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Jüdische Rundschau · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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,! U.EDISCHE RUNDSCHAU Seite 427 No. 36. | f\. l\. Kluusncr | N.u־lt ReüakiionsschluU überrascht 1ms die Kunde vlMt dem tragischen Tode des bekannten Generaljckretärs der Deutscltcn KonferenzKcmeinschaft der I. U« M. A. Klausner, der atu Mittwoch, 'k-m '• September, uaeluuittaRS rcrch drei Uhr an lit l'icke des Ktirfürsteudaumi und der Konstanzcr su.ü’e in Berlin von einer Automobildroschkc so anjliuküclt überfahren wurde, daß er bereits!01 nach der nüclistRclcKoncn Unfallstation cingcliefert Hürde. Klausner, der jahrelang leitender Redakteur jes Bi 1!nnr Dorsen-Couricr war. gab bis vor weni- J.ihieti auch die inzwischen eingegangeno Jsr.icai sehe Wochenschrift‘‘ heraus. Er war nio unser i'ictind, und wir haben manchen Strauß mit 1!1111 ״״ cciochten, aber trotzdem — oder auch deshalb hat uns die Nachricht von dem tückischen l'nd stall, der dem Leben dieses zweifellos hoch* bcg.ib';ו und arbeitsfreudigen, energischen Mannes cm •־>•• i-ibes Enüc setzte, tief erschüttert. Die Pflege unserer nationalen Sprache Von Heinrich K u 11 n. I׳» Jalireskoiiferenz, über deren Erfolge aller- «ans in jüdischen Kreisen grolle Freude herrscht, lut!■! dem Wunsche geschlossen, nach beendigten iui' I.eiten wieder gemeinsam die Arbeit um unser ,־׳.•!׳•ד Endziel aufzuiiehinen! So mögen sich denn ״:kIi me folgenden Zeilen mit einem Gebiet cchtjiidi• sclie. Kulturarbeit beschäftigen: mit der Pflege unscrer! ..tioualen Sprache! Imö die hebräische Sprache in der Diaspora cino teilei.tsauie, das Judentum erhaltende Rolle gespielt lut. 1't wohl jedem Juden zur Genüge bekannt. Für eben diese Sprache, die das formvollendete Gewand a.Hicr Religion darstellt, sind tausende treuer Anh-!1eer gestorben: um diese Sprache — als kündende!.1111H unserer l:\istcn.׳. Italien sich allzeit die Ge- •jüan geschart, wenn das ferne Morgenglühen besserer Zeiten einer. Umschwung in der Lage des iwlnickten Volkes zu verkünden schien. Eben in dieser t־;־rael1e ist das heiligste Besitztum aller Men• sehen lie Moral lehrende Religion — zum ersten ■le gii'i'edigt worden, und der Klang ihrer Worto v ,!r um/ aller Zerstreuung das allumfassende Band, das suii einigend um unsere Glaubcnsbrildcr wob mul weh! In diesem Sinne ist das Hebräische — eme!Imeli ihr geschmeidige Struktur jeder noch so!niiJeinu! Fortbildung gerechtwerdende Sprache — 5K׳h ׳.:.־uz nach der jeweiligen Anforderung der Zeit Kelcln: י.־ orJen. So lebte die ursprüngliche Aus• er!1e •v■ e;ee eines Volkes selbst nach Zertrümmerung jeder j uiseli-nationalen Gemeinschaft fort und wurde eure1! leberliefcrtmg der Lehre als Umgangsspräche weiter erhalten. Später — in der Zeit der l.maiizipatii'iisperiodc — ging in den meisten Kultur ’.Indern das Verlangen nach einer hebräischen I m. :ics'.j iache verloren, bis daß sie ausschließlich zur Befriedigung des rcligiös-synagogalcn Empfindens gelehrt wurde. Ja, noch weiter gingen in neuester Zeit die extremen Elemente der Juden: sic bannten die alte Volkssprache mit Ausnahme weniger Gebete gänzlich aus dem Gottesdienste und muintcu diese Verstümmelung der jüdischen Sabbatweihe — ״Reform"! Wir aber kennen seit dem Auftreten Theodor Hcrzl's eine bessere Reform des Judentums: die nationale Wiedergeburt! — Und hat die zionistische Bewegung bisher unermüdlich die materiellen Mittel Zur Beachtung! Behufs Fertigstellung der Postversandlisten für die ,Jüdische Rundschau" werden sämtliche Abonnementsbetrüge für das IV. Quartal, die bis zum 15. September nicht bei uns eingegangen sind, durch Po st nachnah me erhoben, was 30 Pf. Mehrkosten verursacht. Wir machen die Vereine und Rinzclabonnenten ausdrücklich darauf aufmerksam und bitten die Vereine ihid Ortsgruppen gleichzeitig, um schleunigste Binsendung der A bo nncnten listen , damit Verzögerungen in der Zustellung vermieden werden. Verlag der Jüdischen Rundschau“ Berlin S W. 68, Zimmorstr. 