Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 410. JUEP1SCHE RUNDSCHAU No. 3v a. folgcmlc 3200 Mk. I21W0 ״ 3’(Kl 3 520 woraus sich erklärt, üall der Prozentsatz. der Ostjaden aut den Kongressen bedeutend geringer ist als der der Westjuden. Schlimmer aber ist ein zweiter Feltler. Durch die geringfügige Belastung der besser situierten Zionisten für Zwecke der Gcsaintorgaiiisation wurde in ihnen das Bewußtsein der Wichtigkeit einer ausreichenden finanziellen Unterstützung der Leitung künstlich ertötet; denn jeder nimmt unwillkürlich die finanziellen Opfer als Mafistab für die Wichtigkeit einer Sache. Zn beweisen brauche ich das wohl nicht. Erst in der jüngsten Zeit, nachdem schon allzuviel versfinmt ist, beginnt sieh hier eine bessere Erkenntnis durchzusetzen. Das war die bisherige Methode der direkten Besteuerung. Merkmal: unpraktisch und unzweekniällig. Wir haben aber auch schon indirekte Steuern. Wir besteuern nlimlleh unsere Finanzinstitute trotz der Ocgucrsdiaft des Kongresses, weil es eben nicht anders geht, und wer es lesen will, der schlage die No. 27 der ״Welt" auf. Da figurieren im Budget des Aktionskomitees für das Dienst* Jahr I. Juli l'MO bis 30. Juni Ml u. Eiimahmcu: J. C. T. für Aufsiehtsrat. .1. N.-E. für Paliistiiiaamt .... J. N.-E. fiir Subvention Jüdisches Institut fiir technische Erziehung iu Palästina . J. N.-E. für Subvention Bezalol . . Es sind das gewill durchaus legale und he* rechtigle Angaben, denn das Paliistiiiaamt z. B. arbeitet fast ausschliclilich fiir den Nationalfonds, cs ist das aber eine Besteuerung der Einauzinsntme, die von der Not diktiert ist und die manchem nicht pullt, mir z. B. auch recht wenig gefällt, schon deswegen, weil sie künstlich ist und nicht ausreicht, den Ausfall der direkten Steuern zu decken. Das aber ist der augenblickliche Zustand der Dinge. Wir haben direkte und indirekte Steuern, beide tmzweekmällig. beide unzureichend, dem Aktionskomitee die dringend notwendige Bewcgungsfreilich zu verschaffen. Wenn ich nun zu den Reformvorschlägen über- «ehe, so stelle ich zun.'iclist als llauplgeslehtspimkt auf: Direkte Steuern als eiatbildeiule llanptciimalmicipiellc, indirekte Steuern zur Ausbalancierung des E.tats, zur Deckung des Defizits. Es sei mir gestattet, zunächst das minder wichtige Kapitel der indirekten Steuern zu erledigen. Hier kann cs sich nach der i.age der Sache im wesentlichen mir um eine Besteuerung der Finanzinstitute handeln. Die!•'rage ist nur ״Wie". Der Vorschlag der Leitung einer lOpro/.entigen Be- .Steuerung ist vom Kmigrelt mit Recht abgelehui worden: denn er ist unzureichend und winde unsere Institute unpopulär machen. Aber wir haben ja bercits einen anderen Vorschlag, der meiner Meinung nach der beste und brauchbarste von allen ist, die bisher in der Frage des l*’in;\nzprol>lem.s gemacht wurden, den Vorschlag von Uroncmann, nämlich, wenn ich kurz rekapitulieren daif, die organisierten Zionisten aiifzufordern, ihre N.-E.