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Jüdische Rundschau · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seile *126 JUEDISCHE RUNDSCHAU 1 um ihren Gegensatz 7.«m sogenannten praktischen Zionismus zu betonen. Trotzdem sie sich hierbei von einer durchaus bcreehtigten Empfindung leiten liclien, ist mau cigentlieh nie dazu gekommen, das Wesen des politischen Zionismus theoretisch fcstzustclle», man begnügte sich damit, in seinem damaligen Inhalt, den diplomatischen Verhandlungen, das entscheidende Cliarakteristiciuu zu erblicken. Politisch tätig sein heißt, in Gemeinschaft mit anderen staatsbildenden Faktoren schaffen. Der politische Zionismus fordert also in der Erkenntnis des nationalen Judentums die Schaffung von Voraus־ Setzungen für ein freies iildischcs Gemeinwesen, das allein die Erhaltung der Nation gerändert. Theodor llcr/.l, dessen Genie die letzte Erfüllung durch eine einzige schnelle Aktion erzwingen wollte, glaubte, daß die Zustimmung der Regierungen für eine autonome Judensiedelung zu erlangen sei und daß damit alle Schwierigkeiten behoben seien. Wir wissen heute, daß der Charter allein uns nicht an das Ziel der Wunsche gebracht hätte. Eine Massen־ cinwamlerung von Juden zu organisieren, wie llerzl es sich gedacht hat. hätten wir nicht vermocht. Die sogenannte Großkolonisation, eins der Verhängnis־ vollsten Schlagwortc unserer Bewegung, ist eine volkswirtschaftliche Unmöglichkeit; auch Theodor llerzl hat das in seinen letzten Jahren gewußt, zum mindesten seit seiner Unterredung mit Lord Cromer. Selbst als glückliche Eigentümer des Charters wären wir ge/Avungen gewesen, in allmählicher wirtsehaftiielier Eroberung des Landes zutu Herren־ Volke zu weiden. Einen anderen Weg kennt die Geschichte mir in kriegerischer Erorberung und ge־ waltsaiuer Unterdrückung. Es fragt sieb also, ob die von unserer Organis.itiou geleistete und geplante Palästinaarbeil ge* meinscbaitsbildeiulc Faktoren schafft, ob cs andere und bessere Mittel gibt, unserem Ziele näher zu kommen .denn mir d i e Arbeit kann im Sinne des politischen Zionismus als wertvoll angesehen werden, die in der Richtung auf das uns von llerzl gezeigte Ziel liegt. Wir haben cinsehen müssen, daß die türkische Revolution zunächst jede diplomatische Arbeit außerhalb der Türkei als unseren Absichten schädlich ervclicincn laßt, ferner, daß Palästina auch ohne unser Zutun durch die Tätigkeit der Niehtjudeii in seiner wirtschaftlichen Bedeutung gesteigert wird, so daß uns als einzige Möglichkeit die praktische Arbeit im Lande übrig: bleibt. Und diese Arbeit ist ein politi- .,dies Miltel;.Heren teil Ranges, sie ist heute genau so ein Inhalt des politischen Zionismus geworden, wie es einmal die hohe Diplomatie war. ״Ich bin Jmlenstaatlcr," sagte neulich ein alter ..Politischer", um damit sein geringes Interesse für Glbatiinpfkinzmigcn zu begründen; und so denken heute noch viele. Gewiß, w ir dürfen uns die reine Idee des politisehen Zionismus nicht rauben lassen, aber wir müssen wissen, dal! sie naturgemäß in jeder Zeit einen andc־ reu Inhalt hat. gerade weil die reine Idee von uns fordert, daß jede Arbeit, die uns ein freies F.rcz Israel gewinnen hilft, von uns geleistet werden muß. Der Cliowewe-Zion mit seinem selbstverstand־ liehen Nationalismus, hatte es nicht notig, sielt den politischen Freiheits/.ustaud aus/.nmalen, der ihn im Lande seiner Väter erwartet, wir aber, die wir dort erst Juden werden wollen, für die im politischen Zionismus die einzige Rückkehr zum Judentum liegt; wir müssen, wenn wir uns unserer nationalen Sonderart bewußt werden, auch gleichzeitig das Idealbild der jüdischen Gemeinschaft in unserem Herzen tragen, w׳ir müssen uns in unseren Träumen als freie Bürger Palästinas sehen, wo wir nach eigenem Recht und Gesetz leben und frei von allen Skluvcnfcscln, die von Natur in uns liegenden Fähigkeiten entwickeln können. Die unverlierbare Überzeugung, daß dieser Traum Wirklichkeit werden muß, sic macht allein den politischen Zionisten, s i e zwingt uns heute, die wirt־ selinftliclie Eroberung als das vornehmste Mittel zur Erreichung dieses Zieles zu betrachten. Heute verlangt gerade ein richtig verstandener politischer Zionismus wirksame Paiüstimiarbeit: vielleicht w׳ird; in Zeiten, die unser Blick nicht zu durelidrlugeu ver־ j mag, ein anderes an dessen Stelle treten, vielleicht t werden w׳ir dann stark genug geworden sein, um ן durch diplomatische Verhandlungen entscheidende Erfolge erreichen zu können. Für unsere Arbeit ist | aber oberstes Gesetz die Eorderung des Tages! | Maarabl. Geheimrat Geiger und die Finnländer Als vor vielen Monaten die ersten ernstlichen Versuche zu der Staatsaktion gegen die Selbständig־ keil Finnlands gemacht wurden, besuchte ein Dozent aus Helsiugfors deutsche Professoren der verschie־ deuMcn Universitäten und forderte sic zu einem Pro־ lest;1111. der von einem deutschen Gelehrten abgcfaßt war imd in dem gegen diesen Rcclitsbruch Ver• Wahrung eingelegt wurde. Auch Herrn (ichcimrat Ludwig Geiger wurde die Ehre eines solchen Besuches zuteil. Er trug kein Bedenken, den Pro־ tust zu niitcrzcicliitcn, nachdem er von seinem Wort• laut Kenntnis genommen und sich überzeugt hatte, daß viele ernst denkende, ruhige Berliner und aus- ׳ wärtige Kollegen ihren Namen dazu gegeben hatten, i Er tat dies, wie er im Leitartikel der letztwöchigen ' ״AllgemciiKii Zeitung des Judentums‘‘ ausfiilirt, als freiheitlich gesinnter Mann, der gewohnt ist. seine Stimme gegen jede Reclitsvcrliüinmerutig und Frei* licitsberaulnmg zu erlichen und motiviert sein Vorgehen weiterhin wie folgt: Halte er sielt bloß als Deutscher gefühlt, so würde er Bedenken getragen haben, sich an diesem Protest zu beteiligen. Denn so wenig wir den Angehörigen anderer Staaten einen Einspruch in unsere Angelegenheiten gestatten, so wenig hätten die Deutschen ein Recht, in das, was bei fremden Nationen geschieht, dreinzureden. Hätte er sich bloß als Jude empfunden, so würde er gleichfalls seine Unterschrift verweigert haben, da ihm nicht unbekannt war, welche kleinliche Stellung Finnland zu den Juden einnimmt und einnahm. * Ob Herr Gcheiinrat’ Geiger sich in dem Augen• blick, als iiim die Resolution vorlag, gerade als Deut• scher, oder als Jude oder gar nur als »freiheitlich 1 gesinnter Mann" fiihltc, ist ziemlich gleichgültig und j ändert nichts daran, daß sich sein Name unter I dem Schriftstück recht deplaziert ausnahm. Aber ___j_No. 36. _ ~~ | cs ist immerhin zu vermerken, daß er sich auch 1 damals, der Leiden unserer finnischen