Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 43S fUEDlSCHE RUNDSCHAU Ich hoffe aber, daß wir diese Tagung nicht bcendigen und diese Stadt nicht verlassen werden, ehe das Minimum der Summe durch die Opferwilligkcit von Frankfurter Bürgern Residiert ist, welches wir bedürfen, um die Begründung der Oppcnhcimcrselicn Ansicdiungsgctiosscnscliaft im nächsten Frühjahr in Angriff nclimcn zu können. Bas Referat von Professor Warbnrg wird uns ( Gelegenheit Reben, uns darüber auszusprechen, wie wir im Rahmen unserer Üesamtbewegung speziell in Deutschland die anderen finanziellen und kolonisatorisclieu Unternehmungen in Palästina unterstützen können, um neuen Ansiedlern die Möglichkeit einer Existenz im Lande unserer Vater zu sichern. Sie sehen, auch diese Tagung hat sich mit einer Fülle von wichtigen Gegenständen zn beschäftigen; möge ihr Werk gesegnet sein zum Besten unserer Saciic, und das Wort des größten Sohnes dieser Stadt für das jüdische Volk zur Wahrheit werden: ״Solch* ein Gewimmel möcht* ich sehn, mit freiem Volk auf freiem Boden stehn." Ich eröffne den zwölften Dcicgicrtcntag. " An die Eröffnungsansprache des Vorsitzenden schlossen sich die Jicorüssungen des Delcflicrlcntafles an. Der Präsident des Aktionskomitees, David Wolffsohn, von jubelndem Beifall begrüßt, führte In längerer Ansprache etwa Folgendes ans: Verehrter Delegiertentag! Meine Kcchrtcn Damen und Herren! Sch danke Ihnen zunächst für die Begrüßung und danke auch unserem verehrten Herrn Präsidenten für die liebenswürdigen Worte, die er an mich gerichtet hat und für die Wünsche, die er in Ihrem Namen und unter Ihrem Beifall zum Ausdruck gebracht hat. Audi ich freue mich sehr, hier in Ihrer Mitte sein zu können. Seit fünf Jahren, seitdem ich die Ehre habe, an der Spitze der zionistischen Organisation zu stehen, eigentlich seit dem Tode lierzls, war es mir nicht mehr vergönnt, den Dclcgiertcntag der deutschen Zionisten, unseren Delegiertentag zu besuchen, und auch diesmal schien es fast so. als wenn ich wieder daran verhindert werden sollte. Deswegen freue ich mich doppelt und danke Gott dafür, daß es mir vergönnt ist, heute in Ihrer Mitte zu weilen. Ueber die Hedeuhing des heutigen Delegiertentages ist wahrscheinlich sehr viel gesprochen und auch geschrieben worden. Jeder sucht sieh nach seiner Art *las heraus, was ihm seiner Auffassung nach am wichtigsten verkommt und legt dem die größte Bedeutung bei. Ich glaube, daß die Wichtigkeit des heutigen Dclcgiertentagcs darin besteht, daß Sic zum ersten Male, seitdem die Organisation in Deutschland besteht, sich anstelle unseres Dr. Bod c n 11 c i m e r einen neuen Präsidenten wählen müssen. Meine Damen und Herren! Mir, dem Pretmde Dr. Boilenheimcrs, mit dem ich seit 18 Jahren, also lange noch bevor der erste Kongreß stattfand und noch bevor uns Herz! erschien, ununterbrochen zionistische Arbeit getan habe, mir stellt es nicht gut an. und cs ist mir auch peinlich, ein Loblied auf Dr. Bodenheimer anzustimmen und seine Verdienste um die zionistische Organisation hervorzuheben. Ich würde aber meine Pflicht als Präsident der Zionistisehen Organisation vernachlässigen, wenn ich es hier unterlassen würde, Dr. Bodenheimer den Dank der Qcsamtorganisation für seine unermüdliche Arbeit und seine b e r v 0 r r a g c 11 d c n L c l s t u ח g c n aviszusprecheu. Dr. Bodenheimer hat sich nicht nur um die Zionisti. sehe Organisation in Deutschland verdient gemacht, sein Verdienst liegt in erster Linie auf dem Gebiete der Ocsamtorganisatkm. Seiner (initiative ist cs ־/.