Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 430 JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 36. LITCRA ״In der Fremde“ Hin '1* o t c h 11 c s» p r U c 11. Von I i e i 11 r i c 11 M a r g 111 i e s. Soltaupla t Hin Kaum im Himmel. Achnclt auffallend dem Vestibül eines eleganten, iiiodcmen Sanatoriums. Im Hintergründe der obligate Kamin mit imiiierier Heizung. Korbsessel, I.edertautemls, sogenannte l‘;1nicn/.cr. in denen Wesen verschiedener Nati01ul1t.it liegen und sieh räkeln und nach einem Mittel sinnen, die Zeit totzuschlagen. J)a sie aber sämtlich bereils aulierhalb derselben stehen, fällt es ihnen gar nicht so leicht; infolgedessen langweilen sie sich iiirehterlieh und würden sich zweifellos zu Tode langweilen, wenn sie nicht aus diesen oder ahn. liehen üriu!den vor geraumer Zeit bereits einmal mul allem Anschein nach ohne den gewünschten Kr/nlg gestorben wären. Sie sitzen also oder liegen tatenlos herum. Hin Hngländcr zieht knurrend eine Tabakspfeife heraus, der Amcnk.mcr gähnt und legt heule Pulle auf den benachbarten Fauteuil. Die anderen beschattigen sich in entsprechender, ihrer Individualität angemessener Weise, worüber sie sieh beim Portier eines wirklichen Sanatoriums leicht Insiruktioncti holen können. - Im Vordergründe links stellen zwei Klubsessel. Der eine ist leer. 1111 anderen liegt ein Herr von aufuttgs imdeiiiiiei barer Nationalität. Tiefschwarzer Hart, aber ebenso modern geschnitten wie die Nase, welche die Fortschritte moderner Operationskimst bewundern lädt, Klegant; Muimcle, das aber dem Herrn das Aussehen verleiht, als sei ihm etwas ins Auge gelingen, das er mm trotz aller Anstrengung mein mehr bcr.uisbckoimnen könne. Km/.um: man zweifelt. I.udlieh aber zieht zur nllgemeinen Krkieliieriing besagtes obskures Individuum die ..Neue F reie Presse” aus der Kock lasche, um sieh in deren Studium zn vertiefen, wodurch er auch dem hartnäckigsten Skeptiker seine Zugehörigkeit zum Judentum ׳.wahllos erscheinen Killt. Kr ii.hlt sieh absolut nicht wohl. Verschiedene Versuche, Bekanntschaften aiiz.iiknüpfen, sind durch das kühle, ablehnende Schweige» der hierdurch in Mitleidenschaft (ie/.ogeiien vereitelt worden, so doli der mighichlichc l'lulosopli sich mit hew imderimgswindigem Heroismus zu dem (Hauben zwingt, dalt die Herren untunlich allesamt kein Deutsch verstellen, was übrigens nicht zutrifft. Kr fühlt sich also sehr einsam und sucht, wie bereits erwähnt, in der ..Presse" den Trost gleichgestimmter Seelen. Kr heim \ orläimg K. K. K. und wird sieh dem vereiirlteheu Publikum eist i.n Kaufe der Kckmrc Vorstehern Von Hern( ist vr Daitscl.iiutionulist. Uebrigciis lediglich aus Hebcrzetigimg und nicht etwa aus l'rivntlich• hnherei, denn dieser Dernf bringt zwar viel Held, aber wenig Küre ein. und da besagter Herr aiiilerdeni Literat ist, so ist hiermit einwandfrei bewiesen, dnft ihm mehr au!!er Klire als am Heide liegt. Kr bat so viel Hecker geschrieben, duh es 11 m 1 mttnogliclt ist, einen Satz. nus7.!!sprcchcu, der noch nielit ge* druckt wäre. Aus übertriebener Kurclit, man könne ihn verdächtigen, dui! er sielt mit fremden Zitaten schmucke, hat er die Angewohnheit, manchem seiner Sätze eine kurze Angabe des Htteltes, des Verlages und der