-Spenden mit dem Vorbehalt zu gehen, dall aus llmeii zuerst die Bediirfnisse der Organisation gedeckt werden sollen. Wie sollte dadurch der Sammeleifer auch nur im geringsten geschwächt werden? Die organisierten Zionisten wissen doch, was sie tun, sie wissen, dall die Idee zwar die Seele der Bewegung ist, die Organisation aber das Herz ist und die Mitte!, die man der Organisation zur Verfiiguug stellt, das Blut sind, das durch den Körper kreist. Bisher hat unser Körper wahrlich an Blut* leere gelitten, zu Zeiten stockte der Pulsschlag sogar sehr beängstigend und man muffte zu Katupferein- Spritzungen und anderen künstlichen Mitteln greifen, um das arme schwache Geschöpf am Leben zu er- Italien, Noelt heule mahnt ein Posten im Budget des A.-K. ..Rückvergütung an Herzls Erben 34(« Mk.־ daran, wer unter anderen sein Blut lassen ttmlite, um die Organisation am Leben zu erhalten, Es ist doch klar. War hei der geschwächten und unzureichenden Organisation der Sammeleifer schon so groll, so wird er hei einer starken Organ«* sution noch viel gröber werden, ich bin überzeugt« daif hier der praktische und verständige Vorschlag von Uröuemaim bald die Majorität gewinnen wird, wobei eben vor allem nicht vergessen werden darf, dall diese indirekten Steuern mir eine Nollnlle darstellen und ganz fortfallcn, wenn die direkten Steuern für den Etat attsreiehen. Pies fiiltrt zur Frage der direkten Steuern, Ich hin der Ansicht, dall wir eine Besteuerung der Institutioueu nicht nötig haben werden, wenn wir eine siititgcmälie direkte Besteuerung einfiihren. Hier herrscht das Prinzip der Scltekelsteiier auch nur scheinbar. Man zahlt (wenigstens in Deutschland) aulter seinem Schekel noch den Landesbeitrag von t Mk., den .Ortsgruppcnbcitrag von 10 Mk. und neuerdings auch noch den Organisationsbeitrag von 3 100 Mk. jährlich. Ich spreche nicht etwa gegen den letzteren, denn es ist ja das erste Mal. dalt sich der Gedanke der progressiven Besteuerung bei uns durchsetzt. Sollte aber jetzt noch eine direkte Be- Steuerung zu gimsien des A.-K. hinzukommen, dann wird dieser Weg ungangbar. Schott heute herrscht eine unangenehme Unübersichtlichkeit in unserer Eiiianzgchnrung. Wir haben in den Ortsgruppen heinahe soviele Beamte wie Sammelzweckc; ein schwerfälliger Apparat, der auch nur da annähernd fuuktiotikrt, wo wirklich genügend geeignete Kräfte vorhanden sind. Jeder nette Sammelzwcck wirkt lähmend auf die übrigen. Daher also nicht weiter In der Vielspaliigkcit. sondern zurück zur Einheit. Der Gesichtspunkt, der uns hier zu leiten hat. ist Klarheit und Einheitlichkeit des Einan/.systems. Mein Vorschlag ist in kurzen Worten folgender. Sehek e I. L ande s b e 11 r ag. Organisntinnsbeitrag fallen fort. Für Zwecke der Organisation wird nur von der Ortsg r 11 p p e c i ״ Beitrag er h o b c n ti n d zwar in 10־ rm einer progressiven Be- Steuerung der Mitglieder. Dieser Vorschlag, der manchem vielleicht etwas revolutionär oder phantastisch erscheinen wird, ist keine Entdcekutig von mir, sondern das Landesübliche, z, B. heim I lilfsvcrein der deutschen Juden im Gebrauch, leb will mm zeigen, wie sich mein Vorschlag in unser bisheriges Organisationssystem hineinbringeii lallt und dasselbe sogar vertieft und festigt. Mitglied der Ortsgruppe und somit der ziouistisehen Organisation überhaupt ist jeder, der desteus eilte Mark Jahresbeitrag (den :Schekel) zahlt damit gleichzeitig das Wahlrecht Er erwirbt Kongreil und Delegierten lag Wer mindestens 10 Mk. jährlich zahlt, erhalt die Zeitung und die sonstigen Vergünstigungen der 0m. gruppe. Ein wesentliches Ziel der Agitation js. natürlich, darauf hinzu wirken, dall möglichst vjC|c‘ Mitglieder höhere Jahresbeiträge zahlet׳!,;<! .