Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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I 1, ין '׳! ־1 I Seite 462. Das Erbe des Jahres Zunt Kosch-Ilasehluuuih-Fcsl Es Ist etwas Sonderbares um die jüdische Zeitrcclimnik׳. Pas neue Jahr besinnt mit dem siebenteil Monat. Ats der erste Jaliresmonat Kilt jener, in dem die Mcfreimis des jüdischen Volkes aus seinem ersten Exil vor sich kckunkcii war. Die Ansichten unserer Weisen waren darüber geteilt, ob ,.die Er- Schaffung der Welt im Nissan oder im Tiseliri sich vollzogen" hätte. Kitte symbolische, sinnige Fragestellung. Pie jüdische Zeitrechnung beginnt mit der Wcltsehbpfung. Ist aber nicht die Volkswerdttng des Judentums der Hohe- und Ausgangspunkt, der innere Sinn unseres Oesehiehtsganges? — Pas erste Kxil Israels sollte, ach, nicht sein einziges bleiben. Auch nicht das längste. Matte jenes ein paar Jahrhunderte gewiihrt, so ist das gegenwärtige schon achtzehnluiudertundvierzig Jahre alt. Und nun beginnt noch ein neues üolusjalir .... Uber aclitzchnliundcrt Jahre! Wie oft haben wir es wiederholt, wie oft haben wir daran gedacht! So oft. daß uns das Uttfaniichc, das Furchtbare daran beinahe zur Alltäglichkeit geworden ist. Die andauernde unmittelbare Wirklichkeit unserer Volks* tragödic laßt häutig in unserem Bewußtsein die Größe derselben zurUcktrctcn. An der Jahreswende machen wir eine Weile Halt, suchen über den Alltag hlnauszubSickcn, in die Tiefen unseres Seins zu schauen — und erzittern beim Anblick des düsteren Abgrundes. Das Jahr 5670 geht zur Neige. Es hat in die Finsternis dieses Abgrundes nicht einen Liciitsclummer hincingetragcn. Die Gewitterwolken des Golmslehens sind während desselben noch dichter, noch drohender geworden. Durch ihre verheerenden Ent* ladungcn sind sic um nichts gemindert, nicht gc* lichtet worden. Die Furien, die sich auf Millionen unserer Brüder gestürzt haben, sind unersättlich in 1lircr Vcrnichtungsgicr. Ein sinnloses Martyrium, ficht ״Ocl auf das Rad der Freiheit" ist unser /olksblut. Es dient lediglich zur Befriedigung un* tillbarcr bestialischer Instinkte — Wo man hinblickt — nirgends hat das ver* ossenc Jahr tröstliche Spuren!Unterlassen. In den ändern llalh-Asicns, in Rußland, Rumänien, Galizien, wo die weitaus grüßte Mähte aller Juden sielt he* findet, fortschreitendes Massenelend und immer unerträglicher werdender Druck. In Prcußcn-Deutsch* land steht jetzt mehr als je die verfassungsmäßige rechtliche Gleichstellung der Juden bloß auf dem Papier, herrscht die gesellschaftliche Judenfeindlichkeit in ungeminderter Stärke fort — sielte Britz und Lübeck und das stumme Verhalten des Deutschen Acrztevcrbandes dazu. In den WcsllUndcrn, wie England, Frankreich und Amerika, glaubt die jüdische ,Aristokratie" ihre bürgerliche und rechtliche Gleich- Stellung mit einer Entfremdung vom Judentum vergelten zu müssen, und unternimmt eine ... I —. . 