Seitenzahl liitizuzuftigen, so dalt dem Zubefer die Möglichkeit geboten wird, die ihm im He״ spräeh gebotenen Anregungen durch Nachlesen zu vertiefen und erweitern. Also, wie gesagt, Herr K. 11. H. fadisiert sieh. Ha dreht sieb die Drehtür: Petrus, der Portier, führt einen Neuankömmling Uctcüs, ewsevt )ungut Mann mit Zwicker und jüdischem Profil. Kr heiilt Dr. Salomon. Der Portier steif, blasiert, Colelctteii trägt eine Livree nach neuestem Schnitt, (Hocken• facott, riesig elegant. Da Dr. Salomon es lieht, geistreich zu sein und da er überdies, w׳ie dem Leser aus Polgendeiu unbedingt klar wird, sich mit irgend einem Satze entführen muH, nimmt er den Zwicker ah, reiltigt Hin sorgfältig und (ragt mit herablassendem Uicltclit: Jhi wem lassen Sie iltre Anzüge arbeiten Portier? Können Sie mir den Selmeider nicht emp* fehlen?" Kitte Anpöbelung, auf die der Portier mit verücliiliclicm Itlick antwortet, die aber auf Herrn K. K. K. eine wahrhaft elektrisierende Wirkung ausübt. ״Ilunair schreit er, ״endlich ein Landsinaim!" Spimgt auf Dr. Salomon zu und will ihm die Hand vTiiitteln. ״Wozu der Lärm?“ antwortet dieser mit Mephistopheles und putzt immer noch den Zwiüu.r. Dann setzt er sielt in den einzigen freien Stuhl und kommt hierdurch In unmittelbare Nachbarschalt des Herrn K. H. P., der sich ein wenig indigliiert in seilten Fauteuil rückfallcti liell. Pause. Immer noch Zwickcrrcihcii, Dr. Salomon: ״Faktisch — ich möchte gern wissen, wo hier ein Schneider wolmt. Ich inulUe so schnell verreisen, ilall ich keine Zeit hatte —" ״Ach U0U" unterbricht ihn K. K. F. — ״halten wir doch das Publikum nicht auf. Was die sich wohl für Iltre Toilette interessieren!" Dr. Salomon: ״Sie haben recht. Also zur Sache. Und K. K. F. beginnt zu plaudern. Wehmütig knüpft er an die kühle Aufnahme seiner so herzlich gemeinten Hegriifhmg an und kommt endlich zum Thema: ״Ach Ja" seufzt er — ״das ist nun mal so. Kr• iimern Sie sich, was Heine sagt? ״Deutsche Treu* und deutsches Hemde, das vcrsclilcilit sich in der I •Tande." Jaja — in der Krctudc. Hin seltsames Ding. Selten Sie, man weil!: die stärksten Gefühle iles Meiiselienlierz.ens sind zugleich seine stillsten. Und des mächtigste» Zaubers, der über 1ms wallet, weiden wir erst gewahr, wenn wir ihn missen. So die Hunde unserer Zusammengehörigkeit mit anderen Menschen, die Hunde des Hlutes, des Volkstums. Sie sind uns so liebgcwolmt, so liebverlrnul, dalt sie uns selbstverständlich dimkeii. dall wir ihrer kaum ein• mal dankbar gedenken, so lange sic uns begnaden. Mutterliebe, Muttersprache — was das unserem Herzeit bedeutet, lernen wir erst in der Kremdc. Jeder heimatliche Laut klingt wie ein Gruli. Denn plattdein kann mau in (runder Zunge und kiiltie Phrasen drechseln schon gar! - aber au ssp rcc Ir e u kann man sielt mir in der Muttersprache. Verlieben kamt matt sielt in eine Prämie, aber lieben, das glaub ich fest, kamt man nur eine Landsmännin. Das gilt von allen Völkern, umsomehr von uns. (lafriges Kopfnicken Dr. Salonmns.) Daher mültte man denken, Kilian unseres Volkes iitülltu es doppelt Krettde in.teilen, in der Fremde einen Laiidsutaiut zu treffen. Ks ist aber selten so; die Freude ist häufig überaus stark ganischl. Warum? Aus verschiedenen Hriiii• den. Sie