Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang 1',vr Zionismus erstrebt für das J&dische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Baseler Programm. XII. Deutscher Zionistentag \m Sonntag und Montau dieser Woche hat In! r .1 n k i u r l am M n i n der zwölfte Dclcgicrtcntag > .־ ..Zionistischen Vereinigung fiir Deutschland” stattk iunden, Kr hat vor allem die Aufgabe, einen Nach-! Igcr fiir Dr. B 0 U c n h c i nt c r zu wühlen, in rieh-;;er Erkenntnis der Notwendigkeiten und Fordcrun- : ״ des Tages dadurch-vorzüglich gelöst, daß er zum Vorsitzenden des Zentralkomitees einstimmig den י mgjährigen Leiter des Berliner Zcntralburcaus Dr. H.tittkc wählte, den wir mit Freude und Genug-!imng auf diesen» Posten begrüßen. Um heute einen einigermaßen vollständigen Berieht bringen zu können, versparen wir uns eine eingehende Würdigung des XII. Dclcglcrtcntagcs auf die nächste Nummer. Erster Verhandlungstag Sonntag, 12. September 1910. Vormittagssitzung. Der Präsident der Zionistischen Vereinigung fiir Deutschland, Dr. Bod c 11 h c I m c r, cröffnetc die Verhandlungen wenige Mieuteu naU» zclua Uhr. Saal und Galerie waren überfüllt. Die Zahl der erschienenen Delegierten betrügt fast hundert. Gleichzeitig mit dem Vorsitzenden Dr. Bodenhcimcr traten der Präsident des Aktionskomitees, Herr David Wol ff söhn, und der Vizepräsident, Profes.sor Warburg, an der Spitze des Zentral- Komitees in den Saal. Die Delegierten und die Zu- I1׳׳rer brachten ihnen, insbesondere dem Präsidenten Wnlffsohn, stürmische Ovationen dar. Herr Dr. ßodcnlichncr cröffnctc sodann die Ver-!!andlungen. Die mit großem Beifall von allen Seiten aufgenommene Rede des Vorsitzenden lautete: Sehr geehrte Versammlung! Zum zwölften Male tritt der Dclcgicrtcntag dcut- :eher Zionisten zusammen. Noch steht die letzte Tagung. die wir im Osten des Reiches, in Breslau,;׳!:gehalten haben, in unser aller heller Erinnerung, hi der Zwischenzeit sind die Stürme des Hamburger Kongresses über unseren Häuptern dahingebraust. Durch das hohe Verantwortungsgefühl der Parteih'11 rer in den verschiedenen Ländern ist cs jedoch ׳:(.hingen, auf der Jahreskonferenz in Berlin diesen :,siiriu zu beschwören; man hat sich über einige wichtige organisatorische Acndcrungcn verständigt und der Sitz der Bewegung wird voraussichtlich ln :׳'׳schbarcr Zeit in die Hauptstadt des Deutschen Reiches verlegt werden. Damit trifft die deutschen Zionisten die doppelte Pflicht, den Kampf für die zionisti- ״Gie Sache mit ihrer ganzen Kraft zu übernehmen. Es ist für uns eine hohe Ehre, uns in einer Stadt :> r diese Arbeiten rüsten zu können, welche eine so lohe Bedeutung für die jüdische Bevölkerung Deutschlands gewonnen hat durch die große Anzahl bedeutender Gelehrter, die hier gelebt und durch Ule sozialwirtschafthchc Macht, welche die Judcnhcit dieser Stadt verkörpert. Ich begrüße die Vertreter der hiesigen Vercinigungen, die uns ihr freundliches Interesse durch ihre Anwesenheit bekunden. Ich begrüße aber auch insbesondere mit freudiger Genugtuung die Anwesenheit unseres verehrten Präsidenten, David Woffsohn, der trotz seiner geschwächten Gesundheit cs sich nicht hat nehmen lassen, als Gast in unserer Mitte zu weilen. Wir knüpfen hieran die Hoffnung, daß er sich bald wieder mit frischer Kraft den Arbeiten der Bewegung widmen kann. Wenn ich diese bedeutende Versammlung bctrachte, denke ich an jenen ersten Deleglcrtentag der deutschen Zionisten, welcher vor nunmehr zwölf Jahren In Frankfurt getagt hat. Damals