1 — _1ÜDISCHE RUNDSCHAU_ ״Reform an Haupt und Gliedern" am Gruudwescn des historischen Judentums. So zeigte auch das verflossene Jahr mit »nur Deutlichkeit, daß die dauernde Existenz eines freien lebendigen Judentums im Goius eine Unmöglichkeit ist. Entweder gehen die Juden am politischen und sozialen Druck zu Grunde, oder das Judentum verliert seine Innere Kraft und seinen sittlichen Gehalt — wettu unserem Volke nicht eit» eigenes, kuitur* nusstralilcndes Natioualzcntrum geschaffen wird. Wenn uns das vergangene Jahr etwas hinterlassen hat, so ist es die Vertiefung und Erstarktin״ der Erkenntnis, daß allein die Verwirklichung des zionistischen Ideals die Lösung des großen Juden- Problems bringen kann. Und hat dieses Jahr für die Gegenwart der Geschicke unseres« Volkes nichts Erfrcuficltcs gcbracht, so doclt etwas Hofinungcrwcckcndes für dessen Zukunft: die Restauration jenes jüdischen Machtluktors, der berufen ist, unserer Nation ihre innere Einheit und äußere Freiheit zu schaffen. Die Wiederherstellung des inneren Friedens im Zionismus ist das einzige Erbe des Jahres, für das wir ihm ein gutes Gedenken zu bewahren Veranlassung haben. Dieses Erbe wollen wir in der Folgezeit weiter nusbaueii und pflegen. Es ist das teuerste Out unscres Volkes. Iscli-Scbalom. Petersburger Brief (Von unserem Korrespondenten.) Die tiefgreifenden Enttäuschungen, die auf die lloffnmigstagc der Freiheitsbewegung gefolgt sind, die ununterbrochene Kette von neuen Beschränkungen und Entrechtungen, der unerträgliche politische Druck und das stetig zunehmende soziale Elend haben die russische Judenheit zur völligen Vcrzweif* 111 n g gebracht. Sic resigniert an jeder Möglichkeit einer Besserung ihrer trostlosen Lage in diesem Lande und hält alle Bemühungen und Versuche in dieser Richtung für gänzlich aussichtslos. Als hezeichnendes Symptom dieser Stimmung können die jüngsten Vorgänge in Odessa gelten. Für die dortige Dumacrsatzwahl ließ sich kein einziger gceignet er jüdischer Kandidat finden, der auf sich alle jüdischen Stimmen hätte vereinigen können. Pie in Betracht kommenden jüdischen Persönliclikcitcn lehnten die Aufstellung ihrer Kandidatur ab. Wozu denn? ־— so erklärten sic — cs hat doch keinen Zweck. Es ist ja mir vergebliche Mühe, zugunsten der Juden im Zarenreiche jetzt etwas erreichen zu wollen. Diese Resignation greift bis in die Reihen der Winawcr'schen ״Volksgruppe", der sogenannten ״Errcichcr", deren Organ ״Nowy Wos’cliod" vor kurzem einen Artikel veröffentlicht hat, worin ausgefillirt wird, daß die Juden in R u B1 n n d nicht die mindeste E r l c i c 111 c - run g Ihrer unhaltbaren Lage zu erwartet» und ihre einzige Rettung int Verlassen des Landes zu suchen hätten. Allerdings bemerkt die Redaktion dazu, die Lösung der russischen Judenfrage müsse doch schließlieh in Rußland selbst erfolgen, da ja bei der umfang- No. 30. reichsten Emigration noch Millionen Jude״ in d1tSW1 Lande Zurückbleiben müßten. Aber auch s;e vgrtnaz in die nächste Zukunft nicht iu>fimmgsv״!i /ן,! ״,^ ‘ Ob cs politisch richtig ist. die IImte jnj Korn zu werfen und den Kumpf gänzlich .«״i/iiia-ben, oder nicht ־ erklärlich im iIu׳m• zweifelnde Apathie. Scheint es i|..ch. die erste jmliseherseits uiiternonmn-n׳: laincntarischc Aktion, die Einbringung d r rjc. setz es vor läge wegen Aufhebung dc$ An sied clungsrayons, zunächst nicht einmal zur Er orte rang gelangen soll So enthält ein von der O k 1 r o b r i s t e npa r tei publiziertes Verzeichnis von Uesetzespn.jet:״.