Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 415. No. 35. fallt ilic sich aus der Assimilation ins Judentum Re rettet haben, die kampffähig kc- 'worden sind rcrcii die Kultur ihrer Lehrmeister, fr drückt dem deutschen Zionismus seinen cliarak* lerisiischcn Stempel auf. Und dieser westliche Zionismus wird noch einmal eine grolle Aufgabe zu cffi1IUn haben, wenn in Rußland die Assimilation weiter fortgeschritten sein wird und wenn auch dort aus der Assimilation heraus unsere Brüder wieder den Weg zum Zionismus suchen werden.-— pem ncutschcn Delegiertentage wird folgende ^cs01״t ton vorliegcn: ״Her Relegierten tag ist der Ansicht, daß der 11,1 ׳ «male Charakter unserer Bewegung in der Awmtion unzweideutig betont werden müsse, insh > ■adere soll entscheidendes Gewicht auf den וו־זיו •ipicllcn Unterschied zwischen dem Zionis- 11!.'. der jüdischen Volksbewegung, und allen .1. ren jüdischen Organisationen gelegt werden.“ riebt uns Stoff zu neuer Begeisterung! So (ord.־.:׳u unsere Gesinnungsgenossen im Lande. V!d:. •üt werden wir doch noch einmal in Deutsch- Und ־ onisien erziehen können, die wissen, wo allein die ' urzel ihrer zionistischen Begeisterung ruht. Maarabl. Von der Deutschen Palästina-Bank l e ..B. Z. am Mittag" schreibt: Wie wir schon berichteten, soll in absclti .er Zeit eine K a p i t a 1 c r h ö h u n g auf ca.; Millionen Mark vorgennmnien werden. Die!..!ו liereingokommenen Mittel sollen in der li.uiptsaehe zur 1r wc i t c r u 11 g des Filial-!•etzes der Bank im Orient dienen. Hiernach scheinen die beteiligten deutschen K\ -c denn doch mehr Vertrauen zu Palästina •11 > Feld wirtschaftlicher Tätigkeit zu iuben als wir Juden. Dabei ist wohl zu be- .iciu.ii. daß Palästina für die Deutschen durchaus mc!1; die Bedeutung hat wie für uns. dall die Zahl der Deutelten kaum ein Fünfzigstel der jüdischen Bevölkerung im Lande ausmacht, und daß es auch in Jer Geschichte der «Jenesollen Hank- und Koionis.u>nstiitigkeit ja keinesfalls an Rückschlägen gefehlt hat. Wenn trotz alledem die Deutsche Palästina-Bank :1 so sJmeller Folge ihr Kapital zu derartiger Höhe uiccr!. '•» sollte cs für uns gleichzeitig ein Ansporn ״!:J mu Warnung sein. Hin Ansporn besonders in der Richtung, daß wir auf Grund der sehr ermutigendm lu'litrigen Wirksamkeit unserer Anglo Palcstine L<1׳n1!,1!;\ endlich energischere Schritte tun, um so- "׳׳l!l die (iefder des Trusts in höherem Malle in l’.il.i'an.i arbeiten zu lassen als auch um mehr Aktivst unserer Palästina-Bank abzusetzen und ihre Kapii.iiicn zu erhöhen, bevor uns andere allzu sehr zuvorgekommen sein werden. D. T. Russische Gäste Deutschland hat aus dem östlichen Nachbarliche Besucli erhalten. Der Zar und die Cholera sind über uns gekommen. Der Beherrscher aller Reußen — mit einem Ricscngcfolge an Spitzeln und Gendünnen - sperrt sieh selbst gegen die Bevölkerung genügend ab, von der er Grund hat anzunehincn, sic möchte nicht in allen ihren Kreisen seiner geheiligtere Person die rechte Khrfurcht entgegenbringen — und gegen die Cholera müssen wir uns selber schützen, so gut wir können. Daß der Zar russische Manieren auch bei uns cinfiihrt, haben wir leider bemerken müssen. Von Polizei und Spitzeln aller Gattungen wimmelt cs iir dem friedlichen ilcsscnlande nur so — alles, was nicht ganz sicher scheint, wird vom Morgen bis in die Nacht bewacht und bespioniert. Aber das versteht sich am Hilde bei einem Manne, der so viel Grund hat, den Haß des Volkes zu fürchten. Unerhört aber ist es, daß man harmlose Kurgäste, die in Nauheim, in Homburg usw. Heilung suchen, belästigt, daß deutsche Behörden sich dazu hergeben, solche Kurgäste, weil sie russische Juden sind, ohne jeden anderen Grund auszu•׳ weisen, daß Leuten, die in Hessen seit langem seßhaft sind und ihrem Berufe nachgehen, die ״Abreise I nahogelegt‘‘ wird. ' Das alles sind so unglaubliche Vorkommnisse,; daß wir eine liberale Presse nicht mehr verstehen, : die darüber chronikartig wie über ein sclbstvcrstündliches Ereignis berichtet, ohne ein Gefühl dafür zu haben, wie blamabel solche Dinge für