־, (j,״ mit Leichtigkeit zu erreichen ist. hat die unseres Parteisekretärs im letzten Winter erwic$cn Die Ortsgruppe hat selbstverständlich m,״ den Einnahmen nur soviel zurüekzuhaUeu. als vtc wendig braucht, ־alles andere liefert s!,• Gruppcnverband ab, der (was neu ist) das der Ortsgruppen zu prüfen und zu genehmigt!! |'at Der Gruppcnverband wiederum lies'er; St,w Uehcrschiisse an die Landeszctttrale ah ui!; liegt der Kontrolle der Eaiidcsorganisatüm. 1!iC,c sciilielilich stellt die Verbindung mit dem A.-K.! V1. Die Vorteile dieser Organisation der i , .!n/cn liegen klar auf der Hand. Die Funktionäre d ׳ ()f!s. gruppen, geschickt miterstiit/t von Org,,;. holtereit Einheiten (Parteisekretär) sind die . gne• teil Werkzeuge zur Erreichung einer!.. holten Steuerertrages. Durch die Vcrotie:׳’■ .hUK״ der Leistungen der einzelnen Gruppen und V entsteht ein wohltuender Wetteiter der Org ״4»׳,, neu untereinander. Durch das Recht der ::gc;. bewiliigung erlangen die übergeordneten Org c;r, grolterc Bedeutung, und es werden die i, . t:c sonders in den Ortsgruppen nicht seltenen : oder unzweckmälfigen Ausgaben vermied.: D! ganze Einanzgebarung wird erheblich veri denn jedes Glied der Organisation hat nur;;!! überbezw. untergeordneten zu verkehren. .״!:! ־־ lieh werden auch die Einnahmen, wem! da •vst! erst einmal diircligefiilirt ist. regelmäßiger, .!•.c; und übersichtlicher. Sr! Helle sieh noch mehr über die Vurtc K die« Systems sagen. Indes, wer Verständnis >.:ga satorischc Fragen hat. dem wird das (je'.,g:e s niigen. Ich werde leider kaum aut dem Fr.n Delegiertentage sein können, der sich ja 1 י i.',! dieser Sache beschäftigen wird. Ich hotte kr. c sielt in der Organisation und speziell um : h u! obersehlcsiselten Freunden Leute finden waJen. diese Anregungen aufnehmen werden.! Dip',.-In«. Joseph Locvsy. t i 4' l I 4 . I AUS ALLCR WCLT " Deutschland Die Juden müssen so herumlauien ln einer Berliner demokratischen Verv.:!a:.i brachte kürzlich ein jüdischer Herr folgend׳■a ua würdigen Vorfall zur Sprache: Eines seiner Km ein etwa!!)jähriges Mädchen, besuchte eine!.;<!י den zu Berlin belegene Gciiicimleschulo. E> w-!r der Klassenlehrern! gezwungen worden, an christlichen Religionsunterricht leil/unelimu’. Vater der Schulet in vertut sich das. da «!.!, dem israelitischen Unterricht durchaus ge.׳..!׳ ״Religion" eingeimpft erhalte. Vor kurzem bcfai;l die Lehrerin der Kleinen, zu Hause einen An׳'« schreiben über folgendes Thein.i: ״Die ' •1 ׳ Christliche Knaben und Mädchen w erden g«. > 1 ßig da. Und ein leiser Seufzer entringt sich seinem Munde, wie einem Menschen, dem eine Arbeit bcvorslelit, die er als Imst und Greuel empfindet. Mil langsamen Schritten begibt er sich nun zum Bücherschränke. - Was willst Hu mm tun? Sein Antlitz ist ganz, bleich, seine Augen bcginnen