Brüder er- I inner te, wenn die aufsteigenden Skrupel seine j,3 ״ Grunde freiheitliche Gesinnung auch nicht nieder- 1 kämpfen konnten. Man hatte also Grund zu dtr | Annahme, daß er sich in der finnischen Judenhaß I auf weniger unbekanntem Terrain bewege, als f Dingen, welche die galizische Judenlicit betreticn *> * ' i Der Artikel in der letzten Nummer des (ivigcr* scheu Blattes straft diese Annahme Lügen. |)Mm Cf ) verrät mit anerkennenswerter Otfvnhcit. da׳; Scm t Verfasser erst dieser Tage von dem Inhalte der i.nn. * ländischen Judengcsetzgcbtiug. die seit luinmiär jrcj ' Jahren dem deutschen Leser von Seiten der itolisctien!,resse immer wieder in ihrer ganzen Scliemi'Uiktit f vorgeliihrt wird, Kenntnis erhalten hat. jj »Jetzt tut es mir fast leid", heißt es duit, ,.!iah!1 dem Protest der deutschen Kollegen angest.!l1׳,yK.1 ״ zu haben, denn aus einer von russischer See <1״s. 1 gehenden Schrift, die den Titel führt: »T. s •| Zur Frage der Gleichberechtigung. Die l.:u. otr Russen in Finnland und der Finnländer im r.an. *1 Uebersetzung nach dem IV<17 erschienenen russ-.!^ Original. St. Petersburg, Buelulruckerci J. I; räch, I 1 lö 10", ersehe ich den Wortlaut d e t ״ n. T erhörten Best im in u n g , die in F" i n t l .• ״ j \ j ii b e r Juden existier t." | Es folgt dann die Wiedergabe der uuserv ■ U. J sern längst bekannten Geset/.esparagraplicii, 01, |mr. land nunmehr auch von Seiten der ״Allgemein tung des Judentums" die Zensur eines Landi, cm• tragt, »das in mittelalterlich barbarischer Wc sc an den traurigsten Vorurteilen finsterer Zeiten ic! * | Die erschreckende Ahnungslosigkeit in jiimsUicn! Dingen, von der dieses Selbstbekenntnis tiugcrs j Zeugnis gibt, ist tief beschämend, win.ir! j bedenkt, daß das Blatt, welches sich seiner i\.;.;k. j tiott erfreuen darf, in Zeilungsrekl.imen bcscUi.Uti für »das reorüseutative Blatt der deutschen Juden• heil" ausgegeben wird. Daß Herr Geheimra; lauer 1 inaiiehinal jüdische Zeitungen liest, ist zuc;k!Mrc1 I erwiesen - unser Artikel, der vor der B.mern־ 1 iüngerei des Deutschen Schulvcreins warnte, o׳ t nicht entgangen daß er sie aller mir te •c liest und jene Nachrichten aus dem Osten, ä ,;.er ״liberalen" Gesinnung gefährlich werden ׳. :,:.;en. meidet, spricht nicht in besonderem Maße. Im seine Eignung für den Posten, auf den ilm der Verlag blosse berufen hat. Langsam aber sicher, beginnt das dcutschjiidisclic Publikum der Vogelstruuß-IMiuk, wie sie am Ende des vorigen Jahrhunderts .!!!ge• mein beliebt wurde. Lebewohl zu sagen mul >> gar in der kleinen Gemeinde der »Allgemeinen Zeitung des Judentums•■ wird es schon heute Leser geben, we.glie die mangelnden Kenntnisse ihres leitenden luJ.A• tc'iirs mit einem mitleidigen Lächeln (initiieren. Weua aber Herr Gcheiinrat Geiger wieder einmal in du■ Verlegenheit kommen sollte, durch seine Unter-climt zu gunsten irgend eines Volkes zu protestiere:;, so wird er wieder darauf hineinfallen und die »traungen Vorurteile finsterer Zeiten" werden ihn immer v oder überraschen, da sein .,Liberalismus" eine liiM׳■: •ehe Auflassung der Dinge und die Kennttii'־ : ti'uuigrr Wahl heilen nicht veu ragen k,׳ a.