Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 429 No. 30. Kussland Hx/.ellenz Schwarz und die Juden Per Kampf *jenen die Juden, den die russische Kcsi'.'t'i'ic ■sChn1t seil Jahrzehnten zu einer ihrer ll.nipMi.inahen gemacht hat, wird in letzter Zeit von jcm ,Munster der Volksbildung (..V ״ I k s;1 u f k I ii * ruiiu". "IC es 1111 russischen heißt), dem früheren!•f.iks'1 ׳־ der!Moskauer Universität, mit dem schönen tjv11t>ct;cu Manien Schwarz, besonders erfolgreich gchihrt. : ciiou seit sehr langer Zeit dürfen bekannt- Iu.l1 tut einem Zirkular des Ministeriums in allen 1״jMs,iten Staatsschuld!, sowohl Hochwie Mittelsclir.h••!. •Inden nur in einem gewissen Prozent- 5.1 w!etwa 3—4 Prozent aller Studierenden), äugej101>:n *1 v erden. Um das Jahr 1905, als der Schrei nach י ,.achherechtignng aller Bürger so laut erscholl, il.iP er sogar in die vermoderten Knnzicien des Miiiistci •uns drang, wurden eine zeitlang Juden in den Univi;!taten ohne jede Beschränkung aufgenommen Bald jedoch besann sieh das Ministerium wieder 1 ’• stellte die Einschränkung wieder her. Da der .׳:׳gegebene Prozentsatz fiir die Juden Rußlands, unter .!.׳neu das Streben nach Bildung bekanntlich viel׳er ist, als in der kerunissischen Bevölkerung, vers! indciid gering war, und nur einigen Atiserwiili: 1 den liosuch von Schulen ermöglichte, so halfei! '.n die Juden, so gut sie konnten, durch Gründum '011 jüdischen Pr i va tg y tuna sicn. 1903 wurde das erste jüdische Gymnasium in Odessa er»•!0^'1 :: ׳ erfolgte die Gründung jüdischer Oymnask in Petersburg. Wilna, Hömel und Riga und einer Realschule in Minsk. I . s Ministerium der Volksbildung setzte im Ani.mz der Gründung und Tätigkeit dieser Gymnasien gar!.•׳me Schwierigkeiten in den Weg. l'.rst im Früh-!,ihr . 1eses Jahres erwachten in ihm Bedenken. Zume! m erhielte» alle Kuratorien der russischen Lehr-!hv:׳ •c eine Anfrage, wie cs um die jüdischen Schulen Mel״■ '.’nd obwohl die Auskünfte sehr günstig waren, ctlu '• am U). Juli d. Js. Minister Schwarz ein Zirku- 1.1 r. m dem festgesetzt wurde. Galt von mm an nicht nur ui den Staats*, sondern auch in allen Privatscii cii. selbst in den jüdischen, die nur f 11 r Juden gegründet sind, die Juden nur 1 n d cm e r w ii 11 n t e 11 b c s e 11 r ii n k t c n Prozentsatz a u f g e n 0 in m e 11 w erden d ii rfc II. Den jii di sc 11 en Seit ulen selbst aber wird durch dieses plötzliche mul gänzlich unerwartete Vernot ihre g a n z e Existenz untergrabe ». Ikhu 2000 jüdische Kinder wurden in diesen Schulen Die Mühe, die Arbeit, das Kapital, das an diese Schulen verwandt worden ist. alles geht verlorcn. Dazu kommt, »lall in allen diesen Schulen schon im M.u dieses Jahres, als noch niemand von den V.aiiregeln des Ministeriums etwas ahnte, Aufnahme* priiiiingen stattfanden, so dall die schon aufgc* nommenen Kinder jetzt, kurz vor Beginn des Unternc'av gar nicht die Möglichkeit haben, in einer amlum Schule anziikommcn, da dort alle Vakanzen lür Juden längst besetzt sind. Ms ehr raktcristischcs Beispiel fiir den Kurs des Munsters Schwarz sei nach der Frkftr. Ztg. noch ein andner Fall erwähnt. Von der juristischen Fakultät der Petersburger Universität wurde ein begabter junger Mensch nach dem Staatsexamen zur ferneren Ausbildung an dieser Universität belassen. Der Minister versagte seine Bestätigung, weil der