«. verdanken, dal) wir in Köln, lange noch bevor die Zionistische Organisation geschaffen war, eine Nationaljiidischc Vereinigung für Deutschland hatten, und als bald darauf der Sammclruf lierzls erfolgte, war es wieder auf die Initiative Dr, Bodenheimers zuriiekzufülircn, daß der erste Dolegierten tag Deutscher >Zionis,tcn nach Bingen einberufen wurde, Es war nur eine kleine Versammlung, die kaum den Namen Dclcgiertcntag verdiente, aber die Orundlagc war gelegt, und die Folge war, daß wir bald darauf die Zionistische Vercinigung für Deutschland hatten, noch bevor zionistisehe Vereine und Ortsgruppen In Deutschland vorbanden waren. Es war durchaus kein Zufall, daß Dr. lierzi gleich zu Beginn die meisten organisatorischen Arbeiten, wie die Gründung der Kolonialbank, nach Köln übertrug, daß er nichts Wichtiges mehr ohne Köln hinzuzuzichcn unternahm. In Köln fand er eine Organisation vor; es war daher nur cino natürliche Foige daß nach dein Todo Hcrzls dlo QctamtlcUung nach Köln überging. Meine Damen und Herren! Hieraus ersehen Sie nicht nur die Verdienste Dr. Bodenheimers. Hieraus können Sic auch den Zusammenhang zwisehen der G c s n 11111 c i t u n g und der Leitung der Zionistischen Organ isation in Deutschland ersehen. Um Miß- Verständnisse zu vermeiden, möchte ich von vornherein betonen, daß ich cs für einen großen!׳eitler halten würde, wenn die Zionistische Zcntrullcitung von irgend einem Lande abhängig wäre oder auch nur eine lokale Färbung bekäme. Die Leitung darf weder deutsch noch englisch, weder russisch noch österreichisch sein, die darf nur jüdisch, nur zionistisch sein. Ich habe daher, seitdem Ich die Ehre halte, an der Spitze der Zionistischen Ofganisation zu stellen, bei jeder Gelegenheit alles, was möglich war, getan, um nur zu vermeiden, daß eben die Leitung eine lokale Färbung amiühme. Früher als wir in Deutschland Ecliod beir uschcnajiin bcmischpoclio, einer tu einer Stadt und zwei in einer ganzen Sippe, waren, als die Zionistisehe Organisation in Deutschland noch sehr klein Liberalen in Deutschland für den Zioniswar, da hat Dr. Bodenheimer von Köln aus die ganze Arbeit gemacht und geleitet. Nachdem aber inzwischen die zionistische Organisation in Deutschland herangevvachscn ist, so daß cs heute in allen deutsehen Uaneii Zionisten gibt, von Memel bis Köln, von Emden bis Katlowitz, und von Schleswig-Holstein bis zum liodeusec zionistische Vereine, Ortsgruppen und Vertrauensmänner gibt, da hat sielt die Notwendigkeit hcrnusgcstcllt, die Leitung nach dem ü e u t s c h c n Zentrum, nach Berlin zu verlegen. Und aucli Dr. Bodenheimer hat bald cingcschcn, daß man unmöglich die Arbeit, die in Berlin gemacht werden sollte, von Köln aus leiten könnte, zumal er immer größeren Anteil an der Leitung der Oesamtorgaiiisation genommen hat, namentlich die Leitung des Jüdischen Nationalfonds. Er war daher gezwungen, sein Amt nicdcrzulegcn und Sie stellen jetzt vor der Notwendigkeit, einen neuen Leiter jetzt an dem Orte zu wählen, wo die Arbeit gemacht wird. Genau dasselbe י י יי' < h mit der (k'.saiiilUititii:״ ' ׳ ' .::u־n. Die Jahres!.*•).... ,. . . :,ebraucht 11.n I» *!.1 c 1 . :1 j u d i s c!1 c 11 1 Zentrum, 1u.d /war v,vst wnne Mitglieder der Kommission memcii, daß auch!.