77 und Wege zur Erreichung unseres Zieles geebnet, so scheint cs mir jetzt an der Zeit zu sein, jüdische Kultur werte zu festigen und zwar vor allem die Sprache unseres Volkes in rationeller Weise zu pflegen; denn die Sprache ist der Ausdruck der Kultur! Wir dürfen in diesem Augenblick keinen Kampf um Sefardisch oder Askcnasisch führen, - gibt es doch auch bei anderen Völkern verschteüenc Spruchgruppen — sondern wir müssen uns gegen einen schlimmeren Feind in unseren eigenen Reihen wenden: gegen die moderne Art des hebräischen Unterrichts!! Wer Gelegenheit gehabt hat, dem hebräischen Schulunterricht tut verschiedenen Orten zu vcrschlcdenen Zeilen bcizuwolmcn, der weilt sehr wohl, wie mechanisch in den meisten lallen der Nachwuchs unserer Nation die Sprache seines Volkes erlernt. Ohne Kenntnis der flexiblen Spraclifnriucn und ohne auf die besonderen Spraehschönhcitcn hingewiesen zu werden, lernt der Schüler einzelne Wörter oder gar ganze Sätze im deutschen und hebräischen Texte auswendig: und dieses Verbrechen nicht nur am Judentum, sondern vor allem an der gesamten Päda• gogik heißt-Ucbcrsetzungl — Freilich gibt cs noch jene andere, strengwissenschaftliche Unterrichtsmethode, die auf den Universitäten gelehrt wird: aber hiermit ist uns deshalb nicht gedient, weil wir nicht das Acltaischc, sondern das Lebendige und Bewegliche der Volkssprache üben und pflegen woilen. Ein Ausfluß dieser sircngwissenscliaftlichct! Richtung im Sprachunterricht ist die Forderung, in den Religionsschulcn den hebräischen Unterricht ganzlieh vom religiösen zu trennen. Wer aber der Ansicht ist, dali in unseren Schulen diese Trennung erforderlich ist, um die Sprache nationalen Zwecken dienlich zu machen, befindet sich sehr im Irrtum! Es ist durchaus vorteilhaft, wenn der Lernende durch sinngemäße Ucbcrsctzung der heiligen Schriften und Gebete in das Wissensreich des Hebräischen cingefiilirt wird; denn in unserer Rcligion spiegelt sich die Seele unserer Nation am reinsten wieder! Vor allem aber bietet die religiöse Sprache — jene Ausdruekswclsc Im großen, idealistischen Stil — für die weitere Kulturcntwicklung Werte! Eis ist einfach traurig, fcststcllcn zu müssen, daß die Zahl der hebräischen Analphabeten unter den Zionisten sehr bedeutend ist. Ich glaube, cs ist kein allzu verwegener Gedanke, wenn ich die Hoffnung ausspreche, daß seitens der Gesamtlcitung unserer Bewegung etwas zur Pflege unserer Nationalspracho getan werde. Es sind zwar schon Sprachvereine zur Ucbung der Konversation begründet worden, und dio Jahreskonferenz hat auch den Antrag Boruehow auf Unterstützung der hebräischen Zeitung Ha'Olam angenommen; allein das ist nur wenig in Anbetracht des großen Arbeitsntatcrials, das wir auf diesem Gebiete zu bewältigen haben. Die vielen Vereine, Gruppen und Gruppenverbünde, die zur Pilcgc der hebräischen Sprache Unterriehtskursc entrichten, müssen dies meistens unter bedeutenden Opfern untcruchmen, da sic ohne dies schon hinreichend engagiert sind, was ja allerdings auch vom Gesamlbudget der Bewegung zu sagen ist. Daher würde es vielleicht augenblicklich genügen, wenn für die vielen Einzcluntcrnehmen der Vereine eine gemeinsame Ordnung geschaffen würde, die vor allem dazu heitragen müßte, derartige Veranstaltungen bei ihrer Einrichtung zu unterstützen (z. B. durch Beschattung von Lehrmaterial im Massenbezug, durch Heran- Ziehung geeigneter Lehrkräfte usw.), in einheitlichem Sinne zu gestalten und vor allem Propaganda zu machen, denn ie stärker die Frequenz, desto leichtere materielle Basis für die Vereine! - Unsere Vereine und Ortsgruppen müssen eine Möglichkeit bieten, dein jungen Nachwuchs die Lücken, die durch mangelhaften Unterricht entstanden sind, auf verständige Art und Weise wieder auszufiillcn und ihm klar machen, daß die Sprache, die er erlernt, vor allem auch nationalen Zwecken dienen soll I Aber auch der ältere Zionist muß Gelegenheit finden und suchen, das Hebräische zu erlernen, wenngleich