Bctrcffaule ein Jude war. Die glänzenden Zeugnisse der Uiiiv rsüätsprofessorcn waren dem Minister ganz glciMigiiliig. Bemerkt muH werden, dall es für Personn׳, die eine Universität absolviert haben, weder nach ׳lau Gesetze, noch nach den Zirkularen des Mimtermms irgend eine Beschränkung fiir ihre xveiterc ussenscliaftliehc Ausbildung gibt, aber Willkür kennt eben keine Grenzen. Im Kampfe gegen die Juden ist für die russische Regierung, wie man sicht, icd ׳ s Mittel gut und durch den Zweck geheiligt. Finnland Flnnlündischc Lehren Pie Entscheidung der russischen Regierung, bei der »cii!liehen Gleichstellung der Russen in Pinnland die gesetzlichen Beschränkungen der dortigen Jude ו in Geltung zu belassen, hat eine allgemeinsymptomatische Bedeutung und ist lehrreich für viele Tei!.׳ der Gcsaintjudcnhcit. Rs genügt nicht, daß wir unseren Unmut über diese Bestimmung der Z.1־M.:׳rcgicrung Ausdruck geben. Viel Aussicht auf En׳.׳!,׳ haben unsere Proteste ia doch nicht. Von iedt, unserem Volke widerfahrenen Unbill müssen wir lernen, und die entsprechenden Konsequenzen aus ihr ziehen. Die Lage der Juden in Finnland gehört zu den seltsamsten Erscheinungen und Acußcfungen des neuzeitlichen Judcnproblcms. Ein einheitliches Kulturvolk, wie das finnische, kreiert barbarische Judcngcsctzc, welche die zarischcn Judcncntrechtungcn noch Ubertrcffen. Und als der finnische Seim (Landtag) mit seiner radikal-sozialdemokratischen Mehrheit während der ״Frcihcitstage" au eine Losung der Judenfrage in diesem Laude hertuurat, vermochte er sich auch nicht zu einer generellen Lösung, ־zur gänzlichen Gleichhcrcchtigung der Juden zu erheben, sondern bc* gnügte sich mit der Gewährung von Bürgerrechten an die in P i n n l a n d geborene n oder seit m i n d e s t e n s zehn Jahren ansässigen Jude n. Dieser — übrigens nicht sanktionierte — undemokratische Beschluß des finnischen Landtags zeigt, daß man auch in den radikalen Kreisen des finnischen Volkes eine gewisse Augst vor den aus Rußland kommenden Juden liegt. Die gewöhnliche Bezeichnung ״Antisemitismus'‘ reicht Incroei ment aus. Die Motive sind hier tiefer zu suchen. Die ( Finnländer befürchten eine Stärkung der russischen Kultur durch die russischen Juden. Die russische Rcgicrung müßte dämmen die Inkie.'S-n uu .iiiucn in l'iunlniid wahrnclimcn. Sic tut cs jedoch nicht und hält an ihren ״Prinzipien" fest: sic will von den Juden auch keinerlei Nutzen ziehen. Darin liegt eine Warnung an diejenigen russisch-jüdischen Kreise, die trotz aller barbarischen Maßregeln der Zarcnrcgicruug, trotz aller blutigen Grcucltatcn russischer Volks* gruppen gegen die Juden es nicht unterlassen, sich der russischen Kultur anzuselilicßen und sogar mancherorts als Pioniere derselben zu wirken. Eine Erscheinung. wie man sic Ultimen uuen m anderen Ländern, wie ■/.. B. in Galizien, nntreffen kann. Das Schicksal der Juden in Pinnnland lehrt uns, dall wir am besten tun, unsere eigene nationale K u 1 - tur vor allem zu pflegen. Nur dadurch allein können wir von uns die Gefahr abwenden, in das!