen Zeit sehnte sich seine Seele nach dem Licht, mit demselben brennenden Verlangen, mit dem sein Vaterherz nach dem Anblick seines jüngsten Sohnes schmachtete, den ihm der liebe Gott vor zwanzig Jahren zum Trost auf die alten Jahre gegeben hat. Und wahrend er jetzt mit dem Tode rang, dessen eisigen Hauch er schon in und um sich’ spürte, dachte er darüber nach, ob er des Jenscitslebens teilhaftig werden könne, ob er es es ihm das Licht oder noch grausigere Abgründe der Finsternis bringen würde. Vor einem Augenblick waren sie hisgesummt hier, seine Kinder und die Enkel, und er küßte die unsichtbaren Gesichter und er segnete sic und sein Herz sagte ihm, daß er zum letztenmal ihre heißen Tränen auf seinen abgemagerteil dürren Händen fühle, daß es sein lei/.ier ״Ercw Jomkippur“ sei. Jomkippui• . . . Auch die kleinsten Kinder und die schwächsten Greise eilen an diGem allerheiligsten der heiligen Tage nach der Syna• goge um dem Schöpfer des Weltalls und *letn Richter aller Wesen um Vergebung für d׳e eige־ nen Sünden, für die Sünden der Nächsten nnd des ganzen Volkes Israel niiztif lohen. Fr ist aber schon so elend, daß ttieln mir er selbst nicht mehr imstande ist, sielt nach der alten, kaum 30 Schritte entfernten Synagoge hi"־ zuschlcppcn, sondern er hat auch seinen i mg• sten und geliebtcstcn Sohn liier an sielt gekettet- Seine sclimer/erfüllte Seele weint und >eui/t. sein Herz blutet und sein ganzes Wesen a’!'• fließt in einem Jammerschluchzen, daß er nicht mehr wie ehemals, wie stets, sieh dort an! ,,Oimid“ befinden kann, in der Mine des Chor*, in der heiligen Schul, Gott zu ehren mul zu preisen und utn Frbannen für das auserkorene, unglückliche, leidende Volk Israel ait/uilelien ln diesem Chor sahen die Frommen den blinden Löbel und horchten seiner schönen BafV stirtime beinahe 50 Jahre lang, denn kaum " Jahre war er alt, als ihn sei ne Eltern der Obhut des alten Chasen Moschelt als ״kleinen Singer"

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