die Fiktion des Reell tsstaa tes sind, in dem wir angeblich leben. Wenn der Besuch des Zaren aus Barbarenland genügt, harmlose Bürger oder Gäste grundlos zu verjagen, so existieren doch einfach alle die Garantien des Rechtsstaates, Freizügigkeit, persönliche Freiheit usw. nicht mehr. Ganz abgc׳־ sehen davon, daß diese Gewaltmaßregeln nebst all׳ der anderen widerlichen Bespitzelung und Absperrung eine schamlose Reverenz vor dem Ehrenmitgliede des e c h t r u s s i s c h c n Pogrom- Verbundes darstellen. Statt sieh darüber zu ent-׳ rüsten, bringen aber — zum Erstaunen der zivilisierten Menschheit! -- selbst Blätter vom Schlage des ״Berliner Tageblattes", die sonst alle Tage Gelegenheit nehmen, die abscheuliche Gewalt- Herrschaft des Zaren zu brandmarken, spaltcnlangc Prahtberiehte im ekelsten Hofreporterjargon. Und dieses Treiben wird in einem ״hoch■׳ politischen" Artikel, den das ״B. T." zur Begrüßung des gekrönten ״Gastes" am Mitwoch morgens bringt, noch gerechtfertigt! Gewiß seien wir ja alle einig in der Beurteilung der Verhältnisse in Rußland, aber die russische Presse soll doch keinen Anlaß zur I) 0 u ts c hen h c tzc haben (als ob sic den brauchte!), und dann die wirtschaftlichen Be- Ziehungen.und persönlich ist eigentlich gegen den Zaren nichts zu sagen, als daß er ein Schwachköpf ist, und warum soll er nicht in Deutschland gesunden — also willkommen Väterchen: ״Boschc Zara chranic!" —-— — Uns ist die Person des Zaren an sich gleichgültig. Es wird in seinem Lande nicht anders werden, aucli wenn ihn das verdiente Schicksal da oder dort ereilen sollte. Zu einer solchen grundlegenden Aenderung im russischen Ricscnrcichc gehören eiserne M ä n n e r, die dieses Land eben noch nicht hervorgebracht hat, das reicher ist an Fanatikern, Enthusiasten und Schwätzern, denn an Männern wahrhaft patriotischen Wollcns und Könnens. Aber wenn dieses Mannes wegen, der ja nicht einmal als offizieller Vertreter seines Landes offen und frei zu kommen wagt, sondern der zu seiner Erholung ein bißchen über die Orenze huscht, auch nur e i n harmloser Mensch unnütz behelligt wird, dann müßte doeli alles, was nicht vom Servilismus sein Leben fristet, in Empörung aufschrcicn! Soll dieser Jammermonarch uns doch vom Leibe bleiben, wenn er arglose Menschen nicht in seiner Nähe verträgt — soll er doch unter seiner korrupten, vcrsoucncn Vetterschuft zu Hause bleiben!- Bewahre: im liberalen Biätterwaidu säuselt cs linde und angenehm. Und morgen werden wir lesen, was Seine Kaiserliche Hoheit, der kleine russische Thronfolger, zum Frühstück zu speisen geruht haben. Wir aber wünschen — bei den so unerfreulichen Folgen, die dieser Besuch für uns hat -, daß unsere russischen Gaste, der Zar und die Cholera, so heimlieh und still, wie sie über die Grenze kamen, recht bald auch wieder verschwinden. ib. Zum XII. Detegiertentag Wir stellen diese Rubrik zur Diskussion über Fragen des XII. Delcgicrtcntages zur Verfügung, bitten alle Einsender jedoch, ihre Vorschläge möglichst kurz und präzis zu fassen. Zum Finanzproblem Indem ich mir erlaube, in die Diskussion über diesen Punkt cinzugrcifcn, steile ich zunächst mit Befriedigung fest, daß sich das Interesse fiir die Frage der Finanzreform in den letzten Jahren außerordentlich gehoben hat, so daß man hoffen kann, dall wir in Kürze zu einer befriedigenden Lösung gelangen werden. Zur Sache selbst handelt cs sich für uns darum, jährlich eine Summe von ca. 200(XX) Mark für organisatorische Zwecke aufzubringen. Als die Organisution geschaffen wurde, machte man sieh eine leichte Rechnung. Man erfand den Schekel, die Kopfsteuer von l Mk. pro Mitglied der Partei und rechnete einfach WO 000 Mitglieder mal I Mk. gleich 100(HK) Mk., ein schönes System, das auf dem Papier und im Jubel des ersten Kongresses wundervoll aussah, in der Praxis aber, wie wir ja wissen, völlig versagte und nebenbei auch noch eine Anzahl Schönheitsfehler enthält, von denen ich nur einige anführen will. Von ihren Anhängern wird die Schckclvcrfassung vor allem deshalb gehalten, weil sie demokratisch ist, und