•,euer anderer Völker zu geraten, die sich bcfeliUen. - eine Gefahr, durch die gerade unser Volk so häufig und so schwer zu leiden hatte. Uesterrelch ״Parlamente und Volksbeschlüsse“ Aus Wien wird uns geschrieben: Von imscrm südlichen Bundesgenossen Italien unsere Bahnbeamtcn bekanntlich das schöne Mittel der Hallistreiks. die sogenannte passive Resistenz übernommen, die absolute Negierung des Geistes einer staatlichen Verordnung. Die Regierung hat dieses Mittel nnnmelir auf einen Parlamentsbeschlull übertragen. Unser Parlament hat mit Mehrheit die Aufnahme der Nationalität in die Fragebogen, die bei der Volkszählung zur Verwendung gelangen, bc* schlossen. Die Regierung fügt sieh diesem Beschlüsse nicht und erläßt eine langatmige Erklärung für ihre Haltung,;ms der. wenn man das mmsuauseli m eine verständliche Sprache übersetzt, hervorgeht, dall die hohe Regierung einfach nicht will. Drei Viertel der Bevölkerung wären enthusiastisch bei der Sache, wenn sic ihr Volkstum bekennen sollten und dürften. Aber die Regierung will nicht. Warum? Weil die Juden Oesterreichs ebenfalls für die Aufnahme der Nationalitütsklauscl sind und ihre Abgeordneten dafür gestimmt haben. Der bloße Wunsch der Juden aber ist Grund genug fiir die Rcgicrung, nein zu sagen. Daß sie mit dieser lächelnden Ucbcrgchung der jiidlselten Portierungen den begeisterten Beifall der Sozialdemokraten findet, ist jedem einleuchtend, der die Gereclitigkcitslicbc und die politische Anständigkeil dieser Partei kennt und gebührend einsehätzt. Die ״Arbeiter-Zeitung" applaudiert, wenn ein orthodoxer Jude eingesperrt wird, der vor einer katholisclifii Prozession den Hut nicht nhualmi. Sie er* klärt das ״Jiddisch'* für ״Budapcstet Orpheum". Warum sollte sic für die Forderungen des fast zwei Millionen zählenden jüdischen Volksstanuncs sein? Türkei Die Sprachenfragc an den Jüdischen Schulen Djavid Bcy, der türkische Finnnzministcr, hielt sieh kürzlich auf der Durchreise nach Paris in Saloniki auf und empfing den dortigen Oroßrabbincr zu einer längeren Unterredung, die sicli in den herz- Hellsten Formen bewegte. Das Gespräch kam bald auf den Sprachunterricht an den Jüdischen Schulen. Der Minister interessierte sich hauptsächlich dafür, in welchem Umfange Türkisch zum Lchrgcgcnstand gemacht würde. Der Rabbi konnte ihm versichern, daß der türkischen Sprache in allen Schulen einschließlich der Talmud Torah und des Rabbiner- Seminars die größte Aufmerksamkeit gewidmet werde, und lud seinen Gast ein, sich durch persönliehen Augenschein hiervon zu überzeugen. Djavid Bcy äußerte den Wunsch, daß an den Jüdischen Schulen das Deutsche recht gründlich gelehrt werde, von dessen Nützlichkeit er sich auf seinen letzten Ruroparciscn überzeugt habe und das gerade in Saloniki, wo sich ein reger Handel mit deutschsprechenden Ländern entwickle, von besonderem Nutzen sei. Der Chief Rabbi versprach, dem Qegcn- Stande in der nächsten Zeit eine besondere Aufmcrksamkeit zu widmen. — Die Nachricht beweist wieder, einmal, daß das Lehrprogramm, das der ״Hilfsvcrcin der Deutschen Juden" seit Jahren in seinen ottomanischcn Schulen durchgcführl hat, in der Sprachenfrage aufs beste mit den Wünschen der Regierungsstellen übereinstimmt. PALßeSTI NÄ-RUMDSCflAU Die Palästina-Nummer der ״Well“ Wie unseren Lesern bereits bekanntgegeben, bcubsichtigt das Zionistische Zentraiorgan die Herausgäbe einer Pa I ä s t i n a - N u m in c r. die bei einem verstärkten Umfange von etwa 100 Seiten und dank der Mitarbeit der hervorragendsten Kenner von Land und Leuten des Jüdischen Zukunftslandes ein hervorragendes Mittel der Palästinapropaganda zu