zu fiebern. Tr glaubt, den Ton einer Silberglueke zu vernehmen. Und dann meint er wieder, daß ein Vogel, der da draußen auf dem Baume unter den Zweigen nistet, zwitschert. Und er beugt seinen Kopf tief in den Bücherschrank, und er flüstert kaum hörbar und stetternd die Worte: Lerne — Ich muß jetzt gehen und Urnen . . . Und er hebt den Blick und schaut nach dem Orte, von welchem die Stimme kommt. Und noch einmal erklingt dasselbe Läuten des Silberglöekleins. Docli jetzt hört man nur cutc Stimme ohne deutliche Worte. |:v״ hat laut aufgelacht. — Lernen — dies Wort scheint ihr so albern, daß es sic zu lautem Lachen reizt. Er ist noch so jung — und muß schon lernen. Er ist noch so blühend, stark und frisch — und muß schon lernen. F.r ist noch so schön, und lebensvoll — und muß sein eigen Wesen in• den Büchern ertöten. Und noch einmal erklingt ihre Stimme in hellem Gelächter. Und nun erfüllt sie ehrlicher Zorn gegen den Alten. Und sie nähert sich dem Jüngling wie einem Freund und alten Kameraden, mit dem sie alles, was ihr auf Jem 1 letv.cn Hegt, besprechen will,ohne mit einem Worte hinter dem Berge zu halten. Rasch legt sie ihre Hand auf die seine, welche in dom Moment das Buch ״Tiph'oreth JisraeU festhält. — Ach, Du dummer Golem! Sieh mich mal jetzt an . . .;schau einmal da hinaus. Wie blau, wie wunderbar blau ist der Himmel. Und diese blühenden Bäume! Und diese grünen und roten und weißen I,.!innen, diese linden Winde und herrlichen Düfte, diese prächtigen Stimmen - - und Du weißt von all dem nichts. Und der Wind streicht einem über das Gesicht, er weitet Und das Buch ״Tiph’ereths JUracl" omUeitd seinen 1 landen und fällt zur Lrde. F.r v• «sinkt iu süße Träume. Lin Zauber umfängt ih׳'• Und plötzlich fährt er mit seiner 1 la:■ י nbrr Augen und Stirn, als ob er eben nach «mcii» herrlichen Traume erwache. Rasch rafft « seit auf und nimmt das Buch wieder vor. Doch Lva sehmn ihn unverwandt .r . al> wollte sie ihn mit Gewalt festhalten. Ihre ■ äd.c sind fest auf ihn geheftet und jeder Funkt, d-a sie treffen, glüht wie unter ein Brennglas; * hnlteil. Unfähig, zu widerstehen, richtet er -,ine Augen auf sie und blickt sie an. Und sie spricht zu ihm ganz, leise, und ihre Stimme ist süß. Wie wunderbar ist ihre Rede. Wenn er diese Stimme vernimmt, erinnert er sich des heiseren Tones des Alten. Fs i>! Vlar, so wie sic spricht, kann nur der Mitml uito das Herz, die Seele wird größer und man sieht I Writo* sprechen. F.r hört nicht die Worte. er und hört und begreift auf einem aldas All. Und . den Rest, den Du noch nicht verstehst, kündet Dir das Gezwitscher der Vögel. Und Du Golem, willst Dich in Büchern vergraben? ln Staub und Moder? Ein leichter Schauer durchzuckt seinen Lctb, Ganz still, ohne daß die einzelnen Worte hörbar sind, kommt es über seine Uppen: Wie blau, wie wunderbar blau ist der Himmel! . . . hört nur eine Stimme. Doch redet sie nicht jetzt von dem Alten? Wie ilun scheint, sagt sie. «km | wenn ein alter, sonderlicher, verwilderter Mensch sich in den toten Buchstaben vergrabe, I dies wenigstens verständlich sei; denn dieser i Mensch hat nichts anderes auf der Welt zu hm. (Fortsetzung folgt.)