wurzeln teils in unserer (iesehiclite. teils in unserer Volksnntur. Seit wann geht es uns denn überhaupt passabel? Tausende von uns wurden von .U Vaterländern physisch vor die Tür gesetzt; Mil• lioitai alter moralisch. So zogen sie auf fremde Krdc, und was nalmien sie mit? Etwa ein stolzes Volks* ItcwulUsein? Ach nein! Und sic eiitnationalisicrtcn sich rasch. (Dr. Salomon nickt von Zeit zu Zeit beiiüllig und zttstimmctul mit dein Kopf). Aber noch eine andere Schattenseite war an diesem nationalen Jammer. Unser Name gcnofl weder Achtling noch Liebe, im Gegenteil. die ausgesprochenste Miliacltitmg; und diese Stimmung gegen unser armes Volk war am Knde leider noch begreiflich, den Hall kann man nur daun verstehen, wenn mau erwägt, ilall IJ11d.mkbarkeit ein hervorragender Zug der Menschennatur ist. Kein Volk hat für andere mehr getan als wir. Ls war also von vornherein keine Klire, noch ein Vorzug, unserem Volke atiziigeltören. Dann aber die Gründe, die in unserer Volksart wurzeln. Da wäre zuerst die Fülligkeit, sielt ganz wunderbar in fremde Kigenart cinzttsehinicgcn. Sie hat ihre lichte und schöne Seite, diese Fälligkeit, aber auch ihre dunkle und kleinliche. Dank ihr sind wir in der Fremde gerne die Affen der anderen. Und da sielt min einmal bekanntlich (lutes und Stilles minder leicht tiaclialtmen lälit, als Schlimmes und (ircllcs, so findet mau hei llmei! oft genug eine wahre Musterkarte aller Untugenden der Leute, unter denen sic wohnen. Aus allen diesen Gründen ist cs selten eine ungetrübte Freude, wenn unsereins In der Fremde auf Landsleute stöllt. Vor allem weih man nicht, ob sie noch ״Unsere“ sind oder nicht bereits Knglümler, Küssen, Magyaren und weilt Gott was, sogar ein türkisierlcr Lands- 1 111.mit ist mir einmal in den Weg gelaufen.* Und dann ■ weilt man nicht, ob man Ihnen die Hand geben darf, wenn inan gerade keinen Handschuh aultat."- ״Hr.tvo, verehrter Freund“ schreit Dr, Salomon und springt auf. ״Darum freut cs mich doppelt, ln Urnen eilten braven Kerl *zu finden. Hier" — und bei diesen Worten zieht er den Hanilseliuli aus - ״liier, meine eiitltaiulseluiltle Kami Sic haben recht, unsereins findet selten einen Gcsinnungsgenossen; ja, Ja, wir Juden " Bei diesem Woric gibt cs einen Plumps. Herr K, K, F. Ist vor Schreck hlngefallen, ״Juden?" krächzt er, ״Juden? Wer spricht von Juden? Ich spreche doch von uns Deutschen! Deutsehen! Lesen Sic doch nach, gefälligst. ״Landsmann und Landsmännin", Kngclltorns‘ Romanbibliothek. Zehnter Jahrgang! Band 81 Seite 114—116. Franzos Ist mein Name, KarlEmll Pranzos — Ich habe doch nur erzählt, was dort drin steht. Uebcrzeugen Sie sich und auf der Steile soll mich der Schlag treffen — ach, verzeihen Sic, ich vergab. ich schon tot bin — auf da Stelle soll ich lebendig werden, wenn iclt dort ein einziges .W.| V(1n den Juden spreche. —״ Kr japst. Dr. Salomon glotzt ihn erst etwas sprach!