war cs noen eine kleine Zahl von Delegierten, die einen sehr kleinen Kreis langer deutscher Juden umfaßte. Die deutsehen Zionisten und der deutsche Zionismus sind in der Zwischenzeit nicht nur älter, sondern auch einflußreicher geworden. Wir repräsentieren heute mit unseren 7000 organisierten Anhängern in Deutsch- Imtd eine Körperschaft von nicht zu unterschätzender Macht und Bedeutung für die Judcnhcit in Deutschiund. Ein großer Teil der akademischen Jugend folgt unseren Fahnen. Die jüdische Turnerschaft steht uns mit der größten Zahl ihrer Mitglieder, die zumeist der Kaufmannschaft und dem Gewerbe angeboren, überaus nahe. Auf unseren geistigen Einfluß ist das erwachende Selbstbcwußtseiu und Würdegefühl unter der deutschen Judcnhcit zum großen Teil zurück- Zufuhren. Wir haben den deutschen Juden den Rücken gestärkt und ihnen klar gemacht, daß man sein Recht nicht nur durch Bücklinge und Erdulden mehr oder weniger psychisch fühlbarer Mißhand• lungcn und Fußtritte verteidigen kann, sondern durch rO'ciic:. B;l־c:au.״״is seinc! Ucbcrzcuguug m,u durch treues Festhalten an den überkommenen Traditionen. Wir haben der Welt bewiesen, daß man ein guter Patriot und Staatsbürger des Landes, in dem man lebt, sein kann, und dennoch sich an der Arbeit für die Zukunft seines Stammes und seines Volkes mit Energie und Eifer beteiligen darf. Wir wollen der Welt beweisen, daß cs eine Vermchrung der Kultur der modernen Staaten bedeutet, wenn die Eigenart ilircr Völker sich mit möglichster Freiheit entfalten kann, und so wollen wir auch der Türkei den Nachweis erbringen, daß cs einen pol»- tischen und wirtschaftlichen Gewinn und einen kulturellen Fortschritt für das hochbegabte Volk der Ottomanen bedeutet, wenn cs dem jüdischen Volk freien Raum zur Entfaltung seiner geistigen Bedeutung auf dem Boden seiner Väter in Palästina gewährt. Das ist das Ziel, für das wir arbeiten und fiir das wir in loyaler Propaganda die Mitwirkung nicht nur des türkischen Volkes, sondern auch der türkischen Regierung gewinnen wollen. Wie in anderen Ländern, so haben wir auch in Deutschland die Beobachtung gemacht, daß die nichtjüdische Bevölkerung unsere Bewegung mit uncigcnnützigem Wohlwollen und Verständnis betrachtet. Leider können wir dasselbe von einem sehr großen Teil unserer Stammes- und Glaubensgenossen in Deutschland nicht behaupten. — Es wird eine schwere Aufgabe sein, die der neu zu wählenden Führung in Deutschland bcvorstcht, die immer noch bestehenden Vorurteile zu zerstreuen und das Verständnis dafür zu eröffnen, daß cs sich bei den zionistischen Be- Strebungen nicht um eine politische Utopie, sondern um eine reale Notwendigkeit, um eine Pflicht der Sclbstcrhaltung für das jüdische Volk handelt. Nicht allein für die russischen, nicht für die galizischcn, nicht für die rumänischen oder andere Stammesgenossen, die In irgend einem Winkel der Erde verfolgt werden, nein, für das ganze Jüdische Volk und für uns mit ihm, bedeutet das zionistische Programm eine Lösung. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich dio kraftvollen Worte Max Nordaus von der physischen und psychischen Judennot hier wiederholen wollte. Ein jeder von uns weiß Im innersten seines Herzens, wenn von der zionistischen Sache die Rede Ist, ״Nostra res agitur“, unsere Sache ist's, um die cs sich handelt. Und nun zu dem Gegenstand der heutigen Tagungl Da sind es zwei Dinge, auf die ich Ihre besondere Aufmerksamkeit lenke. Das Erste ist die Neuorganisation der Bewegung und der Z. V. f. D. sowie deren Finanzierung, zu welcher der Dclcgicrtcntag Stellung zu nehmen hat. und das Zweite ist die Sicdlungsgenosscnschaft von Franz Oppenheimer. Auch unsere Gesamtbewegung krankt seit Jahren daran, daß ihr Organisationsstatut ein Provisorium darstcllt. Ein Provisorium, das in dem Drange der Kongreßtagung jedesmal mit' geringen Abänderungen erneuert worden ist; mit so nüchternen und trockenen Angelegenbeiten, wie dies ein Organisationsstatut ist, wollen die Zionisten nichts zu tun haben. Die Scheu vor Statutencrörtcrungcn ist übrigens auch begreiflich. In den Parlamenten werden diese Dinge durch Kommissionen erledigt, die Wochen- und monatelang tagen, den Stoff erschöpfend beraten und in denen eine Verständigung der verschiedenen Parteien erfolgt, so daß die Beratung im Plenum der Parlamente nur in großen Zügen um die Prinzipien der Organisation sich bewegt. Wir können keine Kommissionen cinsctzcn, die monatelang beraten, da wir unsere Leute nicht an dem Sitz unseres Parlamentes dauernd versammeln können. Darum mitsicu vor schon einmal die Scheu vor diesem Gegenstand überwinden, und die Erfahrung wird lehren, daß er gar nicht so trocken ist, wie es manchem auf den ersten Blick scheinen möchte. Jedenfalls eines steht fest, so wie im menschlichen Körper Kopf und Hand sich ergänzen müssen, der Geist und die körperlichen Organe, so muß auch innerhalb der zionistischen Bewegung die Idee durch eine lebenskräftige, gesunde und zweckmäßige Organisation getragen werden, wenn das Ziel derselben erreicht werden soll. Dafür Sorge zu tragen, ist eine Aufgabe des künftigen Kongresses, weicher durch die Erörterung hier lediglich vorgearbeitet werden kann. Solange aber das alte Statut in Kraft besteht, bleibt auch der deutschen Landes- Organisation nichts anderes übrig, als auf Grund der bestehenden Einrichtungen ihre Organisation und Finanzen zu regeln, so daß sie ihre Aufgabe erfüllen können. Aber auch von diesem Gesichtspunkte ist unsere deutsche Organisation reformbedürftig. Der gcschäftsfülircndc Ausschuß wird Ihnen Vorschläge unterbreiten, über die Sic zu beraten haben und von deren Annahme die gedeihliche Entwicklung der Z. V. f. D. zun» großen Teile abhängt. Wir haben cs übernommen, die Lösung eines sozialen Problems mit der einer speziellen Notlage, in der sich unsere Kolonisation und unser landwirtschaftlicher Arbeiterstand in Palästina befindet, zu vereinigen. Wenn der sehr interessante Versuch, den der Kongreß zu unternehmen beschlossen hat, und über den Herr Dr. Franz Oppenheimer selbst hier berichten wird, gelingt, geht unsere jüdische Kolonisation in Palästina einer ungeahnten Entwicklung entgegen. Wirschaften den Hunderten und den nachdrängenden Tausenden und Zehntausenden proletarischer Arbeiterexistenzen, welche das Elend der östlichen Länder fortdauernd produziert, eine neue Zukunftsliofinung und sichern unserem Volk für die Zukunft seinen wirtschädlichen Bestand. Hier ist der Punkt, wo alle tatenfreudige Mensehen, einerlei ob sie im übrigen auf den» Boden unserer Anschauungen stehen, einerlei, welcher Rasse oder Religion sic angchörcn, mitwirken können, um den Keim einer neuen sozialen Entwicklung in Palästina zu befruchten. Noch fehlen uns die Mittel, dieses Unternehmen mit der Sicherheit ins Leben zu rufen, daß es nicht aus Mangel an Kapital scheitern kann. Darum richte ich von dieser Stelle einen herzliehen Appell an diese Versammlung, überall in allen Kreisen, wo man Verständnis für diese Sache hat 10r sie zu werben.