<»11 *1*111 oder Paris in Betracht koimmii könnten, aber diese Meinung beruht auf vollständiger Unkenntnis der Verhältnisse, denn, wie die Verhältnisse liegen, gibt es vorläufig keinen anderen in Betracht knm 11u׳n- *len Ort als Berlin, mul ich hin sicher, daß die Leitung dorthin kommen wird. Dann wird auch die (icsamtorganisation gezwungen sein, sich dort einen Präsidenten zu wählen, weil cs eben nicht anders gebt, als daß der Sitz der Leitung sich an dem Orte befindet, wo die Arbeit geschieht. Sie sehen wiederum, welcher Zusammenhang zwischen der deutschen Organisation und der Oesamtleinmg bestellt. Es ist daher Pflicht, darauf Rücksicht zu nehmen, denn cs handelt sich nicht nur um die Interessen der deutsche 11, sondern um die Interessen der gesamten z i 0 n i s t i s c 11 c n Organisation. Meine Damen und Herren! Es genügt nicht, daß man filr den Präsidenten eine Majorität schafft, wir müssen ihm von vornherein mit dem größten Vertrauen entgegenkommen, damit er eine sichere Hand bekommt und den Mut, seine Arbeit zu leisten. — Wir Zionisten können uns nicht so leicht mit einem aus unserer Mitte begnügen, auch wenn wir ihn z.um Pilbrer wählen, denn wir batten einen Herzl unter uns. und man ist leicht versucht, den Maßstab nach seiner großen Persönlichkeit anzulcgcu. Aber unisomehr ist es unsere Pflicht, dem Manne, den wir gewählt Italien, unser Vertrauen zu schenken und seine Autorität zu stärken. Hüten wir uns vor persönlichen Kämpfen; denn sie gießen Bitternisse in die Herzen derer, die am meisten der Begeisterung und Liebe bedürfen. Hüten wir uns, das Band, das uns zusaniiueiiliält, leichtfertig zu zerreißen. Wohl sind wir in der Lage, cs wieder zusammenzuknüpfen, aber der Knoten bleibt immer da. (Beifall.) Noch eines möchte ich Ihnen sagen: Lassen Sic sich nicht von einem Pessimismus, der In der letzten Zeit hei einigen von uns cinzurcißcn droht, gefangen nehmen. Meistens sind cs nur solche Leute, welche uns den Pessimismus predigen, die selbst nichts tun und arbeiten und deren ganze Tätigkeit darin besteht, daß sic einmal Im Jahre oder einmal In zwei Jahren zu uns kommen und große Reden halten, klagen und jammern, die aber, well sic selbst nicht mitarbeiten. auch nicht sehen, daß wir trotz aller Mühen und Schwierigkeiten, vorwärts konimen. Lassen Sie sich nicht von diesem Pessimismus gefangen nehmen, denn cs Ist nicht richtig, daß wir nicht weiter kommen Wer mitten In der Arbeit steht, weiß, daß wir Jeden Tag Schritt für Schritt vorwärts kommen und unsere Na 37. Idee auch in denjenigen Kreisen allmählich Eingang gefunden hat, die uns früher aufs heftigste bekämpft haben. (Beifall.) Wer Augen hat, kann sehen, daß sielt jetzt überall, w0׳ Juden leben, ein Interesse |ז״ jüdische Kultur und Sprache regt und vor allem d,c Liebe zu Ercz. Jisroel, zum Judenland wieder eru »ein ist. (Stürmischer Beifall.) Wir können zwar noch nicht die Hände i;: öen Schoß legen, denn wir stehen noch im Anfänge der Arbeit. Große jüdische Massen stellen uns noch Rrn und vor allem viele der alten Generation. 1:ל;f!g noch lange dauern, bis wir sie alle gewonnen 11. '״,n, aber unser junges Geschlecht, die Jugend t ’ hört uns, und wenn wir nur auf unsere J<!-.״j liinscliaucn, die jetzt mit Begeisterung z.um Jude: tun zurückkehrt, dann braucht uns nicht bange zu s״n vor der Zukunft, denn die Zukunft gehört uns. <1. ■ g. andauernder Beifall.) Lassen Sie sieh auch nicht beeinflussen von n. jenigen Pessimisten, die cs gewiß gut meine״, c uns eine Politik Vorschlägen, welche in Wirklic« .