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Jüdische Rundschau · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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J, r löse seine Glückwünsche zum Rosch* ha-scli.'׳!ah-Fcst zu Gunsten des Jüdischen Nationatf^nds abl veranlasse Verwandte und Freunde duu! Die Nummer der .,Jüdischen Rundschau“ mit du. Ablösungsspenden wird an jede auf• gegebene Adresse versandt. Te’cgrammformulare sind zu längeren Glück• wooscr-schrciben geeignet; man bestelle sie rechtziüig! Jüdischer Nationalfond Zentrale für Deutschland. Tivoli Am 8. Dezember 1892 fand im Berliner Tivoli-Saal ein Parteitag der Konservativen statt, der ein neues Programm für die Partei schallen wollte, in der damals eine extrem• konservative, von der ״Kreuzzeitung‘‘ repräsentiene Kichtung mit einer gemäßigteren im Kample lag. Die radikale Richtung siegte und gab sah ein Programm, in dem erstmals der Antisemitismus offiziell von einer großen Partei des Deutschen Reiches bekannt wurde. Zwar n!>eh etwas schüchtern —- es werden nicht direkt Ausnahmegesetze gegen die Juden ge• fordert - aber doch so deutlich, daß es genügte. Es hieß da: ..Wir bekämpfen den vielfach sich vordränKcn« den tnu] zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser iv.kskben. Wir verlausen für das Christ che V״!k eine christliche Obriukcit und christliche Lehn 1." l.’ihi wer etwa noch meinte, die konservative Partei Liniere sich doch, sich direkt mit dem antisemitischen Pöbel gemein zu machen — der poluisJtc Antisemitismus war damals ja weit ausschließlicher als heute eine Sache des Pöbels - den belehrte die Diskussion über den beantagten Zusatz ״Wir verwerfen die Aussch r!• 11 u n g e n des Antisemitismus“ bald eines!׳;sseren. Ganze sieben Stimmen waren für ein! Aufrechterhaltung — alle anderen stimmt« 1! für die Streichung dieser Mißbilligu!:.׳ des Radau*Antisemitismus. S< ,st der seit achtzehn Jahren in eine polüise > Methode gebrachte Judenhaß ofiizicl!- י Programm der ״staatscrhaltendcn , jedenfalls der tatsächlich regieren• den Partei Preußen-Deutschlands. Daß in Deutschland nach dem Sinne dieses I rogramins auch regiert wurde, bedarf deines '.eweises. Über die in Permanenz er• klärte V e r f a s s u 11 g s v e r I c t z u n g durch Zurtrl.-vtzune der luden bei der Berufung in staatliciu• Ämter noch etwas zu reden, hieße dient i uren einrennen. Auch der Einfluß, den dieser g.mz unvcrliofen betätigte Antisemitismus der PcLitrung auf das gewerbliche und gesell* schaftlivhe Leben hatte, ist nur zu wohl bekannt. Er hai dazu geführt, daß auch die ßr0״*J Privaten industriellen Betriebe Juden entweaer überhaupt nicht, oder nur ganz ausnahmsweise *״»tollen. Welche Firma würde wohl zum Abschluß eines Geschältes mit der Regierung dnen ״ersichtlich“ jüdischen Vertreter entsend«n? Wann kaufen Regierung und andere Be- ״ ״Der Ziontimua *nwebt (Or da* tödliche Volk dl• Schaduai einer otleatUcb-ncbUlcb icilcbtrtcn Helmiiltt• 1■ Peltitlni.“ Baseler Proereram. Aus dem Inhalt Tivoli. — Da» Erbe des Jahre». — Zur Berliner Gcntcliidewalit. — Petersburger Briet. — Erkiärung. — Palästina-Rundschau. — Rundschau der Presse. — Aus aller Welt. — Zlonlsdache Bewegung. — Aus den Gemeinden. — Vereins- Rundschau. — Feuilleton: Der Golem. Von David Frisch mann. Aus «1cm Hebräischen Übersetzt von Josef Meist. liörden beim Juden? Doch nur, wenn er so unvergleichlich bessere Bedingungen zu machen in der Lage ist, daß cs nicht anders geht — und auch dann noch nicht inmierl Es ist nützlich, sich diese und alle anderen Folgen des konservativen und Regierungs- Antisemitismus klar zu machen, damit nicht' etwa einzelne luden auf eine eben ausgesteckte konservative Leimrute kriechen. Dieselbe Kreuzzeitung, die sich nicht scheut, ab und zu ein galizisches oder russisches Ritualmordmärchen mit allen Schauem des heimlich von der Wahrheit Überzeugtseins ihren ״gebildeten“ Lesern aufzutischen, entdeckt nämlich auf einmal 101gendes: ״Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit ja auch davon Überzeugt, daß sich der antisemitische Passus ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt. Sind doch auch im Judenturne konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie uns die erfreuliche Tätigkclt zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt, während