werden verspricht. Aus der Fülle der Beitrage, die fiir das Heft vorgesehen sind, heben wir hervor: Zionistische Arbeit in Palästina — Palästina als jüdisches Zentrum — Die jüdischen Kolonien in Palästina - Das Vcrkchrsproblcm in Paiästina Die hebräische Sprache in Palästina — Die Tätigkeit des Jüdischen Nationalftmds in Palästina — Die Arbeiterfrage in Palästina — Kulturpflanzen in Palästina. —- Das gcscllscliaftliehe Leben in Palästina — Das Kreditwesen in Palästina — Jüdische Altertümer in Palästina —י Die Heilquellen Palästinas und die Hygiene im Lande — Das Volksleben in Palästina — In- Uustrielle Möglichkeiten in Palästina — Presse und Verlagswesen in Palästina. Außer diesen allgemein gehaltenen Beiträgen sollen behandelt werden: Der Bezalel» die Siedlungsgcnossenscliaft, die Cliaiukkah, die Palestinc-Land- Development-Company, die Versuchsstation, die Nationalbibliotltck, das Hebräische Gymnasium, die Tachkemonischuic. die Anglo-Pulcstinc-Company, das Mikro-Biologische Institut, die Jemeniten usw. Der Preis der Nummer wurde für Deutschland und Oesterreich-Ungarn mit 65 Pfennig, für alle übrigen Länder mit 75 Pfennig festgesetzt. Zionistischen Vereinen, Vertrauensmännern und Kolporteuren berechnet der Verlag für Deutschland und für alle übrigen Ocstcrcicli-Ungarn Länder 10 Exemplare mit 6. - Mk. 7. Mk, 25 יי יי ״ 13.75 15. 50 י* יי ״ 22.50 ״ - .25 100 יי יי ״ -,40 ״ —,45 Auch unsere Leser werden zweifellos durch ilire Werbearbeit dazu beitragen, diesem für die Palästinapropagauda so wertvollen Werke zu einem vollen Erfolge zu verhelfen. Generalversammlung des Hebr. Gymnasiums in Jaffa Drei Tage hintereinander tagte die Gencralvcr- Sammlung des Vereins des Hebr, Gymnasiums in Jaffa, in weicher einige für den Bestand des Uvmnasiuins besonders wichtige Fragen erledigt wurden, fn erster Reihe handelte cs sich um die Frage der Direktion, ob nämlich eine mehrgliedrige Leitung (in der letzten Zeit bestand dieselbe aus 4 Mitgliedern) oder ein einziger Direktor, wie dies in allen Schulen üblich ist. die Geschäfte des Gymnasiums leiten soll. Nach längerer Debatte wurde fast einstimmig bcschlossen, einen einzigen Direktor für das nächste Schuljahr zu wählen. Die Wahl soll auf einer gemcinschaftlichcn Sitzung des Aufsichtsrates des Gymnasiuins und er Mitglieder des Lehrkörpers erfolgen. Der Ktat des verflossenen Jahres wurde gcnchmigt. Er stellt sich folgendermaßen dar: Einnahmen: Schulgeld . 14 960.50 Frcs. Ucbcrstundcn. י,>ןי_ Beitrag des Odcssaer Komitees . . 5 0(Kk— ” Zuschuß vom Reservefonds .... 5ihH).— Zinsen des Reservefonds. 2 000,— Anleihe des Odcssaer Komitees . . 9 910,36 Priester . 709.- ״ Div, Einnahmen Summa Ausgaben: 834.91 38 45(1.77 Frcs. Lehrergehälter .20?7י — Ucbcrstundcn.“ 145,—. Arzt . ,,00 . Sekretär . .1 Frcs. Diener und Wächter Bücher und Lehrmaterialien . . ’ Möbel. Druckkosten, Ausflüge und div. Ausgaben . _ Wohnungsmictc .. »uo Reisen von Lehrern.’ , 900 — Lehrer-Assekuranz.2 000*,— 1155,42?93,90 2 895.03 75M.I9 2752.88 Orchester n״ ״״ .. , Summa 34 450.77 Frcs. . Dcr ,Y0ünsc,,la* fdr das nächste Jahr stellt sich auf ca. 45 000 Frcs., da nun eine neue (VI.) Klasse J SeÜtruu und auch «1er Vorbcrcitungskursus um einen Jahrgang ausgedehnt werden soll. Neue Lehrkräfte wurden für das Gymnasium ec. wonnen, und zwar die Herren Dr. Kellner aus Prag.