ן äußerst gefährlich ist, die Polilik des Uebcil ״J. Werfens; sic wollen, daß wir einen Punkt nach :!! anderen von unserem Programm aufgeben, um s bei der türkischen Regierung lieb Kind zu nu*;1. Was wir Vorhaben, wird aber der Türkei /!1 Sagen gereichen und nie und niemals zum ל den. Zwischen unseren Interessen und denen .:es oKoiiiaiilselieu Reiches gibt es keinen Gegen•.1/, Unsere •Aufgabe ist es, darauf hm/.uurbciteu. :1 auch die türkische Regierung sieh diese Ueber/cu., g zu eigen macht. Solange dies noclt nicht vollst.״׳ >g der Fall ist, gilt cs zu arbeiten und zu warten, i* :1 die Meinungen und Ucbcrzcugungcn einer Regie g sind nicht von ewigem Bestände, und der 's g wird kommen, an dem die türkis c Regierung uns die Hand reichen w. (Beifall.) Worin bestand von jeher die größte KraH .s jüdischen Volkes? ln seinem zähen und entwerten Festhalten an dem. was es ׳..!!• mal als gut und richtig erkannt hatte. So wolle!. . ■ Pi wir daran eine Lehre nehmen. Halten wir ics; au unserem Programm, das da lautet: ״Oer Z.»*1..- ־ ,% erstrebt für das jüdische Volk die Schäftung * a tiiicntlicii-reciitlicli gesicherten Heimstätte in P ״• iastina." Eine Heimstätte wollen wir schaue:: .t der rechtlichen Sicherheit, die uns die konstitut:*׳. e Türkei bieten kann: nicht etwa einen Zufluchtsort mr arme verfolgte Juden;ms dem Osten, .sondern er.c eigene Heimstätte für das j 1i d i s c 1 c V׳ o 1 k. Und in dem Lande unseres Volkes, n Pal.iMina. (Stürmischer Beifall.) Wenn Sic in diesem Sinne arbeiten werden, d.mn bin icli überzeugt, daß wir unser Ziel erreichen werden. Keiner von uns darf sagen: ״i c lt we!.!c das Ziel erreichen." denn jeder von uns ist sterb!..!:. Wir aber dürfen ruhig sagen: ״wir werden cs reichen," denn das jüdische Volk ist unsterblich. Es war, cs ist und es wird sein. . . Und dank seiner t u• vcrwiistlichcn Lebenskraft dürfen wir auch den io' Glauben hegen, daß der Tag kommen wird, an dem s wieder vereinigt wird mit seinem eigenen Lande. : Ercz. Jisroel. (Stürmischer, langaniialtcndcr Be! ' I * Die Rede, insbesondere die Mahnung zur E :• keit und der Hinweis auf die bevorstehend:! großen Aenderungen in der gesamt!! Partei, machten einen tiefen Eindruck. Danach begrüßte Rechtsanwalt Dr. Schwär/• ichlld als Vorsitzender der Ortsgruppe Frank׳ t am Main die Delegierten und die Gäste. Dr. FeueM• wanger überbrachtc die Glückwünsche der Misr.w■׳• Föderation. Den Begrüßungen folgte die Wahl des Präsidiums des Dclcgiertentagcs. Auf Vorschlag von He!:’. Hermann S t r u c k •Berlin wurde folgendes Pf. ־ sidiuin per Akklamation gewählt: Rcclnsanwa’! Dr. Bodenheimer-Köln, Dr. Julius Moses- Mannheim, Rechtsanwalt Grone!» a n n - Berlin. Rechtsanwalt Dr. Siegfried Sc!1 w a ז /, sc h i I d- Frankfurt a. M., Gustav Schwabe- Varel, Arn<׳U Wiene r-Kattowitz, Fritz Sondhc imc r-Fraukfurt a. M, Herr Dr. Bodenheimer übernahm sodann die Leitung des Präsidiums des Dclcgiertentagcs und gedachte in ergreifenden Worten der Verluste, die die deutsche Landcs-Organlsation in den letzten zwei Jahren erlitten hat. Folgende Gesinnungsgenossen sind in dieser Zeit verstorben: Dr. Ephraim Adler• Lübeck, Gustav Tuch-Hamburg, Professor Dr. Benno Badt-Breslau, Moritz Weii-Freiburg i. Br., Dr. Georg Arndt-Uoriin, Samuel L.Brandt-Poscn, Arthur Schwabe• Varel, stud. Ludwig Buttermilch-Breslau, Rafael . Roscnhelmer-Frankfurt a. M., A. S. Pomeranz-Königs-