־;.l nicht vertragen w i 11. ia. Der Golem! von j D a v i cl F r i $ c Inn a n n. j (Aus dem Hebräischen übersetzt j von J o $ e f M c i s l.) ן (Fortsetzung.) j Aber wenn ein Mensch, der leben kann, leben ohne m spintisieren, sich selbst in Stücke j reißt, sein Ich mul all sein Tun in jeder Minute! erst einzelwcisc prüft, und alle Räder seiner Ma- | scliine immer erst untersuchen muß, dann be* I Bit dieser Mensch eine Totsünde gegen sich selbst, seine Bestimmung und den Endzweck des Lebens überhaupt. Solches und noch vieles andere spricht s׳e zu ihm. Und nun vernimmt er die Worte: ״Und Pu bist noch so jung, schön . . — Sprich weiter, weiter - antwortete er auf einmal, ohne cs selbst zu wollen — und er־ rötete dabei. Wie eine Glocke klingt diese wunderbare Stimme. Und plötzlich versinkt er in Gedanken. Was ist das Leben und wofür leben wir? Und selbst der Alte mit allen seinen tausend Büchern und alt seiner umfassenden Weisheit, sucht er nicht auch noch nach dem Endzwecke des Lebens und dem großen Geheimnis? Gestern, als sie bereits drei Stunden über du! Büchern gesessen hatten, sprang der Alle plötzlich auf und lief im Zimmer auf und ab und rief dabei: ..Nein, nein, nein! Beinahe hätte ich das große Geheimnis ergründet, und schon glaubte ich, daß ich jetz.i Ruhe finden werde, und da stellt wieder ein neues, tiefes Mysterium vor mir, und ich muß weiter forscheu, bis ich cs entdecke; und sobald ich dieses gefunden haben werde, wird gewiß alsbald ein neues tiefes Geheimnis kommen, und das Ende ist gar nicht abz.usehen!“ — Pas hat nun der Alte mit all seinen Büchern und all seiner Ge־ lelmsamkcil erreicht, und während jener mit Forschen sich abniiiht. könnte doch er, der 00־ lern, etwas Besseres als das beginnen und sorg־ los leben? Er, der doch alles besitzt, was den Menschen ztttn Leben tauglich machtV Können denn tausend Wissenschaften zugleich das er• füllen, was das Herz in einer Minute fühlt? Müßte denn nicht der Mensch all seinen Verstand für eine Minute des Gefühls hergeben? Und sie spricht weiter, und ihm ist’s, als ob etwas Weiches auf seine kranke, einsame Seele gelegt würde, das ihr rasche Heilung bringt. .Und nun beginnt auch er zu reden, und seine Worte gleichen beinahe ganz den Worten Evas, Und er fühlt auf einmal, daß er!ine Schwester, ja mehr als eine Schwester besitzt, und er weiß nicht warum. — Er weiß mir. daß er wie ein unglückseliges, verwaistes, leidendes Kittel ist, und daß sie ihn unter ihre Eittiche ge־ noinmen hat. Und mg wird die Stube und die \\״nc scheinen unnütz. Als die Beiden hinaus an die frische I oft Beten, umfängt sie eine bezaubernde l’r.!11!׳■׳. Hand in Hand schreiten sie durch den Gauen über die Brücke. Und die Wogen der Moldau rauschen und stürmen und verbreitert iiuett wundervollen Zauber. Und sie gehen über den Königsweg bis z.mn Walde. Und die alten. be• laubten Bäume stehen vor ihnen und ziehen ־te fort, fort. Schweigsam ist der Wald, als sie ihn Fe• treten — und wie sie ihn verlassen, beginnen die Bäume zu flüstern. Verschlungen hat der Wald ihr Geheimnis, das so lieb war, tttul mm beginnt er, es weiter zu verbreiten. Und die Sonne lacht über ihren Weg, und der Sand auf dem Erdboden glitzert, und all das Grün ringsum leuchtet und strahlt. Eine halbe Stunde später kommt Rahh* Löw aus dem Bade zurück. Auf seinem Antlitz

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