«,s;1n dann überlegt er. begnügt sieh aber sclilic;:!:. /u;'n Zeichen souveränster Verachtung damit. dm!1.,, j. schult wieder atizuzielieti• Preisausschreiben! Die Zionistische Vereinigung für Deutsch.,! u. absiclitigt, das Interesse der re!: rCE. Jugend für Palästina durch die Vai., geeigneter J tt g e n d s e 11 r i f t e n , an dem ״ bislter völlig fehlt, zu heben. Sic beabsichtig; :,1h״ die Herausgabe von längeren Krzählmigen, d, Korns und Inhalt gleich geeignet sind, die >: heimat, insbesondere die Natur des Lande d4 Leben seiner Bewohner und vor allem jüdischen Kolonisten dem llcr/i; jlf Leser nahe zu bringen. Zu diesem Zweck a t״ Preisausschreiben für die besten Arbeiten die' ז Ar; beschlossen worden. Die Wahl des Stoffes steht dem Amor d.i.H,.,;.» frei. Zur Anregung, die aber keine Vorsch!,;; st.r, soll, erwähnen wir. dall im Mittelpunkt der L1/,.i;;.!n< etwa ein junger Jude stehen könnte, der seine!ft ׳;.,: verlassen inulS und sich nach mancherlei S . . keitett und Beschwerden in Palästina eine Lv.vt.r7 als Kolonist oder Karnter schafft. Keligiös ansiöüige Stellen sind sii!״•:... lieh zu vermeiden. Der Umfang der Schrift dar: r. i c' *;::;:er 10 Druckbogen betragen. Die Kirn• Arbeiten )nur, bis znm .11. •März i’ t ... schlossen mit der Aufschrift ״Preisuusschrei;;:;j eingeschrieben an die ״Zionistische Vereinig ׳.. g für Detuschlatid", Cliarlottcnburg. Bleibtratstraiie u• folgen. Aullerdein muH der Umschlag ein Mo; ., weisen, das auclt auf ein verschlossenes Consvr; 1; setzen ist. in dem sich Namen und Adresse .;.י Verfassers befinden. Ktir die besten eingvre;-!;:er, Arbeiten, die den obigen Bedingungen entsprich::, setzen wir hierdurch zwei Preise von 600 ,Mark und .100 Mark In bar .tue Die preisgekrönten Arbeiten gehen!11 i! .!her, Rechte» ins Kigenttim der Zionistischen Vi gtutg für Deutschland über, die sieh voiheh.il:. 1!.!1 andere geeignete Kinsciulimgen zu at’gaaa'vvn Hoitorarsätzat zu erwerben. Dem Prci>־. kollegiam gehören an Dr. .Marlin Duher. «!. •:g Hermann n, Dr. Richard II ul d sc hin e. ' \uc folgende Herren vom Zentralkomitee: RcJ!:v!: ׳;!. י. (irniu'in ann, Dr. Jung tu atu! und!h-.-ana Struck. Zionistische Vereinigung für Dcmscl1I.mil■ Eincjegüuijene Bücher Sendungen sind nur nn die Redaktion der ״jadöchen Rundu'-.ta•, ChaflüUcnt'urg. llleibtreustr. 49. zu richten. Rückjcmlun; ks*• nicht siatilmdcn. Ute m«1 bezeichnet(•״ Werke sind . HU zur Itcsprcchung vergeben. Die Weltw anderer. Romamhchluug m die! La::• den von Karl die II ent ין. Verlag von Mo «.׳Im Üacnsch in Dresden.!9111. Mk. 7. . l.oril Beaconslield. Contarmi Klaniiig. R!1;>•*׳. Oe.steriicld n. Co. Berlin puw. Zionismus und Stantshürgcriiiin, Von Rcei.ר*'־• w alt K o 11 e n s c 11 c r. Posen. II. Aml.ige. \ י •■■>' Zionistisches Zeutrallmreaii Berlin Preis I» Pi. (iedaikbliitter für Oherrnbblner Salomo•! KtiDia. Von Kahhiiter Israel N ob c I - Pilchnc. David Kaiilmarni. gesammelte Schriften. 2.!■• ׳ h Heransgegehen von Dr. Braun. Koiimnsstousicr• lag ,1. Katniitiaiin.l raiikfiifl a. M. Ist das alles?, eine Antwort an die Kritiker '״'•>! Nichtkritiker meines Huches ״Das Jiidcutum .»0 Scheidewege". Von Dr. Mas־ J ״ sc p 11 •S t״l יו• Verlag Jüdische Kundschau-Herlin. Preis 80 Pf. Die Lehre vom göttlichen Willen bei den iiidl* sehen RellglonspliHosophen des Mittelalters von Saadja bis Malmunl. Von Dr. Arnold G r 1. 11־'cid. Verlag der Aschcitdorfschcn Btteliliandltmg Munster. Rabbi Nnclmiaun von Druzlaw. Beitrag zur Oe• schichte der jüdischen Mystik. Von S. A. Horo* (I c t z k y. Verlag Poppciauer. Brosch. Mk. *..•׳'י• Kcb. Mk. 3.20.