die im Judcntumc so auffallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maße auch bei rassereinen Deutschen entwickelt haben." Daß die Kreuzzeitung das endlich begriffen zu haben vorgibt, wäre an sich ganz erfreulich, denn cs ist immer ein schönes Zeichen des Fortschritts, wenn auch seine Feinde glauben ihr heuchlerisches Lob darbringen zu müssen. Aber die plötzliche ״Erkenntnis“ der Kreuzr zeitung ist leider hinreichend verdächtig, etwas ganz anderes zu sein. Nämlich ein simpler Gimpelfang! Den Konservativen kommt die allgemeine Mißstimmung in Deutschland, die in den sozialdemokratischen «־Wahlerfolgen so deutlich zum Ausdruck kommt, doch allmählich recht bedenklieh vor. Und sic suchen nach Mitteln, die ihnen cn tg egen stehen den Kräfite zuzersplittcrn, was nach dem bekannten Rezept ״Divicle. et impera!" noch immer das bewährteste Mittel ist. Sic treiben ihren Keil in die Nationallihcrnlcn, sie werden auch noch versuchen, den Fortschrittlichen vor dem roten Gespenst graulich zu machen, und sie haben nun ein besonders hübsches Mittelchcn ersonnen, um die bekanntlich in solchen Dingen stets sehr optimistischen Juden wankelmütig zu machen, Da es mit der Peitsche nicht mehr geht — denn an Sondergesetze gegen die luden ist ja einstweilen in Deutschland doch nicht zu denken — so versucht man es mit dem Zuckerbrot. Wenn die ״zahlreichen jüdischen Männer4‘, deren Tätigkeit das Blatt mit dem eisernen Kreuz an der Stirn auf einmal so ״erheblich“ findet, rasch ein bißchen konservativ oder wenigstens rechtsnationalliberal werden wollen, dann wird vielleicht die — konservative Partei ihr antisemitisches Programm fallen lassen. So verspricht die Kreuzzeitung. Die agrarische Deutsche Tageszeitung und der fromme Reichsbote, das Lieblingsblatt der Kaiserin, widersprechen ganz energisch: Der antisemitische Programmpunkt sei heute fast noch mehr gerechtfertigt wie damals usw. Wir geben nichts auf den Fetzen Papier, auf dem das konservative Programm gedruckt ist, und so läßt uns dieser Wettstreit edler Seelen um ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger Judenhaß recht kühl. Wenn das Programm achtzehn Jahre gehalten hat, so eben deshalb, weil es durchaus den Anschauungen derer entsprach, die es bekennen. Wenn es morgen, vor den Reichstagswahlen 1911 geändert werden sollte, (was durchaus unwahrscheinlich ist!), so würde das nur ein Lock- Experiment sein, das man nach einem Gelingen oder Mißlingen in jedem Falle rückgängig machen würde. Und wenn selbst nicht — was kommt es dann auf die zwei Sätze an? Unser ganzer Verwaltungsapparat ist von oben bis unten vollständig antisemitisch durchseucht. Die Juden sind in Deutschland von den Regierungen und Behörden tatsächlich boykottiert, die eine assimilatorische Gewaltpolitik treiben und jeden jüdischen Aspiranten zur Taufe drängen oder zurückweisen. Bis in die Liberalen hinein stellt keine Partei einen Juden als Kandidaten zu einem Parlament auf, weil er sofort die machtige antisemitische Volksstimmung gegen sich hätte und dadurch die Niederlage der Partei herbeiführen könnte. So liegen die Dinge — Was streitet man um zwei Sätzchen eines Partei- Programms! Wir nehmen als zionistisches Organ in , deutsch-politischen Fragen, die uns nicht direkt als Juden berühren, keine bestimmte parteimäßige Stellung ein. Deshalb ist uns unter Umständen ein aufrechter judenfreundlicher Kandidat, auch wenn er politisch weiter rechts steht, genehmer, als ein noch so radikaler Freisinnsmann, von dem wir wissen, daß er in jüdischen Angelegenheiten ״zufäUig nicht anwesend“ sein wird. Aber den Angehörigen der deutsch •konservativen Partei kann kein Jude wählen, der sich selber schätzt, auch nicht, wenn die Sätze von ״Wir bekämpfen . . ." bis ״christliche Lehrer“ aus dem Programmbüchlein gestrichen werden. Der Geist macht lebendig — so heißt es in der von der Kreuzzeitung vertretenen Lehre. Und dieser Geist wird leider nicht geändert, weil man einige ״jüdische Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst“ als Wahlhilfe notwendig braucht. Wenn cs nach der Kreuzzeitung und ihren Gesinnungsgenossen ginge, dann gäbe es ja überhaupt keine jüdischen Männer ״in Wissenschaft und Kunst“. Ach nein, liebe Kollegin — so d—ankbar sind die Juden doch nicht! '1

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