wir brauchen, sagen sie, eine demokratische Verfassung wegen der jüdischen Individualität und anderer schönen Dinge. Alles das zugegeben, ist die Schckclvcrfassung trotz ihres schönen Aussehens gar nicht demokratisch, sondern durchaus plutokratisch, da sie das Wahlrecht an eine bestimmte Steuer- Icislung knüpft, die den armen russischen und galiziselten Juden unbedingt ein höheres finanzielles Opfer Ist als den besser situierten Westjuden, ülk־ ihre Sinne und Gedanken sind ohnmächtig und ersijckt in ihrer Brust. Jetzt drückt sie mit voll r Gewalt ihre Uppen auf die Lippen des JntijdinHs. Und sic weiß nicht, was sie tut. Ach, er nur aufständc und auf einmal auflebte. Lin! nun erfaßt sie eine Ungeduld und hastig sprm:;t sie vom Boden auf. Und empört stampft f'1* mit heftiger Gewalt auf den Boden: Ach kvbt il Leben! Leben! 1 »och es währt nicht lange, bis sie sich wietkr b ruhigt hat und nun fällt ihr ein, was man *:1 (I .׳ letzten Tagen von dem Allen erzählte, 1'änili'i), daß er einen Golem, einen Menschen aus l.. |1m gebildet habe. Und sie erinnerte sich Weiler, daß man sagte, daß der Alte diesen Go* leni Meben und ihm wieder die Seele nehmen fönisie, wie es ihm gerade passe. Und nun er- ׳nnerii• sie sich auch der Hauptsache: der Alte hai ojnen ״Sem h’amphoras“. Doch wer besitzt Geduld und Verständnis genug für alle Dumml'viHii des Alten? Und mißmutig und ungedul* tlig stampft sie mit dem Fuße auf den Boden: 0 leben! Leben 1 Leben! Doch der Golem rührt sich nicht vom Flecke. Sie umarmt und küßt ihn, sie redet zu ihm voller fieberhaft brennenden Verlangens: (Ich liebe Dich! Ich liebe Dich! Ach, mein Gott, wie! ich Dich liebe! Und Wunder geschahen, und cs war ihr vergönnt, sie zu schauen. Es schien ihr, daß sein Antlitz sich ein wenig zu röten begann. Und sie stand da und blickte ihn an mit verbaltenem Atem. Jetzt glaubte sic, daß seine Lippen ein wenig zitterten und seine Nasenflügel sich zu bewegen begannen. — ״Ich liebe Dich! Ich liebe Dich! Ach, mein Gott, wie ich Dich liebe!“ Und das große Wunder geschah. Der Sem h'amphoras übertrug auf eine merkwürdige Weise seine Kraft auf das junge Mädchen und dieses übertrug sie auf seine Rede und die Rede ergriff das tote Ding — und cs begann sich zu bewegen und öffnete schließlich die Augen. Und Eva stand da, ohne sich zu wundem — als wäre dies Alles ganz natürlich, und als hätte sie es keinen Augenblick anders erwartet. Und der Golem rieb sich einige Minuten die Augen und zuletzt öffnete er sic weit. Das erste, das ihm in den Weg kam, war ein voller, breiter Lichtstrahl; er mußte die flache rechte Hand über den Augenrücken halten und sie wie einen Schirm wölben, daß das Licht ihn nicht schmerze. Und das zweite, das seinen Blicken auffiel, war Eva, und noch einmal mußte er die Hand vor die Augen halten. Denn wie Blind*! heit kam es über ihn. Plötzlich färbte sich sein Antlitz ganz rot, er nahm seinen Seidenmantel, hüllte sich darin ein, und seine Augen blickten zur Seite. Und tausend Gedanken beginnen auf einmal seine Brust hin und her zu durchwogen, wie ein mächtiger Strom Wassers. Herr der Welt, wo befindet er sich jetzt Und eine alte, fast vergessene Gedankenwelt steigt wieder vor ihm auf. Seltsame Namen und Begriffe: Gott, Seele, Himmel, Heilige Bücher, Kasteiungen, Gottesdienst, Rabbi Lüw, die jenseitige Welt, das Paradies . . . Wie wohl war ihm noch einen Augenblick zuvor, als er noch nicht lebte, und alle diese Begriffe für ihn nicht existierten und diese ganze Welt noch nicht bestand. Und er erinnerte sich, daß das letzte Ding, daß er gestern nachts, bevor ihm die Seele benommen ward und seine Augen sich schlossen, ein Buch gewesen, dessen Titel ״Gor vajeh“ lautete. Wie »m Nebel, der alles bedeckt, erscheint ihm die Umwelt. Schwer ist ihm ums Herz, und der Kopf ist, wie mit Blei gefüllt. Und ferner erinnert ear sich, daß er zusammen mit dem Maharal außer aus dem ״Gor vajeh“ noch aus dem ״Zohar4‘ gelernt habe. Und nun durchblitzt ein Gedanke sein Gehirn: Schon vor einigen Minuten hat er die Augen geöffnet, aber noch steht er