׳, j;c sie in der nächsten Dumasession zur Vci': a-.d'.ung stellen will, auch nicht ein einzige Wort über die nicht allein für die sechs Million:׳. J»Uen, sondern für das gesamte wirtschaftliche und i ״!;urtllc Leben des Landes bedeutsame Frage der Ab- Schaffung des A n s i c d cI u n g s r a y «־;<1 .1 ::1 ׳ führende Partei scheint demnach diese gm; ״pc;r1. liehe Angelegenheit" einstweilen mit Schwei:; übc*. gehen und zuriickstcllcn zu wollen. Damit ־.;re das vorläufige Schicksal jener Gcsetzesvorlage ' .wgclt. Nicht weniger trostlos als um die Wo'.־ :cch;$. frage steht cs mit der Bildungsfrage. . e $:;11 in diesem Jahre für die Juden besonders .•:־.er:• licli und bedrückend gestaltet hat. Die ussisehen Universitäten stehen je:;: aus Mangel an Studierenden halb leer; Jets Hochschulen sind hunderte Plätze unbesetzt, und doch werden die 1 .ozent• normen für die Juden mit rigoroser Stn: .׳,c ut.i j rücksichtslosen Erschwerungen angewer.ur,d durcligcfiihrt. Es zeigt sich gerade jetzt, wi sinnlos diese ״Prozentnormen" sind; wie hcuchlcr. .h und verlogen die Ausrede des ״schwarzen Mmi׳.\r;utns" i ist. jene Beschränkungen dienten zum Se!.;.;/c der j studierenden russischen Jugend vor der m.. .bliche-, 1 jüdischen Konkurrenz. Nim sieht man es:;..!׳er die | Hochschulen halb leer lassen, als Juden »i. un au!• nehmen! Die Entrechtung der Juden!י: aber Selbstzweck — Zur Berliner Gemeindewahl j veröffentlicht die ״Jüdische Walilvcrcinigung" den i<4• I genden Aufruf:! ״Nur kurze Zeit trennt uns noch von den Re* | präscntantcnwalilcn. HO ()Ort Seelen uml.ä: heute 1 die jüdische Gemeinde zu Berlin, d. 11. \\ .!!!er Jeu:• ן sehen Juden überhaupt. Es ist also cm verantwortungsvolles Amt, das wir, jüdische W.ilJer, 71־ vergeben haben, ein Amt, für das an kl.mgvoücf Name oder ein starker Woliltütigkcitssiim allem noch nicht befähigen kann. Was wir vielmehr v<׳>! einem wahrhaften Vertreter unserer Interessen m erster Reihe verlangen müssen, ist Verständnis :!r die grolle Schicksalsfrage, die die Gegenwar: au uns stellt: Wie erhalten und fördern wir imva .InJentum? Wie geben wir unserer .luvend jüdische Idt.ilc? Daß die Gleichgültigkeit jüdischen Angeiegcshcitca gegenüber in weiten Kreisen unserer Gerne : ic er• schreckend zugenommen hat. daß eine jiu!jsu:e Gcncration hcr.mwächst ohne Kenntnis ihrer .dun Gc* schichte und Kultur, ohne innere Anteilnahme :11; der■ Problemen des Judentums, daß infolgedessen Mischche und Taufe gerade in ■׳•׳'rer Gemeinde c:־;e unerhörtc Verbreitung gefunden haben, ist Ic kr nur V ו t , i: ii K*. Der Golem von David Frisch mann. (Aus dem Hebräischen übersetzt von Josef Mcisl.) (Fortsetzung.) Der, den wir heute begraben wollen, war reich wie Salomo, tausende Dukaieu und viele kostbare Steine besaß er. Jetzt aber blickt hierher, ob ihm nach seinem Tode auch nur eine Drachme, ein Edelstein oder eine Perle von seincr ganzen Habe blieb. Die Hauptsache sind, versieht sich, die guten Taten des Dahingeschic* denen — und noch andere Ausführungen machte der Redner. Naclt ihm sprach Rabbi Itzig Leihusch Katz, der Schwiegersohn des Maharal, über den Vorhof zu dem Palastc und über den Palast selbst und über das, was der Mensch tun muß, um in den Palast zu gelangen. Und dabei führte er eine Geschichte aus dem Midrasch an von einem Architekten, der sich einen Palast erbaut und die Ziegeln zu diesem Baue aus einem Hofe genommen hatte. Die Worte fanden bei dem Publikum großen Beifall. Doch plötzlich verstummte die Gemeinde und es trat allgemeines Schweigen ein. Das Gerücht hatte sich verbreitet, daß der Maharal selbst, der anfangs zu reden nicht beabsichtigte, sich auf einmal dazu entschlossen hätte. Jeder bemühte sich dem Standorte des Rabbi so nahe als möglich zu kommen. Und Rabbi Löw öffnete den Mund und sprach. Und merkwürdig: Alle die Worte, die aus seinem Munde hervorkamen, standen in keinem Zusammenhänge mit dem Dahingeschiedenen; mit keinem Worte erwähnte er dessen Namen. Der (jolcin stand unter der Mutige, und ihm schien es, daß der Maharal mit jedem Worte, welches aus seinem Munde kommt, nur ihn treffen will, und daß er nur zu ihm allein rede. Der Maharal sprach über die ewige und die flüchtige Welt, und wie wir, die wir uns nur in einer zeitlichen Prüfung befinden, von dem Ewig-Lxistiricdcn keinen Begriff haben. Wenn die Begierde kommt, uns erfaßt und zur Sünde verleitet, dann möchten wir uns selbst zu dem Glauben überreden, daß nur der Augenblick, der flüchtige Moment, alles ist, und wir begreifen nicht, wie töricht es ist, auch nur für eine Minute die siebzig kurzen Jahre der Vergänglichkeit mit den Milliarden der Ewigkeit vergleichen zu wollen. Der Mensch, der nur ein Augenblick dies! tuf• wuß verrückt oder vor Leidenschaft blind ן sein. 1 Der Golem hört es und alle seine Glieder zittern. Er glaubt für einen Augenblick, daß Rabbi Mordechai* Meiscls mir deswegen gc* storben sei, damit er, der Golem, jetzt hu׳ ziehen und Rabbi Löw ihm dies alles sagen mul י Und als sie von dem Begräbnis nach! lause kamen, nahm ihn der Maharal zur Seit•־ und redete zu ihm wanne, freundliche Worte — Siehe, mein Sohn — sagte er zu ihm weich mul wann —• wenn du auch .1־׳• allen Kräften, bald so, bald so versuchen wir:•;, didi dem Chaos zu entwinden, so wirst du dodt nie־ mals zu dem Ziele gelangen auf Grund der I r* kenntnis, daß die Erde, auf der du leb:.1. alles ist und außer ihr nichts existiert. Denn s״ wirst du niemals nach dem Etul/.weck des 1«ben> fragen, und weshalb dieser ganze Apparat ein־ gerichtet wurde, und was Wir davon lialnn. da!) wir essen und trinken, schlafen und alle Freu׳ den der Welt genießen, was der Zweck de> Steins ist, der nicht ißt, trinkt, schläft und genießt, und doch wirklich existiert und darum irgendeinen Zweck haben muß. Freilich manchmal kommen wir zu der Ueberzeugung, daß wir noch selbst nicht den wahren Zweck kennen, und dad dieser erst später sich zeigen wird. Daraus folgt för uns, daß unser Leben hienieden nur eine Einleitung zu dem Inhalt eines Buches ist, und daß wir das Buch noch nicht gelesen haben. Das wahre Leben beginnt erst später, wenn füf 1