er auch daraus jetzt noch keinen unmittelbaren Nutzen ziehen kann. Es ist durchaus falsch, wenn sich Zionisten mit den Worten trösten: ״Ich kann ein guter Zionist sein, ohne Hebräisch zu sprechen!" Unsere Volkssprache g c I! ö r t in Elternhaus und Kinderstube; denn dort reift die Zukunft des jüdischen Volkes heran! Wie aber will ein guter Zionist ohne eigene Kenntnis des Hebrüiselten an der Erfüllung dieser heiligen Aufgabe mitarbeiten? ״Warten ist keine Schande!" hat Max Nordau gesagt. Aber diese Zeit des Wartens dürfen wir nicht — Wehe denen, sagt er — die das ewige Leben vernachlässigen und der flüchtigen Stunde anhangen. Die da reden über den Himmel, der so blau ist, und über die Bäume, die grünen, über die Vögel, die da singen, — und welche unterdessen das Ewige in irgend einen Winkel legen und Utrett Sinn davon abwenden. Was haben diese Toren von alledem? Morgen steigt eine Wolke auf und bedeckt den Himmel — und er ist bleigrau und nicht mehr blau. Und ein kalter Wind kommt daher und weht über das Grün und cs ist nicht mehr grün, sondern welk und abgestorben. Und dann kommt ein Frost — und die Vögel hören auf zu singen und verbergen sich in einem abgelegenen Winkel. Und um dieser Torheiten, dieser leeren Phantasien willen, die höchstens eine Nacht, eine Woche, einen Monat währen, sollte der Mensch das ewig Unabänderliche verlassen wollen und die Seele sollte daraus ihr ewiges Leben schöpfen? Der Golem fühlt wie alle seine Glieder zittem und immer schwächer werden. Er will die Augen zu seinem Meister erheben, aber er vormag es nicht; brennende Scham drückt ihn wie ein schwerer Stein. Und er möchte die Erinne* rung an den Wald in seinem Herzen wecken jenen dichtbelaubten Wald, in welchem er mit siiul bereits die ersten Spuren des kommenden Sabbat sichtbar. Fr ist frisch und vollkommen j rein iukI auch auf seinem I lalsc glänzen die Säume des frischen tmd neuen Hemdes. Seine Frau beeilt sich, ihm eine volle Schüssel mit Fischen hinzustcllcn und eine Challe auf den Tiscl: zu legen. Fr wirft einen Blick darauf, aber a berührt nichts. Dana begibt sich der groll! Rabbi Löw in seine Stube. — Und da bleibt * ן• eine Weile erschrocken stehen. Fr findet den Golem in einer Ecke sitzen, in Ge• danken versunken, und er lebt. Gestern abend haue er ihn doch leblos hingclegt, nachdem er ihm dot Sem hatn’phores abgenommen, weiter '«mag er sich an nichts zu erinnern. Mit ge* niessetun Schritten, ohne ein Wort zu sagen, geht Rabbi Löw hin und nimmt das Buch ״Rasi! t‘*:), nr will seinem Lieblingsschüler das Geheimnis der Schöpfung erklären, was der Urmensch, was der ״F.n soph“ ist. Das Wich* ößste ist der ״En soph“; doch der Golem rührt sich nicht. Der Maharal erhebt schließlich seine Augen vom Buche und blickt ihn an. - Draußen — murmeln die Lippen des Gokm leise, wie aus einem Traum — wie blau ist der Himmel, wie blau — und Düfte und Winde *) Das Unendliche. wellen . . . und die Bäume sprossen und grünen . . . und daß Herz weitet sich und die Seele wird voller . . . und die Vögel zwitschern Dir zu . . . Und die Bücher sind Staub und Moder . . . Auf dein Tische liegen ״Gor Aejch“, ״Gewartli ha Sem“ ״ßcör ha’gulali“ ״Tiphcerctli J Israel“ und noch andere Werke des Maharal — und der Golem spricht solche Worte. Der Maiiaral erhebt sich. Es ist ihm, als ob seine Zunge im Munde in Stücke gerissen worden wäre. Er versteht die Sache nicht. — Ist dies wirklich mein Golem?1 Wie kommt er zu diesen Reden 1 . . . * * * Drei Tage sind verstrichen. In diesen drei Tagen hatte der Rabbi mit seinem Schüler auch nicht ein Wort gewechselt, als wäre er in Acht und Bann getan. Einem Schatten gleich folgt der Golem dem Rabbi Löw. Nur ein Wort, nur ein Wort! Irgend ein Ding zieht ihn gleich einem Magnet den Spuren des Rabbi nach. Und Evas Bild verblaßt langsam in seiner Phantasie. Nur ein Wort, nur ein Wort! Erst am dritten Tage in der Dämmerstunde öffnet der Maharal seinen Mund beginnt zu reden.

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